13.11.2011

Jón Kalman Stefánsson: Der Schmerz der Engel *****

Buch-CoverEndlich wieder ein neuer Roman des wunderbaren und sehr poetisch erzählenden isländischen Schriftstellers Jón Kalman Stefánsson. Leider habe ich zu spät mitbekommen, dass »Der Schmerz der Engel« eigentlich der Mittelteil einer Trilogie ist. Der erste Band trägt den Titel »Himmel und Hölle« und erzählt die Vorgeschichte zu »Der Schmerz der Engel«. Allerdings kann man »Der Schmerz der Engel« problemlos auch als einzelnen Band lesen. Ich werde auf jeden Fall schnellstmöglich auch noch den ersten Band der Trilogie lesen.

Held des Romans ist »der Junge«, den sein Schicksal allein und verwaist Ende des 19. Jahrhunderts in den Ort Vík (bezeichnet wohl das heutige Städtchen Bolungarvík) verschlägt, damals ein wichtiger Handelsposten für die Fischindustrie der Westfjorde. Dort nehmen ihn vor allem zwei Frauen unter ihre Fittiche und planen, ihm eine höhere Bildung angedeihen zu lassen. Doch vorher schicken sie den Jungen als Begleiter mit dem Postboten auf eine Art Himmelfahrtskommando zum absolut abseits gelegenen Handelsposten Sléttueyri. D.h. eigentlich schickt Sigurdur, einer der mächtigsten Männer am Ort, den Postboten mitten im Winter auf diese Tour und die Frauen geben dem Postboten den Jungen mit, weil sie wissen, dass der Postbote, ein fast unverwüstlicher verwegener Riese, sich furchtbar vor dem Meer fürchtet und das muss auf dem Weg zum Zielort zweimal überquert werden.

Der größte Teil des Romans schildert dann die Reise dieser beiden durch eine unwirtliche, man kann sagen menschenfeindliche, rauhe Landschaft, die zudem von Winterstürmen gepeitscht wird, die mit Unmengen von Schnee, alles überdecken so dass nur ein weißes Gleißen bleibt. Der Schnee liegt so hoch, dass man über eingeschneite Hütten, Bauernhöfe und Schafherden hinweglaufen kann, ohne es zu merken. Der Schnee wird vom Wind so verweht, dass man den Weg nicht mehr sieht und sich eigentlich nur verlaufen kann. Verlaufen bedeutet in einer solchen Gegend und Wetterlage aber fast unausweichlich den Tod.

Der Weg wird zu einem nackten Kampf um das Überleben und schildert auch die bitteren Lebensumstände der Menschen, die entlang dieses Weges fernab der Zivilisation, jeden Tag auf's neue diesen Kampf kämpfen müssen. Die Armut ist unglaublich ebenso aber auch die Träume, die Liebe und Gastfreundschaft.

Natürlich schweißen der Weg und der Kampf ums nackte Überleben den Postboten und den Jungen auch zusammen. Sie begreifen schnell, dass sie aufeinander angewiesen sind und retten sich gegenseitig mehrfach das Leben. Ein Schlüsselabsatz ist wohl der, in dem erklärt wird, dass Poesie tödlich sein kann, der Mensch aber ohne Träume verkümmert und erst recht ohne den Austausch über das Wort.

Der Junge ist ein Liebhaber der Worte und er hat auch das Bedürfnis zu sprechen, sich auszutauschen. Der Postbote hingegen ist ein Schweiger und auch auf der Reise spricht er meist nicht mehr als unbedingt nötig und beklagt sich bitter über den Jungen, der immer wieder versucht, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Aber ohne Worte geht es nicht, ohne Worte gibt es kein Überleben.

Jón Kalman Stefánsson versteht es, mit wenigen aber perfekt gesetzten Worten, die Leser mit hineinzunehmen in die schroffe Landschaft, den lebensfeindlichen Winter, die heulenden Stürme, die über die Fjells ziehen. Während man den Roman liest, stellt sich ein Gefühl ein, als wäre man selbst plötzlich abgeschnitten von allem Äußeren und ganz hineingezogen in diese Geschichte, die so viele existentielle Fragen aufwirft.

Es finden sich so viele wunderbare Sätze in diesem Roman, dass man immer wieder innehält und ihnen nachsinnt. Irgendwann scheinen für einen selbst Zeit und Raum aufgehoben, man ahnt etwas von der Einsamkeit des Menschen, der sich durch eine solche Landschaft, durch ein solches Leben kämpft. Was ist es, dass uns in solchen existentiellen Kämpfen weiterträgt, dass uns nicht aufgeben lässt und auch noch den Schritt tun lässt, den wir eigentlich gar nicht mehr tun können? Was ist das Leben, was der Tod und wie beeinflussen die Antworten auf diese Fragen, wie wir leben?

Jón Kalman Stefánsson ist meiner Meinung nach mit Sicherheit einer der besten lebenden isländischen Literaten.


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