19.08.2009

Philippe Claudel: Brodecks Bericht *****

Buch-CoverVor über vier Jahren las ich den Roman »Die grauen Seelen« des französischen Schriftstellers Philippe Claudel. Der Roman hat mich doch tiefer beeindruckt, als ich im ersten Moment dachte und der Name Philippe Claudel blieb mir daher lebhaft im Gedächtnis. Als ich dann kürzlich mitbekam, dass es einen neuen Roman von ihm gibt, war mein Interesse geweckt.

Sein jüngster Roman trägt den Titel »Brodecks Bericht« und erzählt von einem fiktiven abseits gelegenen Ort, in dem eines Tages ein Fremder auftaucht. Der erregt den Argwohn und das Mißtrauen der Dörfler und wird schließlich in einer gemeinschaftlichen Tat von ihnen ermordet. Brodeck ist als Kind selbst in dieses Dorf gekommen, also nicht dort geboren, und hat dort eine Art neue Heimat gefunden. Er selbst war bei dem Mord nicht anwesend, verfügt aber über etwas mehr Bildung und wird daher von den Männern des Dorfes gedrängt einen Bericht über die Vorkommnisse zu schreiben. Widerwillig macht er sich an diese Aufgabe. Doch nicht nur das, er verfaßt einen zweiten Bericht über sein eigenes Leben und die Dinge, die ihm zugestoßen sind und die sind ebenfalls dramatisch.

Offenbar spielt der Roman nach einem Krieg (dem 2. Weltkrieg?!) und Brodeck ist nicht nur eine Art Aussenseiter, weil er ein Zugezogener ist sondern auch weil er offenbar jüdischer Abstammung ist. Beim Überlegen, wo dieser Roman spielt dachte ich teilweise an das Elsaß, fühlte mich aber in manchen Teilen auch an Österreich erinnert. Philippe Claudel benennt all das nicht mit Klarnamen oder eindeutigen Bezeichnungen. Vielmehr läßt er die Menschen in einer Art Dialekt sprechen und hat neue Begriffe dafür geschaffen, die aber bezeichnend sind. So werden die (deutschen?!) Besatzer, die das Dorf im Krieg heimsuchten, als »Fratergekeime« bezeichnet. Der Begriff »Kazerskwir« steht für den Begriff »Konzentrationslager«. An dieser Stelle muss ich der deutschen Übersetzerin des Romans ein großes Lob aussprechen: Christiane Seiler hat diese Aufgabe mit Bravour gemeistert!

Auch wenn die Andeutungen auf den 2. Weltkrieg, den deutschen Nationalsozialismus, die Judenverfolgung, die Konzentrationslager usw. klar sind, wird doch deutlich, dass es Philippe Claudel um mehr geht als nur eine Geschichte aus dieser Zeit zu erzählen. Vielmehr hat der Roman etwas parabelhaftes und die grundlegenden Themen um die er sich dreht reichen weit über diese Zeit hinaus - sowohl in die Vergangenheit wie in die Zukunft. Es sind die Themen von Krieg und Verfolgung, von Angst und dem daraus resultierenden Verrat und Schlimmeren, von Schuld und Vergebung, von Vergessen und Erinnern, von Heimat und Aussenseitertum.

Philippe Claudel hat einen eindrücklichen Roman geschrieben, voller Sätze über die es sich nachzudenken lohnt. Einen Roman, der die Abgründe des menschlichen aber auch die Kraft der Liebe aufzeigt und der mit seinen Figuren sicher noch lange bei den Lesern nachhallen wird. Für mich hat dieser Roman das Potenzial einer meiner Top-Romane des Jahres zu werden und ich empfehle ihn allen wärmsten zur Lektüre.


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