27.08.2010

Karl Schlögel: Das russische Berlin ****

Buch-CoverSehr gespannt war ich auf das Buch, »Das russische Berlin: Ostbahnhof Europas«, des renommierten Historikers und Essayisten Karl Schlögel. Große Teile davon wurden erstmals bereits 1998 unter dem Titel, »Berlin, Ostbahnhof Europas: Russen und Deutsche in ihrem Jahrhundert«, veröffentlicht. 2007 wurde eine ergänzte und aktualisierte Neuausgabe herausgegeben und diese Neuausgabe ist es, die ich jetzt gelesen habe.

Die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland waren im Laufe der Geschichte immer schon sehr enge aber auch sehr wechselhafte. In Deutschland war (und ist es nun wieder) es vor allem Berlin, in dem alle sich alles bündelte und über das alles lief. Wer von Ost nach West oder umgekehrt reiste, musste über Berlin reisen. Folgerichtig beginnt Karl Schlögel seine Ausführungen am Schlesischen Bahnhof in Berlin und liefert erst einmal eine Art Geschichte der deutschen und russischen Bahn, inklusive Kursbücher, besondere Kennzeichen der Reisenden - je nachdem woher sie kamen bzw. wohin sie wollten. Russische Reisende landeten also irgendwann in Berlin und entweder sie hatten die Stadt von vornherein als Endziel ihrer Reise oder sie strandeten oder pausierten für einige Zeit dort, bevor sie weiterreisten oder sich eben notgedrungen dauerhaft dort einrichteten.

Karl Schlögel nimmt seine Leser mit zu den Orten in Berlin, die für die Russen im Laufe der Zeit zu bedeutsamen Orten wurden: Botschaften, Salons, Ateliers aber auch Gefängnisse, Cafés und Restaurants, Verlage und Geschäfte. Er schildert aber nicht nur diese Orte sondern vor allem auch die Menschen, die diese Orte entweder erst schufen, dort arbeiteten, sich dort einfanden, um zu diskutieren, nötige Papiere zu erhalten, um Asyl zu bitten, zu speisen und zu feiern, Komplotte zu schmieden und zu spionieren.

Es ist eine reiche, vielschichtige, faszinierende und teilweise auch erschreckende Welt, die sich den Lesern da auftut. Die Entwicklungen der Geschichte und die Verwerfungen des vergangenen Jahrhunderts brachen für viele der im Buch porträtierten Russen bzw. Deutschen mit russischen Wurzeln, dramatische Schicksalswendungen. Viele sind in Lagern oder Gefängnissen in beiden Ländern, im Krieg oder Exil ums Leben gekommen oder gebracht worden. Besonders wichtige Persönlichkeiten greift Schlögel heraus und porträtiert sie kurz und setzt sie in Beziehung zu wieder anderen wichtigen Persönlichkeiten ihrer Zeit: von den Aristokraten über Diplomaten, Militärs und Abenteurer, Bolschewisten und Kommunisten, Spione und Betrüger, Emigranten und einfache Menschen, die durch welche Umstände auch immer nach Berlin gespült wurden.

Der Fall der Berliner Mauer und der Zusammenbruch der Sowjetunion schließlich, führen nun seit 1989 dazu, dass sich in Berlin wieder etwas herauszubilden scheint, was dem einstmals so lebhaften und vielschichtigen »Russischen Berlin« ähnelt. Berlin ist, was die Deutsch-Russischen Beziehungen angeht, nicht mehr Endstation oder Frontstation sondern ist wieder zum »Durchgangsort« oder »Durchgangsbahnhof« geworden, der Fluss der Menschen von Ost nach West strömt wieder und es bleibt abzuwarten und zu beobachten, was das Ergebnis dieser Strömungen sein wird.

Karl Schlögel hat hier ein sehr gründlich recherchiertes Buch, mit einer Fülle an Informationen und Details, vorgelegt. Dabei zählt er letztere nicht einfach nur auf, sondern setzt sie immer wieder in größere Zusammenhänge, so dass ein echtes Panorama entsteht und ein wichtiges Stück Geschichte und Zeitgeschichte rekonstruiert wird. Ob man wirklich darauf hoffen soll/kann, dass sich zukünftige wieder ein »Russisches Berlin« wie einst bildet, wage ich anzuzweifeln. Meiner Ansicht nach wiederholt sich Geschichte meist nur scheinbar und die Gefahr gewisse Ähnlichkeiten dementsprechend zu interpretieren und zu deuten, ist recht groß. Mag sein, dass Berlin in den Deutsch-Russischen Beziehungen wieder eine ganz besonders wichtige Rolle einnimmt und dies weiter ausgebaut wird aber es wird sicher nicht mehr so wie einst sein. Das aber wieder macht es enorm spannend die aktuellen und zukünftigen Entwicklungen auch weiter im Auge zu behalten und zu beobachten.

Connie meinte dazu am 28.08.2010:

Toll, Liisa,

daß du Karl Schlögl so gut hier vorstellst!

Seine Bücher waren mir immer Reiseführer, nach Russland, Ukraine, Weissrussland oder Polen, ohne ihn hätte ich weniger verstanden.

Ich freue mich!

Gruss, Connie



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