10.10.2010

Sofi Oksanen: Fegefeuer *****

Buch-CoverAuf diesen hochgelobten Roman der finnischen Schriftstellerin Sofi Oksanen war ich sehr gespannt. Oksanen selber ist durch ihre Mutter auch estnischer Abstammung und ihr Roman führt auch nach Estland und zwar zu unterschiedlichen Zeitpunkten.

Eine Ebene der Geschichte handelt in den Jahren 1991/1992, eine andere Ebene der Geschichte spielt sich vor und während sowie in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg bis zu Beginn der 50er Jahre ab. Dieser zweite Zeitraum umfasst eine auch für Estland sehr schwierige Epoche der Geschichte, der bis heute in der Literatur wenig bis gar nicht angefasst, geschweige denn aufgearbeitet worden wäre.

Oksanen erzählt von den estnischen Schwestern Ingel und Aliide Tamm, die in die Wirren der estnischen Geschichte geraten und deren Schicksale zwar untrennbar miteinander verbunden sind, sich aber doch sehr unterschiedlich entwickeln. Im Jahr 1991/1992 sind sie beide längst alte Frauen und die Ereignisse der Vergangenheit scheinen lange zurückzuliegen. Doch für die beiden sind sie so traumatisch gewesen, dass sie ihr ganzes weiteres Leben bestimmt haben und noch bestimmen. Ingel lebt inzwischen in Wladiwostok und hat sogar eine Enkelin, namens Zara. Die aber weiß lange nicht, dass ihre Großmutter eigentlich estnischer Herkunft ist. Ihre eigene Mutter Linda spricht nicht über die Vergangenheit, wenn überhaupt und erst sehr spät erfährt Zara einige kleine Bruchstücke der Familiengeschichte.

Dann wird Zara eine Arbeit in Berlin angeboten und während ihre Mutter ablehnend auf diese Idee reagiert und skeptisch bleibt, ermutigt ihre Großmutter sie, diese Chance zu ergreifen. Zum Abschied überreicht sie Zara ein Foto von sich selbst und ihrer Schwester und legt ihr ans Herz, sollte sie die Gelegenheit haben, nach Estland zu kommen, diese zu nutzen und ihren Heimatort aufzusuchen. Die Großmutter möchte wissen, was aus dem Haus der Familie geworden ist und ob ihre Schwester Aliide noch lebt. Wie sich in Deutschland herausstellt, waren Lindas Warnungen an ihre Tochter berechtigt, denn die gerät dort in die Hände von brutalen Zuhältern, die sie zur Prostitution zwingen.

Als Zara schon keine Hoffnung mehr hat, den Fängen ihrer Peiniger zu entkommen, ergibt sich plötzlich die Möglichkeit nach Estland zu kommen und Zara setzt alles daran. Tatsächlich kann sie ihren Zuhältern dort entkommen und landet mitten in der Nacht vor dem Haus ihrer Großtante Aliide, die tatsächlich immer noch im alten Haus der Familie lebt. Zara aber gibt sich nicht zu erkennen und tischt Aliide erstmal eine Lügengeschichte auf, um Hilfe zu bekommen. Sie fürchtet, dass ihre Zuhälter sie finden und wieder zur Prostitution zwingen könnten, wenn nicht schlimmeres. Auch Aliide ist hin und her gerissen, weiß nicht, ob sie diesem fremden Mädchen, das aber über rudimentäre Estnisch-Kenntnisse verfügt, trauen soll und kann oder nicht.

Aliide nimmt Zara erstmal in ihr Haus und die beiden umkreisen sich vorsichtig mit Worten, versuchen mehr über die jeweils andere herauszubekommen, ohne zuviel über sich selbst zu verraten. Erst gegen Ende des Buches, wird Aliide erfahren, dass Zara, die Enkelin ihrer Schwester Ingel ist und dass Ingel und deren Tochter Linda noch in Wladiwostok leben.

Während Aliide und Zara sich in dem alten Bauernhaus aufhalten, erfahren die Leser nach und nach die Geschichte der beiden Schwestern Aliide und Ingel und die ist wirklich erschütternd und bewegend. Ich will hier darüber nicht zuviel verraten, das muss man selber lesen aber es spiegelt einen wichtigen Teil der estnischen Geschichte und schildert, welche Umbrüche dies für viele Esten bedeuteten.

Dabei setzt Sofi Oksanen nicht nur ihr Erzähltalent und ihre poetische Sprache sehr gut ein, sondern sie nutzt auch überaus virtuos, was sie als Dramatikerin gelernt hat. Vielfach ist es nämlich gerade das, was sie nicht schreibt bzw. ausformuliert, das die Spannung im Roman mit sich bringt. Manchmal gibt es nur einen Satz oder eine Andeutung, die aber im Kopf der Leser Bilder entstehen läßt, die das Grauen und die Verzweiflung verdeutlichen.

In all der Unsicherheit, in der die Hauptfiguren im Laufe der Jahrzehnte, leben gibt es eine Konstante und das ist die Gewalt, die sich vor allem gegen die Frauen richtet. Keine Generation bleibt davon verschont. Die Reaktionen auf diese Gewalt sind einerseits dieselben andererseits aber auch sehr unterschiedlich und wieder einmal bewahrheitet sich auch, dass Gewalt immer auch wieder Gewalt erzeugt.

Zu Recht wird dieser dritte Roman von Sofi Oksanen nicht nur in Finnland sondern weit darüber hinaus gelobt und sie bereits mehrfach dafür ausgezeichnet. Man darf gespannt sein, was zukünftig von ihr zu hören sein wird und ob sie das Niveau, das sie mit diesem Roman vorgelegt hat, wird halten können.

Lothar Mallon meinte dazu am 26.10.2010:

Sehr treffende Rezension für einen exzellent geschriebenen Roman, der so nebenbei auch einen guten Einblick in das estnische Landleben verschafft.
Habe selber das Buch in der Originalsprache gelesen und beschlossen, es auch auf Deutsch zu lesen und meinen Freunden in Deutschland zu empfehlen bzw. zu schenken. - Kiitos!



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