29.08.2011

Siba Shakib: Eskandar ****

Buch-CoverEndlich hatte ich die Gelegenheit, den schon 2009 erschienen Roman »Eskandar« der iranisch-deutschen Autorin Siba Shakib zu lesen. Darin erzählt sie das Leben von Eskandar, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einem namenlosen Dorf im Iran geboren wird und über 100 Jahre alt wird. Rund um ihn und sein Leben erzählt Shakib zugleich die Geschichte und politischen Wandlungen und Wirren des Iran im vergangenen Jahrhundert.

Eskandar ist ein aufgeweckter, neugieriger und aufgeschlossener Bursche und durch einen Zufall ist er als Zeuge anwesend, als eine britische Expedition die erste Petroleum- bzw. Erdölquelle im Iran entdeckt. Von da an, ist das iranische Erdöl ein wichtiger Faktor bei allen weiteren politischen Entscheidungen, die im Ausland bezüglich des Irans, getroffen werden. Regierungen, die sich den Ausländern und ihrem unstillbaren Hunger nach dem schwarzen Gold nicht in den Weg stellen, werden gestützt, Regierungen, die Anstalten machen, daran etwas zu ändern, werden notfalls gestürzt.

Das einfache iranische Volk hat dabei keinerlei Mitbestimmungsrechte, sondern muss mit den Folgen der Entscheidungen der jeweilig gerade herrschenden Könige bzw. des Schahs oder anderer politischen und religiösen Klassen leben. Häufig genug bereichern sich die Herrscher und herrschenden Klassen und kümmern sich nicht weiter um die Bedürfnisse und Nöte des Volks.

Eskandar hat keinerlei Bildung als er aufbricht in sein Leben und das heimatliche Dorf verlässt. Nach und nach eignet er sich etwas Bildung, neue Fähigkeiten und Kenntnisse an. Er wird Geschichtenerzähler, später lernt er zu fotografieren und seine Fotos selbst zu entwickeln, er arbeitet als Händler in einem Basar, für den Premierminister Mohammad Mossadegh fungiert er als eine Mischung aus Übersetzer und Sekretär und er betätigt sich als Gärtner. In der Hauptsache aber ist und bleibt er Geschichtenerzähler und auch seine Nachkommen werden teils unter Nutzung moderner Kommunikationsmittel zu neuen Geschichtenerzählern. So dreht z.B. seine Enkelin später einen Film über ihn und sein Leben.

Eskandar lebt ein wechselvolles Leben und erlebt die geschichtlichen und politischen Wandlungen im Land nicht nur passiv sondern teils auch aktiv mit. Als »Freiheitskämpfer« ist er unmittelbar an der Konstitutionellen Revolution (1905 bis 1911), in der sich die Iraner gegen die absolutistische Herrschaft des Schahs eine Verfassung und ein Parlament erkämpften, beteiligt. Als Sekretär von Mossadegh erlebt er an vorderster Front die Veränderungen im Land mit. Mossadegh verstaatlicht oder »nationalisiert« die Ölindustrie. Die Briten wollen das nicht akzeptieren und werden daraufhin gezwungen, das Land zu verlassen. Auch der Schah muss fliehen, doch loyale Truppen mit Hilfe des amerikanischen Geheimdienstes CIA stürzen Mossadegh und ermöglichen ihm eine Rückkehr. Die Ölindustrie bleibt verstaatlich, der Einfluss Großbritanniens geringt aber dafür erlangen die USA nachhaltigen Einfluss im Land.

Schah Reza Pahlewi versucht den Iran möglichst schnell in die Moderne zu führen und führt z.B. das Wahlrecht für Frauen ein. Die Bevölkerung wird dazu angehalten, westliche Kleidung zu tragen und einen westlichen Lebensstil zu führen. Das stößt nicht bei allen auf Gegenliebe. Eskandar aber ist aufgeschlossen. Früh hat er erkannt, dass die Welt sich verändert und auch sein Land und mit ihm seine Menschen sich verändern und anpassen müssen. Seiner ersten Frau lässt er für die damalige Zeit ungewöhnlich viele Freiheiten. Überhaupt sind viele der im Roman auftretenden Frauen, starke Persönlichkeiten, die bereit sind für ihre Rechte und Freiheit zu kämpfen, selbst wenn sie wissen, dass ihnen Gefängnis, Folter und Tod drohen.

Schließlich endet die Herrschaft der Pahlewis und der geistliche Führer Khomeini übernimmt das Ruder, die »Islamische Republik Iran« ist geboren. Es folgt der Krieg des Irak gegen den Iran. Anfang der 90er Jahre kommt es zu Hungerunruhen in zahlreichen Städten des Iran. 2002 schließlich nennt der amerikanische Präsident Bush den Iran als eines von drei Ländern, die seiner Ansicht nach die »Achse des Bösen« bilden.

Eskandar erlebt, dass seine Kinder und Enkel wiederum auf die Straße gehen und zum Teil immer noch um dieselben Freiheiten und Rechte kämpfen, für die er schon in seiner Jugend gekämpft hat. Und auch er selbst - als alter Mann - reiht sich hier und da nochmal in diesen Kampf ein bzw. unterstützt seine Nachkommen dabei.

Siba Shakib ist es gelungen, mit »Eskandar« einen packenden Roman zu schreiben und interessierten Lesern zumindest einen ersten bzw. groben Überblick über die jüngste iranische Geschichte zu vermitteln. Ihr Protagonist Eskandar ist davon überzeugt, dass der Besitz des Erdöls, für den Iran eher Übles als Gutes gebracht hat und man mag dem teilweise zumindest zustimmen, jedoch ist dies nur ein Grund für die schwierige politische Lage des Landes. Interessant ist noch ein feiner Unterschied, den Siba Shakib im Roman macht. Sie klagt nämlich nicht die Religion an sich an, sondern den Mißbrauch der Religion, der es unter Khomeini möglich machte, eine Art religiöse Diktatur zu errichten. Ich habe es allerdings etwas bedauert, dass sich Siba Shakib gerade in Bezug auf die allerjüngsten politischen Entwicklungen im Iran mit Deutungen oder Erklärungen eher zurückhält.


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