10.07.2008
Roger Morris: Verkaufte Seelen ****

Ein historischer Krimi, der im Sankt Petersburg des Jahres 1866 spielt und in dem obendrein eine Figur aus Dostojewskis »Schuld und Sühne« wieder auftaucht, da war sonnenklar, dass ich diesen Kriminalroman lesen mußte.
»Verlorene Seelen«, so hat der britische Schriftsteller Roger Morris seinen Roman betitelt und um den von Dostojewski erfundenen zaristischen Staatsanwalt Porfiri Petrowitsch einen eigenständigen neuen Kriminalfall entwickelt.
Die gealterte und völlig verarmte Hure Soja findet im bitterkalten Winter in einem Petersburger Park zwei Leichen. Ein scheinbar erhängter Mann mit einem blutigen Beil im Gürtel und in einem Koffer zu dessen Füßen den Leichnam eines toten Zwergwüchsigen. Der grausige Fund wird für sie jedoch entscheidend abgemildert, als sie obendrein in einem Kuvert, das einer der Toten bei sich trägt, 6000 Rubel findet. Klar, dass sie die nicht einfach dort läßt.
Es ist dann besagter Porfiri Petrowitsch, der mit den Ermittlungen in diesem Fall betraut wird und der auf der Suche nach den Hintergründen und dem oder den Tätern die Leser mitnimmt in die unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten und die Gegenden in Sankt Petersburg in denen diese jeweils leben bzw. ihre Treffpunkte haben.
Zuerst eine Vorwarnung an alle zukünftigen Leser dieses Kriminalromans: Lassen Sie sich nicht vom zweiten Satz des Romans komplett abschrecken! Ich hatte nämlich nachdem ich den gelesen hatte gleich meine Krise, weil ich fürchtete, der ganze Roman sei in diesem Stil verfaßt (was gelinde gesagt eine absolute Katastrophe gewesen wäre!). Zum Glück ging es nicht in diesem Stil weiter und ich rätsele immer noch, was wohl im Originaltext an dieser Stelle steht, sprich, ob Morris diesen Satz wirklich »verbrochen« hat oder ob da bei der Übersetzung etwas schrecklich schief gegangen ist (was aber dann doch eigentlich im Lektorat hätte auffallen müssen)? Jedenfalls seien Sie gewarnt (vielleicht sollten zukünftige Leser den zweiten Satz einfach überlesen) und versichert, dass es glücklicherweise nicht in diesem Stil weitergeht. Es lohnt sich also dran zu bleiben.
Ich habe ansonsten diesen Kriminalroman gerne gelesen und mich häufig in das Sankt Petersburg wie es uns Dostojewski in seinen Romanen vorgestellt hat, zurückversetzt gefühlt. Genau wie Dostojewski setzt auch Morris nicht auf schnelle Aktionen oder einen rasanten Plot, sondern läßt sich Zeit, die Geschichte und die Figuren langsam zu entwickeln.
Die Figur des Porfiri Petrowitsch ist sehr sympathisch dargestellt - so wie auch schon bei Dostojewski, d.h. hier hat sich Morris an den Entwurf von Dostojewski angelehnt und auch sonst finden sich noch manche Anleihen und Anspielungen. Es gibt allerdings hier und da kleine logische Brüche, die aber nicht gravierend ins Gewicht fallen und das, was ich »Zeitbrüche« nenne. Damit meine ich, dass es teilweise so ist, dass Morris beim Erzählen nicht streng in der historischen Zeit bleibt, sondern teilweise moderneres Material oder Erkenntnisse mit einarbeitet, was etwas irritierend ist, wenn man sich doch im Jahre 1866 wähnt.
Was man in Morris Kriminalroman ebenfalls nicht findet, sind die psychologischen Tiefenauslotungen der Charaktere, die sich in Dostojewskis Romanen finden - damit wird der Roman aber vermutlich für viele Leser auch »leichter« verständlich und lesbar als Dostojewskis Romane. Morris kann einem Dostojewski (natürlich!) nicht das Wasser reichen, hat aber einen Krimi vorgelegt, den man gerne und auch mit Vergnügen lesen kann.
Dieses Jahr hat Roger Morris einen zweiten historischen Kriminalroman mit Porfiri Petrowitsch als Hauptperson veröffentlicht. Es ist stark anzunehmen, dass die Übersetzung dieses zweiten Romans ins deutsche nicht allzu lange auf sich warten lassen wird und der Roman dann auch bei uns erscheinen wird. Spannend bleibt dann auch die Frage, wieviele weitere Krimis Morris uns noch mit diesem Ermittler bescheren wird. Ich bin jedenfalls schon gespannt auf den nächsten Krimi mit Porfiri Petrowitsch als Ermittler.
Connie meinte dazu am
10.07.2008:
Hallo Liisa,
seit einiger Zeit beobachte ich schon, daß irgendwelche Autoren Figuren aus anderen Büchern entlehnen oder einfach Plots weiterschreiben.
Ich bin mir nicht so sicher, ob das so gut ist... oft habe ich zu grossen Respekt vor den Autoren und finde das respektlos (denn die „Weiter“-Dichter sind ja meistens kleinere Lichter)
warum müssen die Autoren mit den großen Dichtern kokettieren, haben sie nichts Eigenes?
Ich merke schon, das wird ein Thema für buchbestattung.de ... sollte einfach mal diskutiert werden
ich grüsse dich,
Connie
tinius meinte dazu am
11.07.2008:
Grundsätzlich sehe ich das ähnlich wie Connie. Die Übernahme einer Nebenfigur mag das Allerschlimmste verhüten und eine ausreichende Grundlage für Eigenes sein, aber sieht man sich so die Leichenfledderei a la „Rhett“ oder die Fortsetzung von Doktor Schiwago an, sollte man solche Veröffentlichungen unter Strafe stellen. Da geht es nicht um Literatur, sondern um Erwirtschaftung von Profiten. Nun will ich Roger nichts unterstellen, mit dem ich über myspace einst Kontakt hatte und dem ich noch eine Rezension von „The Gentle Axe“, so der Originaltitel, schulde. Es kann sein, daß auch ich zufrieden sein werde, wenn ich das Buch in irgendeinem meiner Stapel gefunden haben gelesen haben werde. Spätestens dann werde ich Dir auch den 2. Satz im Original zitieren können. ;) LG tinius
Connie meinte dazu am
11.07.2008:
Ich habe dieses Epigonentum nun auf http://www.buchbestattung.de/2008/07/11/bucher-weiter-schreiben-warum/
thematisiert...
würde mich über Beiträge dazu freuen
Liisa meinte dazu am
16.07.2008:
Ich bin, was diese „Mode“ angeht auch eher skeptisch allerdings muß man wohl wirklich von Fall zu Fall entscheiden, was man davon hält. Was Morris angeht, habe ich schon den Eindruck, dass er sich zwar die Nebenfigur des Porfiri Petrowitsch entliehen hat (und es damit verbunden auch die ein oder andere Anspielung auf Dostojewskis „Schuld und Sühne“ vorhanden ist, ansonsten aber durchaus etwas eigenes vorlegt. Aber wie gesagt, jeder muß für sich selbst entscheiden, was er davon hält.
Bitte die späte Reaktion zu entschuldigen, bin zur Zeit sehr mit anderen Dingen beschäftigt und wenig im Internet.
frank meinte dazu am
24.07.2008:
... na, einer der größten ist gleichzeitig ein großer „abschreiber“ gewesen: thomas mann. da gibt es zahlreiche stellen in seinem werk, abgesehen davon, dass er hemmungslos in den biografien seines umfeldes, eigentlich in allem „gegrast“ hat. nacktes abschreiben im engeren sinne ist natürlich mist, ansonsten ist es doch immer die frage, was macht ein er aus des anderen gedanken, kann er sie weiterentwickeln, neues daraus gestalten?
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