01.10.2011

Kristín Steinsdóttir: Im Schatten des Vogels *****

Buch-CoverVor einigen Wochen hörte ich das Hörbuch »Leben im Fisch«. Dort erzählt die Isländerin Kristín Steinsdóttir höchstselbst aus ihrer Kindheit und Jugend und wie es damals auf Island zugegangen ist. Ich »klebte« quasi an ihren Lippen und war wirklich traurig, als das Hörbuch zuende war. Als ich dann feststellte, dass in diesem Jahr ihr jüngster Roman auch auf deutsch erscheinen sollte, war klar, dass ich dieses Buch lesen wollte.

In »Im Schatten des Vogels« erzählt Kristín Steinsdóttir, die berührende Geschichte von Pálina Jónsdóttir, genannt Ljósa, die im späten 19. Jahrhundert in einer abgelegenen Gegend im Osten Islands auf einem Hof aufwächst. Ihr Vater ist ein angesehener und beliebter Mann, dessen Ruf offenbar nicht einmal dann ernsthaft leidet, wenn er wieder, während einer seiner Reisen über die Insel, einer Frau ein Kind gemacht hat. Er übernimmt durchaus die Verantwortung für die von ihm in die Welt gesetzten Kinder, ja die jungen Frauen holt er zum Teil sogar als Mägde an seinen eigenen Hof. Pálinas Mutter ahnt natürlich die Zusammenhänge und leidet still unter ihrem Los.

Pálina vergöttert ihren Vater genauso wie sie sein ein und alles ist. Für ihn ist sie »Engelchen« und beide pflegen eine enge Beziehung, die auch dann noch Bestand hat, als Pálina älter wird und ihr langsam aufgeht, dass ihr Vater auch Schattenseiten hat und wie sehr ihre Mutter darunter leidet. Als Pálina einen jungen Mann kennenlernt, verlieben sich die beiden und planen eine gemeinsame Zukunft. Doch Pálinas Vater ist gegen diese Verbindung, weil der junge Mann an Schwindsucht leidet und er befürchtet, seine Tochter könnte all zu schnell als junge Witwe dastehen oder unversorgt sein. Letztlich sorgt der Vater dafür, dass diese Verbindung nicht zustande kommt, was ihm Pálina lange sehr übel nimmt.

Als eine Art »Wiedergutmachung« und um ihr zu helfen, den jungen Mann zu vergessen, erlaubt ihr der Vater eine Mädchenschule im fernen Reykjavik zu besuchen. Pálina ist begeistert, sie ist an vielem interessiert, ist begabt, kann gut nähen und ist musikalisch und sie träumt von der großen weiten Welt. Irgendwo dort ist ihr geliebter Bruder Ingi, der um sich vom übermächtigen Vater zu befreien, eines Tages einfach auf und davon gemacht hat und auf dessen Rückkehr die Geschwister, vor allem aber Pálina, alle sehnsüchtig warten.

Als das Jahr an der Mädchenschule vorüber ist, liegt eigentlich eine vielversprechende Zukunft vor Pálina, doch das Mädchen hat eine zarte psychische Konstitution, was sich bereits in ihrer Kindheit bzw. Jugend erstmals andeutet. Im Laufe des Romans schildert Kristín Steinsdóttir auf eindrückliche und beklemmende Art und Weise, wie sich unbewältigte Erlebnisse, schwere Ereignisse und anderes unheilvoll kombinieren und schließlich zum Ausbruch einer Geisteskrankheit bei Pálina führen.

Zunächst aber lernt Pálina, Vigfús kennen, der unermüdlich um sie wirbt und schließlich ihre Hand gewinnt. Er willigt in alle ihre Bedingungen ein, darunter dass sie immer auf dem Hof der Eltern wohnen bleiben. Doch schnell kommt es zu Spannungen zwischen Vigfús und dem dominanten Schwiegervater. Um sein eigenes Leben führen zu können, wie er es möchte und seine Ehe zu retten, besteht Vigfús schließlich darauf, einen eigenen Hof zu haben, zumal schon einige Kinder geboren sind. Die inzwischen fast symbiotische Beziehung zwischen Pálina und ihrem Vater, will er unterbinden.

Eine Weile geht das gemeinsame Familienleben noch einigermaßen gut - im damals üblichen Rahmen - aber dann bricht sich Pálinas Krankheit immer öfter, heftiger und länger Bahn. Lange ist Vigfús ziemlich auf sich allein gestellt und hat alle Hände voll mit Pálina zu tun. Die z.T. noch halbwüchsigen Kinder verstehen nicht, was vor sich geht, leiden unter den Reaktionen ihrer Umwelt auf die kranke Mutter oder mißverstehen die Lage.

Hier muss man als Leser wissen, dass der Umgang mit sog. »Geisteskranken« oder wie wir heute sagen »geistig Behinderten« auf Island über viele Jahrhunderte sehr schwierig war. Da es nicht so viele Menschen auf der Insel gibt und es lange Zeit auch nur wenige wohlhabende Isländer gab, die z.B. eine bessere Versorgung hätten initiieren und finanzieren können, blieben die Kranken in den Familien und wurden versteckt, auf den Höfen weggesperrt und mehr oder weniger totgeschwiegen. Bis deutlich ins 20. Jahrhundert hinein hat es gedauert, bis ein Umdenken einsetzte und man auch auf Island versuchte, einen anderen Weg des Umgangs mit Behinderten, gleich welcher Art, zu gehen.

Schließlich weiß sich auch Pálinas Familie nicht mehr anders zu helfen, als sie einzusperren auch wenn sich Vigfús als gelernter Tischler für eine fast noch human zu nennende Lösung entscheidet. Als schließlich Pálinas Tochter Katrín heimkehrt ist sie entsetzt, erkennt aber schließlich, dass es unter den gegebenen Umständen bei akuten Ausbrüchen der Krankheit wirklich nicht anders zu bewältigen ist. Sie wird schließlich zur »Pflegerin« der Mutter, bekommt selbst ein kleines Mädchen und benennt es nach ihrer eigenen Mutter ebenfalls Pálina.

Es ist ein tragisches Frauenschicksal, das Kristín Steinsdóttir hier sehr fein und berührend porträtiert und es ist insofern autobiographisch, weil das Vorbild für die Figur der Pálina ihre eigene Großmutter und deren Geschichte ist, nach der sie selbst benannt wurde.

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13.09.2011

Astrid Rosenfeld: Adams Erbe *****

Buch-CoverAstrid Rosenfelds Debütroman »Adams Erbe« ist der zweite Roman, den ich vorbestellt hatte und der sich dann auf der Longlist der für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominierten Bücher fand.

Der Roman besteht aus drei Teilen. Er beginnt mit der Geschichte von Edward Cohen, der von seiner Kindheit und Jugend erzählt und von seinem verschollenen Großonkel Adam, dem schwarzen Schaf der Familie, dem er angeblich so ähnlich sieht. Dieser Teil hat mich von seinem Ton her und dem, was darin erzählt wird, hier und da an die Romane von John Irving erinnert. Zwar taucht kein Bär in diesem Teil auf, dafür aber eine Herde Elefanten, beherrscht von Elvis, dem King, der auch in Edwards Leben eine bedeutende Rolle spielt.

Im zweiten Teil des Romans, kommt dann der berühmt-berüchtigte Adam selbst zu Wort, denn Edward fällt durch Zufall ein Buch in die Hände, in dem Adam seine Geschichte aufgeschrieben hat und die Geschichte seiner Liebe zu Anna. Adam wächst im Berlin der 30er Jahre auf, von seiner Großmutter Edda mehr oder weniger erzogen. Auf alle Fälle aber rüstet sie ihn mit allem Wissen aus, das er benötigt, um durchs Leben zu kommen. Lange Zeit versteht es die Großmutter auch, die Folgen der politischen Entwicklungen von ihrem Haus und ihrer Familie und damit auch Adam fernzuhalten. Dann lernt Adam mit 18 Jahren die traurige Anna kennen und verliebt sich unsterblich in sie, doch sie reagiert zurückhaltend auf seine Liebeserklärung und -bezeugungen. Für die Familie Cohen wird es zunehmend gefährlich in Nazi-Deutschland und vor allem Adams Schwägerin, die tatkräftige Laura drängt die Familie sich nach England abzusetzen.

Doch dann verschwindet Anna in der Nacht des 9. November 1938, der sog. Reichskristiallnacht oder weniger beschönigend, der Reichspogromnacht. Adam ist untröstlich und kann sich schier nicht vorstellen, nach England zu gehen und Anna zurückzulassen. Mit Hilfe seiner Großmutter und eines befreundeten Sturmbannführers, der der Großmutter tief ergeben ist, verlässt Adam sein Zuhause und seine Familie und beginnt sein neues Leben als Anton Richter. Er wird Rosenzüchter für einen Nazischergen in Polen. Heimlich sucht der Sturmbannführer überall nach Anna aber dabei muss er äußerst vorsichtig vorgehen, um nicht Anna, Anton und sich selbst in tödliche Gefahr zu bringen.

Dann scheint es eine Spur von Anna zu geben, die nach Krakau führt. Anton reist zusammen mit dem Sturmbannführer dorthin doch die Spur läuft ins Leere. Anton ist verzweifelt aber der Sturmbannführer sucht weiter nach Anna. Dann wird er nach Russland versetzt, kehrt jedoch bald sterbenskrank von dort zurück und stirbt ohne Anna gefunden zu haben. Anton ist am Boden zerstört und erst da zieht er einen seiner polnischen Arbeitskollegen ins Vertrauen und offenbart sich ihm. Der wiederum hat Kontakte zum Widerstand und die Suche nach Anna beginnt erneut. Dann wird Anna tatsächlich gefunden. Sie ist im Warschauer Ghetto und Adam wird eine Möglichkeit geboten, Anna aus dem Ghetto zu holen. Er lässt sich auf einen unglaublichen Handel ein, dessen Preis nicht nur Annas sondern auch sein eigenes Leben ist.

Im dritten Teil des Romans schließlich macht sich Edward auf eine erneute Suche nach Anna, um ihr das Buch seines Großonkels Adams zu überbringen, so er sie denn finden sollte.

Astrid Rosenfelds Debüt ist ein berührender Roman, dessen Figuren liebevoll und detailliert gezeichnet werden. Während der erste Teil vom Ton her witzig-absurd-liebevoll daherkommt, ändert sich der Ton im zweiten Teil sehr aber das passt zum Inhalt und stört nicht. Die Geschichte einer großen Liebe wird hier ausgebreitet, ohne jemals in Kitsch abzugleiten, dazu sind die Begleitumstände viel zu dramatisch. Ich bin zutiefst beeindruckt von dieser Geschichte und dem Roman und hoffe, er wird viele Leser finden. Mir wird dieser Roman mit seinen Hauptfiguren auf jeden Fall lange im Gedächtnis bleiben.

Müsste ich zwischen Svenja Leibers »Schipino« und Astrid Rosenfelds »Adams Erbe« entscheiden, wer den Deutschen Buchpreis gewinnen soll, wäre es auf jeden Fall Astrid Rosenfeld, der ich diesen Preis zuerkennen würde. Ich fürchte allerdings, nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre, dass keines der beiden Bücher es auch auf die Shortlist schaffen wird. Gelesen zu werden, verdienen beide Romane, Astrid Rosenfelds Roman ein wenig mehr.

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07.09.2011

Jussi Adler-Olsen: Erlösung *****

Buch-CoverDer dritte Band um Jussi Adler-Olsens Ermittler Carl Mørck ist wieder ein absolut spannender Thriller, mit einem grandiosen Plot, von dem ich hier natürlich möglichst nichts verraten will.

Alles beginnt mit einer Flaschenpost, deren Botschaft irgendwann nach einigen Umwegen auf Mørcks Schreibtisch landet und ihn alarmiert. Zusammen mit seinem Assistenten Hafez al Assad und ihrer »Sekretärin« Rose macht er sich daran die Botschaft zu entschlüsseln und kommt einem Serientäter auf die Spur, der seit Jahren sein grausames Unwesen treibt, ohne dass die Polizei je davon erfahren hat, denn er nutzt gnadenlos eine besondere Eigenheit der Gruppierungen aus, in denen er zuschlägt.

Das Verbrechen, von dem Mørck Kenntnis erhält, liegt schon Jahre zurück aber gerade begeht der Täter ein neues Delikt und es beginnt eine atemberaubende Jagd auf ihn und ein Wettlauf um das Leben seiner neuen Opfer. Nach und nach setzt sich auch für die Leser die Geschichte und Persönlichkeit des Täters immer mehr zusammen.

Große Klasse, was Jussi Adler-Olsen da wieder abgeliefert hat! Ein Thriller, den ich kaum aus der Hand legen wollte, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht. Krimi-Spannung vom Feinsten!

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05.09.2011

Svenja Leiber: Schipino *****

Buch-CoverVor einiger Zeit bestellte ich den Roman »Schipino« von Svenja Leiber in meiner Haus- und Hof-Bibliothek vor. Dann wurde die Longlist für den nächsten Deutschen Buchpreis veröffentlicht und zu meiner Überraschung tauchte der Roman dort auf. Das hat natürlich meine Spannung sehr erhöht. Schließlich traf das Buch bei mir ein und in den letzten Tagen habe ich »Schipino« gelesen.

Im Mittelpunkt steht der deutsche Jan Riba, der ziemlich plötzlich alles hinwirft, die Tür zu seinem Büro abschließt und nach Moskau zu seinem Freund Viktor fährt. Dabei liegt die Betonung aber nicht auf dem hinfahren sondern eher auf dem wegfahren. Jan Riba scheint alles Nötige zu haben und ist doch offensichtlich ein Gescheiterter. Er hinterfragt den Sinn von allem und auch sein eigenes Sein, alles erscheint ihm nichtssagend, wertlos. Sein Freund Viktor will ihm den russischen Sommer zeigen und nimmt ihn schließlich mit nach Schipino, von dem es heißt, »es liege so weit im Abseits, so weit, dass es kaum zu erkennen ist«.

Vier Datschen stehen in Schipino und es findet sich eine seltsame Ansammlung von Menschen dort. Alle sind Gezeichnete, Gescheiterte und sie bilden so etwas wie einen kleinen Mikrokosmos. Sie leben miteinander, sie feiern, sie streiten und sie schweigen miteinander, sie pflegen ihre Wunden und Narben. Sie sind wie aus der Welt gefallen in diesem Schipino inmitten von Sümpfen, Bächen und Seen und doch erweist sich auch hier, wir können von überall fliehen aber uns selbst nehmen wir immer und überall hin mit. Die Sorgen, Kämpfen, Krankheiten und Nöte brechen immer wieder hinein in die andererseits manchmal fast idyllisch erscheinende russische Sommerfrische.

Manche der Bewohner von Schipino kommen und verschwinden um nach einer Weile wieder zu kommen. Andere bleiben eine Weile und verschwinden irgendwann doch wieder Richtung Moskau. Nach und nach lernt Jan, der schnell in Iwan umgetauft wird, die einzelnen Bewohner von Schipino kennen und nach und nach erfährt er auch von Mascha. Mascha existiert für ihn nur in den kargen, manchmal geradezu kryptischen Beschreibungen der anderen aber alle scheinen auf Mascha zu warten. Sie scheint der Mittelpunkt, das Zentrum allen Seins dort zu sein. Unwillkürlich fühlt man sich an Beckets »Warten auf Godot« erinnert.
Die Abgeschiedenheit dieser Gruppe von Menschen und ihre vorhandenen, fehlenden oder gar verweigerten Interaktionen hat mich teilweise an den Mikrokosmos eines Sanatoriums erinnert, so wie es z.B. Thomas Mann in »Der Zauberberg« beschrieben hat.

Für wichtige weitere Figur in der Geschichte ist schließlich noch Lilja, die verschlossen ja manchmal geradezu abweisend auftritt, geheimnisvoll auftaucht und wieder verschwindet. Jan und Lilja umkreisen einander lange Zeit und schließlich bleiben sie allein über den Winter in Schipino zurück, bevor die anderen sich im Frühjahr nach und nach wieder einfinden. Lilja trägt ihre eigenen Lasten und hinterfragt ihr Sein - wenn auch auf etwas andere Weise wie Jan, denn ihr Hinterfragen beruht auf einer von ihr empfundenen Schuld. Zur Liebe sind beide nicht fähig, zu sehr eingenommen vom Kampf mit ihren Zweifeln, ihrer Unentschlossenheit und der Melancholie, aber zumindest hin und wieder so etwas wie Kameraden, die sich so gut sie es vermögen zu stützen versuchen.

Wer in Romanen klare Aussagen, leicht verfolgbare rote Fäden und die Auflösung aller Geheimnisse erwartet, der sollte die Finger von »Schipino« lassen. Denn vieles bleibt im Vagen, im Geheimnisvollen, im Verschwiegenen, in den denkenden Köpfen, den sich windenden Herzen verborgen. Und ein scheinbar gelöstes Geheimnis gebiert gleich wieder neue Geheimnisse, die sich nicht lösen lassen und die roten Fäden verlaufen sich in der Natur rund um Schipino oder enden in irgendeiner Stadt oder sonstwo.

Grandios fand ich, wie Svenja Leiber die Natur beschreibt, die Stimmungen, den Sommer, alltägliche Handlungen - ihre poetische Sprache ist wunderbar ohne dabei ausufernd sein zu müssen. Wenige Worte reichen ihr oft um farben- und detailreiche Bilder vor das Auge des Lesers zu zaubern. Meine Liebe zur Literatur begann als ich die Romane großer russischer Autoren wie Dostojewski, Tolstoi, Puschkin und anderen las und etwas von dem beglückenden Gefühl, das ich damals beim Lesen empfand, habe ich auch beim Lesen von »Schipino« empfunden.

»Schipino« ist ein wunderbarer Roman, von dem ich stark vermute, dass er bei jedem erneuten Lesen neue oder andere Facetten und Details offenbart. Jetzt bin ich sehr gespannt, ob der Roman es auch auf die Shortlist für den Deutschen Bücherpreis schafft. Wünschen würde ich es der Autorin und diesem Roman.

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09.08.2011

Eduard von Keyserling: Wellen *****

Buch-CoverWährend sich draußen - wie die meiste Zeit diesen Sommer - wieder mal das reinste Aprilwetter präsentiert, lese ich den kleinen Roman »Wellen« von Eduard von Keyserling (1855-1918), der erst in den letzten Jahren mehr oder weniger als bedeutender deutscher Erzähler »wiederentdeckt« und mit Fontane verglichen worden ist.

Der Roman spielt an der Kurischen Nehrung, wo die Generalin von Palikow ihre Familie in der Sommerfrische um sich versammelt. In der Nähe wohnt auch der Maler Hans Grill mit seiner neuen Gattin, der Gräfin Doralice. Sie hat entgegen allen Standesregeln ihren langweiligen Botschaftergatten verlassen und sich mit dem lebenslustigen Künstler zusammengetan. Dementsprechend ablehnend begegnet ihr die älteren aristokratischen Sommergäste.

Für die jüngeren Gäste hingegen ist sie eine faszinierende Figur und wird so auch bald zum wahren Mittelpunkt aller Geschehnisse, die sich dramatisch zuspitzen, als der junge Leutnant Hilmar, der mit einer Enkelin der Generalin verlobt ist, ebenfalls anreist und sich ausgerechnet in Doralice verliebt.

Die Geschichte an sich, mag nicht alle begeistern aber die Erzählweise von Eduard von Keyserling ist schlicht wunderbar. Mit präzisen Sätzen ohne unnötige Abschweifungen oder Ausschmückungen malt er dem Leser nicht nur die sommerliche Landschaft der Kurischen Nehrung regelrecht vor Augen, nein, er versteht es auch äußerst komplexe psychologische Konstellationen auf diese Weise darzustellen. Ich muss sagen, ich bin von Keyserlings Art zu erzählen absolut begeistert. Man meint, den Sommerwind auf der eigenen Haut zu spüren, das Meer vor Augen zu haben, die Stimmungen und später auch die Spannungen selbst zu empfinden und das alles auf gerade mal 176 Seiten. Für mich wird das ganz sicher nicht der letzte Roman gewesen sein, den ich von Eduard von Keyserling gelesen habe.

Der Roman »Wellen« ist übrigens dieses Jahr gerade in einer wunderbaren Ausgabe im Manesse Verlag neu erschienen.

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30.07.2011

Catalin Dorian Florescu: Jacob beschließt zu lieben *****

Buch-CoverWohl eine glückliche Fügung war es, die meine Aufmerksamkeit schon frühzeitig auf den rumänischstämmigen und heute in der Schweiz lebenden Schriftsteller Catalin Dorian Florescu lenkte. Sein an seine eigene Biographie angelehnter Debütroman »Wunderzeit«, der 2001 erschien, beeindruckte mich derart, dass ich ihn und sein weiteres Schaffen immer im Auge behielt. Sein zweite Roman »Der kurze Weg nach Hause« ist der einzige, den ich nicht gelesen habe. Es folgte 2006 der Roman »Der blinde Masseur«, der mir wieder gut gefiel. Dann erschien 2008 der Roman »Zaira« und fesselte mich erneut. Nun ist dieses Jahr sein jüngster Roman »Jacob beschließt zu lieben«, auf den ich schon sehnsüchtig gewartet habe, erschienen.

Darin erzählt Catalin Dorian Florescu die Geschichte des Jacob Obertin, eingebettet in seine Familiengeschichte, die sich über 300 Jahre vom 30jährigen Krieg bis in die 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts spannt, von Lothringen bis ins rumänische Banat.

Jacob gehört der deutschstämmigen Minderheit im Banat an und lebt in einem Bauerndorf namens Triebswetter. Seine Mutter, eine geborene Obertin, stammt aus einer einstmals sehr angesehenen Familie. Sein Vater kam quasi aus dem Nichts hat sich aber mit starkem Willen und körperlicher Kraft, nicht nur seine Frau erobert sondern mit ihr auch Land und einen Hof, den er weiter ausbaut.

Dabei kennt der Vater wenig Skrupel und versteht es entweder mit Geld oder durch Manipulation und die Ausübung von Druck, seine hochgesteckten Ziele zu erreichen. Jacob soll einmal den Hof übernehmen und weiterführen, doch Jacob ist ein Kind mit einer schwachen Konstitution, mehr krank als gesund und hat Mühe sich gegen den übermächtigen Vater auch nur ansatzweise zu behaupten.

Als eine Art »Patin« ist Jacobs einzige echte Zuflucht eine alte Zigeunerin, die geholfen hat, ihn zur Welt zu bringen und ihn mehrfach bei schweren Erkrankungen vor dem Tod gerettet hat. Und dann ist da noch Katica, ein serbischstämmiges Mädchen, dem Jacob zunächst in Freundschaft und später in Liebe verbunden ist, was zu weiteren Spannungen mit dem Vater führt. Über die Geschichte selbst will ich hier gar nicht viel mehr verraten, man muss sie selber lesen und sich ihr überlassen.

Florescu erweist sich wieder einmal als ein fabelhafter Erzähler, der sich meiner Ansicht nach von Roman zu Roman noch zu steigern weiß, was ja heutzutage längst nicht selbstverständlich ist. Die erzählte Geschichte packt und fesselt einen als Leser und ich habe mich dabei ertappt, wie ich fast atemlos der Entwicklung dieser Geschichte gefolgt bin. Ein Lesevergnügen, das einen abtauchen lässt in eine vergangene Welt, in menschliche Schicksale und Lebensläufe und mit einem Protagonisten, der im Laufe der Geschichte wächst und reift und sich schließlich nicht nur zu behaupten weiß, sondern auch sich selbst überwindet. Eine Geschichte, die wie ein breiter Strom dahinfließt aber manchmal auch plötzlich wie ein alles verschlingender Strudel aufbrausen kann.

Meiner bescheidenen Ansicht nach, reift hier einer der schreibt zu einem ganz großen Schriftsteller heran und für mich ist es auch spannend, das anhand seiner Bücher und aus der Ferne mitzuverfolgen. Catalin Dorian Florescu scheint seine Geschichten nicht nur aus einem großen Reservoir zu schöpfen, er hat zudem auch noch die Gabe wirklich erzählen zu können. Nichts kommt hölzern oder leblos daher, vielmehr atmen die Sätze und Kapitel Leben, wie es praller nicht sein könnte. Es wird weder den Protagonisten noch den Lesern etwas erspart, es wird nichts romantisiert oder abgemildert aber es bleibt immer auch ein positiver optimistischer Grundton.

»Jacob beschließt zu lieben« erzählt ein Stück Geschichte, über das viele hier kaum etwas wissen und transportiert nebenbei viel Lebensweisheit. Es ist eine Erzählung, die unwillkürlich auf einer tieferen Ebene zum Nachdenken bringt, ein Plädoyer für Liebe zu sich selbst, zu anderen und zum Leben an sich, wie groß die Widrigkeiten auch sein mögen und dafür, dass Vergebung und Aussöhnung weiter bringen als rohe Gewalt und neue Perspektiven eröffnen können.

Ich habe das Buch nur ungern am Ende zugeklappt, zu gerne hätte ich dem Erzähler Florescu weiter gelauscht und ich beneide ein bisschen alle, die das Buch noch vor sich haben. Ich hoffe sehr, dass es viele werden, die zu diesem Roman greifen und sich mitnehmen lassen in diese Geschichte. Jetzt heißt es wieder warten, bis Catalin Dorian Florescu erneut sein erzählerisches Wunderhorn für uns öffnet. Ich weiß schon jetzt, das Warten wird mir lang werden.

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17.07.2011

Dave Eggers: Weit gegangen *****

Buch-CoverWährend in diesen Tagen der südliche Teil des alten Sudan seine Unabhängigkeit vom Norden gewonnen und als neues Land etabliert wurde und sich jeden Tag mehr als 1000 somalische Dürre- und Hunger-Flüchtlinge in Daadab, dem größten Flüchtlingslager der Welt in Nord-Kenia sammeln, habe ich Dave Eggers Roman »Weit gegangen« gelesen. Darin erzählt er die wahre Lebensgeschichte von Valentino Achak Deng.

Valentino Achak Deng ist einer der sog. »Lost Boys«, die im zweiten sudanesischen Bürgerkrieg 1987 aus ihren zerstörten Dörfern fliegen musten. Ein scheinbar endloser Marsch führte ihn und die anderen Lost Boys bis nach Äthiopien und Kenia, wo sie jahrelang ihr Dasein in Flüchtlingslagern der UN fristeten, bevor 4000 von ihnen, darunter auch Valentino, Flüchtlingsvisa erhielten und von Amerika aufgenommen wurden. In Amerika wurden die Lost Boys auf verschiedene Städte verteilt und Valentino landete, dreizehn Jahre nach seiner Flucht aus seinem Heimatdorf, schließlich in Atlanta.

In diesen dreizehn Jahren hat er - so muss man es nennen - so etwas wie die Hölle erlebt und durchschritten. Es ist hart zu lesen, was ihm und tausenden anderen kleinen Jungen angetan und was sie durchlitten haben. Fast völlig auf sich selbst gestellt, müssen sie sich durch das vom Bürgerkrieg zerrissene Land schlagen, bis sie schließlich Äthiopien erreichen, wo sie für eine kurze Zeit widerwillig geduldet werden. Als es dort zu Unruhen kommt, müssen die rechtlosen sudanesischen Flüchtlinge um ihr Leben laufen, denn die Äthiopier wenden sich gegen sie. Es kommt zu blutigen Massakern und nur ein Bruchteil der Flüchtlinge erreicht nach einer dramatischen Flußquerung (viele können obendrein nicht schwimmen) schließlich Kenia.

Der kleine Valentino, von Anfang an traumatisiert durch die furchtbaren Ereignisse in seinem Heimatort, wird auf seiner Flucht Zeuge äußerster Brutalität, ist ständigen Übergriffen ausgesetzt, weiß häufig nicht, wem man trauen kann und wem nicht. Er erlebt mit, wie seine Gefährten auf der Flucht verhungern, von Löwen und Krokodilen zerrissen und gefressen, von verschiedenen Bürgerkriegsparteien unter Feuer genommen oder mit Propaganda überschüttet werden, um sie auf ihre Seite zu ziehen. Die SPLA möchte die jungen heranwachsenden Sudanesen zu gerne als Kindersoldaten in ihre Reihen aufnehmen - schlichtes Kanonenfutter, denn die Jungen sind viel zu klein und geschwächt, um ernsthaft kämpfen zu können.

Jeden Tag droht ein plötzlicher Tod aber Valentino und seine Gefährten schleppen sich weiter und er hat immer wieder doch auch ein wenig »Glück«, trifft auf Menschen, die ihm ein Stück weiterhelfen. So schafft auch er es schließlich ins sichere Kenia und ins Flüchtlingslager. Nur die Hoffnung, eines Tages in sein Heimatdorf zurückkehren zu können, hält ihn aufrecht. Doch zunehmend wird ihm klar, dass diese Option immer unwahrscheinlicher wird.

Im Flüchtlingslager erhält er zumindest eine für afrikanische Verhältnisse solide Schulbildung und übernimmt zunehmend Verantwortung in der Organisation der Jugendarbeit im Lager. Dann erklären sich die USA bereit tausende der Lost Boys in ihrem Land aufzunehmen. Die Träume der jungen sudanesischen Männer, die es nach Jahren in dem riesigen Flüchtlingslager kaum noch aushalten, richten sich auf die USA, doch für Valentino wird es eine harte Geduldsprobe. Als einer der letzten noch im Lager verbliebenen Lost Boys kann er schließlich doch noch ausreisen in das »gelobte Land« und landet dort ausgerechnet wenige Tage nach dem 11. September 2001.

Auch wenn ihm vor allem zu Beginn viel Freundlichkeit und Hilfe entgegengebracht wird, merkt er - wie auch die anderen Lost Boys - schnell, dass das Leben in den USA ganz neue schwere Herausforderungen an ihn stellt und die Gefahren - wenn auch andere, so doch vielfach sind.

Dave Eggers »Weit gegangen« (was u.a. einer der Spitznamen ist, den Valentino erhält) ist keine reine Autobiographie, sondern eine romanhafte Autobiographie, die auf Fakten basiert aber im Mantel des romanhaften daher kommt. So ist die Wahrscheinlichkeit, dass Valentinos Geschichte von einer größeren Leserschar gelesen wird, etwas höher. Der Roman selber ist - wie bei der Thematik zu erwarten - schwere Kost.

Ich habe mich während der Lektüre immer wieder gefragt, wie diese Jungen ihre Traumatas bloß jemals überwinden sollen oder können. Zugleich ist die Lebensgeschichte von Valentino wieder ein Beispiel dafür, was ein Mensch ertragen kann und wieviel Überlebenswillen ein Mensch entwickeln kann, wieviel Energie und Willen er immer noch aufbringen kann, wenn nur ein Fünkchen Hoffnung vorhanden ist.

Flüchtlingslager, wie das aktuelle im kenianischen Daadab, und die Berichte aus und über sie, werde ich nach dieser Lektüre nie wieder so wahrnehmen wie bisher. Die ausführliche Schilderung der Jahre, die Valentino in einem UN-Flüchtlingslager zugebracht hat, lassen einem die Augen aufgehen. Auch wenn diese Lager für viele Tausende die letzte und lange Zeit auch einzige Hoffnung, eine Rettungsinsel, darstellen, so sind sie doch häufig nur ein Schritt neben der Hölle anzusiedeln. Sicher, die Menschen werden am Leben erhalten aber häufig auch nur »gerade so«. Nicht weil die Verantwortlichen vor Ort es nicht anders wollen, sondern weil häufig einfach nicht genug Geld, Nahrung etc. vorhanden sind. »Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel«, so könnte man das wohl umschreiben.

Dave Eggers hat Valentino Achak Deng drei Jahre lang zugehört, wenn der ihm von den Jahren seiner Flucht und seines Aufenthalts in den Flüchtlingslagern erzählt hat und seine Geschichte als beispielhaft für viele ähnliche Geschichten von Flüchtlingen, schließlich in diese Romanform gegossen. So ist den tausenden stummen Zeugen eine mächtige laute Stimme verliehen. Für uns Leser aus dem Westen, die sich schlicht nicht vorstellen können, was diese Menschen durchgemacht haben, gilt »Wer Augen hat zu sehen, der sehe. Wer Ohren hat zu hören, der höre«. Es ist schmerzhaft, diese Geschichte zu lesen aber es ist wichtig, dass solche Geschichten bekannt werden und wir wenigstens eine etwas bessere Vorstellung davon bekommen, was für Schicksale viele Flüchtlinge haben und mitbringen, gerade auch vor dem Hintergrund der aktuellen Debatten über den Umgang mit Flüchtlingen aus Afrika, die an den Grenzen Europas immer wieder um ihr Leben kämpfen und es leider häufig auch dort verlieren.

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09.07.2011

Johan Theorin: Nebelsturm *****

Buch-CoverNebelsturm ist der zweite Band einer auf vier Bände angelegenen Jahreszeiten-Reihe, die auf dem schwedischen Öland spielt. Bereits der erste Band »Öland« hat mir ja gut gefallen und so war ich auf die Fortsetzung gespannt.

In »Nebelsturm« begegnen die Leser dem alten Gerlof wieder, der wieder eine entscheidende Rolle spielen wird. Im ersten Band spielt seine Tochter Julia eine tragende weitere Rolle, in Nebelsturm ist es seine Nichte Tilda Davidsson. Die kehrt nach abgeschlossener Polizeiausbildung auf ihre Heimatinsel Öland zurück und übernimmt dort einen kleinen Polizeiposten. Noch bevor sie ihren Dienst offiziell antritt, kommt es zu einem tragischen Unfall auf der Insel.

Katrine Westin, die von Öland stammt aber lange in Stockholm gelebt hat, ist ertrunken. Erst vor kurzem haben sie und ihr Mann Joakim einen uralten Leuchtturmwärter-Hof gekauft, um ihn zu restaurieren und dort mit ihren beiden Kindern Livia und Gabriel zu leben. Nun sind die Zukunftspläne der kleinen Familie jäh zerstört.

Joakim ist am Boden zerstört, muss sich aber auch um die beiden kleinen Kinder kümmern. Als ihm dann noch einige Legenden, die sich um Hof Aludden ranken, zu Ohren kommen und er eine Wand in der Scheune entdeckt, auf der sich die Namen der alten verstorbenen Hofbewohner finden, führt das dazu, dass er beginnt, sich Gedanken über Geister und die Seelen Verstorbener zu machen. Erst vor einem Jahr hat er auch seine Schwester Ethel tragisch verloren und plötzlich träumt seine Tochter Livia nachts von ihrer toten Mutter und von seiner Schwester Ethel.

Tilda Davidsson wiederum hat alle Hände voll zu tun, denn offensichtlich treiben Einbrecher und Diebe ihr Unwesen auf der Insel und rauben Sommerhäuser, die im Winterhalbjahr verlassen sind aus. Und dann ist da noch ihre Beziehung zu einem ihrer Ausbilder, der aber verheiratet ist.

Gerlof ist es, der schließlich den Verdacht äußert, dass Katrine Westin, nicht durch einen Unglücksfall ums Leben gekommen ist, sondern ermordet worden ist und er beginnt Beweisstücke zu sichern und seine Theorie zu entwickeln.

Als es schließlich auf Weihnachten zugeht, spitzt sich die Handlung immer weiter zu und zugleich zieht einer der berühmt-berüchtigten Nebelstürme auf die Insel zu. Johan Theorin führt alle Handlungsstränge und den Sturm genau an Weihnachten auf Hof Aludden zusammen und die Geschichte zu ihrem dramatischen Höhepunkt. Als der Sturm schließlich vorüber ist, werde auch noch die allerletzten offenen Fragen beantwortet.

Im Grunde kann man sagen, dass es nicht nur die geschilderten Personen sind, die die Hauptcharaktere des Buches sind. Vielmehr sind auch noch Hof Aludden mit seinen Doppelleuchttürmen und der Nebelsturm selber. Die Schilderung des alten Hofes und seiner Bewohner und deren Schicksale ist packend ebenso wie die Schilderung der wilden Naturgewalt des Nebelsturms der über die Insel hereinbricht.

Johan Theorins Nebelsturm ist vieles zugleich: Krimi, Familiendrama und ein bisschen auch Gespenstergeschichte. Letzteres aber nicht in übertriebener oder ablenkender Weise sondern sehr geschickt mit hineingewoben und ohne jegliche Hysterie, was aber die Wirkung eher noch verstärkt. Ich habe das Buch ja nun im Sommer gelesen, bin aber sicher, wenn man es in einem düsteren Herbst oder stürmischen Winter liest, ist die Wirkung vermutlich noch stärker und es kommt einen an diversen Stellen doch ein Gruseln an.

Mir hat »Nebelsturm« sogar noch einen Tick besser gefallen als Öland. Ich bin gespannt, wie es in der Reihe weitergehen wird. Der nächste Band »Blutstein« ist bereits erschienen.

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30.03.2011

Hans Fallada: Jeder stirbt für sich allein *****

Buch-CoverDer Name »Hans Fallada« war mir bekannt, ohne dass ich hätte sagen können, woher. Bisher wusste ich über diesen Schriftsteller nichts und habe auch keinen seiner Romane oder sonstige Schriften gekannt. Sein Lebenslauf ist voller Brüche und Tragödien und ähnlich wechselhaft sind auch die Wege, die sein Roman »Jeder stirbt für sich allein« genommen hat.

Der Roman erschien bereits zwei Jahre nach Kriegsende, nämlich 1947 erstmals und zum Zeitpunkt seines Erscheinens war Hans Fallada bereits verstorben. Zudem erschien der Roman nicht in der Originalfassung, wie Hans Fallada sie geschrieben hatte, sondern wurde - teilweise wohl auch aus politischen Gründen - zensiert. Was es damit auf sich hat, kann man im Anhang zum Roman nachlesen, ebenso einen kurzen Lebenslauf von Hans Fallada (eigentlich Rudolf Ditzen). Ergänzt wird der Roman noch durch ein kleines Glossar sowie Fotos und Fotokopien von Dokumenten, die zur Materialsammlung des Romans gehören.

In Deutschland wurde er zunächst nicht groß beachten, ja stieß eher auf Ablehnung und Kritik, was aber wohl zu großen Teilen auf die starke zeitliche Nähe zu vergleichbaren Geschehnissen zurückzuführen ist. Der Roman wurde aber übersetzt und gelangte so auch ins Ausland, wo er nach und nach zu einem weltweiten Erfolg wurde, je mehr Zeit verging. Nun ist dieser Roman quasi nach Deutschland zurückgekehrt und nun zum ersten Mal in der ursprünglichen Fassung beim Aufbau-Verlag publiziert worden.

Das Thema des Romans hat sich Hans Fallada nicht selbst gewählt, sondern er wurde darum gebeten, dazu einen Roman zu schreiben. Wie aus Briefwechseln hervorgeht, hat sich Hans Fallada zunächst durchaus schwer getan diesen Stoff literarisch zu verarbeiten. Am Ende aber war er mit dem Ergebnis so zufrieden, dass er den Roman als einen »echten Fallada« bezeichnete. In nur acht Wochen hat er das Manuskript verfasst.

Die Geschichte basiert auf Originalakten der Gestapo über ein Berliner Arbeiter-Ehepaar namens Otto und Elise Hampel (im Roman heißen sie Otto und Anna Quangel), die auf ihre Weise gegen die Nazi-Diktatur Widerstand leisteten und dafür mit dem Leben bezahlten. Zeitlich ist der Roman in den Jahren 1940 bis 1942 angesiedelt. Die Quangels sind schlichte Leute, die zunächst durchaus Sympathien für Hitler hegen. Doch der Tod ihres einzigen Sohnes, der im Krieg fällt, bringt für sie die Wende. Sie beschließen Widerstand gegen das Nazi-Regime zu üben und greifen dazu zu fast lächerlichen Mitteln. Sie verfassen kurze prägnante Texte, die die Mißstände anprangern, schreiben diese auf Postkarten und lassen sie an verschiedenen Orten in Berlin zurück. Das Ehepaar erhofft sich auf diese Weise auch andere zum Widerstand zu ermutigen.

Natürlich bleibt ihr Tun nicht lange unbemerkt, schnell landen die Postkarten auch bei der Gestapo, wo in der Hauptsache der Kriminalkommissar Escherich sich auf die Jagd nach den anonymen »Volksverrätern« macht. Die Quangels werden im Laufe von zwei Jahren insgesamt 276 Karten und 9 Briefe verfassen, 259 Karten und 8 Briefe landen umgehend bei der Gestapo. Nur 18 Schriftstücke tauchen dort nicht auf, was aber nicht bedeutet, dass diese 18 Schriftstücke tatsächlich die Runde machten, sondern höchstwahrscheinlich wurden sie größtenteils nur nicht zur Gestapo gebracht sondern gleich vernichtet. Der reale »Ertrag« dieser zwei Jahre erscheint also äußerst gering, kaum wert, dafür sein Leben aus Spiel zu setzen. Die Quangels haben sich selbst ausgemalt, was ihre Karten und Briefe wohl auslösen und als sie mit der Wahrheit konfrontiert werden, ist das natürlich ein Schock. Sie ziehen aber nicht den Rückschluß, dass sich das Risiko, der Einsatz ihres Lebens, dafür nicht gelohnt habe. Es ist ihnen wichtig, dass sie ab einem bestimmten Punkt einfach nicht mehr »mitgemacht« und andere gewarnt, ihre Stimme erhoben haben.

Fallada schildert aber nicht nur die Geschichte dieser beiden in diesen zwei Jahren sondern auch der Menschen um sie herum. Verwandten, wie Annas Bruder und seine Frau oder ihrer fast-Schwiegertochter Trudel und deren späteren Mann Karl, ihren Nachbarn oder ihrer Postbotin. So gelingt es Hans Fallada das Leben der einfachen Leute im 40er-Jahre-Berlin zu schildern und lebendig werden zu lassen, zum anderen sehr überzeugend und beklemmend die Atmosphäre der damaligen Zeit heraufzubeschwören.

Für eine sog. Nachgeborene, die nie unter einer Diktatur hat leben müssen, ist das ein sehr interessanter Aspekt dieses Romans. Es ist erschreckend im Laufe des Romans zu sehen, wie sich Angst und Mißtrauen wuchernd durch die Gesellschaft fressen. Solidarität gibt es fast nicht, jeder sucht sich selbst zu schützen aus den unterschiedlichsten Motiven heraus. Kaum jemand wagt den Widerspruch, geschweige denn den Widerstand. Die Masse der Bevölkerung läuft mit und selbst die, die versuchen »sauber zu bleiben« haben es äußerst schwer, das durchzuhalten. Immer wieder muß abgewogen werden, das Risiko gegen eine scheinbare Sicherheit. Wer in der Partei ist, hat das Sagen und sei es ein kleiner Hitlerjunge, der sich gegenüber einem nicht Parteimitglied alles herausnehmen kann und darf. Nicht wenige, die nun endlich »auch mal das Sagen haben«, kosten ihre Macht reichlich aus und schrecken vor nichts zurück. Die Macht- und Rachegelüste sind bei vielen schier nicht zu stillen. Denunziantentum herrscht allerorten.

Unwillkürlich fragt man sich im Laufe der Lektüre immer wieder: Wie hätte ich mich in dieser oder jener Situation wohl verhalten und es wird klar, dass es darauf keine selbstverständliche Antwort gibt, zumindest wenn man die Frage für sich ehrlich beantworten will.

Teilweise sind die Schilderungen der Quälereien, die die Gefangenen (oder auch nur Verdächtigen) bei der Gestapo erleiden mussten drastisch geschildert. Das ist wohl Fallada auch zum Vorwurf gemacht worden. Fallada selbst hat dazu folgendes angemerkt:

»Mancher Leser wird finden, dass in diesem Buche reichlich viel gequält und gestorben wird. Der Verfasser gestattet sich, darauf aufmerksam zu machen, dass in diesem Buche fast ausschließlich von Menschen die Rede ist, die gegen das Hitlerregime ankämpften, von ihnen und ihren Verfolgern. In diesen Kreisen wurde in den Jahren 1940 bis 1942 und vorher und nachher ziemlich viel gestorben. Etwa ein gutes Drittel dieses Buches spielt in Gefängnissen und Irrenhäusern, und auch in ihnen war das Sterben sehr im Schwange. Es hat dem Verfasser auch oft nicht gefallen, ein so düsteres Gemälde zu entwerfen, aber mehr Helligkeit hätte Lüge bedeutet.«

Es ist gut, dass der Roman »Jeder stirbt für sich allein« von Hans Fallada nun quasi »heimgekehrt« ist und es ist zu wünschen, dass er eine ähnlich gute Aufnahme findet, wie schon in vielen anderen Ländern.

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27.03.2011

Arne Dahl: Opferzahl *****

Buch-CoverOpferzahl ist der neunte und vorletzte Band in Arne Dahls heraussragender Krimi-Serie um die Ermittler Kerstin Holm und Paul Hjelm bzw. das sog. »A-Team«. Es ist Sommer in Stockholm als es einen schweren Bombenanschlag auf die U-Bahn gibt, bei der es zehn Tote und mehrere schwer Verletzte gibt. Der Terror scheint nun also auch in Schweden angekommen zu sein.

Kurz darauf bekennt sich eine bis dahin unbekannte Gruppierung namens »Die Heiligen Reiter von Siffin« zu der Tat. Stockholm wirft alles in den Ermittlungskampf, was es aufzubieten hat: die Stadtpolizei, die Kriminalpolizei, das A-Team, die Staatspolizei Säpo und sogar der alte Chef des A-Teams Jan-Olov Hultin wird aus dem Ruhestand zurückgeholt, um alles zu koordinieren. Die verschiedenen Dienste werden auf engste Zusammenarbeit und Offenheit untereinander eingeschworen und dann versuchen alle nach und nach die Puzzleteile zu einem ganzen Bild zusammen zu setzen.

Bald fällt ihnen auf, dass sich die Fahrgäste in der U-Bahn in einer seltsamen Anordnung im Wagen befanden. Nach und nach kommen sie den Männern auf die Spur, die hinter den Heiligen Reitern von Siffin stecken, nur um dann zu erleben, wie sie einer nach dem anderen brutal und ohne Gnade kurz bevor sie mit ihnen sprechen können ermordet werden. Die Ermittler des A-Teams tragen zudem einen Menge Traumata und eigene gravierende Probleme mit sich herum, die die Ermittlungen erschweren. Doch hartnäckig bleiben sie an ihren Spuren und geraten immer tiefer in eine wilde Hetzjagd.

Irgendwann scheint alles zusammengesetzt aber ein letztes Teilchen fehlt noch und es wird deutlich, dass die Säpo offenbar wichtige Informationen zurückhält bzw. verschleiert. Als das A-Team herausfinden will was bei der Säpo vor sich geht, stoßen sie dort auf hohe Persönlichkeiten von Auslandsgeheimdiensten und erfahren die letzten nötigen Informationen, um das ganze Bild zu bekommen. Vor ihnen tut sich ein wahrer Abgrund auf und die Verdächtigen sind so skrupellos, dass man sie für das Böse an sich halten könnten. Die für das Attentat in der U-Bahn verantwortlichen Figuren sind längst noch nicht fertig mit ihren Plänen und es ist ein Teil des A-Teams, das sich zur finalen Jagd nach Berlin aufmacht.

Es ist schon beeindruckend, wie Arne Dahl seine über die Jahre in die Jahre gekommene, traumatisierte und verletzte Polizeitruppe immer wieder zur Höchstform auflaufen lässt. Angesichts der wirklich großen Verbrechen unserer Zeit, von denen die meisten von uns nicht einmal etwas ahnen oder wissen, schaut man auf diese angeschlagene Truppe und schwankt zwischen Grausen, weil sie die letzte Verteidigungs- und Abwehrlinie zwischen den wirklich Bösen und der normalen naiven nichtsahndenen Bevölkerung bilden und Bewunderung über das, was diese Menschen leisten, denn man ahnt, das die Figuren zwar fiktiv sind, es aber tatsächlich im realen Leben Vorbilder für sie gibt und welchen Preis diese häufig zahlen und das für eine Bevölkerung, die davon nichts ahnt und es ihnen auch nicht dankt.

Zugleich hat mich schon ein wenig Abschiedsschmerz beschlichen, denn nun folgt nur noch der zehnte Band mit dem diese beeindruckende Krimi-Reihe ihren Abschluß finden wird und schon in diesem Band deuten sich hier und da die ersten Auflösungserscheinungen an. Ich werde die Helden dieser Serie mit Sicherheit vermissen und hoffe, dass Arne Dahl damit nicht ganz aufhört Krimis zu schreiben, denn dazu sind seine Krimis einfach viel zu gut und auf der Höhe der Zeit.

# ~ 5_Sterne ~ kein Kommentar



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