30.03.2011

Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein *****

Buch-CoverDer Name »Hans Fallada« war mir bekannt, ohne dass ich hätte sagen können, woher. Bisher wusste ich über diesen Schriftsteller nichts und habe auch keinen seiner Romane oder sonstige Schriften gekannt. Sein Lebenslauf ist voller Brüche und Tragödien und ähnlich wechselhaft sind auch die Wege, die sein Roman »Jeder stirbt für sich allein« genommen hat.

Der Roman erschien bereits zwei Jahre nach Kriegsende, nämlich 1947 erstmals und zum Zeitpunkt seines Erscheinens war Hans Fallada bereits verstorben. Zudem erschien der Roman nicht in der Originalfassung, wie Hans Fallada sie geschrieben hatte, sondern wurde - teilweise wohl auch aus politischen Gründen - zensiert. Was es damit auf sich hat, kann man im Anhang zum Roman nachlesen, ebenso einen kurzen Lebenslauf von Hans Fallada (eigentlich Rudolf Ditzen). Ergänzt wird der Roman noch durch ein kleines Glossar sowie Fotos und Fotokopien von Dokumenten, die zur Materialsammlung des Romans gehören.

In Deutschland wurde er zunächst nicht groß beachten, ja stieß eher auf Ablehnung und Kritik, was aber wohl zu großen Teilen auf die starke zeitliche Nähe zu vergleichbaren Geschehnissen zurückzuführen ist. Der Roman wurde aber übersetzt und gelangte so auch ins Ausland, wo er nach und nach zu einem weltweiten Erfolg wurde, je mehr Zeit verging. Nun ist dieser Roman quasi nach Deutschland zurückgekehrt und nun zum ersten Mal in der ursprünglichen Fassung beim Aufbau-Verlag publiziert worden.

Das Thema des Romans hat sich Hans Fallada nicht selbst gewählt, sondern er wurde darum gebeten, dazu einen Roman zu schreiben. Wie aus Briefwechseln hervorgeht, hat sich Hans Fallada zunächst durchaus schwer getan diesen Stoff literarisch zu verarbeiten. Am Ende aber war er mit dem Ergebnis so zufrieden, dass er den Roman als einen »echten Fallada« bezeichnete. In nur acht Wochen hat er das Manuskript verfasst.

Die Geschichte basiert auf Originalakten der Gestapo über ein Berliner Arbeiter-Ehepaar namens Otto und Elise Hampel (im Roman heißen sie Otto und Anna Quangel), die auf ihre Weise gegen die Nazi-Diktatur Widerstand leisteten und dafür mit dem Leben bezahlten. Zeitlich ist der Roman in den Jahren 1940 bis 1942 angesiedelt. Die Quangels sind schlichte Leute, die zunächst durchaus Sympathien für Hitler hegen. Doch der Tod ihres einzigen Sohnes, der im Krieg fällt, bringt für sie die Wende. Sie beschließen Widerstand gegen das Nazi-Regime zu üben und greifen dazu zu fast lächerlichen Mitteln. Sie verfassen kurze prägnante Texte, die die Mißstände anprangern, schreiben diese auf Postkarten und lassen sie an verschiedenen Orten in Berlin zurück. Das Ehepaar erhofft sich auf diese Weise auch andere zum Widerstand zu ermutigen.

Natürlich bleibt ihr Tun nicht lange unbemerkt, schnell landen die Postkarten auch bei der Gestapo, wo in der Hauptsache der Kriminalkommissar Escherich sich auf die Jagd nach den anonymen »Volksverrätern« macht. Die Quangels werden im Laufe von zwei Jahren insgesamt 276 Karten und 9 Briefe verfassen, 259 Karten und 8 Briefe landen umgehend bei der Gestapo. Nur 18 Schriftstücke tauchen dort nicht auf, was aber nicht bedeutet, dass diese 18 Schriftstücke tatsächlich die Runde machten, sondern höchstwahrscheinlich wurden sie größtenteils nur nicht zur Gestapo gebracht sondern gleich vernichtet. Der reale »Ertrag« dieser zwei Jahre erscheint also äußerst gering, kaum wert, dafür sein Leben aus Spiel zu setzen. Die Quangels haben sich selbst ausgemalt, was ihre Karten und Briefe wohl auslösen und als sie mit der Wahrheit konfrontiert werden, ist das natürlich ein Schock. Sie ziehen aber nicht den Rückschluß, dass sich das Risiko, der Einsatz ihres Lebens, dafür nicht gelohnt habe. Es ist ihnen wichtig, dass sie ab einem bestimmten Punkt einfach nicht mehr »mitgemacht« und andere gewarnt, ihre Stimme erhoben haben.

Fallada schildert aber nicht nur die Geschichte dieser beiden in diesen zwei Jahren sondern auch der Menschen um sie herum. Verwandten, wie Annas Bruder und seine Frau oder ihrer fast-Schwiegertochter Trudel und deren späteren Mann Karl, ihren Nachbarn oder ihrer Postbotin. So gelingt es Hans Fallada das Leben der einfachen Leute im 40er-Jahre-Berlin zu schildern und lebendig werden zu lassen, zum anderen sehr überzeugend und beklemmend die Atmosphäre der damaligen Zeit heraufzubeschwören.

Für eine sog. Nachgeborene, die nie unter einer Diktatur hat leben müssen, ist das ein sehr interessanter Aspekt dieses Romans. Es ist erschreckend im Laufe des Romans zu sehen, wie sich Angst und Mißtrauen wuchernd durch die Gesellschaft fressen. Solidarität gibt es fast nicht, jeder sucht sich selbst zu schützen aus den unterschiedlichsten Motiven heraus. Kaum jemand wagt den Widerspruch, geschweige denn den Widerstand. Die Masse der Bevölkerung läuft mit und selbst die, die versuchen »sauber zu bleiben« haben es äußerst schwer, das durchzuhalten. Immer wieder muß abgewogen werden, das Risiko gegen eine scheinbare Sicherheit. Wer in der Partei ist, hat das Sagen und sei es ein kleiner Hitlerjunge, der sich gegenüber einem nicht Parteimitglied alles herausnehmen kann und darf. Nicht wenige, die nun endlich »auch mal das Sagen haben«, kosten ihre Macht reichlich aus und schrecken vor nichts zurück. Die Macht- und Rachegelüste sind bei vielen schier nicht zu stillen. Denunziantentum herrscht allerorten.

Unwillkürlich fragt man sich im Laufe der Lektüre immer wieder: Wie hätte ich mich in dieser oder jener Situation wohl verhalten und es wird klar, dass es darauf keine selbstverständliche Antwort gibt, zumindest wenn man die Frage für sich ehrlich beantworten will.

Teilweise sind die Schilderungen der Quälereien, die die Gefangenen (oder auch nur Verdächtigen) bei der Gestapo erleiden mussten drastisch geschildert. Das ist wohl Fallada auch zum Vorwurf gemacht worden. Fallada selbst hat dazu folgendes angemerkt:

»Mancher Leser wird finden, dass in diesem Buche reichlich viel gequält und gestorben wird. Der Verfasser gestattet sich, darauf aufmerksam zu machen, dass in diesem Buche fast ausschließlich von Menschen die Rede ist, die gegen das Hitlerregime ankämpften, von ihnen und ihren Verfolgern. In diesen Kreisen wurde in den Jahren 1940 bis 1942 und vorher und nachher ziemlich viel gestorben. Etwa ein gutes Drittel dieses Buches spielt in Gefängnissen und Irrenhäusern, und auch in ihnen war das Sterben sehr im Schwange. Es hat dem Verfasser auch oft nicht gefallen, ein so düsteres Gemälde zu entwerfen, aber mehr Helligkeit hätte Lüge bedeutet.«

Es ist gut, dass der Roman »Jeder stirbt für sich allein« von Hans Fallada nun quasi »heimgekehrt« ist und es ist zu wünschen, dass er eine ähnlich gute Aufnahme findet, wie schon in vielen anderen Ländern.

Brigitte meinte dazu am 22.04.2011:

Ich bin am letzten Wochenende in meiner Buchhandlung über das Buch gestolpert und habe mich an Deine Rezension erinnert. Nun bin ich gespannt, wie es mir gefällt.


Liisa meinte dazu am 30.04.2011:

Hallo Brigitte, ich bin gespannt, wie Dir der Roman gefallen wird. Wäre schön, wenn Du mal ein kurzes Feedback hier in den Kommentaren geben könntest, wenn Du ihn gelesen hast.


Petra Ludwig meinte dazu am 23.05.2011:

Hallo Liisa, wir kennen uns aus meinem Buecher4um. Nach längerem habe ich hier bei Dir mal wieder reingeschaut, und gleich viel Schönes entdeckt. Besonders hat mich gefreut, dass Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ volle Punktzahl bei Dir erreicht hat. Ich habe das Buch auch kürzlich in einer Leserunde bei mir im Forum gelesen, und es hat mich so sehr beschäftigt, dass ich es sogar einige Male mit in meine Träume genommen habe. Ein Segen, dass es Wiederentdeckt wurde.



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