16.03.2009

Ursula Krechel: Shanghai fern von wo *****

Buch-CoverEher zufällig wurde ich auf den ersten (Tatsachen-)Roman »Shanghai fern von wo« von Ursula Krechel aufmerksam. Es geht um jüdische Exilanten, denen es auf den letzten Drücker - ab 1938 - noch gelungen ist, sich aus Nazi-Deutschland nach Shanghai zu retten und die dort versuchen müssen, ihr tägliches Überleben zu sichern und falls möglich eine neue Existenz aufzubauen.

Eine Art Hauptperson ist Ludwig Lazarus, der seine Erinnerungen an diese Zeit auf Tonbänder gesprochen hat, die quasi das Grundgerüst des Romans bilden. In diesen Erinnerungen tauchen andere Exilanten auf, über deren Schicksale der Leser dann Näheres erfährt. Die Leser erfahren eine Menge über dieses relativ unbekannte Kapitel dieser Zeit und es sind bewegende Schicksale, die da entfaltet werden.

Diejenigen, die in der alten Heimat angesehene Berufe hatten, wie z.B. Jurist, können damit in Shanghai gar nichts anfangen. Andere stellen fest, dass sie mit Fähigkeiten, die in der Heimat (fast) nichts galten, plötzlich in der Lage sind sich und ihre Lieben wenigstens notdürftig durchzubringen.

Als die jüdischen Exilanten in Shanghai eintreffen, ist die Stadt bereits mit Flüchtlingen überfüllt. Es sind einerseits Russen, die vor der Revolution geflohen sind, andererseits chinesische Flüchtlinge, die vor den Japanern geflohen sind. Nun kommen also auch noch die jüdischen Flüchtlinge und landen zunächst in Sammelunterkünften. 10 Reichsmark durften sie mitnehmen, das ist ihr »Startkapital« mit dem sie natürlich nicht weit kommen. Doch ihnen bleibt nicht viel anderes übrig als zu versuchen, irgendwie zu überleben. Wem es möglich ist, der versucht aus den Sammelunterkünften herauszukommen. Doch kaum ist das einigen ansatzweise gelungen, kommen die Japaner und zwischen alle wieder in ein »Ghetto« zu ziehen. Alle Juden werden mit blauen Plaketten kenntlich gemacht und während sie zuerst einfach nur als Flüchtlinge galten, werden sie nun wieder offiziell zu Juden gemacht. Nazi-Deutschland versucht die Japaner zu einer strengeren Linie gegenüber den Juden zu bringen und teilweise gelingt das auch, wenn auch - glücklicherweise für die Exilanten - nicht im von Deutschland gewünschten Ausmaß.

Als Japan schließlich im Jahr 1945 kapituliert, wird kurz darauf auch das Ghetto aufgelöst, doch das Elend hat damit für die Exilanten kein Ende. Das Internationale Rote Kreuz ist schlicht überfordert und bekleckert sich nicht gerade mit Ruhm. Nur ganz wenige Exilanten kehren überhaupt nach Deutschland zurück, andere versuchen sich anderswo neu anzusiedeln, doch sie alle sind zutiefst verändert und von den Exilerfahrungen traumatisiert und aus der Bahn geworfen.

Ursula Krechel gelingt es anhand der verschiedenen Personen, die unterschiedlichen Schicksale sehr plastisch und lebendig werden zu lassen. Da ist das »gemischtrassige« Ehepaar, in dem die Frau an ihrer Liebe zu ihrem Mann festgehalten und mit ihm ins Exil gegangen ist. Da ist der jüdische Ehemann, dem seine nichtjüdische Frau nicht ins Exil gefolgt ist. Da ist das junge kommunistische Ehepaar, das in Deutschland drei Jahre getrennt im Zuchthaus saß und nun im Exil endlich wieder zusammenkommt. Da ist die Frau, die mit ihren Fähigkeiten im Backen, ihren Ehemann, der überhaupt nicht mit der veränderten Situation zurechtkommt, durchbringt, um ihn dann letztlich doch zu verlieren, weil er an Tuberkulose erkrankt ist. Da ist das Paar, das sich mit der Herstellung und dem Verkauf von Handschuhen zunächst recht gut durchbringen kann und sogar einen gemeinsamen Sohn bekommt, aber dann doch umkommt, so dass der kleine Sohn als Waise zurückbleibt. Da ist der Kunsthändler, der verzweifelt versucht sich doch irgendwie mit seinen Kenntnissen durchzubringen und der von einem schon lange in Shanghai ansässigen jüdischen Millionär einen Auftrag erhält, der an den damaligen Umständen gemessen, geradezu wahnwitzig erscheint.

Schicksal um Schicksal taucht in der Geschichte auf und rundet das Bild ab. Dazu die Schilderungen des damaligen Shanghais, seiner Bewohner und deren Alltag, der Aktivitäten der deutschen Nazi-Diplomaten und des auch in Shanghai tobenden Propagandakriegs, sowie schließlich der Zwangsherrschaft der japanischen Besatzer, lassen das Shanghai der damaligen Zeit noch einmal lebendig auftauchen.

Ursula Krechel hat lange und sehr gründlich (über zehn Jahre - inklusive zweier Aufenthalte in Shanghai selbst auf den Spuren der Exilanten) für diesen Roman recherchiert und es ist ihr wirklich gelungen, die recherchierten Fakten über die Romanerzählung interessant und überzeugend zu vermitteln. Zugleich ist der Roman auch ein wichtiges Zeitzeugnis über einen Teil der Geschichte, der bisher nicht viel öffentliche Aufmerksamkeit erhalten hat.

Erstmalig präsentierte sie die Ergebnisse ihrer Recherchen übrigens Mitte der 90er Jahre in einem vierteiligen Radio-Feature mit dem Titel »Fluchtpunkte«, sowie etwas später im Hörspiel »Shanghai fern von wo«. Es dauerte dann nochmals zehn Jahre, bis sie nun den gleichnamigen Roman fertigstellen konnte.

Erwähnt werden muß auch noch die literarische Sprache, mit der Ursula Krechel diesen Roman erzählt, denn hier wird deutlich, dass sie von der Lyrik herkommt. So ist es auch von daher ein besonderer »Ton«, der diesen Roman kennzeichnet.

Übrigens hatte ich beim Lesen des Romans immer wieder auch die eindrücklichen Bilder aus der hier Anfang des Jahres hoch gerühmten Graphic Novel »Ein neues Land« von Shaun Tan vor Augen.


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