30.07.2011

Catalin Dorian Florescu: Jacob beschließt zu lieben *****

Buch-CoverWohl eine glückliche Fügung war es, die meine Aufmerksamkeit schon frühzeitig auf den rumänischstämmigen und heute in der Schweiz lebenden Schriftsteller Catalin Dorian Florescu lenkte. Sein an seine eigene Biographie angelehnter Debütroman »Wunderzeit«, der 2001 erschien, beeindruckte mich derart, dass ich ihn und sein weiteres Schaffen immer im Auge behielt. Sein zweite Roman »Der kurze Weg nach Hause« ist der einzige, den ich nicht gelesen habe. Es folgte 2006 der Roman »Der blinde Masseur«, der mir wieder gut gefiel. Dann erschien 2008 der Roman »Zaira« und fesselte mich erneut. Nun ist dieses Jahr sein jüngster Roman »Jacob beschließt zu lieben«, auf den ich schon sehnsüchtig gewartet habe, erschienen.

Darin erzählt Catalin Dorian Florescu die Geschichte des Jacob Obertin, eingebettet in seine Familiengeschichte, die sich über 300 Jahre vom 30jährigen Krieg bis in die 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts spannt, von Lothringen bis ins rumänische Banat.

Jacob gehört der deutschstämmigen Minderheit im Banat an und lebt in einem Bauerndorf namens Triebswetter. Seine Mutter, eine geborene Obertin, stammt aus einer einstmals sehr angesehenen Familie. Sein Vater kam quasi aus dem Nichts hat sich aber mit starkem Willen und körperlicher Kraft, nicht nur seine Frau erobert sondern mit ihr auch Land und einen Hof, den er weiter ausbaut.

Dabei kennt der Vater wenig Skrupel und versteht es entweder mit Geld oder durch Manipulation und die Ausübung von Druck, seine hochgesteckten Ziele zu erreichen. Jacob soll einmal den Hof übernehmen und weiterführen, doch Jacob ist ein Kind mit einer schwachen Konstitution, mehr krank als gesund und hat Mühe sich gegen den übermächtigen Vater auch nur ansatzweise zu behaupten.

Als eine Art »Patin« ist Jacobs einzige echte Zuflucht eine alte Zigeunerin, die geholfen hat, ihn zur Welt zu bringen und ihn mehrfach bei schweren Erkrankungen vor dem Tod gerettet hat. Und dann ist da noch Katica, ein serbischstämmiges Mädchen, dem Jacob zunächst in Freundschaft und später in Liebe verbunden ist, was zu weiteren Spannungen mit dem Vater führt. Über die Geschichte selbst will ich hier gar nicht viel mehr verraten, man muss sie selber lesen und sich ihr überlassen.

Florescu erweist sich wieder einmal als ein fabelhafter Erzähler, der sich meiner Ansicht nach von Roman zu Roman noch zu steigern weiß, was ja heutzutage längst nicht selbstverständlich ist. Die erzählte Geschichte packt und fesselt einen als Leser und ich habe mich dabei ertappt, wie ich fast atemlos der Entwicklung dieser Geschichte gefolgt bin. Ein Lesevergnügen, das einen abtauchen lässt in eine vergangene Welt, in menschliche Schicksale und Lebensläufe und mit einem Protagonisten, der im Laufe der Geschichte wächst und reift und sich schließlich nicht nur zu behaupten weiß, sondern auch sich selbst überwindet. Eine Geschichte, die wie ein breiter Strom dahinfließt aber manchmal auch plötzlich wie ein alles verschlingender Strudel aufbrausen kann.

Meiner bescheidenen Ansicht nach, reift hier einer der schreibt zu einem ganz großen Schriftsteller heran und für mich ist es auch spannend, das anhand seiner Bücher und aus der Ferne mitzuverfolgen. Catalin Dorian Florescu scheint seine Geschichten nicht nur aus einem großen Reservoir zu schöpfen, er hat zudem auch noch die Gabe wirklich erzählen zu können. Nichts kommt hölzern oder leblos daher, vielmehr atmen die Sätze und Kapitel Leben, wie es praller nicht sein könnte. Es wird weder den Protagonisten noch den Lesern etwas erspart, es wird nichts romantisiert oder abgemildert aber es bleibt immer auch ein positiver optimistischer Grundton.

»Jacob beschließt zu lieben« erzählt ein Stück Geschichte, über das viele hier kaum etwas wissen und transportiert nebenbei viel Lebensweisheit. Es ist eine Erzählung, die unwillkürlich auf einer tieferen Ebene zum Nachdenken bringt, ein Plädoyer für Liebe zu sich selbst, zu anderen und zum Leben an sich, wie groß die Widrigkeiten auch sein mögen und dafür, dass Vergebung und Aussöhnung weiter bringen als rohe Gewalt und neue Perspektiven eröffnen können.

Ich habe das Buch nur ungern am Ende zugeklappt, zu gerne hätte ich dem Erzähler Florescu weiter gelauscht und ich beneide ein bisschen alle, die das Buch noch vor sich haben. Ich hoffe sehr, dass es viele werden, die zu diesem Roman greifen und sich mitnehmen lassen in diese Geschichte. Jetzt heißt es wieder warten, bis Catalin Dorian Florescu erneut sein erzählerisches Wunderhorn für uns öffnet. Ich weiß schon jetzt, das Warten wird mir lang werden.


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