28.04.2010

Yasmina Khadra: Die Schuld des Tages an die Nacht ****

Buch-CoverYasmina Khadra (das Pseudonym für den algerischen Schriftsteller Mohammed Moulessehoul) hat sich zunächst mit Krimis einen Namen gemacht, bevor er dann auch Romane schrieb, wie »Die Schwalben von Kabul« oder »Die Sirenen von Bagdad«. Sein neuester ins Deutsche übersetzter Roman trägt den Titel »Die Schuld des Tages an die Nacht« und erzählt die Lebensgeschichte von Younes (Jonas), der einer algerischen arabischstämmigen Familie angehört und einer Liebe, die keine Erfüllung findet, weil die äußeren Umstände immer wieder im Wege stehen.

Es ist Younes selbst, der sich zurückerinnert und diese Geschichte, die ihren Ausgang in einem ärmlichen Dorf in der Provinz nimmt, erzählt. Dort schuftet sein Vater auf einem winzigen gepachteten Stückchen Land, um die Familie durchzubringen. Die Pachtzahlung steht an und der Vater setzt alle Hoffnung auf die heranreifende reiche Ernte, doch kurz vor der Ernte zünden Neider seine Felder an und vernichten die Ernte. Die Pacht kann nicht gezahlt werden und Younes Familie wird vor die Tür gesetzt.

Der Vater läßt sich nicht entmutigen und geht mit seiner Familie in die Stadt Oran, wo sein älterer Bruder als wohlhabender Apotheker arbeitet. Der bietet ihm sogleich auch Hilfe finanzieller Art an, doch Younes Vater ist ein stolzer Mann und lehnt empört ab. Er will seiner Familie aus eigener Kraft ein neues Heim schaffen und Younes und seiner Schwester eine gute Zukunft ermöglichen. Die Familie zieht in eine Art Slum in eine erbärmliche Unterkunft aber durch die Schufterei des Vaters bessern sich die Lebensumstände zumindest in Kleinigkeiten nach und nach.

Younes Onkel bietet an Younes bei sich aufzunehmen und ihm eine gute Schulbildung zu ermöglichen, doch auch das lehnt sein Vater ab bis ihn weitere Schicksalsschläge mürbe machen und er den Sohn schließlich doch seinem Bruder und dessen Frau überläßt. Die sind überglücklich und behandeln Younes wie ihren eigenen Sohn. Younes aber, der bisher nur bittere Armut kannte, findet sich plötzlich in einer ganz anderen Welt wieder und er lernt Émilie kennen, eine kleine Französin, die von seiner Mutter behandelt wird. Doch ihre Wege trennen sich bald wieder und er wird sie erst viele Jahre später in Río Salado wiedersehen. Dorthin ziehen sein Onkel und seine Tante mit ihm und dort findet er auch Freunde mit denen er die Jugendzeit erlebt. Sie sind einander verbunden und nahe wie »die Forken einer Gabel« und nichts scheint diesen Zusammenhalt zerstören zu können.

Doch Algerien gerät in den Taumel der afrikanischen Unabhängigkeitsbestrebungen und das Leben von Younes und seinen Freunden wird davon stark beeinflusst ebenso wie ihre Freundschaft. Der Kampf Algeriens um seine Unabhängigkeit fordert dem Land blutige Opfer ab, viele Menschen sterben oder werden entwurzelt oder entfremden sich aufgrund unterschiedlicher politischer Entwicklungen und eine Liebe zwischen einem Algerier und einer Französin steht in diesen Zeiten ebenfalls unter keinem guten Stern.

Mir hat dieser Roman wirklich gut gefallen und das gleich aus mehreren Gründen. Zum einen, gewährt Khadra seinen Lesern einen seltenen Blick in das Leben in Algerien unter französischer Herrschaft ebenso wie zur Zeit des Unabhängigkeitskampfes und des jungen selbständigen algerischen Staates. Zum anderen beschreibt er einfach wunderbar die - relativ unbeschwerte - Jugendzeit dieser algerischen Jungen, ihre ersten Verliebtheiten und Lieben, ihre unterschiedlichen Entwicklungen und ihre Freundschaft, die starken Bewährungsproben ausgesetzt wird. Interessant fand ich auch, was er vom Leben, Denken und Empfinden der Exilanten zu erzählen hat. Es ist in Teilen ein sehr anrührender Roman, der aber nirgendwo schwülstig wird sondern mit viel Feingefühl den verschiedenen Schicksalen nachspürt.

Es ist schon beeindruckend, mit welcher Regelmäßigkeit Yasmina Khadra Romane von großer Komplexität auf gleichbleibend hohem Niveau schreibt. So wurde dieser Roman bereits wieder mit mehreren Literaturpreisen bedacht - zu Recht, wie ich finde.


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