01.05.2006

Charles Lewinsky: Melnitz ****

Buch-CoverCharles Lewinsky ist in der Schweiz wohl recht bekannt, ich habe bis vor diesem Roman nicht von ihm gehört - jedenfalls nicht, daß es mir bewußt wäre - und natürlich auch noch nichts von ihm gelesen, bin also gänzlich »unvorbelastet« an seinen knapp 800seitigen Roman herangegangen. Erzählt wird die Geschichte einer Schweizer Familie jüdischen Glaubens. Zeitlich setzt der Roman 1871 ein und endet 1945. Zwischen diesen beiden zeitlichen Eckpunkten durchlebt und erleidet die Familie Meijer Höhepunkte und Tiefstpunkte in ihrem Familienleben, verliert Familienmitglieder (teils auch durch Konvertierung zum Christentum) und gewinnt neue hinzu. Eigentlich wollen alle nur eins, ihr Leben leben dürfen und einfach ganz normale Schweizer sein, dazuzugehören. Doch immer wieder werden sie auf ihr Jüdischsein reduziert und was immer sie auch versuchen, um das vergessen zu machen, es gelingt nicht. Die Figuren, die Charles Lewinsky hier zum Leben erweckt hat, sind ganz normale durchschnittliche Menschen, keine strahlenden Helden, und gerade das läßt sie einem im Laufe der Geschichte lebhaft ans Herz wachsen. Hier und da fühlte ich mich an die großen Romane von Meir Shalev erinnert, der ja ähnliche jüdische Familienchroniken erzählt hat. Interessant fand ich die Figur des Onkel Melnitz, sozusagen die Stimme aus dem Off, denn Onkel Melnitz ist längst tot, meldet sich aber an bestimmten Punkten immer mal wieder bei dem ein oder anderen Familienmitglied zu Wort und fungiert als warnende Stimme, die unerbittlich klar macht, daß sich die Hatz auf die Juden immer wiederholt und es kein Entkommen gibt, egal was man auch anstellt. Über die Figur des Onkel Melnitz bringt Charles Lewinsky immer wieder alles auf den Punkt, entlarvt, warnt. Man kann sich fragen, ob das wirklich nötig ist, aber ich fürchte, man kann die Wahrheiten, die Onkel Melnitz von sich gibt, gar nicht laut genug oder deutlich genug formulieren.
Einziger schwacher Punkt des Romans für mich ist daß es Partien gibt, die etwas langatmig sind und ein gewisses Durchhaltevermögen verlangen - aber letztlich macht die Gesamtgeschichte diese Schwäche wieder wett.


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