16.07.2010

Hans Magnus Enzensberger: Hammerstein oder Der Eigensinn ****

Buch-CoverEher zufällig hörte ich von der 2008 veröffentlichten »Biografie« des deutschen Generals Kurt von Hammerstein von Hans Magnus Enzensberger. Nachdem ich kurz in eine Leseprobe im Internet hineingelesen hatte, war klar, dass ich dieses Buch lesen wollte. Das ist nun geschehen und ich muss sagen, dass ich es als eine sehr interessante, spannende und anregende Lektüre empfunden habe.

Enzensberger erzählt von der rasanten Karriere die Kurt von Hammerstein zunächst hinlegte und wie er schließlich zum Chef der deutschen Heeresleitung wurde. Es ist gegen Ende der Weimarer Republik und Hitler schickt sich an die Herrschaft in Deutschland an sich zu reißen. Kurt von Hammerstein steht Hitler von Anfang an sehr skeptisch bis ablehnend gegenüber und als Hitler schließlich vor einigen Generälen seine Pläne für den zweiten Weltkrieg darlegt, ist das der Moment, in dem Kurt von Hammerstein sich entscheidet seinen Abschied zu nehmen. Freilich ist das nicht der einzige Grund, denn Spannungen gab es schon vorher und vor allem sein Freund von Schleicher, der letzte Reichskanzler der Weimarer Republik, war den Machtkämpfen bereits zum Opfer gefallen. Kurt von Hammerstein hat mit erstaunlicher Klarsicht sehr früh gesehen, wohin Hitlers Politik und Vorhaben führen würde und er hat seine Konsequenzen daraus gezogen.

Enzensberger hat sich aber nicht auf den General selbst beschränkt, sondern er porträtiert zugleich auch dessen große Familie, weitere Verwandtschaft und Personen, mit denen der General Freundschaften pflegte oder denen er auf dienstlicher Ebene begegnete.

Die sieben Kinder des Generals liefern jeder für sich ebenfalls reichlich Stoff um diese Biografie um viele Aspekte zu bereichern. Der General ließ seinen Kindern alle Freiheiten in ihrer Entwicklung und formulierte einmal als Ziel seiner Erziehung, seine Kinder zu freien Republikanern zu machen. Zwei seiner Töchter hegten große Sympathien für den Kommunismus und spionierten für die Komintern, alle seine Töchter pflegten enge Beziehungen zu jüdischen Freunden und liierten sich mit Juden und zwei seiner Söhne waren im Widerstand und am Hitler-Attentat am 20. Juli, unter Federführung von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, beteiligt. Auch die anderen Kinder haben sehr bewegte und ungewöhnliche Lebensläufe, die es Enzensberger ermöglichen ein breites Panorama der damaligen Zeit aufzuzeigen und die Entwicklungen vielseitig nachzuzeichnen.

Für die Recherche hat er in den privaten Archiven der Familie aber auch in zahlreichen anderen Archiven in Berlin, Moskau, München und Toronto geforscht. Es ist spannend anhand der Familiengeschichte derer von Hammerstein, ein Stück deutscher Zeitgeschichte zu verfolgen und manche interessante ergänzende Informationen zu erhalten. Teilweise erschreckend sind Parallel-Entwicklungen zur Gegenwart, die bereits stattgefunden haben oder sich gegenwärtig abzeichnen.

Hans Magnus Enzensberger hat aber keine reine Biografie vorgelegt, sondern eine Art Hybrid. Einerseits ist da die sachliche Biografie und Zeitgeschichte aber diese ergänzt er um Glossen und fiktive Totengespräche mit einigen der Protagonisten. Gegen diese Art der Mischung habe ich persönlich aber starke Bedenken, wenn es um Geschichtsthemen, Biografien u.ä. geht, weil für unbedarfte Leser damit schnell verschwimmt was nun Wahrheit und was Fiktion ist, was wiederum auch zu Legendenbildung und Geschichtsfälschung beitragen kann. Für meine Begriffe sind diese Teile die schwächsten des Buches und hätten ohne Schaden auch ganz weggelassen werden können. Für die Lektüre ist es sicher hilfreich, wenn nicht sogar zwingend, bereits über solide Kenntnisse zur damaligen Zeitgeschichte zu verfügen.


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