18.08.2010

Karl Schlögel: Die Mitte liegt ostwärts ****

Buch-CoverIn den letzten Tagen habe ich die Essay-Sammlung, »Die Mitte liegt ostwärts. Europa im Übergang«, des Slawisten, Historikers und Soziologen Karl Schlögel gelesen. Es sind insgesamt fünfzehn Essays, in denen Schlögel die Leser mitnimmt auf seine denkerischen Exkurse, die sehr interessant sind und seine Sachkenntnisse eindrucksvoll belegen. Dabei stülpt Schlögel den Lesern aber nicht fertige Konzepte oder gar Lösungen einfach über. Vielmehr zeigt er aktuelle Entwicklungen in Europa nach dem Zusammenbruch des sog. Ostblocks auf, zeichnet die historischen Entwicklungen nach, um dann zu zeigen, was deren Folgen im Hier und Heute sind.

Deutlich wird, dass Europa sich neu finden und definieren muss und sich damit teilweise sehr schwer tut. Zu sehr sind alle noch den alten Denkmustern verhaftet. Die weggefallenen Grenzen irritieren vielfach, eilends wurden und werden neue Grenzen ausgemacht oder aufgebaut, wenn schon nicht mit Schlagbäumen, Stacheldraht und Wachtürmen, so doch in den Köpfen. Dabei sind es weniger die verantwortlichen Politiker und Vordenker, die die Neuordnung und Organisation anstoßen und bewerkstelligen als vielmehr die Fähigkeit der Gesellschaften in den verschiedenen Ländern zur Selbstorganisation. Dieser Prozess kann nicht beschleunigt oder abgekürzt werden ohne dass es zu Fehlentwicklungen oder Schlimmerem kommt. Vielmehr reift dort etwas Neues heran, ja es muss heranreifen und im lauten Geschrei des aktuellen Tagesgeschehens, wird es größtenteils kaum zur Kenntnis genommen bzw. gewürdigt aber es geschieht und es wird spannend sein, zu beobachten, wohin das alles führt und wie Europa aus dieser Phase hervorgehen wird.

Mir persönlich haben es vor allem drei Essays besonders angetan: zum einen »Planet der Nomaden«, in dem Schlögel eindrucksvoll die großen Wanderungsbewegungen der Weltgeschichte nachzeichnet und zeigt, dass der Wandel, die Bewegung - auch großer Massen - bis heute anhält, auch wenn die auslösenden Gründe sich im Laufe der Zeit verändert haben mögen. Teilweise aber sind es dieselben Gründe, die schon vor Jahrhunderten ganze Völkerscharen in Bewegung setzten und die heute Wandernden oder Mobilen kämpfen teilweise auch noch mit denselben Hindernissen wie ihre Vorgänger oder müssen sich ganz neuen Herausforderungen stellen, um ihre Ziele zu erreichen. Ohne diese - von den Sesshaften selbstverständlich mindestens mit Mißtrauen, wenn nicht offener Ablehnung Beobachteten - in Bewegung versetzte Masse aber wäre alle Weiterentwicklung, alle Innovation, alles Neue schlicht nicht denkbar geschweige denn machbar. Sie sind der eigentliche Motor und um so tragischer ist es, wenn sich ihnen die Sesshaften, in ihren teils schon maroden Gesellschaften, Wirtschaftssystemen etc., entgegenstemmen und sie am liebsten zum Teufel wünschen.

Der zweite Essay, der mir sehr gut gefallen hat, ist »Glückliches Amerika, armes Rußland«, in dem er die beiden Länder einander gegenüberstellt aber nicht. Durch dichotomische Gegenüberstellungen wird der Blick auf ungleichzeitige Entwicklungen wie auch die strukturellen Ähnlichkeiten zwischen diesen beiden Polen des 20. Jahrhunderts möglich. Deutlich wird dabei auch, dass Amerika häufig schlicht auch nur das Glück auf seiner Seite hatte und daher eine positivere Entwicklung nehmen konnte.

Der dritte Essay ist im Grunde eine Art Bestandsaufnahme des Hier und Jetzt und trägt den Titel »Zivilgesellschaft, jenseits der Doktrin«. Schlögel beobachtet die europäischen wie die russische Gesellschaft sehr genau und macht grundlegende (noch anhaltende) Veränderungen aus, die er prägnant und kurz auf den Punkt bringt und nicht nur dass er damit eine Menge Gedankenanstöße liefert und Anregungen gibt, genau hinzuschauen, um das Neue (das gerade wird) wahrzunehmen, er schafft es auch Mut zu machen, sich den gegenwärtigen Veränderungen zu stellen, Teil der Transformation zu werden, neue Wege zu beschreiten, andere Gedankenmodelle zuzulassen und so die Zukunft zu sichern.

Alles in allem eine hochinteressante, anregende Lektüre, die eine Menge Denkstoff liefert ohne dabei im Theoretischen oder gar Ideologischen zu versanden.


Dein Kommentar:

(alle Felder müssen ausgefüllt sein, sonst wird der Kommentar nicht angenommen!)

weiter