28.10.2011

Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts ***

Buch-CoverAls ich Eugen Ruges Debütroman »In Zeiten des abnehmenden Lichts« in meiner Bibliothek zur Ausleihe vorbestellte, geschah das aufgrund einer kleinen Leseprobe. Bis ich das Buch tatsächlich in Händen hielt, war der Roman gerade mit dem Deutschen Buchpreis 2011 ausgezeichnet worden. Entsprechend war meine Spannung gestiegen.

Erzählerisch gekonnt und geschickt breitet Ruge die Geschichte der Familie Umnitzer über vier Generationen aus. Alles beginnt mit Wilhelm und seiner Frau Charlotte die schon vor dem Zweiten Weltkrieg zur kommunistischen Bewegung in Deutschland gehören. Als die Nazis an die Macht kommen, fliehen sie mit ihren beiden Söhnen nach Russland. Als die Söhne den Hitler-Stalin-Pakt kritisieren, landen sie in Lagerhaft wo einer umkommt und der andere, Kurt, erst nach schweren langen Jahren wieder entlassen wird und schließlich mit seiner russischen Frau nach Deutschland, bzw. die DDR heimkehrt.

Wilhelm samt Charlotte sind über Mexiko ebenfalls nach Deutschland zurückgekommen, wobei es Vermutungen und Gerüchte gibt, dass Wilhelm irgendwie in Agententätigkeiten verwickelt ist. Sowohl Wilhelm als auch Charlotte steigen aufgrund ihrer Anpassungsfähigkeit an die jeweils herrschende Parteilinie innerhalb des Parteiapparats auf und können schließlich im Alter gut versorgt und Wilhelm regelmäßig mit neuen Orden ausgezeichnet auf ihr Leben zurückblicken. Kurt, der überlebende Sohn findet ebenfalls sein Auskommen als Wissenschaftler - ausgerechnet als Historiker.

Der Höhepunkt des Romans ist auf den 1.Oktober 1989 (dem 90. Geburtstag von Wilhelm) datiert. Die Ereignisse dieses Tages werden mehrfach aus der Sicht verschiedener Familienmitglieder erzählt. Alexander, Kurts Sohn und Wilhelms Enkel, ist ausgerechnet kurz vor diesem Geburtstag in den Westen geflohen, was dem Großvater aber verschwiegen wird, wobei Wilhelm schon mit geistiger Umnachtung zu kämpfen hat und fraglich ist, ob er überhaupt noch tatsächlich verstanden hätte, was passiert ist.

Alexanders Sohn Markus wiederum fällt der Westen nach der Wende quasi in den Schoß und er zeigt keinerlei politisches Interesse, geschweige denn Engagement, mehr. Kritik an den politischen Verhältnissen der DDR kommt wenn überhaupt nach der Wende in der Familie nur sehr leise auf.

Eugen Ruge hat verschiedentlich klar gemacht, dass es ihm nicht um eine Abrechnung, sondern um eine Art Versöhnung mit der Großväter bzw. Vätergeneration geht. So hält er sich im Roman mit klar und deutlich formulierter Kritik auch zurück, schafft es aber durch die Schilderung durchaus die Problematik zu verdeutlichen und die geistige Anpassung und Stumpfheit, die sich bis in die Führungskader ausgebreitet hat, abzubilden. Je weiter der Verfall der DDR voranschreitet, je fremder werden sich auch die einzelnen Familienmitglieder, wenn sie denn jemals über etwas wie echte emotionale Verbundenheit verfügt haben. Es sind nur noch die wiederkehrenden Rituale und äußeren Formen, die so etwas wie ein Konstrukt von Familienleben aufrechterhalten.

Mir persönlich sind die vielen auftauchenden Romanfiguren insgesamt zu oberflächlich gezeichnet, als dass sie wirklich Format gewinnen könnten. Sie sind auch mir als Leserin fremd, ja größtenteils geradezu unsympathisch geblieben. Am ehesten konnte ich noch der Figur des Kurt und der russischen Großmutter etwas abgewinnen.

In einigen der Besprechungen bzw. Reaktionen auf die Verleihung des Deutschen Buchpreises für den Roman wurden Parallelen zu Uwe Tellkamps »Der Turm« oder gar Thomas Manns »Buddenbrooks« gezogen, was ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen kann. Uwe Tellkamps Roman war wessentlich erfolgreicher in der Darstellung der komplexen Gesellschaft und der Entwicklungen in der DDR und der Verfall der Familie in Ruges Roman kann wirklich nicht mit dem Verfall der Familie Buddenbrook verglichen werden.

Ich kann nicht beurteilen, wie Leser, die in der DDR aufgewachsen sind und gelebt haben, diesen Roman empfinden und wie stark sie sich mit den geschilderten Situationen identifizieren können aber für mich als Leserin, die im Westen aufgewachsen ist und dort gelebt hat, bleibt vieles einfach fremd und abstrakt und vermutlich auch manche Pointe verborgen. Auch irgendwelche Nostalgie-Gefühle können natürlich gar nicht erst entstehen, da ich mit Schilderungen aus dem Alltag der DDR-Bürger oder bei der Nennung von Ostprodukten, offenbar typischen Gerüchen von Treppenhäusern etc. keinerlei Erinnerunges-Verbindungen herstellen kann.

So muss ich sagen, dass mich der Roman nicht wirklich packen, geschweige denn überzeugen konnte. Dass ich nach der Lektüre behaupten könnte, ich verstünde die DDR und die von ihr geprägten Menschen jetzt etwas besser, ist auch nicht der Fall. Höchstens ist mir einmal mehr deutlich geworden, was für unterschiedliche Prägungen die Menschen in Ost- und West-Deutschland erhalten haben und welche tiefen Unterschiede seit der Wende überwunden werden müssen, um nicht nur auf dem Papier und in der Propagierung wieder zu »einem Volk« mit einheitlicher Prägung zu werden.


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