17.04.2010

Matt Beynon Rees: Der Tote von Nablus ****

Buch-CoverDen dritten Band aus Matt Beynon Rees Krimi-Reihe um Omar Jussuf, der als Lehrer Kinder in den palästinensischen Gebieten unterrichtet und nebenher als eine Art Privatdetektiv unterwegs ist, habe ich schon gespannt erwartet.

In »Der Tote von Nablus« reist Omar Jussuf mit seiner Familie nach Nablus, um dort an der Hochzeit eines Freundes, des Polizisten Sami Dschaffari, teilzunehmen, nimmt der ihn mit zu einem Besuch in einem Dorf der Samaritaner. Der Diebstahl einer uralten und für diese religiöse Gruppe höchst bedeutsamen Schriftrolle wurde angezeigt und Sami will sich vor Ort informieren, was geschehen ist. Da er weiß, dass Omar Jussuf sich als Geschichtslehrer dafür interessiert, hat er Omar Jussuf eingeladen, ihn zu begleiten. Doch die Schriftrolle ist bereits wieder in Händen der Samaritaner. Ein Unbekannter hat sie offenbar zurückgegeben. Der Fall scheint gelöst, doch gerade als Sami und Omar Jussuf das Dorf wieder verlassen wollen, kommt die Nachricht, dass man einen Toten entdeckt hat.

Vor Ort stellt sich heraus, dass der Tote offenbar gefoltert und grausam ermordet wurde. Obendrein ist er der Sohn des höchsten Priesters der Samaritaner. Zur Überraschung von Sami und Omar Jussuf stellt sich heraus, dass der Tote trotz seines noch jugendlichen Alters als Finanzchef für Jassir Arafat gearbeitet hat. Arafat ist zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben, der junge Mann ist in sein Heimatdorf und seinen Leuten zurückgekehrt, doch offenbar hat ihn nun seine Vergangenheit eingeholt. Es stellt sich nämlich weiter heraus, dass er offenbar Bescheid wußte über den Verbleib von 300 Millionen Dollar verschwundener Hilfsgelder für die Palästinenser. Hat jemand versucht, die Informationen darüber aus ihm herauszuprügeln? Oder steckt noch etwas anderes hinter dem Mord?

Die palästinensische Polizei ist äußerst zögerlich in dem Fall weiter zu ermitteln. Sie fürchtet mächtige Hintermänner aus Fatah und Hamas. Omar Jussuf aber kann den Toten nicht vergessen und will den Fall nicht auf sich beruhen lassen. Zumal er auf eine junge Frau trifft, die im Auftrag der Weltbank ebenfalls nach dem verschwundenen Geld forscht. Sollte dieses nicht bis zu einer bestimmten Frist wieder auftauchen, droht ein Boykott aller weiteren Zahlungen an die Palästinenser. Für diejenigen Palästinenser die an Machtpositionen sitzen und sich auf Kosten ihres Volkes bereichern, weiter kein Beinbruch, doch Omar Jussuf weiß, was ein solcher Boykott für das einfache Volk bedeuten würde und schon deshalb will er unbedingt herausfinden was geschehen ist und wo das Geld abgeblieben ist.

Wie gefährlich sein Vorhaben ist, wird ihm spätestens dann bewußt, als er nur mit viel Glück einem Mordanschlag entgeht. Zwischen den Gruppierungen von Fatah und Hamas in Nablus brodelt es ebenfalls heftig und Omar Jussuf erfährt von einem häßlichen Gerücht über Jassir Arafat, dass von der Hamas bewußt gestreut wird, um die Fatah zu diskreditieren. Offenbar existieren »Schmuddelakten«, die Arafat über potentielle Gegner angelegt hat und die jetzt in den Händen anderer gelandet sind, die diese nutzen können, um einzelne Gegner zu erpressen und zu kontrollieren.

Als dann auch noch der militärische Führer der Hamas in Nablus ermordet wird, prallen die beiden Gruppierungen blutig aufeinander, gesteuert von mächtigen Strippenziehern im Hintergrund. Ist der junge tote Samaritaner vielleicht im Besitz dieser »Schmuddelakten« gewesen und ermordet worden, weil jemand diese Akten in die Hände bekommen wollte. Oder ist er wegen seiner Homosexualität ermordet worden, sei es von einem enttäuschten Liebhaber, sei es »wegen der Schande« von jemandem aus seinem eigenen Volksstamm?

Zusammen mit Sami Dschaffari und seinem Freund Chamis Sejdan, dem Polizeichef von Bethlehem, versucht Jussuf Omar, das Geheimnis zu lösen und die verlorenen Millionen noch vor Ablauf der von der Weltbank gesetzten Frist zu finden.

Auch dieser neue Band aus Matt Beynon Rees Krimi-Reihe ist wieder höchst interessant und aufschlußreich zu lesen. Zum einen erfährt der Leser interessantes über das Leben und die Riten der Samaritaner, zum anderen über die politischen innerpalästinensischen Streitigkeiten und die z.T. unheilvollen Verquickungen von persönlichen Biographien mit der politischen Situation. Man darf gespannt sein, was sich Matt Beynon Rees für den nächsten Band und seinen Helden Omar Jussuf einfallen läßt.

Kürzlich bin ich noch auf ein sehr interessantes Interview mit Matt Beynon Rees gestoßen, dass man bei Interesse hier nachlesen kann.


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