01.11.2011

Alex Capus: Léon und Louise *****

Buch-CoverEs ist der 16. April 1986 als sich in der Kathedrale von Notre-Dame die Familie Le Gall versammelt, um der Totenmesse für den Familienpatriarch Léon Le Gall beizuwohnen. So erzählt es sein Enkel, der im Folgenden die Lebensgeschichte des Großvaters und damit auch die Geschichte der Familie in den zurückliegenden 86 Jahren vor den Lesern ausbreitet.

1918 als Léon zarte siebzehn Jahre alt ist, lernt er die gleichaltrige Louise Janvier kennen, die seine große Liebe und doch nicht seine angeheiratete Frau werden wird. Doch so oft die Unbill des Lebens die beiden trennt, so oft führen die verschlungenen Lebenspfade sie auch wieder zueinander. Als dies zum ersten Mal geschieht, ist Léon aber bereits mit Yvonne verheiratet, hatte er doch gedacht, Louise sei im Krieg umgekommen. Sich von Yvonne zu trennen ist für Léon undenkbar und Louise selbst verlangt das auch nicht von ihm. Obwohl sie über Jahre beide in Paris leben, vermeiden sie den Kontakt zueinander. Nur hier und da kommt es zu zufälligen flüchtigen Begegnungen. Leon, der seiner Frau von Louise, seiner ersten großen und - wie er zu dem Zeitpunkt noch denkt - verlorenen Liebe, erzählt hat, wird vierfacher Vater, geht seinem Beruf nach und sorgt vorbildlich für seine Familie.

Dann kommt der zweite Weltkrieg und irgendwann stehen die Deutschen vor Paris. Louise, die als Buchhalterin für die Banque de France arbeitet, wird mit dem in der Bank eingelagerten Gold in letzter Sekunde per Bahn und dann Schiff fortgeschickt, um das Gold dem Zugriff der Deutschen zu entziehen. Während Louise in Frankreich auf das Ende des Krieges und die Befreiung Frankreichs wartet, um dann nach Paris zurückkehren zu können, bleibt Léon mit seiner Familie in Paris und schlägt sich so gut es geht durch die schwierigen Umstände. Der Kontakt zwischen Louise und Léon wird durch gelegentliche Briefe aufrechterhalten, d.h. nur Louises Briefe, in denen sie von ihrem Leben in Afrika berichtet, erreichen Léon, sie aber erhält keine Briefe von ihm - wobei offen bleibt, ob die Briefe auf dem Postweg verloren gegangen sind oder ob Léon auf ihre Briefe nicht geantwortet hat.

Als Louise endlich nach Paris heimkehrt führt sie ihr Weg so schnell es geht zu Léons Wohnung, die sie zuvor nie betreten hat. Dort trifft sie nur auf Yvonne, die ihr nach gemeinsamem Kaffeetrinken und Kuchenessen den Weg zu Léon weist, der sich in seiner Freizeit auf einem Boot aufhält. Mit dem Wissen von Yvonne leben Léon und Louise ihre Liebe zueinander auf dem Boot aus, wobei Léon aber seinen Pflichten als Familienvater gewissenhaft weiter nachkommt und immer wieder in den Schoß der Familie zurückkehrt. Erst als die Kinder aus dem Haus sind, Yvonne schließlich verstirbt und das Trauerjahr vorüber ist, starten die inzwischen 62jährigen Liebenden in ein wirklich zweisames Leben.

Mit »Léon und Louise« hat Alex Capus einen wirklich wunderbar erzählten Roman veröffentlicht. Die Romanfiguren wachsen einem im Handumdrehen ans Herz und sind großartige Charaktere. Die Liebesgeschichte wirkt an keiner Stelle schwülstig oder künstlich und ist angenehm zu lesen. Eigentlich ist es ja eine Dreiecksgeschichte aber sie ist auf eine Art und Weise entwickelt und erzählt, dass deutlich wird, dass es keiner der drei Beteiligten absichtlich darauf angelegt hätte, sondern die Lebensumstände und Wirren der Zeit führen dorthin. Keiner macht dem anderen tiefgreifende Vorwürfe und alle Figuren bringen einander den höchsten Respekt entgegen, und gerade das ermöglicht es ihnen, dieses Konstellation zu leben, ohne das einer von ihnen dabei auf der Strecke bleibt.

Beim Lesen von Alex Capus Roman fühlte ich mich, was die Erzählweise oder den Erzählton angeht, hier und da ein wenig an die Familienromane des französischen Schriftstellers Jean Rouaud und die Romane der französischen Schriftstellerin Sylvie Germain erinnert. »Léon und Louise« ist von den Romanen, die ich bisher von Alex Capus gelesen habe, der beste. Dicke Lese-Empfehlung!


Dein Kommentar:

(alle Felder müssen ausgefüllt sein, sonst wird der Kommentar nicht angenommen!)

weiter