20.07.2008
Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels ****

Muriel Barbery hat bereits 2000 mit ihrem Debütroman »Die letzte Delikatesse« Furore gemacht. Mit »Die Eleganz des Igels« hat sie im vergangenen Jahr ihren zweiten Roman vorgelegt, der gleich wieder ein Riesenerfolg in Frankreich wurde, mit mehreren großen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde und bereits jetzt in 27 Sprachen übersetzt ist.
Im Roman erzählt Barbery von den Bewohnern einer Luxusresidenz in Paris, vor allem aber von der zum Haus gehörenden Concierge namens Renée und der zwölfjährigen altklugen Paloma. Renée ist vierundfünfzig Jahre, verwitwet, nicht gerade gutaussehend und sehr gebildete Autodidaktin mit weitgestreuten Interessen, was sie allerdings nach außen hin geschickt verbirgt. Das fällt nicht allzu schwer, da die Concierge in Frankreich als eine Art »Hausfaktotum« gilt, das, da das Klischee übermächtig ist, meist eher übersehen wird.
Paloma ihrerseits hat schon ihren eigenen und sehr durchdachten Blick auf die Welt, vor allem die Erwachsenen und was sie da beobachtet frustriert sie derart, dass sie ernsthaft erwägt gar nicht erst erwachsen zu werden sondern sich an ihrem dreizehnten Geburtstag das Leben zu nehmen.
Als ein langjähriger Bewohner des Hauses verstirbt, kommt ein neuer Wohnungsbesitzer ins Haus, der Japaner Monsieur Ozu und mit ihm verändern sich die Verhältnisse im Haus ganz entscheidend. Er freundet sich mit Renée und Paloma an und lockt vor allem Renée aus der Reserve. Für Paloma bringen die neuen Erfahrungen und Beobachtungen einen Wechsel ihrer Sicht auf das Leben und als das Schicksal wieder zuschlägt, findet sie für sich den Sinn ihres Lebens.
Am Ende des Romans war ich ziemlich zwiegespalten, was mein Fazit zu diesem Roman angeht. Ja, es sind ungewöhnliche Protagonisten und Ideen, die Barbery diesem Roman zugrundegelegt hat und die Geschichte vermag es ihre Leser zu packen. Obendrein ist das was erzählt wird wirklich intelligent geschrieben und es macht Freude sich auf die vielen angerissenen Gedankengänge sowohl von Renée als auch von Paloma einzulassen und darüber nachzudenken.
Zugleich aber kam es mir so vor, als ob sich hier jemand etwas »austobt« was intellektuelle Gedankenspielereien angeht. Das ist einerseits reizvoll aber irgendwie war es mir persönlich etwas zuviel des Guten. Ich hatte rein inhaltlich keine Probleme alles im Roman zu verstehen und ich habe auch nichts dagegen, von einem Roman intellektuell herausgefordert zu werden. Das ist also nicht das Problem, sondern eher das »etwas zuviel« bzw. das Gefühl hier zeigt jemand, wie intellektuell er oder sie doch ist. Vielleicht wurden meine zwiespältigen Gefühle aber gerade dadurch ausgefüllt, weil die Hauptfigur ja eigentlich alles tut, damit die Umwelt gerade nicht bemerkt wie intellektuell gebildet sie ist.
Durch die Figur der Paloma habe ich mich, was die »intellektuellen Spielereien« angeht, streckenweise auch an den Roman »
Die alltägliche Physik des Unglücks« von Marisha Pessl - ebenfalls aus dem vergangenen Jahr - erinnert gefühlt. Mit diesem Roman hatte ich ja auch so meine »Schwierigkeiten«. Barbery ist es aber gelungen die Balance doch wesentlich besser zu halten und ihr Roman hat eine echte bedenkenswerte Botschaft. Insofern gebe ich vier Sterne für »Die Eleganz des Igels«.
Ansonsten bleibt noch anzumerken, dass Leser des Romans doch über eine gewisse bzw. gute Allgemeinbildung verfügen sollten, um alle oder wenigstens den größten Teil der Ausführungen und intellektuellen Anspielungen im Roman verstehen und nachvollziehen zu können, ansonsten dürfte der Roman für manche Leser auch seine Längen haben.
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