16.10.2011

Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand *****

Buch-CoverZu Beginn dieses Romans begegnen die Leser Allan Karlsson, der just an diesem Tag seinen hundertsten Geburtstag feiert oder besser feiern könnte, wenn er denn wollte. Wenn jemand hundert wird, ist allen klar, viel kann danach nicht mehr kommen; eigentlich bleibt nur noch das Warten auf den Tod. Allan Karlsson aber hat es satt in dem Altersheim, in dem er die letzten Jahre zugebracht hat, weiter zu warten und auf die Geburtstagsfeier mit dem Stadtrat, der Presse, dem Pflegepersonal und all den anderen Bewohnern des Altersheims, hat er schon gar keine Lust. Stattdessen klettert er kurzerhand aus dem Fenster, in die Rabatte und begibt sich auf eine Reise, deren Weg und Ziel noch völlig offen ist.

So beginnt der schwedische Schriftsteller Jonas Jonasson seinen Debütroman, der bereits 2009 in Schweden erschienen ist und dort zum beliebtesten Roman des Jahres wurde. Und Jonasson fabuliert drauf los, dass einem Hören und Sehen vergehen. Ohne Erbarmen jagt er seinen Protagonisten in eine aberwitzige Geschichte voller überraschender Wendungen, liebenswerter Charaktere und einem Elefanten und das alles erzählt auf eine Art und Weise, die einen schwedischen Charakterzug spiegelt, nämlich mit einer gewissen Zurückhaltung und Nonchalance. So abenteuerlich die Geschichte sich entwickelt, so glaubwürdig wirkt sie durch den Erzählton, den Jonasson wählt und der echte Könner des Erzählens auszeichnet.

Ehe der Hundertjährige es sich versieht, ist er im Besitz eines mit Drogengeld gefüllten Koffers und hat die Drogenhändler an den Hacken, die natürlich das Geld zurück haben wollen. Und so schlurft und stolpert Allan Karlsson weiter, begegnet Menschen, die ihm helfen oder teils ungewollt zu »Komplizen« werden. Polizei, Presse, ja bald das ganze Land sind hinter Allan Karlsson und »seiner Bande« her aber er und seine Mitstreiter sind immer einen kleinen Schritt schneller oder gewitzter als ihre Verfolger. Ein humorvoller Unterton schwingt mit und hat mich hier und da auch an den finnischen Autor Arto Paasilinna erinnert, der ja in seinen Romanen und Erzählungen ebenfalls mit viel trockenem und manchmal auch krachendem Humor arbeitet oder auch an den amerikanischen Schriftsteller John Irving mit seinen Geschichten und seinem Figurenkanon.

Dieser Roman ist vieles in einem: Krimi, Roadmovie, Schelmenroman, Abenteuerroman, Münchhausengeschichte und alternative Geschichtserzählung, auch wenn sich für die Leser herausstellt, dass die Weltgeschichte im 20. Jahrhundert teils doch etwas anders verlaufen ist, als ihnen bisher bekannt war. Parallel zu diesem Roadtrip wird nämlich auch die Lebensgeschichte von Allan Karlsson erzählt und die führt ihn durch die ganze Welt und häufig ist es gerade er, der der Geschichte fast beiläufig den entscheidenden kleinen Stoß in die eine oder andere Richtung gibt. So dürften die Leser z.B. erstaunt sein, zu erfahren, wie es dazu kam, dass das russische Wladiwostock für Jahrzehnte zur militärischen Sperrzone wurde oder warum der heutige nordkoreanische Herrscher Kim-Jong-il keiner Menschenseele traut. In den Kapiteln des Romans die Allan Karlssons Leben erzählt, wirkt er wie eine schwedische Ausgabe von Forrest Gump und so dick dort auch manchmal aufgetragen wird, man kann nicht umhin, zu lachen und alle absurden Wendungen in Allans Leben mitzumachen.

Zwischen den beiden Buchdeckeln von »Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand« steckt echtes Lesevergnügen, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen und einen Sinn für solche Geschichten hat. Wer Wert auf historische Genauigkeit, gründliche Recherche und einen literarisch anspruchsvollen Sprachgebrauch legt und lieber erst zweimal überlegt, ob er lachen will oder nicht, wird mit dem Roman wohl eher nicht auf seine Kosten kommen. Allen anderen kann ich es nur wärmstens ans Herz legen.


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