17.07.2009

Kerstin Ekman: Der Wald: Eine literarische Wanderung *****

Buch-CoverAuf das Lesen dieses Buches habe ich mich schon eine ganze Weile gefreut! Die schwedische Schriftstellerin Kerstin Ekman hat sich über Jahrzehnte ausführlich mit dem Wald ihrer Heimat und darüber hinaus auseinandergesetzt. Dass sie selber Besitzerin mehrere Waldparzellen ist, hat ihr zusätzliche Einsichten und Kenntnisse eröffnet. Herausgekommen ist ein über 500seitiges Buch, in dem sie sich mit allen möglichen Aspekten rund um den Wald beschäftigt.

Bis ins Mittelalter geht sie zurück und nimmt ihre Leser mit in das undurchdringliche Dunkel des Waldes, spürt den Ängsten der Menschen vor dem Wald nach, erzählt, wie manche Menschen entdeckten, dass der Wald aber auch Schutz bieten kann und dass der Wald häufig gerade den Ausgestoßenen und Aussenseitern der Gesellschaft zur Zuflucht wurde. Sie berichtet davon, wie die Menschen begannen den Wald und seinen Reichtum zu nutzen aber auch vom Preis (manchmal gar das des eigenen Lebens), den die Menschen dafür zahlen mußten. Sie beschreibt die unterschiedlichen Waldformen, Baumarten und die Tiere des Waldes. Natürlich darf auch der Wolf und die Beziehung zwischen ihm und den Menschen bis in unsere Tage hinein nicht fehlen. Sie erzählt vom Adel, der sich auf die Jagd oder zu Picknics in den Wald begab und von der armen Bevölkerung, die in ihrer Not wilderte oder Früchte des Waldes sammelte und von drakonischen Strafen bedroht war.

Sie spürt Aberglauben, Mythen und Legenden nach und verfolgt deren Spuren in Literatur, Kunst und Musik. Sie erzählt von geheimnisvollen dunklen Wesen, die angeblich im Wald hausen sollten, von Elfen und Riesen, von Räuberbanden, Hexen und Druiden, Heilkundigen und Kräuterfrauen. Sie erzählt von Märchen- und Liedersammlungen, die erstellt wurden und wie dort der Wald und seine fiktiven oder tatsächlichen Bewohner dargestellt werden. Ekmans Text wird auch immer wieder ergänzt durch Zitate aus alten Schriften und Büchern.

Auch in Wissenschaft und Justiz sucht Ekman nach allem, was mit dem Wald zu tun hat und zeichnet die Entwicklungen in diesen Bereichen nach. Natürlich ist vieles, was Ekman erwähnt und schreibt, direkt auf Schwedens Wälder bezogen aber sie schaut auch über die Grenzen hinaus in die Wälder anderer Länder und Entwicklungen dort und vieles, was sie über den schwedischen Wald und die Beziehung zwischen den Schweden und ihrem Wald schreibt, kann so auch auf andere Länder übertragen werden, auch wenn es hier und da leichte Unterschiede gibt.

Deutlich wird, dass der Wald schon immer eine große Projektionsfläche für die Menschen war und die Beziehung der Menschen zum Wald sehr komplex und vielschichtig ist. Wer sagt, er liebe den Wald, meint häufig nur noch den Abklatsch dessen, was einmal wirklicher Wald war. Die Menschen haben versucht die Schrecken des Waldes zu bannen. Mit Feuer, Äxten und Sägen und heute mit riesigen Maschinen, die den Menschen die meiste Arbeit beim Baumfällen abnehmen. Man hat Wege angelegt, Bänke aufgestellt, ja sogar an Müllbehälter wurde gedacht. Waldlaufpfade, Waldkindergärten, Waldcampingplätze wurden angelegt oder eingerichtet - alles um dem Wald seinen Schrecken zu nehmen und ihn quasi zu »zähmen«. Während es früher der Mensch war, der im Wald verwandelt bzw. tiefgreifend verändert wurde, ist es heute der Mensch, der den Wald verwandelt und tiefgreifend verändert, allerdings ohne wirklich zu begreifen was diese Veränderungen letztlich auch wieder für uns, die Menschen bedeuten werden.

Kerstin Ekman betrachtet die Entwicklung der Wälder bis in unsere Tage hinein, erwähnt neue Erkenntnisse der modernen Forstwirtschaft, zeigt die Folgen ungehemmten Kahlschlags in den Wäldern auf und wagt es auch ein wenig in die Zukunft zu schauen. In diesem lesenswerten Buch erfahren die Leser viel über die Geschichte und Kulturgeschichte des europäischen, speziell natürlich des schwedischen Waldes, darf teilhaben an den Ergebnissen weitgreifender Recherchearbeiten ebenso wie an sehr persönlichen Erlebnissen der Autorin mit und im Wald. Erwähnt sein soll auch noch, dass Kerstin Ekman bei aller Verteidigungsrede, aller Liebe und allem Verständnis für den Wald nicht einer Waldromantik oder gar esoterischen Natursicht verfällt. Sachlich wägt sie ab und liefert eine sehr umfassende Bestandsaufnahme des Waldes und dient damit letztlich dem Wald und seiner Erhaltung.

Am Ende des Buches findet sich eine umfangreiche Bibliographie, die es Interessierten ermöglicht, sich selbst weiter in das Thema Wald zu vertiefen. Sehr schön ist auch, dass sich im Buch an vielen Stellen Illustrationen, Abbildungen und viele von Kerstin Ekman selbst fotografierte Bilder finden.


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