18.04.2007
Pawel Sanajew: Begrabt mich hinter der Fussleiste ****

Ein mir bisher unbekannter russischer Schriftsteller und ein ungewöhnlicher Titel, das hat mich natürlich gleich angefixt. Und der Debütroman von Pawel Sanajew packt einen beim Lesen mehr und mehr, die Geschichte ist tragisch-komisch, mehr als einmal bleibt einem das Lachen im Halse stecken.
Der kleine Sascha erzählt von seiner Kindheit, die er hauptsächlich bei den Großeltern verbringt. Wer nun schon einmal die Bekanntschaft einer russischen Großmutter gemacht hat, wird einerseits bekannte Züge wiederentdecken andererseits aber ist Saschas Oma ganz anders. Im steten Kampf gegen die Unbillen des Alltags, unglücklich über den Verlauf ihres eigenen Lebens, voller Sorgen um den Enkel, den sie großzieht und einem Haß auf ihre Tochter, Saschas Mutter, ergibt sich daraus eine Mischung, die es in sich hat. Sascha versucht verzweifelt die Großmutter nicht zu verärgern - was einem Jungen in seinem Alter gar nicht gelingen kann - und seine Loyalität zu ihr unter Beweis zu stellen ohne dabei seine Loyalität gegenüber seiner Mutter zu verraten - ein fast hoffnungsloses Unterfangen. Dazwischen der Großvater, der im Grunde nicht viel zu melden hat und seine Frau eher still erleidet.
Sascha darf alles mögliche nicht, weil es seinem von Krankheiten und Allergien zerrütteten Körper schaden könnte - behauptet zumindest die Großmutter -, wird einerseits behandelt wie ein rohes Ei andererseits sind freundliche Worte ihm gegenüber eher die Ausnahme. Viel öfter muß er sich die Flüche und düsteren Prophezeiungen der Großmutter über den weiteren Verlauf seines »armseligen« Lebens anhören oder bekommt auf grobe Art Großmutters Lebensweisheiten vermittelt, die ihm das Leben kurz darauf zu bestätigen scheint. Als er z.B. zum Abschluß einer Kinderkur etwas Zuckerwatte ißt, und daraufhin prompt mit seinen Kameraden von der Kurärztin mit einem Einlauf zur Vermeidung eines Darmverschlusses traktiert wird. heißt es:
Während ich keuchend vor Schmerz, auf dem kalten Wachstuch der Behandlungsliege lag und das Gefühl hatte, das in mich einlaufende Wasser würde mich im nächsten Augenblick zerreißen, dachte ich an Großmutter, wie recht sie hatte, wenn sie sagte: ›Du willst wie die anderen sein? Und wenn die anderen nun anfangen sich einer nach dem anderen aufzuhängen?‹ Meine Zugehörigkeit zu den anderen war mich teuer zu stehen gekommen.
Der Konflikt zwischen Großmutter und Mutter spitzt sich gegen Ende des Romans dramatisch zu und Sascha findet sich in der Mitte dieser Zerreißprobe wieder, bis sich schließlich alles doch noch auflöst - wenn auch nicht ganz in Friede Freude, Eierkuchen.
Sascha aber auch seine Großmutter sind literarische Figuren, die ich sicher so schnell nicht vergessen werde - zumal ich weiß, daß sie keine reine Erfindung sind, sondern für viele stehen, die in ähnlichen Verhältnissen und unter ähnlichen Umständen leben. Saschas Gründe für seinen Wunsch hinter der Fussleiste begraben zu werden kann ich sehr nachvollziehen und betrachte die Fussleisten um mich herum nun mit anderen Augen. ;o)
Connie meinte dazu am
18.04.2007:
schön, daß es so unterschiedliche Meinungen zu diesem Buch gibt, mich hat es unendlich gelangweilt, überdehnt und eben nun ja langweilig
und meine Fußleisten bleiben was sie sind, Fußleisten ;=)
Gruß, Connie
Jenny meinte dazu am
19.04.2007:
Hallo Liisa,
mich hat das Buch ja fasziniert! Ich freue mich, dass du der Geschichte auch etwas abgewinnen konntest.
Liebe Grüße
jenny
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