09.01.2010

David Benioff: Stadt der Diebe *****

Buch-CoverDavid Benioff hat mit »Stadt der Diebe« einen tollen Roman geschrieben, in dem er Erinnerungen seines russischen Großvaters an die Zeit der Belagerung von Leningrad im Zweiten Weltkrieg verarbeitet hat.

Der siebzehnjährige Halbjude Lew (die literarische Figur, die seinem Großvater nachempfunden ist) ist im von den Deutschen belagerten Leningrad der »Kommandeur« eines kleinen Feuertrupps und bewacht mit einigen anderen Jugendlichen nachts die Dächer seines Wohnkomplexes. Sein Vater war ein Dichter und wurde eines Tages als Lew noch klein war vom NKWD abgeholt und kehrte nie zurück. Seiner Mutter und Schwester ist es gelungen aus Leningrad zu fliehen, bevor sich der Belagerungsring schloss.

Eines Nachts beobachten der introvertierte und schüchterne Lew und seine Freunde, wie ein toter deutscher Fallschirmspringer »landet«. Sie durchsuchen den Toten und nehmen ihm einige Dinge ab. Da tauchen Soldaten auf und verfolgen die Gruppe. Lew wird schließlich gestellt und landet im berühmt-berüchtigten Kresty-Gefängnis. Auf Plünderung stand damals die Todesstrafe. Ertappte Plünderer wurden häufig an Ort und Stelle erschossen. Doch Lew landet im Gefängnis und lernt dort in der ersten Nacht Kolja, einen Soldaten kennen, der fern seiner Truppe aufgegriffen und wegen Fahnenflucht ins Gefängnis geworfen wird. Kolja sieht blendend aus und ist ein Charmeur erster Güte mit einem schier endlosen Optimismus.

Am nächsten Morgen werden beide einem Oberst vorgeführt und der macht einen Handel mit ihnen. Für die Hochzeit seiner Tochter will er eine Hochzeitstorte und verlangt von Lew und Kolja ihm binnen einer Woche ein dutzend frische Hühnereier zu besorgen. Im ausgehungerten Leningrad schier ein Ding der Unmöglichkeit aber Lew und Kolja lassen sich auf den Handel ein und begeben sich auf eine abenteuerliche Tour, zunächst durch Leningrad und später zu einer Geflügelfarm hinter den feindlichen Linien, wo sie hoffen, die Eier zu bekommen.

Doch natürlich ist das ein wahnwitziges Unternehmen und so dauert es nicht lange, bis die beiden sich fortgesetzten Gefahren ausgesetzt sehen. Feindlichen deutschen Soldaten müssen sie aus dem Weg gehen und gleichzeitig aufpassen, nicht von russischen Soldaten oder Partisanen erschossen zu werden, bevor sie ihren Passierschein, den ihnen der Oberst ausgestellt hat, vorzeigen zu können.

Während Lew immer wieder der Mut sinkt und die Kraft auszugehen droht, ist Kolja immer guter Dinge und muntert Lew auf und versorgt ihn gleich noch mit einer Menge Lebensweisheiten. Obendrein lernen sie unterwegs die Partisanin und Scharfschützin Vika kennen, die Lew ungeheuer beeindruckt. Sie hat es auf einen Deutschen Oberst abgesehen, der ungeheuer grausam gegen Russen vorgeht. Die drei machen sich gemeinsam daran, diesen Oberst aus dem Weg zu räumen und plötzlich findet sich Lew, der eher ängstlich ist, in einer Situation wieder, in der der Erfolg aller Unternehmungen von ihm und seinem Schachtalent abhängen.

David Benioff hat hier eine Geschichte erfunden, die mir sicher lange im Gedächtnis bleiben wird und eine interessante Balance zwischen Kriegsgrauen, Hunger und Grausamkeiten sowie Freundschaft, Treue und Humor hält und während der Lew Dank seiner Freunde zu einem selbstbewussten jungen Mann heranreift.

Ob Lew und Kolja das Dutzend Eier wirklich noch aufgetrieben haben, verrate ich natürlich hier nicht. Dazu müßt Ihr schon das Buch lesen.

Anke meinte dazu am 09.01.2010:

Das Buch steht schon eine Weile auf meinem Wunschzettel und ist nach Deiner Rezi jetzt ein Stük nach oben gerückt.
Bin auch schon sehr gespannt auf die nächste, denn den Wally Lamb hab ich zu Weihnachten bekommen (auch vom Wunschzettel ;-)) )


buchmensch meinte dazu am 24.02.2010:

Man sollte vielleicht noch hinzufügen, dass Benioff eigentlich Regisseur - zum Beispiel„Troja“ - ist. Er hat daher auch den gewissen Sinn für einen spannenden Plot - und für Bilder. Es sollte nicht wundern, wenn dieses Buch auch verfilmt wird ;-)


Helmuth Lang meinte dazu am 01.08.2010:

Wenn Jemand so wie der Herr Benioff, 1970 geboren wurde, einen historischen Roman, der ein wenig auch noch ein Zeitgeschichtlicher ist, schreibt, ist das von Vornherein spannend. Die Geschichte beginnt 1941,1942 so dass ein damals 18 Jahre alter Mensch 2008, als das Buch fertig war, 86 Jahre alt war und es sicher noch viele gibt die sich auch noch erinnern können. Er musste also entweder jemanden zur Hand (vielleicht in der Familie) und sehr gut recherchiert haben. Er erwähnt zwei Bücher die ihm als Quellen gedient haben und soweit ich das beurteilen kann ist das wirklich sehr gut und um viel Objektivität bemüht gemacht.
Natürlich ist es eine Geschichte die komplett in der ganz besonderen Ausnahmesituation der Belagerung von St. Petersburg spielt. Sicher ist das Alles was er da schildert und vielleicht noch Ärgeres passiert. (und passiert auch Heute noch, nur nicht in unserer Nähe) So gesehen ist es die Bestie im Menschen die er da auch schildert aber eben nicht nur. Ein Zweites, das es sicher auch gibt, wenn es auch nicht immer wahrscheinlich ist, ist dieser Wunsch, diese Begierde nach praktizierter Sexualität, fast schon verhungert immer frierend und unter dem Risiko, wegen unerlaubter Entfernung von der Truppe erschossen zu werden, muss diese Befriedigung sein. Den Schilderungen der Grausamkeiten und dieser sexuellen Männerfantasien, so könnte man es nennen, hätte auch weniger Raum genügt.
Neben der sicher in der Sache sehr guten und spannenden Schilderung, wird auch gezeigt dass auch unter grausamsten Umständen der Mensch immer irgendwo und irgendwie, wenn auch minimalst, aber doch, Hoffnung und Freude empfinden muss um überhaupt weiter existieren zu können. Dass man sich in unserer Situation das einfach nicht vorstellen kann ist auch klar, aber der Mensch kann, wenn es unbedingt notwendig ist, eine ungeheuere Wandlungsfähigkeit zeigen, die, uns vollkommen unerträglich vorkommende Situationen, überlebbar machen. Ein klein wenig davon habe ich erlebt, wenn ich auch noch sehr jung war, diese Erkenntnis ist geblieben.
So ist es auch möglich dass sich zwischen den um sein Leben kämpfenden mit dem Messer Menschen erstechenden Jüngling und dem Mädchen, das mit Talent aus großer Entfernung jeden Menschen erschießt, der als Feind erkannt ist, eine derartig zarte von kindlicher Scheu durchwobene Liebesgeschichte entwickelt von der sogar an Happy End in Aussicht gestellt wird.
Natürlich ist einer der Hauptträger des Buches die so vollkommene Unterschiedlichkeit von Kolja und Lew, die durch ein willkürliches Schicksal für einige Zeit aneinander gebunden sind um zu überleben. Sicher ist es ein wenig Klischee, wenn der körperlich schwache, jugendlich für den Kampf für das Vaterland begeisterte, sehr gebildete und großartig Schach spielende und in der entscheidenden Situation über sich hinaus wachsende Lew ein Jude oder besser Halbjude ist. Es hat sicher tausende gleichartige junge Russen nicht aus einer jüdischen Familie stammend, auch gegeben.
Kolja ist schon fast märchenhaft überhöht mit seiner einmal großartigen Kondition und seinem permanenten jede Gefahr ignorierenden und mit ungeheuerer Frechheit dargebotenem Optimismus. Aber fast Solche hat es sicher auch gegeben in solchen vollkommen abnormalen Ausnahmesituationen.
Ein besonderes sicher auch schon fast sagenumwobenes Stück Zeitgeschichte, spannend aber nicht wirklich verfälscht und sehr gut recherchiert in einem guten nicht immer locker zu lesendem Roman verpackt.
Gefallen ist vielleicht der falsche Ausdruck aber gut ist die Geschichte.


Liisa meinte dazu am 02.08.2010:

Vielen Dank Herr Lang für die ergänzende Buchbesprechung!



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