19.06.2009

Rawi Hage: Als ob es kein morgen gäbe ****

Buch-CoverRawi Hage wurde in Beirut geboren und lebt heute in Kanada. Über den Bürgerkrieg im Libanon hat er nun seinen Debütroman abgeliefert und der hat im Literaturbetrieb bereits großes Aufsehen erregt.

In »Als ob es kein morgen gäbe« erzählt er aus der Sicht des Teenagers Bassam vom Leben im vom Bürgerkrieg gebeutelten Beirut in den 80er Jahren. Zusammen mit seinem Freund aus frühesten Kindertagen, George, lebt er ein wildes und ungehemmtes Leben immer bedroht von Scharfschützen und fallenden Bomben. Es ist der sprichwörtliche Tanz auf dem Vulkan.

Im ganzen Chaos der damaligen Zeit, im Terror der durch örtliche Milizen verschiedener Gruppierungen ausgeübt wird, versuchen die beiden jungen Männer doch so etwas wie ein normales Leben zu dem Alkoholkonsum, Frauen und Geld gehören, zu leben.

Die beiden Freunde nehmen aber eine unterschiedliche Entwicklung. Während George sich einer örtlichen Milizgruppe anschließt und mit denen gewalttätige und kriminelle Taten begeht, verweigert sich Bassam dem zunehmenden Druck, sich ebenfalls dieser Gruppierung anzuschließen. Er träumt von einem ganz anderen Leben in Rom oder Paris und sein ganzes Streben geht auf zwei Dinge hinaus: das nötige Geld dafür zusammen zu bringen und respektiert zu werden, was er notfalls auch mit der Waffe in der Hand einfordert bzw. durchsetzt. Auch Bassam kann sich den Gesetzen der Gewalt nicht entziehen und hat bald Blut an seinen Händen. Aber erst im Ausland, in Paris erfährt er schließlich die ganze Wahrheit über seinen Freund George, der kurz vor Bassams Abreise noch an den Massakern in den Flüchtlingslagern Schattila und Sabra teilgenommen hat.

Rawi Hage schreibt vor dem Hintergrund eigenen Erlebens und Bassam darf wohl als eine Art Alter-Ego verstanden werden. Es gelingt ihm sprachlich und erzählerisch das damalige Chaos authentisch und glaubwürdig zu fassen und zu vermitteln. Als Leser bekommt man etwas mehr Ahnung davon, was Journalisten und Menschen, die die damalige Zeit selbst in Beirut miterlebt haben, gemeint haben, wenn sie zusammenfassend vom »Chaos« sprachen. Das schmerzt teilweise beim Lesen und hat zumindest auf mich teilweise auch abstoßend gewirkt, gerade wenn es um den Umgang mit Frauen geht (Ich habe natürlich keine Ahnung, wie dieser Erzählton auf männliche Leser wirkt). Die Mischung aus einer mühsam bewahrten »Normalität«, Gewalttätigkeit, Sexismus, der natürlich bei Teenagern besonders ausgeprägt ist, Dekadenz und Krieg vermischt mit Religiösität und Politik erzeugte bei mir während des Lesens einen Widerwillen und als nächstes den Gedanken, wie es sich wohl auf lange Zeit auswirkt, wenn man in einer solchen Atmosphäre aufwächst und sich durchschlagen muß. Wie kommt so jemand z.B. dann im Ausland und im Frieden überhaupt zurecht?

Die Sprache, die Rawi Hage in seinem Roman findet, ist eine beeindruckende Mischung aus sachlicher Beschreibung, Straßenslang und poetisch-orientalischer Erzählweise - auf jeden Fall eine originäre Sprache.


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