07.12.2011

Jón Kalman Stefánsson: Himmel und Hölle *****

Buch-CoverNachdem ich kürzlich den jüngsten Roman des isländischen Schriftstellers Jón Kalman Stefánsson, »Der Schmerz der Engel« gelesen habe und dabei feststellte, dass mir einer seiner Romane, der die Vorgeschichte zu diesem Roman erzählt, entgangen war, habe ich nun auch diesen gelesen.

Jón Kalman Stefánsson versteht es wahrlich von Himmel und Hölle zu erzählen und von allem anderen, den elementaren Dingen des Lebens, die sich dazwischen zutragen.

In »Himmel und Hölle« ist es die Geschichte zweier Jungen, die zusammen ihr Geld beim winterlichen Kabeljaufang vor Islands Küste verdienen und dabei jedes Mal ihr Leben risikieren und in die Waagschale werfen. Einer von ihnen, Bár∂ur, liebt die Bücher und hat in einem Ort den erblindeten ehemaligen Kapitän Kolbeinn kennengelernt, der über eine große eigene Bibliothek verfügt, damals eine Rarität. Nicht nur das, er darf dort Bücher ausleihen. Seinen namenlosen Freund nimmt mit dort hin und leiht eines Tages Miltons »Das verlorene Paradies« aus, dieses große epische Gedicht, das ein anderer Isländer mühevoll in seine Sprache übersetzt hat. Bár∂ur ist hingerissen von dem, was er da liest und kann sich kaum davon losreißen und es gelingt ihm auch seinen Freund zu faszinieren. Noch kurz vor einem neuen Fischfang, prägt sich Bár∂ur einen weiteren Satz, der ihm gefällt, ein und vergisst dabei, seinen Anorak unter dass Ölzeug zu ziehen. Es ist ein Satz wie ein Menetekel »«Nichts ohne dich ist süß."

Bár∂ur Versäumnis rächt sich bitter, denn ein Eissturm kommt auf und Bardur ist diesem Eissturm zu lange und zu leicht bekleidet ausgesetzt. Alle Versuche seines Freundes, ihn zu retten, nutzen nichts. Als die Fischer schließlich mit ihrem Boot zurückkehren, ist Bardur tot. Das Buch, das er geliebt hat, hat ihn mit einem Satz getötet, so sieht es jedenfalls sein namenloser junger Freund, der am Boden zerstört ist. Er beschließt, zu Kapitän Kolbeinn zurückzukehren, das geliehene Buch im Namen seines Freundes Bardur zurückzugeben und die Nachricht seines Todes zu überbringen. Danach will er eigentlich nur noch selber sterben, denn ohne seinen Freund, scheint ihm das Leben sinnlos geworden zu sein. Doch im Ort begegnet er auch Geirpruthur, die schon den blinden Kolbeinn aufgenommen hat, und sie und viele andere im Ort helfen mit ihren eigenen Geschichten auch dem Jungen, seine Trauer zu und schließlich auch wieder loszulassen und sich neu auf das Leben zwischen Himmel und Hölle einzulassen.

Ich habe schon mehrfach erwähnt, dass ich Stefánsson wirklich für einen der bedeutendsten lebenden isländischen Schriftsteller halte und auch dieser Roman ist ein leuchtendes Beispiel für seine Erzählkunst. Präzise und verdichtet, kann er ganze Schicksale, die grandiose isländische Natur und den Überlebenskampf des Menschen, Schuld und Sühne, Hass und Liebe - eben alles, zwischen Himmel und Hölle in Worte fassen. Wer das, was Stefánsson schreibt für Trivialliteratur, Allgemeinplätze und Binsenwahrheiten hält, der hat weder das Leben noch die Menschen verstanden.

Am Ende möchte ich auch den Übersetzer der Romane von Stefánsson einmal erwähnen. Karl-Ludwig Wetzig versteht es wunderbar, diese poetischen Romane ins Deutsche zu übertragen und für uns Leser hier zugänglich zu machen.


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