26.10.2009

Herta Müller: Atemschaukel *****

Buch-CoverIch muss gestehen, dass die diesjährige Literaturnobelpreisträgerin erst kurz vorher auf meinem eigenen literarischen Radar auftauchte und zwar als sie für ihr Buch »Atemschaukel« für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Damals war ich selbst etwas überrascht, dass ich nicht schon lange vorher auf sie aufmerksam geworden war, denn die Themen, um die ihre Romane kreisen, sind Themen zu denen ich schon viel Literatur gelesen habe und nach Schriftstellern mit diesen Themen habe ich eigentlich immer Ausschau gehalten. Warum also Herta Müller bisher von mir unentdeckt blieb wunderte mich. Ich beschloss Atemschaukel so bald wie möglich zu lesen und ließ mich in der Bibliothek meines Vertrauens für den Roman vormerken. Wenige Tage später kam die Meldung, dass sie den Literaturnobelpreis erhalten wird. Nun war ich natürlich noch gespannter auf den vorbestellten Roman.

In den letzten Tagen habe ich »Atemschaukel« gelesen und bin immer noch sehr bewegt von dem, was ich gelesen habe. Der 17jährige Leopold Auberger erhält den Bescheid, dass er nach Rußland deportiert werden soll. Die ganze Familie ist entsetzt, nur Leopold eigentlich nicht. Er will nur eines, endlich weg von zuhause und erst nach und nach wird er begreifen, was diese Deportation tatsächlich bedeutet. Zunächst aber scheint alles wie ein großes Abenteuer. Doch die Strapazen und Grausamkeiten des Arbeitslagers lehren ihn schnell Lektionen, die er für den Rest seines Lebens nicht mehr vergessen wird. Er ist ein genauer Beobachter seiner Umgebung, der Menschen um ihn herum und vor allem seiner selbst. Im Kampf ums Überleben ist sich im Lager jeder selbst der Nächste und doch gibt es bestimmte Regeln, die auch in diesem Kampf noch gelten und hochgehalten werden. Wertesysteme verschieben sich komplett, Dinge und Begriffe, Worte erhalten neue Definitionen, die sich aus dem Lagererleben speisen. Allgegenwärtig ist der Hunger und das, was der Hunger mit dem Menschen anstellt. Für eine Generation, die nie Hunger erfahren hat, sind gerade auch diese Schilderungen und Beschreibungen erhellend und berührend. Etwa wenn die Rede davon ist, dass Leopold Auberger »Dampf kaut«, weil der Dampf nach Brot riecht und er sich so die Illusion erhält, etwas zu kauen zu haben oder wenn er davon erzählt, wie das Brot, dass man mit einem anderen gegen etwas tauscht, in der Hand des anderen plötzlich immer viel größer erscheint, als es in der eigenen Hand aussah.

Über »Atemschaukel« ist seit der Bekanntgabe der Verleihung des Literaturnobelpreises an Herta Müller schon an vielen Stellen viel gesagt und geschrieben worden. Ich will also nicht einfach nur wiederholen, was längst zigfach zu hören und zu lesen war. Sagen möchte ich aber doch, dass dieser Roman ein wichtiges Zeitzeugnis - gerade auch für die sog. Nachgeborenen - ist, denn auch an das was Menschen in den russischen Arbeitslager erlebt und erlitten haben, sollte sich erinnert werden und zweitens ist Herta Müllers Sprache wirklich ganz außergewöhnlich, poetisch und schön. Das Überraschende ist daran auch, dass dadurch die geschilderten Umstände und Geschichten nicht süßlich verpackt wirken, sondern sogar teilweise durch diese poetische Sprache noch klarer und deutlicher werden. Es gibt in diesem Roman kein überflüssiges Wort.

Connie meinte dazu am 26.10.2009:

Danke, Liisa,

für diese schöne Rezension!
Die Atemschaukel ist wirklich ein grossartiges und wichtiges Buch.


Martin Stauder meinte dazu am 27.10.2009:

Herzlichen Dank für diese sehr ansprechende Rezension. Z.Zt. arbeite ich mich durch das Frühwerk von Herta Müller. Auf „Atemschaukel“ freue ich mich jetzt schon. Eine Autorin mit großer Schreibbegabung und gewichtigen Themen.


Liisa meinte dazu am 28.10.2009:

Vielen Dank Connie, für das positive Feedback. Ich freue mich, dass Dir die Rezension gefällt.

Vielen Dank auch an Sie, Herr Stauder, für ihre Reaktion. Ich habe auf jeden Fall vor auch noch mehr von Herta Müller zu lesen, habe aber noch nicht entschieden, was als nächstes.


Markus Kolbeck meinte dazu am 28.10.2009:

Der Betreiber des erst kürzlich von mir entdeckten Weblog e.script liest zurzeit die Atemschaukel und dokumentiert das heftig.


Liisa meinte dazu am 28.10.2009:

Danke für den Hinweis auf die Besprechung bei e.script, Markus!


Anna meinte dazu am 28.10.2009:

Habe soeben „Herztier“ gelesen, bin aber leider mit dem Buch gar nicht warm geworden. Nach dieser Rezension werde ich aber vielleicht noch ein Mal versuchen, etwas von Frau Müller zu lesen.


mona lisa meinte dazu am 30.11.2009:

Wir haben diesen Roman offensichtlich zeitgleich gelesen, wenngleich ich die Rezension erst heute veröffentlicht habe. Ich habe lange gebraucht, um zu klären, ob ich den vielen Rezensionen noch eine hinzufügen soll.



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