21.10.2011

Charles Lewinsky: Gerron *****

Buch-CoverDer Schriftsteller Charles Lewinskys war mir durch seinen 2006 erschienenen Roman »Melnitz« bekannt und jetzt habe ich seinen jüngsten Roman »Gerron« gelesen und bin ähnlich beeindruckt und erschüttert wie damals von »Melnitz«.

Im Roman erzählt Charles Lewinsky die Geschichte des jüdischen Schauspielers und Regisseurs Kurt Gerson auch genannt Kurt Gerron. Den hat es tatsächlich gegeben und die groben biographischen Linien seines Lebens hat Lewinsky für diesen Roman als Rahmen genommen. Die Leerstellen aber dann - wenn auch sehr gekonnt - fiktiv aufgefüllt.

Kurt Gerson/Gerron erlangte als Schauspieler und Regisseur einige Berühmtheit und gehörte zu den Juden in Deutschland, die die Zeichen der Zeit, als die Nazionalsozialisten an die Macht kommen, nicht rechtzeitig erkennt und zudem lange Zeit glaubt, durch seine Berühmtheit geschützt zu sein.

Als er dann Berufsverbot bekommt, ist es immer noch nur einem Freund zu verdanken, dass er mit seiner Familie - seinen Eltern und seiner Frau Olga - nach Paris geht. Von dort führt sein Weg über Österreich und Italien schließlich nach Amsterdam. Als die Deutschen die Niederlande besetzen ist seine Flucht zuende und er landet zunächst im niederländischen Durchgangslager Westerbork. Ende 1944 wird er zusammen mit seiner Frau ins KZ Theresienstadt deportiert.

Der Lagerkommandant erkennt Gerron und verlangt von ihm einen (angeblich) dokumentatorischen Film über Theresienstadt zu machen aber dabei Theresienstadt als eine Art Musterstadt für Juden darzustellen. Gerron erbittet sich drei Tage Bedenkzeit - eigentlich schon eine Ungeheuerlichkeit aus Sicht des Lagerkommandanten - und lässt in seinen Erinnerungen sein Leben an sich vorbeiziehen. Als er sich schließlich zur Entscheidung den Auftrag abzulehnen durchgerungen hat, hält ihn im letzten Moment ein Mitgefangener auf und überredet ihn den Auftrag doch anzunehmen und auf diese Weise wenigstens die am Film Beteiligten vor der Verschickung nach Ausschwitz oder andere Todeslager zu retten. Gerron ist aber sich selbst gegenüber auch ehrlich genug zuzugeben, dass es auch die Hoffnung ist, sich selbst und seine Frau retten zu können, die ihn letztlich dazu bringt, der »Bitte« des Lagerkommandanten nachzukommen.

In den Erinnerungen, die Gerron an sein Leben hat, lässt Lewinsky die Weimarer Republik und das Deutschland der 20er und 30er Jahre wieder auferstehen mit einem besonderen Schwergewicht auf dem Bereich des Kabaretts, Theaters und Films. Das ist ihm - so weit ich das beurteilen kann - sehr gut gelungen.

Was Gerron im Lager in Theresienstadt und bei den Vorbereitungen auf den Film bzw. seinen ersten Arbeiten am Film erlebt, ist erschüttert, denn immer nimmt man als Leser an seiner Gedankenwelt teil, an seinem Ringen um das Überleben aber auch um ein Stück »Normalität« im Wahnsinn des KZs. Sehr trocken, manchmal fast lakonisch und mit bitterem Humor »seziert« der studierte Mediziner Gerron nicht nur sich selbst und seine Motive sondern auch das, was er täglich vor Augen hat, was er erlebt und die Menschen um sich herum.

»Gerron« ist alles andere als eine angenehme Lektüre aber ganz sicher ein wichtiger Roman. Dieser Roman ist aber nicht nur eine Art »Geschichtserzählung« sondern er kommt dem Leser nah, denn wer ehrlich und offen diesen Roman liest, wird anfangen, sich Fragen zu stellen: Wie hätte ich mich verhalten? Wie lange hätte ich versucht, mir einzureden, dass es mich nicht betrifft, dass mein Leben einfach weitergehen kann wie gewohnt? Wo wäre bei mir der Punkt, wo ich resigniere, nachgeben, aufgebe, einknicke? Wie weit würde ich gehen, um mein Leben und oder das meiner Liebsten zu retten? Kann, darf man über einen Kurt Gerson den Stab brechen? Wohl kaum.

Der Roman endet mit den Zeilen:
Vieles in diesem Roman ist erfunden. Dieses leider nicht. Am 30. Oktober 1944 wurden Kurt Gerron und seine Frau Olga in Ausschwitz ermordet. Drei Tage später wurden die Vergasungen endgültig eingestellt.

Der Film über Theresienstadt wurde vom Kameramann Ivan Fric geschnitten und vertont.



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