07.03.2010
Dieter Wellershoff: Der Himmel ist kein Ort ****

Ich weiß nicht mehr, wie ich auf Dieter Wellershoff und seinen jüngsten Roman »Der Himmel ist kein Ort« aufmerksam geworden bin. Doch das wenige, das ich vorab über den Roman hörte, ließ mich neugierig werden. In »Der Himmel ist kein Ort« erzählt der fast fünfundachtzigjährige Wellershoff mit eindringlicher Stimme eine Geschichte, die in mehrfacher Weise unter die Haut geht.
Da ist der junge protestantische Pfarrer, Ralf Henrichsen, seiner selbst und seines Glaubens unsicher, der versucht seiner Gemeinde ein guter Pfarrer zu sein und seiner Kirche ein treuer Diener, während er gleichzeitig versucht seine eigenen Zweifel und Ängste gegenüber Gott und tiefe emotionale Verletzungen zu verdrängen.
Eines späten Abends wird Ralf Henrichsen als Notfallseelsorger zu einem furchtbaren Unfall gerufen. Ein Auto ist in einen Baggersee geraten. Der Fahrer konnte sich gerade noch aus dem Auto retten, seine Frau und sein Sohn aber gehen mit dem Auto unter. Bis Hilfe eintrifft, ist die Frau tot und der Sohn kann zwar geborgen werden, kommt aber mit einem schweren irrevesiblen Gehirnschaden und im Wachkoma ins Krankenhaus.
Karbe, der überlebende Fahrer, ist ein schwieriger und unzugänglicher Mensch. Der Pfarrer in dem Versuch, ihm in seinem Leid beizustehen, gerät im Nu an die Grenzen seiner religiös motivierten Nächstenliebe. Erst recht als Gerüchte aufkommen, dass der Unfall vielleicht gar kein Unfall war und als scheinbar immer mehr Hinweise auftauchen, die diese Gerüchte zu untermauern scheinen. Die Mitglieder seiner Gemeinde sind sich schnell einig, dass Karbe ein Täter und nicht Opfer ist. Der Pfarrer hingegen verteidigt Karbe und hält an dem Grundsatz: »Im Zweifel für den Angeklagten« bzw. der Unschuldsvermutung fest und bringt damit nicht nur die Gemeinde sondern auch seine Vorgesetzten gegen sich auf. Sechs Kirchenaustritte wegen seiner offen geäußerten Haltung und Meinung und vielleicht weitere, die noch folgen könnten, werden von seinen Vorgesetzten nicht einfach hingenommen. Vielmehr wird Heinrichsen auf einen theologischen Kongress nach Hamburg geschickt und soll anschließend gleich noch Urlaub machen. So hoffen die Vorgesetzten wieder etwas Ruhe in die aufgewühlte Gemeinde zu bringen.
Henrichsen, inzwischen völlig verunsichert, unterwirft sich der freundlich verbrämten Zwangspause und fährt zu dem Kongress, der aber völlig an seiner eigenen Realität und seinen Bedürfnissen bzw. denen seiner Gemeinde vorbeigeht. Er beschließt vorzeitig vom Kongress abzureisen und eine geheimnisvolle Frau, eine geschiedene Deutsch-Argentinerin, die er auf einer Hochzeit kennengelernt und die danach brieflich Kontakt mit ihm aufgenommen hat, zu besuchen. Es ist die Hoffnung auf ein menschliches Gegenüber, das ihm Verständnis und Liebe entgegenbringt und vielleicht sogar einen neuen Lebensentwurf möglich machen könnte. Doch auch diese Versuch mit der Situation umzugehen, geht für Henrichsen nicht gut aus.
Erneut auf sich selbst geworfen, ferner von Gott als je zuvor, kehrt er denoch in seine Gemeinde zurück. Inzwischen hat sich Karbe das Leben genommen, was dazu führt, dass sich die Gemüter wieder beruhigen und die Gemeinde wieder in ihre Lethargie zurücksinkt. Henrichsen selbst scheint sich in die Gegebenheiten zu fügen und übernimmt wieder seine Pflichten in der Kirchgemeinde.
Ich muss sagen, dass mich Wellershoff mit diesem Roman wirklich gepackt hat. Die Geschichte wird glaubhaft erzählt, die wabernden Verdächtigungen bringen Spannung hinein und die Menschen in ihrer Einsamkeit sowohl in Bezug auf andere Menschen wie auf Gott, sind so verloren, dass es schmerzhaft zu lesen ist. Auch die Kirche als Institution hat keine tragfähigen Antworten zu bieten, vielmehr formuliert einer der Theologen auf dem Kongress es so, dass sie alle im Grunde den Glauben simulieren. Simulierter Glaube aber trägt in der Krise nicht. Für theologisch Interessierte oder gar Gebildete sind die Diskurse und Gespräche, die Henrichsen mit Mitgliedern seines Presbyteriums und seinen Theologenkollegen auf dem Kongress führt zum Teil sehr interessant zu lesen. Für glaubens- bzw. kirchenferne Leser, dürften diese Passagen aber zu lang und weitestgehend auch unverständlich sein.
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