25.08.2005

János Székely: Verlockung - 5 *****

Ein wahrhaft bemerkenswerter Roman ist "Verlockung" von János Székely, den dieser bereits zwischen 1935 und 1945 schrieb (erstmals erschienen 1946, 1959 dt.) und der nun "wiederentdeckt" wird, nachdem sich die Aufmerksamkeit vermehrt den ungarischen Autoren zugewandt hat. Und es ist gut so, daß dieser Roman dem Vergessen entrissen worden und neu aufgelegt worden ist. Erzählt wird die Geschichte von Béla einem armen Bauernjungen, der eine entbehrungsreiche Kindheit und Jugend verlebt, schließlich nach Budapest kommt und dort beginnt in einem Hotel zu arbeiten. In der Stadt wird er zunehmend mit Politik konfrontiert und versucht sich über seine eigene politische Haltung und Meinung klar zu werden. Gleichzeitig träumt er von einem besseren Leben, am besten in Amerika. Dort will er hin, nachdem ihm erzählt worden ist, daß man dort vom Tellerwäscher zum Millionär werden kann. Székely ist ein großartiger Erzähler, der erst die ungarisch-dörfliche Idylle, die für Béla keine ist, vor den Augen des Lesers lebendig werden läßt und dann die der großen Stadt Budapest und da vor allem die von Uj-Pest, eine Art Slum für die Ärmsten der Armen, die versuchen sich in der Stadt durchzuschlagen. Zeitlich ist der Roman zur Zeit der Wirtschaftskrise der 20er Jahre, kurz nach dem Ende der ungarischen Belle Epoque angesetzt. Manches was Székely vom Leben dieser einfachen Proletarier erzählt, hatte erschreckende Anklänge an manche Zustände heute, z.B. wenn erzählt wird, daß alle über 40jährigen in der Wohnsiedlung arbeitslos sind und auch keine Aussicht mehr auf eine Arbeit haben. Interessant auch die unterschiedlichen Reaktionen der Menschen auf ihr Elend und die Schicksalsschläge, die über sie hereinbrechen. Székely nutzt diesen Kleinstkosmos der Siedlung, um eine breite Palette an Charakteren, Reaktionen, Verhaltensweisen zu beschreiben und dies über einen langen Zeitraum, indem sich manche Menschen dann auch entsprechend verändern samt ihren Reaktionen und Verhaltensweisen. Dieser Roman ist getragen von einer großen Lebensweisheit und Székely erweist sich als scharfer aber liebevoller Beobachter, was natürlich auch damit zu tun hat, daß dieser Roman autobiographisch inspiriert ist. Immer wieder finden sich Sätze, wie z.B. der folgende: "Die Wohnung war tot, in jeden Winkel hatte die Sorge ihr graues Gewebe gesponnen, und unsere Tage hingen in diesem Netz wie tote Fliegen.", die mich begeistert haben. Aber er hat sich nicht dazu verleiten lassen nur in diesem Stil zu schreiben. Man merkt dem Roman an, daß Székely ein Drehbuchautor war, denn dieser Roman läuft wie ein Film ab und entwickelt eine Eigendynamik und Spannung, die erstaunlich sind. Große Literatur!

Ruth meinte dazu am 12.06.2010:

Ein großartiger Roman.Man ist so gepackt vom Schicksal dieses Jungen, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann.



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