29.06.2006

Philippe Grimbert: Ein Geheimnis *****

Philippe Grimberts Roman »Ein Geheimnis« stand in Frankreich nach seinem Erscheinen 2004 sehr schnell in den Bestsellerlisten. 2005 erschien der Roman dann schon übersetzt auch in Deutschland. Es handelt sich um einen autobiographischen Roman, in dem Grimbert die Leser mit in seine Familiengeschichte und Vergangenheit nimmt. Er bringt ein Geheimnis ans Tageslicht, daß seine eigene Familie und Kindheit überschattet und zutiefst geprägt hat. Erst mit 15 Jahren erfährt er von einer Freundin der Familie, daß seine Familie jüdisch ist und er einen älteren Bruder hatte, der aber von den Nazis umgebracht wurde. Man konnte ja inzwischen schon einiges lesen zu den Folgen der Nazizeit nicht nur für die überlebenden direkten Opfer sondern auch für die zweite, ja manchmal sogar dritte Generation. Grimbert erzählt auf nur 150 Seiten von seiner Kindheit und dem Familiengeheimnis und die schrecklichen Auswirkungen auch auf die Eltern, die mit diesem Geheimnis lebten. Beim Lesen ging mir immer wieder der Gedanke durch den Kopf, wie viele Menschen und Familien noch lange lange - manche sogar heute noch - mit den Folgen der damaligen Geschehnisse nicht nur fertig werden sondern auch leben mußten und müssen. Wie wäre das Leben für Philippe Grimberts Eltern und ihn wohl ohne dieses Trauma und Geheimnis verlaufen? Philippe Grimbert ist ja nicht nur Schriftsteller sondern auch Psychoanalytiker und so ist ihm klar, was über Jahre und Jahrzehnte gehütete »Familiengeheimnisse« anrichten können. Letztlich wird aber auch klar, daß es ihm schlicht ein menschliches Bedürfnis war, seinen verlorenen Bruder aus dem Verschwiegen-werden herauszuholen und ihm, der kein Grab gefunden hat, ein literarisches Gedenken zu bewahren. Das ist ihm unaufdringlich und erschütternd gelungen. Wer den Roman gelesen hat, wird nachvollziehen können, warum Philippe Grimbert für »Ein Geheimnis« mit dem wichtigsten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt des Lycéens", ausgezeichnet worden ist.


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