01.10.2011

Kristín Steinsdóttir: Im Schatten des Vogels *****

Buch-CoverVor einigen Wochen hörte ich das Hörbuch »Leben im Fisch«. Dort erzählt die Isländerin Kristín Steinsdóttir höchstselbst aus ihrer Kindheit und Jugend und wie es damals auf Island zugegangen ist. Ich »klebte« quasi an ihren Lippen und war wirklich traurig, als das Hörbuch zuende war. Als ich dann feststellte, dass in diesem Jahr ihr jüngster Roman auch auf deutsch erscheinen sollte, war klar, dass ich dieses Buch lesen wollte.

In »Im Schatten des Vogels« erzählt Kristín Steinsdóttir, die berührende Geschichte von Pálina Jónsdóttir, genannt Ljósa, die im späten 19. Jahrhundert in einer abgelegenen Gegend im Osten Islands auf einem Hof aufwächst. Ihr Vater ist ein angesehener und beliebter Mann, dessen Ruf offenbar nicht einmal dann ernsthaft leidet, wenn er wieder, während einer seiner Reisen über die Insel, einer Frau ein Kind gemacht hat. Er übernimmt durchaus die Verantwortung für die von ihm in die Welt gesetzten Kinder, ja die jungen Frauen holt er zum Teil sogar als Mägde an seinen eigenen Hof. Pálinas Mutter ahnt natürlich die Zusammenhänge und leidet still unter ihrem Los.

Pálina vergöttert ihren Vater genauso wie sie sein ein und alles ist. Für ihn ist sie »Engelchen« und beide pflegen eine enge Beziehung, die auch dann noch Bestand hat, als Pálina älter wird und ihr langsam aufgeht, dass ihr Vater auch Schattenseiten hat und wie sehr ihre Mutter darunter leidet. Als Pálina einen jungen Mann kennenlernt, verlieben sich die beiden und planen eine gemeinsame Zukunft. Doch Pálinas Vater ist gegen diese Verbindung, weil der junge Mann an Schwindsucht leidet und er befürchtet, seine Tochter könnte all zu schnell als junge Witwe dastehen oder unversorgt sein. Letztlich sorgt der Vater dafür, dass diese Verbindung nicht zustande kommt, was ihm Pálina lange sehr übel nimmt.

Als eine Art »Wiedergutmachung« und um ihr zu helfen, den jungen Mann zu vergessen, erlaubt ihr der Vater eine Mädchenschule im fernen Reykjavik zu besuchen. Pálina ist begeistert, sie ist an vielem interessiert, ist begabt, kann gut nähen und ist musikalisch und sie träumt von der großen weiten Welt. Irgendwo dort ist ihr geliebter Bruder Ingi, der um sich vom übermächtigen Vater zu befreien, eines Tages einfach auf und davon gemacht hat und auf dessen Rückkehr die Geschwister, vor allem aber Pálina, alle sehnsüchtig warten.

Als das Jahr an der Mädchenschule vorüber ist, liegt eigentlich eine vielversprechende Zukunft vor Pálina, doch das Mädchen hat eine zarte psychische Konstitution, was sich bereits in ihrer Kindheit bzw. Jugend erstmals andeutet. Im Laufe des Romans schildert Kristín Steinsdóttir auf eindrückliche und beklemmende Art und Weise, wie sich unbewältigte Erlebnisse, schwere Ereignisse und anderes unheilvoll kombinieren und schließlich zum Ausbruch einer Geisteskrankheit bei Pálina führen.

Zunächst aber lernt Pálina, Vigfús kennen, der unermüdlich um sie wirbt und schließlich ihre Hand gewinnt. Er willigt in alle ihre Bedingungen ein, darunter dass sie immer auf dem Hof der Eltern wohnen bleiben. Doch schnell kommt es zu Spannungen zwischen Vigfús und dem dominanten Schwiegervater. Um sein eigenes Leben führen zu können, wie er es möchte und seine Ehe zu retten, besteht Vigfús schließlich darauf, einen eigenen Hof zu haben, zumal schon einige Kinder geboren sind. Die inzwischen fast symbiotische Beziehung zwischen Pálina und ihrem Vater, will er unterbinden.

Eine Weile geht das gemeinsame Familienleben noch einigermaßen gut - im damals üblichen Rahmen - aber dann bricht sich Pálinas Krankheit immer öfter, heftiger und länger Bahn. Lange ist Vigfús ziemlich auf sich allein gestellt und hat alle Hände voll mit Pálina zu tun. Die z.T. noch halbwüchsigen Kinder verstehen nicht, was vor sich geht, leiden unter den Reaktionen ihrer Umwelt auf die kranke Mutter oder mißverstehen die Lage.

Hier muss man als Leser wissen, dass der Umgang mit sog. »Geisteskranken« oder wie wir heute sagen »geistig Behinderten« auf Island über viele Jahrhunderte sehr schwierig war. Da es nicht so viele Menschen auf der Insel gibt und es lange Zeit auch nur wenige wohlhabende Isländer gab, die z.B. eine bessere Versorgung hätten initiieren und finanzieren können, blieben die Kranken in den Familien und wurden versteckt, auf den Höfen weggesperrt und mehr oder weniger totgeschwiegen. Bis deutlich ins 20. Jahrhundert hinein hat es gedauert, bis ein Umdenken einsetzte und man auch auf Island versuchte, einen anderen Weg des Umgangs mit Behinderten, gleich welcher Art, zu gehen.

Schließlich weiß sich auch Pálinas Familie nicht mehr anders zu helfen, als sie einzusperren auch wenn sich Vigfús als gelernter Tischler für eine fast noch human zu nennende Lösung entscheidet. Als schließlich Pálinas Tochter Katrín heimkehrt ist sie entsetzt, erkennt aber schließlich, dass es unter den gegebenen Umständen bei akuten Ausbrüchen der Krankheit wirklich nicht anders zu bewältigen ist. Sie wird schließlich zur »Pflegerin« der Mutter, bekommt selbst ein kleines Mädchen und benennt es nach ihrer eigenen Mutter ebenfalls Pálina.

Es ist ein tragisches Frauenschicksal, das Kristín Steinsdóttir hier sehr fein und berührend porträtiert und es ist insofern autobiographisch, weil das Vorbild für die Figur der Pálina ihre eigene Großmutter und deren Geschichte ist, nach der sie selbst benannt wurde.


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