01.01.2010
Juli Zeh: Corpus Delicti ****

Mit dem Roman »Corpus Delicti von Juli Zeh wollte ich das Lesejahr 2009 abschließen und Dank der Feiertage ist das nun auch gelungen.
Was die deutsche Autorin Juli Zeh angeht, bin ich ziemlich «ambivalent». Einerseits imponiert mir, wie sie sich ohne Scheu zu politischen Themen äußert und das kompromisslos und eindeutig, was heutzutage ja nicht mehr so selbstverständlich ist. Andererseits bin ich mir aber über ihre Motive manchmal nicht ganz sicher gewesen, was mich eher zurückhaltend bzw. noch abwartend bleiben läßt. Doch gerade im letzten Jahr habe ich einiges von ihr gehört, dem ich vorbehaltlos zustimme und was mich vermuten läßt, dass sie tatsächlich unter den jüngeren deutschsprachigen Autoren jemand ist, der auch politisch wirklich etwas zu sagen hat.
Warum ich nun ausgerechnet zu «Corpus Delicti» gegriffen habe, liegt daran, dass ich zum einen sehr interessant fand, was ich im Vorfeld über diesen Roman hörte und Juli Zeh sich darin mit einer Thematik auseinandersetzt, die auch mich zunehmend bewegt und in der ich ein ebenso großes Gefahrenpotential sehe, wie sie offenbar auch.
«Corpus Delicti» spielt in der Mitte des 21. Jahrhunderts und erzählt von den Geschwistern Moritz und Mia, die in einer Art Gesundheitsdiktatur leben. Es existiert eine Methode der totalen Gesundheitsüberwachung, körperliches Training ist für alle Bürger selbstverständlich, alle medizinischen Daten werden per Chip ständig überwacht, alle Gesundheitsdaten sind jederzeit abrufbar und können im Zweifelsfalle auch gegen einen Bürger verwendet werden, Früherkennung ist ein wichtiger Bestandteil des Systems.
Mia, eine Naturwissenschaftlerin, hat sich mehr oder weniger mit diesem System arrangiert. Ihr Bruder Moritz ist freiheitsliebender und bricht immer wieder aus dem engen Überwachungskorsett aus und begeht Ordnungswidrigkeiten bzw. Straftaten, z.B. indem er raucht, etc. Dann wird Moritz einer Vergewaltigung mit anschließendem Mord angeklagt und da seine DNA im Opfer gefunden wurde auch verurteilt obwohl er bis zuletzt seine Unschuld beteuert hat. Moritz begeht mit Mias Hilfe im Gefängnis Selbstmord.
Mia selbst kommt aber darüber nicht hinweg und ist überzeugt davon, dass ihr Bruder wirklich unschuldig war, auch wenn der DNA-Fund gegen ihn spricht. In ihrer Trauer beginnt sie Dinge zu hinterfragen und Fragen zu stellen und obendrein «vernachlässigt» sie sich selbst, was natürlich bei der Überwachung gleich auffällt.
Mias Verhalten wird vom Staat als das Gemeinwohl gefährdend eingestuft und ehe sie es sich versieht, findet sie sich selbst vor Gericht wieder. In einem aufsehenerregenden Schauprozess wird sie zur Anführerin einer terroristischen Gruppe erklärt und schließlich zum sog. «Scheintod» (die Verurteilten werden quasi eingefroren) verurteilt. Für Mia ist die Hinnahme dieses Urteils ein Akt der Freiheit, doch noch hat das diktatorische System sein Spiel mit ihr noch nicht beendet.
Mir hat «Corpus Delicti" wirklich gut gefallen. Die Geschichte ist plausibel, die Gefahren die Juli Zeh anhand der Geschichte aufzeigt, durchaus nicht so weit hergeholt und auch die Art und Weise, wie sie diese Geschichte erzählt hat mir zugesagt.
Anke meinte dazu am
01.01.2010:
Ich bin eigentlich schon ein Fan von Juli Zeh, deshalb freue ich mich über diese Rezension und werd das Buch sicher 2010 lesen.
Tanja meinte dazu am
02.01.2010:
Ich habe das Buch auch ausserordentlich geschätzt und es 2009 oft verschenkt.
sabine meinte dazu am
25.01.2010:
mich hinterlässt juli zeh auch meist ambivalent. als erstes las ich spieltrieb ... und war begeistert. adler und engel schaffte ich nicht über die ersten paar seiten hinaus. sehr, sehr gut gefallen hat mir Die Stille ist ein Geräusch: Eine Fahrt durch Bosnien.
Lieben Gruß
Sabine
Liisa meinte dazu am
26.01.2010:
Hallo Sabine! Danke für Deine Rückmeldung zu Juli Zeh und ihren Büchern. Werde mir mal die beiden Bücher von ihr, die Du hier positiv erwähnt hast, genauer anschauen!
Anett meinte dazu am
29.03.2010:
Hallo Liisa,
wer oder was ist deiner Meinung nach das „Corpus Delicti“ dieser Dystopie?
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