07.08.2011

Derek Meister: Rungholts Ehre ****

Buch-Cover»Rungholts Ehre« ist der erste Band einer historischen Krimi-Serie, auf die ich kürzlich aufmerksam wurde. Rungholt ist ein angesehener Kaufmann im mittelalterlichen Lübeck. Er ist kurz davor, seine Tochter Mirke mit einem anderen angesehenen Kaufmann zu verloben, als plötzlich sein Lehrling Daniel verhaftet wird.

Ein fremder Toter ist aus der Trave gefischt worden und Zeugen haben gesehen, dass Daniel sich mit dem Fremden am Abend zuvor gestritten hat. Nun steht Daniel unter Mordverdacht und Rungholts Ehre steht mit auf dem Spiel, denn er ist der Vormund und Lehrherr, so dass die Schande einen Mörder in seinem Haus gehabt zu haben auf ihn und seine Familie zurückfallen würde.

Rungholt will nicht glauben, dass Daniel den Fremden umgebracht hat und beginnt selber Nachforschungen zu betreiben, die ihn schnell in höchste Gefahr bringen und ihm alles abverlangen. Schließlich muss er sich auch seinen tiefsten Ängsten stellen, wenn er überhaupt noch eine Chance haben will, sich selbst, seine Familie und Daniel zu retten.

Derek Meister hat einen richtigen Historienschmöker abgeliefert, der einen verzwickten Fall behandelt, mit interessanten Ideen und Wendungen. Die Hauptfigur Rungholt ist nicht gerade, das was ich einen Sympathieträger nennen würde aber gerade durch die Brüche in der Persönlichkeit gewinnt die Figur an Format.

Ein ordentlich recherchierter Mittelalterroman, mit dem man sich gut unterhalten kann. Was mir nicht ganz so gut gefallen hat, ist, dass Meister in dem Bemühen ein möglichst authentische mittelalterliches Szenario zu bieten auf sehr viele alte Begriffe und Bezeichnungen zurückgegriffen hat. Zwar gibt es am Ende des Buches ein kleines Glossar aber in dem tauchen längst nicht alle diese Begriffe auf. Wenn man nun so gestrickt ist wie ich, dann fällt es schwer diese fremden alten Begriffe einfach alle zu überlesen. Ich bin der Typ, der wissen möchte, worum es geht, was gemeint ist etc. und da stand ich dann doch etliche Male im Regen. Teilweise habe ich dann selber nach den entsprechenden Begriffen gegoogelt aber oft auch ohne Erfolg, was mein Lesevergnügen dann doch etwas gemindert hat. Aber vielleicht sind in den nachfolgenden Bänden der Serie ja die Glossars dann ausführlicher ausgefallen. Ich denke, ich werde bald den zweiten Band der Serie lesen, denn ich möchte schon wissen, wie es mit Rungholt weitergeht und ein guter historischer Krimi zwischendrin ist nicht zu verachten.

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02.08.2011

Michael Stanley: Kubu und der zweite Tod von Goodluck Tinubu ****

Buch-CoverLetzten Monat las ich den ersten Band der Krimi-Serie um den botswanischen Ermittler David Bengu, genannt »Kubu«. Nun als den Fortsetzungsband, in dem Kubu und seine Kollegen wieder reichlich zu tun bekommen.

In einer Lodge mitten in der Wildnis ist ein bestialischer Mord begangen worden und einer der Gäste hat sich vor Entdeckung der Leiche vorzeitig aus dem Lager verabschiedet. Ist er der grausame Mörder? Dann wird ein zweiter toter Gast in der Nähe des Camps entdeckt. Die verbliebenen Gäste und die Betreiber der Lodge sind erschüttert.

Kubu und seine Kollegen sichern die Spuren und machen sich an die Ermittlungen. Dann überschlagen sich die Ereignisse. Kubus Frau Joy wird am helllichten Tag überfallen, kurz danach seine Schwägerin Pleasant gekidnappt.

Als sich schließlich herausstellt, dass der Tote, ein gewisser Goodluck Tinubu, der in Simbabwe als Lehrer arbeitete, tatsächlich schon einmal gestorben ist und zwar vor dreißig Jahren im rhodesischen Bürgerkrieg, begreift Kubu, dass viel mehr hinter den Morden stecken muss, als zunächst angenommen.

Der verschwundene Gast wiederum scheint weiter zu morden oder gibt es noch einen weiteren Mörder? Zusammen mit seinem Kollegen Tatwa macht sich Kubu daran, den verzwickten Fall zu lösen und seine Familie vor weiterer Gewalt zu schützen.

Mir hat auch der zweite Band dieser neuen Kriminalreihe, die hauptsächlich in Botswana verortet ist, wieder sehr gut gefallen. Ein ähnlich verzwickter und verwickelter Fall wie im ersten Band - tatsächlich fand ich diesen hier sogar noch einen Tick spannender und besser - und natürlich die Wiederbegegnung mit dem gemütlichen aber messerscharf kombinierenden Kubu. Das Autorenpaar Michael Sears und Stanley Trollip, die sich hinter dem Pseudonym Michael Stanley verbergen, haben ihrem vielversprechenden Debüt-Kriminalroman einen würdigen zweiten Krimi nachfolgen lassen.

Ich hoffe, wir müssen nicht zu lange auf eine Fortsetzung dieser Krimi-Reihe warten.

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27.07.2011

Boualem Sansal: Das Dorf des Deutschen ****

Buch-Cover»Der Schwur der Barbaren« war Boualem Sansals Erstling und ich las damals diesen Politkrimi, der schon etwas aufhorchen ließ. Nun zehn Jahre später erhält Boualem Sansal den diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Als ich diese Meldung und seinen Namen hörte, erinnerte ich mich wieder an »Der Schwur der Barbaren« und schaute, was er inzwischen veröffentlicht hat.

Sein jüngster auch ins Deutsche übersetzte Roman ist »Das Dorf des Deutschen« und ich beschloß, diesen Roman zu lesen. Er besteht, wie der Untertitel verrät, aus den Tagebucheintragungen der Brüder Rachel und Malrich Schiller. Beide leben in Frankreich, wohin sie aus Algerien, wo der Befreiungskampf tobt, geschickt wurden. Rachel, der ältere, hat es zu einer gesicherten Existenz gebracht, hat einen angesehenen Beruf, ist verheiratet und lebt im eigenen Haus. Malrich, um einiges jünger als Rachel, hingegen lebt in einem der französischen Banlieues, ist dort Teil einer multikulturellen Jugendclique und schon mehrfach wegen kleinerer Delikte aufgefallen.

Da erreicht Rachel die Nachricht, das seine Eltern, die Mutter Algerierin, der Vater Deutscher (deswegen der Nachname »Schiller«) bei einem Massaker, bei dem das halbe Dorf abgeschlachtet wurde, ebenfalls ermordet wurden. Rachel macht sich auf in die alte Heimat und findet dort u.a. einen Koffer, der dem Vater gehört hat. Als er ihn öffnet, wird er mit der grausamen Wahrheit konfrontiert, dass sein in Algerien hoch verehrter Vater, offenbar bei der Waffen-SS war und in diesem Zusammenhang am Völkermord an den Juden aktiv beteiligt war. Nie hat der Vater auch nur eine Andeutung diesbezüglich gegenüber Rachel gemacht und der kann es schier nicht fassen, was er nun erfährt. Sein Versuch, mehr zu erfahren und zu verstehen, lässt ihn anhand des alten Soldbuches des Vaters, dessen Lebenswege nachreisen. Von Uelzen, wo der Vater geboren ist, bis hin nach Ausschwitz. Rachel hat das Gefühl, dass er die ungesühnte Schuld des Vaters quasi geerbt hat und zerbricht letztlich daran.

Malrich, der jüngere Schiller, erfährt danach woran sein Vater beteiligt war und welche Schuld er trug. Auch er kann diesen Wahrheiten nicht einfach ausweichen. Vielmehr rütteln sie ihn auf und so macht er sich schließlich auch auf den Weg nach Algerien in das alte Heimatdorf. Seine Reaktion auf die Informationen und die Tagebuch-Einträge mit den Gedanken seines Bruders Rachel, fällt hingegen anders aus. Während Rachel in dem Grauen der neuen Erkenntnisse untergeht, sieht Malrich nach und nach erschreckende Parallelitäten zwischen der Vorgehensweise der Nazis und der der fundamentalistischen Islamisten heute. Praktisch hat er deren Ideologie und Vorgehen in seinem Banlieue erlebt und ihm wird schnell klar, dass Schweigen keine Option ist. So legt er sich mit dem holocaustleugnenden fanatischen Imam an, der in der Banlieue das Sagen hat. Malrich ist alarmiert, hellwach, wütend und bereit aktiv zu werden. Sein Motto könnte man bezeichnen mit »Wehret den Anfängen« aber zugleich ist er ohnmächtig, fühlt sich hilflos und weiß nicht recht, was er tun könnte, um eine Wiederholung der Geschichte, die er für durchaus möglich hält, zu verhindern.

Mit »Das Dorf des Deutschen« hat Boualem Sansal einen Roman geschrieben, der überrascht durch den Bogen, den er aus der Vergangenheit in die unmittelbare Gegenwart schlägt. Er ist ein Plädoyer gegen das Schweigen, eine Aufforderung zum Widerstand, ein Warnruf, sich dem Verlust von Freiheit - sei es im Namen einer menschenverachtenden Ideologie, sei es im Namen einer Religion - entgegen zu stellen. Zugleich beklagt Sansal, die politisch gewollte Unwissenheit der normalen Bevölkerung über die wahren Vorgänge - sei es während der Nazizeit, sei es heutzutage, die dazu führt, dass Widerstand klein gehalten wird und Gruppierungen gleich welcher Nationalität, Ideologie oder Religion erst wirklich ermöglicht, ihr finsteres Unwesen zu treiben.

Sansals literarische Stimme ist um so bemerkenswerter, da er nach wie vor mit seiner Familie in Algerien lebt, obwohl er dort aufgrund seiner moralischen und kritischen Haltung, seine Bücher nicht veröffentlichen darf. Einen solchen Roman in einem Land wie Algerien zu schreiben, das zeugt von viel Mut. In Frankreich, wo der Roman zuerst erschien, hat der Roman jedenfalls erbitterte Debatten ausgelöst.

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24.07.2011

Richard Dübell: Die Pforten der Ewigkeit ****

Buch-CoverGute 850 Seiten hat der neueste historische Roman von Richard Dübell. In »Die Pforten der Ewigkeit« nimmt er seine Leser mit in die Zeit des sog. Interregnums (die kaiserlose Zeit) nach dem Tod von Kaiser Friedrich II, dem Zeitgenossen den Beinamen »Stupor mundi« (das Staunen der Welt - oder besser: der die Welt staunen macht) gaben.

Friedrich II. war ein Kaiser von außerordentlichem Format, hochgebildet, interessiert an den Naturwissenschaften und für damalige Verhältnisse z.B. dem Islam und Judentum gegenüber äußerst tolerant. Er verstand sich als eine Art Gottes Stellvertreter auf Erden (angelehnt an das byzantinische Kaiserverständnis) und damit kam für ihn eine Unterordnung unter den Papst nicht in Frage. Das führte natürlich ebenfalls zu ernsten Auseinandersetzungen mit den Päpsten Innozenz III und Papst Gregor IX. Trotzdem hat Kaiser Friedrich II. sich an der Verfolgung der vom Papst zu Häretikern erklärten Katharer (Albingenser) beteiligt. Er erließ die sog. Blutgesetze, in denen Ketzerei als Majestätsverbrechen eingestuft wurde. Sie wurde durch den Feuertod bestraft. Unter ihm kam es also zur aktiven Mithilfe von Seiten der weltlichen Gewalt bei der Verfolgung und Bestrafung der Ketzer.

Dübells Roman setzt unmittelbar vor dem Tod von Kaiser Friedrich II. ein. Ein Vertrauter erhält noch eine letzte Botschaft des Kaisers. Es soll sich um ein Geheimnis handeln und so sind natürlich viele daran interessiert, herauszufinden, was der Kaiser dem Vertrauten gesagt hat. Eine wilde Jagd beginnt, in die auch der junge Rogers de Bezers, ein Katharer, verwickelt wird. Sein Vater ist einer der letzten überlebenden Katharerführer und so ist die ganze Familie in Gefahr von der Inquisition gefasst und getötet zu werden. Rogers de Bezers war als Kreuzritter im Heiligen Land und kehrt nun zurück, um seine Familie zu suchen, von der er nicht weiß, ob sie die Verfolgung überlebt haben und das Geheimnis des Kaisers herauszufinden.

Dann ist da die Zisterzienserschwester Elsbeth, die sich mit einigen anderen Nonnen in ein im Steigerwald liegendes gottverlassenes Städtchen namens Winzinsten begibt, um dort ein neues Kloster zu gründen und zugleich eine Mitschwester, die von Visionen heimgesucht ist, vor der Inquisation zu retten.

Der Lauf der Dinge führt Rogers mit seinen zwei treuen Gefährten schließlich in dieses Städtchen und zu Elsbeth und (Überraschung!) es kommt trotz aller Gegensätze zu einer Liebesgeschichte zwischen den beiden.

Hinter Rogers und seiner Familie ist vor allem Rudolf I. von Habisburch (Habsburg), der sich schon als Nachfolger von Kaiser Friedrich wähnte, her. Eine alte Fehde verbindet die beiden Familien und Rudolf hofft, wenn er das Geheimnis des Kaisers kennt, sich doch noch als neuer Kaiser etablieren zu können (was ihm allerdings erst Jahrzehnte später gelingen sollte). Dabei kennt er keinerlei Skrupel und räumt alle und alles, was sich ihm in den Weg stellen könnte, gnadenlos aus dem Weg.

In Winzinsten lebt auch der dubiose Notar Meffridus und kontrolliert durch Manipulationen aller Art, das kleine Städtchen. Als Elsbeth mit ihren Mitschwestern dort auftaucht, unterstützt er aus persönlichen Gründen deren Vorhaben, ein neues Kloster zu bauen. Doch Elsbeth ahnt bald, dass er eigene (und vermutlich ebenfalls dubiose) Gründe hat, dies zu tun und ist auf der Hut.

Aus diesen Zutaten also hat Dübell seinen Roman gezimmert und sich dabei recht geschickt angestellt. Die Geschichte hätte man zwar hier und da straffen können aber es gelingt ihm durch die ständigen Wechsel zwischen den Hauptsträngen der Geschichte und vieler unerwarteter Wendungen, die Leser bei der Stange zu halten und den Stoff spannend zu halten.

Wer also gerne mal wieder einen dicken historischen Schmöker lesen möchte, der kann sich diesen Roman vornehmen und wird am Ende nicht enttäuscht sein.

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21.07.2011

Michael Stanley: Kubu und der Tote in der Wüste ****

Buch-CoverKürzlich wurde ich auf eine neue Krimi-Serie aufmerksam. Unter dem Pseudonym Michael Stanley schreiben Michael Sears und Stanley Trollip, zwei südafrikanische Professoren im Ruhestand, diese neue Krimi-Serie. Ihr Held ist Detective David »Kubu« Bengu, der in Botswana lebt und arbeitet.

Sein erster Fall beginnt mit den Überresten eines menschlichen Leichnams, der in der Kalahari eher zufällig entdeckt wird. Erste Nachforschungen ergeben, dass es sich wohl um einen Weißen handelt aber es liegt keinerlei Vermisstenanzeige vor. Wer also ist der geheimnisvolle Tote?

David »Kubu« Bengu, macht sich daran, das Rätsel zu lösen und gerät in einen Fall, der ihn in die Chefetage des bedeutendsten Diamantenkonzerns in Botswana führt, in dem ein Kampf um die Macht entbrannt ist, in eine abgelegene Diamantenmine und schließlich sogar bis nach Südafrika. Ehe er es sich versieht, gibt es mehr und mehr Tote und der Fall scheint unlösbar zu werden, doch Kubu gibt nicht auf.

Mit Angus, dem Sohn des Firmengründers, war Kubu einst eng befreundet und sein Chef Mabuku ist mit dem aktuellen Leiter der Firma befreundet. Steckt einer von beiden hinter der ganzen Geschichte und was bedeutet das für die jeweiligen Freundschaften? Angus war es auch, der David den Spitznamen »Kubu« verpasst hat. »Kubu« ist Setswana für Nilpferd. Der Name ist an David Bengu hängengeblieben und im Laufe des Buches stellt sich heraus, dass der Spitzname in vielerlei Hinsicht passt.

Ich war auf diese neue Serie sehr gespannt, ist es doch nun die zweite, deren Protagonisten in Botswana agieren. Mit seiner Mma Ramotswe hat uns ja schon Alexander McCall Smith, eine wunderbare Krimi-Serie mit sehr sympathischen Protagonisten geschenkt. Nun also wieder Botswana und es fällt zunächst einmal auf, dass auch der neue Ermittler Kubu äußerst sympathisch und lebensfroh daher kommt. Er liebt seine Frau Joy und seine Eltern, er genießt das Leben, wo immer es möglich ist und vor allem gutes Essen und gekühltes Bier. Gleichzeitig ist er sehr clever, schaut genau hin und ist fähig viele Puzzleteile zu einem großen ganzen Bild zusammenzusetzen. Und er hat großes Durchhaltevermögen, das ihn am Ball hält, wenn die Ermittlungen festzustecken scheinen.

Bei Alexander McCall Smith Krimi-Reihe liegt der Fokus mehr auf den beteiligten Personen und die jeweiligen Fälle sind eher Beiwerk, charmant aber wenig spannend. In der neuen Krimi-Serie liegt der Fokus eindeutig auf dem Kriminalfall und der ist überaus verzwickt, hält immer neue Wendungen und Überraschungen bereit und fesselt einen als Leser bis zum Ende. Man merkt, dass die beiden Autoren mit Botswana und den umliegenden Ländern Südafrika, Angola und Namibia sehr vertraut sind. Sehr gut gefallen haben mir übrigens auch die wunderbaren landschaftlichen Beschreibungen.

Mir hat dieser Debüt-Band zur Serie recht gut gefallen und ich bin schon auf den zweiten Fall von Kubu gespannt. Der ist bereits unter dem Titel »Kubu und der zweite Tod von Goodluck Tinubu« erschienen und wird sicher bald von mir gelesen.

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06.07.2011

Halldór Laxness: Am Gletscher ****

Buch-CoverDer Roman »Am Gletscher« des isländischen Literaturnobelpreisträgers Halldór Laxness, erschien auf deutsch zunächst unter dem Titel »Seelsorge am Gletscher« und darum geht es im Roman tatsächlich auch. Ein junger Theologe wird von seinem Bischof in eine abgelegene Gemeinde geschickt, die am Snæfellsgletscher im Nordwesten Islands liegt. Von dort sind besorgniserregende Nachrichten über den Pfarrer Jon Primus und darüber wie er seinen Dienst versieht, an das Ohr des Bischofs gelangt. Angeblich lässt er die Kirche verfallen, tauft die Kinder nicht, beerdigt die Toten nicht und dann gibt es noch die irritierende Nachricht, eine Leiche sei auf den Gletscher geschafft worden. Der Versuch via Brief Erkundungen einzuziehen und offene Fragen zu klären, hat nicht wirklich zu befriedigenden Antworten und Lösungen geführt. So wird nun der junge Theologe nun ausgerüstet mit einem Tonbandgerät und einem Stenoblock losgeschickt, um herauszubekommen, was in der Gemeinde am Snæfellsgletscher wirklich los ist.

Der Snæfellsgletscher ist durch den Roman »Reise zum Mittelpunkt der Erde« von Jules Verne auch über Island hinaus bekannt geworden. Jules Verne hat in seinem Roman ausgerechnet dort den Einstieg in die Unterwelt verortet. Um den Gletscher ranken sich Legenden, Mythen und Sagas und so ist es auch nicht verwunderlich, dass auch die Esoteriker dort besondere Kraftfelder zu verspüren glauben. Hinzu kommt die abgelegene Lage und Provinzialität. Dazu gesellen sich noch die vielen Anspielungen und Bezüge auf den christlichen Glauben und andere Religionen, wie z.B. den Hinduismus und Buddhismus oder auf alte heidnische Glaubensrichtungen. Das alles ergibt ein Gemisch, in dem sich so allerhand wunderliches manifestiert und gedeihen kann und das Laxness mit reichlich wohlwollender und humorvoller Ironie zu erzählen weiß.

Die Gesprächen mit verschiedenen Mitgliedern der Gemeinde, die der junge Theologe zu führen versucht, sind somit ein wundersames Sammelsurium und voller absurder Dialoge und werfen nicht nur für ihn sondern auch für die Leser mehr Fragen auf, als dass sie Antworten liefern würden. Der Pfarrer Jon Primus selbst entpuppt sich als eine Art »Mädchen für Alles«, zumindest wenn es um Reparaturen und das Beschlagen der reichlich vorhandenen Pferde handelt, als Seelsorger ist er hingegen anscheinend ein Totalausfall, denn auf große Fragen gibt er wenn überhaupt nur kleine Antworten und das Beten hat er nach eigener Aussage lang verlernt. Doch den Mitgliedern der Gemeinde gilt er fast als ein Heiliger, denn natürlich können sie mit einem praktisch veranlagten und zupackenden Pfarrer weit mehr anzufangen als mit einem abgehobenen vor sich hin theologisierenden Gemeindehirten.

Und dann ist da auch noch der alte Jugendfreund des Pfarrers, der Isländer Mundi Mundason, der sich in Amerika als Professor Syngmann einen Namen gemacht hat. Er kehrt zurück nach Island und bringt große Antworten und Geld und sammelt damit ebenfalls seine Anhänger. Die Dialoge zwischen den ungleichen Freunden sind wohl ein Dreh- und Angelpunkt des Romans.

Als dritte sehr wichtige Figur ist schließlich noch Ua zu nennen (die noch unter zig anderen Namen und Professionen) auftritt und die die beiden Freunde beide geliebt haben. Sie ist schillernd in ihren Erscheinungen, oft totgesagt und doch wieder auferstanden, älter geworden und doch immer noch kraftvoll. Ihre Rolle bzw. was sie verkörpert ist für die Gesamtkomposition des Romans nicht zu unterschätzen.

Alles in allem ein sehr interessanter Roman, der viel Stoff zum Nachdenken bietet und sicher mit Gewinn mehrfach gelesen werden kann, denn durch die Vielschichtigkeit läßt sich immer wieder neues entdecken. Die Rätsel sind jedenfalls nicht alle gelöst, wenn man am Ende den Buchdeckel schließt.

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17.06.2011

Martin Walker: Schwarze Diamanten ****

Buch-CoverDer Schotte Martin Walker, der teilweise im französischen Périgord lebt, erfreut uns mit einem neuen, dem dritten Band in seiner Krimi-Reihe um den Landpolizisten Bruno Courréges.

Gleich zu Beginn muss Bruno in Saint-Denis die Wogen glätten. Die alte Sägemühle, die für viele Familien über viele Jahrzehnte die Arbeitsplätze sicherte, wird aus Umweltschutzgründen geschlossen. Zugleich stehen die Bürgermeisterwahlen kurz bevor und so nutzt vor allem die Partei der Grünen unter der Führung des jungen Guillaume Pons die Gelegenheit sich in Szene zu setzen. Pikant ist, dass der Besitzer der Sägemühle ausgerechnet Guillaumes Vater Boniface Pons ist. Der Vater-Sohn-Konflikt scheint sich zuzuspitzen als Guillaume Pons kurz darauf auch noch bekannt gibt, dass er für die Partei der Grünen für das Bürgermeisteramt kandidieren will.

Außerdem kommt es auch noch zu einem Anschlag auf den Marktstand einer vietnamesischen Familie, die schon lange in Saint-Denis lebt. Dann wird Bruno auch noch gebeten, einigen Beschwerden nachzugehen, die die berühmten Trüffel, die schwarzen Diamanten aus dem Périgord, betreffen. Auf dem Trüffelmarkt des Nachbarortes scheint minderwertige Ware verkauft worden zu sein.

Doch dann nimmt der Fall eine dramatische Wendung, als ausgerechnet Brunos Jagdfreund Hercule, der als der beste Trüffelexperte der Gegend gilt, bestialisch ermordet wird. Bruno ist erschüttert, macht sich aber daran zu ermitteln und bald führen in die Spuren weit in die Vergangenheit und bis in die Zeit der Kolonialherrschaft in Indochina. Die Anschläge auf Vietnamesen in der Gegend aber auch auf Chinesen häufen sich. Aber wie hängt das alles mit den berühmten Périgord-Trüffeln zusammen?

Martin Walker hat mit »Schwarze Diamanten« eine wirklich gute Fortsetzung der Krimi-Reihe geschrieben. Die Geschichte ist in sich schlüssig und nimmt immer mehr Tempo und Spannung auf. Dazu kommt die sympathische Hauptfigur Bruno und seine nicht minder sympathischen Freunde aus Saint-Denis sowie die wunderbaren kulinarischen Exkurse. Ich freue mich schon auf den nächsten Band und bin gespannt, wie es mit Bruno und Saint-Denis weitergehen wird.

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04.06.2011

Salvatore Niffoi: Die barfüßige Witwe ****

Buch-CoverWuchtig archaisch beginnt der Roman »Die barfüßige Witwe« des italienischen Schriftstellers Salvatore Niffoi.

Die Geschichte spielt in der Barbagia, der legendären sardischen Gegend der Viehhirten und Banditen. Dort lebte einst Mintonia, die sich schon früh in den rebellischen Micheddu verliebt und so nimmt das Schicksal seinen Lauf und endet äußert blutig und brutal.

1938 muss Mintonia schließlich nach Argentinien fliehen und schreibt fast ein halbes Jahrhundert später ihrer Nichte, was damals alles geschehen ist.

Viel mehr möchte ich hier über den Inhalt gar nicht verraten, weil das dem Roman etwas von seiner Wucht und Spannung nehmen würde. Abgesehen davon, dass ein Leben geschildert wird, das unter archaischen Bedingungen gelebt wird, verstärkt sich dieser Eindruck noch durch den übersetzerischen Kniff, den Andreas Löhrer angewandt hat, nämlich immer wieder Sätze im sardischen Original zu belassen, um sie gleich anschließend zu erklären. So hart wie das Leben, so rauh wie die Landschaft ist, so wirkt auch die Sprache des Romans und unterstützt so den Gesamtton der Geschichte.

Unwillkürlich fühlt man sich bei der Lektüre an andere große italienische Schriftsteller wie die Nobelpreisträgerin Grazia Deledda erinnert oder auch an die katalanische Schriftstellerin Maria Barbal.

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07.04.2011

Robert Ludlum: Der Bourne Betrug ****

Buch-CoverNach seinen letzten Erfahrungen mit der CIA, hat Jason Bourne genug und will nichts mehr mit der Agency zu tun haben. Doch dann zitiert ihn sein alter Widersacher, der Chef der CIA, zu sich und eröffnet ihm, dass Bournes Freund Martin Lindros bei einem Außeneinsatz spurlos verschwunden ist. Lindros Jasons einziger verbliebener Freund ist einer heißen Spur in Äthiopien nachgegangen, da er den Verdacht hegte, dass islamistische Terroristen an einer Atombombe bauen, um diese in den USA zu zünden.

Bourne macht sich sofort auf den Weg seinen Freund zu suchen. Tatsächlich gelingt es ihm Martin Lindros aufzuspüren und aus den Fängen seiner Bewacher zu befreien und in die USA zurückzuschaffen. Dessen Verdacht hat sich tatsächlich bestätigt und er bitten Bourne nun, ihm bei der Jagd auf die Terroristen zu helfen. Als erstes schickt er Jason Bourne nach Odessa, wo er einen angeblichen Verbindungsmann treffen soll. Tatsächlich aber folgt ein Mordversuch an ihm.

Bourne ist plötzlich der Gejagte und seine Gegner scheinen immer zu wissen was er vor hat und wo er ist. Langsam keimt ein furchtbarer Verdacht in Bourne auf und der betrifft seinen Freund Martin Lindros. Ist der wirklich der, der er vorgibt zu sein oder ist hier ein perfides Täuschungsmanöver im Gange? Die Anzeichen dafür mehren sich und Jason Bourne ist mal wieder fast völlig auf sich allein gestellt.

Wieder ein klassischer Ludlum, action-reich, verschachtelt, spannend. Nicht ganz so gut wie der vorangegangene Band der Reihe aber immer noch ein Action-Thriller vom Feinsten.

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17.02.2011

Meir Shalev: Im Haus der großen Frau ****

Buch-CoverVom israelischen Schriftstellers Meir Shalev habe ich schon etliche Romane gelesen, die mir durchweg sehr gut gefallen haben. Nun auch seinen Roman »Im Haus der großen Frau«.

Erzähler ist der 52jährige Rafael, der aus einer Familie stammt, deren männliche Mitglieder alle früh aus dem Leben scheiden und das teils durch absurde Unfälle oder durch Selbstmord. Die Frauen der Familie bleiben zurück und haben sich zusammengetan und bewohnen ein Haus, dessen zwei Wohnungen zusammenlegt worden sind.

So wächst der kleine Rafael zusammen mit seiner kleinen Schwester Michal bei seiner Großmutter, seiner Mutter und zwei Tanten, eine davon angeheiratet, auf. Die fünf weiblichen Wesen bilden für ihn die »Große Frau« und sie prägen ihn ganz entscheidend. Als kleiner Junge empfindet er das alles als durchaus angenehm und als er in das Alter kommt, wo es anfängt unangenehm zu werden, findet er im letzten hebräischen Steinmetz Abraham Stascheweski, einen treuen Freund, der ihm vieles erklärt und quasi den Vater etwas ersetzt.

Die Frauen der Familie erwarten ständig Rafaels Ableben, denn schließlich sterben die Männer der Familie früh aber zum Zeitpunkt, als er diese Geschichte erzählt ist er schon zum ältesten lebenden Mann in der Familie geworden und die Frauen können es kaum fassen, dass er immer noch lebt.

Zunächst erklärt sich der kleine Rafael vieles aus der Sicht eines Kindes oder nimmt Dinge und Geschehnisse einfach hin aber irgendwann wird ihm klar, dass seine Erklärungen nicht stimmen können. Im Laufe des Romans erfahren die Leser nach und nach die Familiengeschichte, die Schicksale und vor allem Todesarten der männlichen Mitglieder und die Schicksale der Frauen und je älter Rafael wird, desto mehr Familiengeheimnisse werden auch aufgedeckt.

Rafael hat irgendwann das Haus der großen Frau verlassen und wohnt nun weit weg in der Wüste, wo er für ein Unternehmen Wasserrohre kontrolliert. Ab und an kommt ihn die Große Frau besuchen oder seine Ex-Frau Rana, die sich zwar von ihm getrennt hat, um einen anderen zu heiraten, ihn aber nach einigen Jahren als Geliebten erwählt.

Hin und wieder kehrt Rafael auch ins Haus der Großen Frau zurück, wo die Frauen immer mehr altern und er versäumt es auch nie, bei seinem alten Freund Abraham, der längst verstorben ist, vorbeizusehen und ihm einen schönen Stein mitzubringen, so wie er es ihm als kleiner Junge versprochen hat.

Meir Shalev ist auch hier wieder ein wunderbarer Roman gelungen, in dem er die einzelnen Persönlichkeiten gründlich konstruiert und dann mit Leben gefüllt hat. Dazu manche absurden Wendungen, die dem Ganzen bei aller Tragik, die es auch gibt, doch immer wieder auch etwas Würze und Humor hinzufügt.

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