16.12.2011

Derek Meister: Todfracht ****

Buch-CoverUnd Ostsee die Dritte! Diesmal wieder mit den Hanser Rungholt, der im mittelalterlichen Lübeck zuhause ist und zum vierten Mal versucht ein Verbrechen aufzuklären.

Rungholt wird zusammen mit seinem Freund, dem schonischen Kapitän Marek, Zeuge wie ein paar Mordgesellen ein Paar überfallen, dass sich gerade auf einem Schiff umschaute. Den Mann kann Rungholts und Mareks Eingreifen nicht mehr retten aber wenigstens die Frau, Cyrielle. Als sie endlich in der Lage ist auf Rungholts Fragen zu antworten, erzählt sie eine berührende Geschichte. Sie und ihr Mann waren auf der Flucht und es sind Engländer, die ihnen nach dem Leben trachten. Rungholt nimmt die fremde Frau in sein Haus auf und versucht die Mörder ihres Mannes ausfindig zu machen. Doch die Attentäter lassen nicht locker und machen weiter Jagd auf seinen Gast. Warum sind sie so unerbittlich darauf aus auch noch die Frau zu ermorden?

Fast gleichzeitig wird in einer Sickergrube eine tote Dirne gefunden. Da tritt der ehemalige Rychtevoghede Kerkering wieder auf den Plan und erpresst Rungholt mit seinem Wissen über dessen Vergangenheit, diesen Fall aufzuklären.Schnell finden sich zwei Zeugen, die behaupten, als letztes ausgerechnet den neuen Lübecker Rychtevoghede Plönnies mit ihr gesehen zu haben. Allerdings handelt es sich bei den Zeugen um zwei rechte Galgenvögel und Rungholt wittert, dass sie falsches Zeugnis ablegen. Doch warum? Was haben sie wirklich gesehen? Und wieso reagiert Plönnies so aufgebracht als er ihn befragt. Hat er vielleicht doch die Dirne ermordet?

Aus diesen beiden Erzählsträngen knüpft Derek Meister wieder einen spannenden Fall, der eine gänzlich unerwartete aber durchaus historisch denkbare Wendung nimmt. Mir ist der bärbeißige Rungholt inzwischen fast ein bisschen ans Herz gewachsen und so habe ich mich wieder gut unterhalten gefühlt. Der nächste Band der Serie soll im nächsten Jahr erscheinen. Ich bin gespannt, wie es weitergehen wird.

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13.12.2011

Volker Harry Altwasser: Letzte Fischer ****

Buch-CoverOstsee, die Zweite! Von Volker Harry Altwasser und seinen Romanen hatte ich in den vergangenen Jahren öfter mal gehört bzw. gelesen und mein Interesse war geweckt worden. Leider erwies es sich bisher als für mich nicht möglich, an die Romane »Letzte Haut« und »Letztes Schweigen« zu gelangen. Die bilden die ersten beiden Bände einer inhaltlich zusammenhängenden Trilogie, deren letzter Band nun »Letzte Fischer« ist. Es ist übrigens kein Problem, die Romane einzeln für sich stehend zu lesen.

Mit einem Auszug aus »Letzte Fischer« hat Volker H. Altwasser übrigens dieses Jahr auch am Bachmannpreis-Wettbewerb teilgenommen, wo ich erneut auf ihn aufmerksam wurde.

In »Letzte Fischer« erzählt Altwasser von Robert, Mathilde und Luise Rösch. Robert und Mathilde sind verheiratet und leben an der Ostsee. Luise ist Mathildes Tochter. Robert ist Hochseefischer und immer fünf Monate am Stück auf See. Luise ist arbeitet für ein Sicherheitsunternehmen und schützt mit ihrem Spezial-Team Schiffe vor Piratenangriffen. Mathilde wünscht sich, dass Robert nicht mehr zur See fährt. Ihr schwebt vor, dass er zum Fischwirt an Land umsattelt.

Robert fährt zu einem Fisch-Tourn auf der Saudade in die somalischen Gewässer. Während des Tourns will er entscheiden, ob es sein letzter sein wird oder ob er bei der Hochseefischerei bleibt. Er ist einer von weltweit zehn Experten für das Enthäuten der sog. Kurznasen-Seefledermaus. Für diese Häute werden immense Summen bezahlt und mit seiner Fähigkeit trägt er dazu bei, dass den Seeleuten am Ende eines Tourns ein zusätzlicher Bonus gezahlt werden kann. Dementsprechen hoch ist sein Ansehen bei seinen Kollegen.

Luise wird beauftragt, mit ihrem Team den Walfänger Rimbaud mitsamt seiner Ladung sicher in den Hafen von Spitzbergen zu geleiten. Es wird befürchtet, dass Greenpeace Aktionen gegen die Walfänger startet. Auf der Rimbaud ist auch der gerade 18jährige Tommy, der als Schiffsjunge seine erste Fahrt erlebt. Zwischen Luise und Tommy kommt es zu einer Liason, was zu zusätzlichen Spannungen an Bord führt.

Während ich ja beim vorher gelesenen Roman bemängelt habe, dass die Ostsee kaum eine Rolle spielt, ist es in diesem Fall ganz anders. Volker Harry Altwasser nimmt seine Leser mit hinaus auf die See, die Ostsee und auch die See vor Somalia und er erzählt vom Leben der Fischer und ihrer Arbeit, wie sie heute auf den Schiffen stattfindet. Soviel über den modernen Walfang aber auch die Jagd auf andere Fische, wie in diesem Roman, habe ich bisher noch nirgendwo gelesen und gelernt. Altwasser erzählt von den Männerritualen auf den Booten, von den Piraten und was sie dazu hat werden lassen, von den Schutzmassnahmen gegen ihre Überfälle, von der Verarbeitung der Wale und anderer Fische, von der Problematik der Überfischung und den neuen Trend der sog. Fischfarmen, die heute oft weit weg von der Küste liegen.

Mich hat »Letzte Fischer« ziemlich in seinen Bann gezogen, es entwickelt trotz ruhiger Erzählweise eine ganz eigene Dynamik und Wucht und setzt den vielleicht bald »letzten Fischern« ein literarisches Denkmal. Es ist ein großartiger Roman über das Meer, die Fischer und ihr Leben.

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08.12.2011

Laura Joh Rowland: Der Wolkenpavillon ****

Buch-CoverEndlich hat es mich mal wieder ins mittelalterliche Edo verschlagen, wo Laura Joh Rowlands Held, der Samurai Sano Ichiro, nicht nur Verbrecher verfolgt, sondern über die Jahre auch eine einflußreiche politische Position als einer von zwei Kammerherrn des Shogun errungen hat. Sein größter Rivale Yanigasawa ist der zweite Kammerherr und zum ersten Mal scheint so etwas wie Friede zwischen ihnen zu herrschen. Gemeinsam setzen sie ihren immensen Einfluß ein, um Japan so gut wie möglich zu führen.

Da verschwindet Sanos Cousine Chiyo, spurlos und ihr Vater bittet ihn um Hilfe bei der Suche. Der Kontakt zwischen Sano und diesem Teil des Familienclans ist seit Jahren abgebrochen, denn seine Mutter, die dem Clan angehört, wurde aus dem Clan verstoßen. Doch Sano kann und will dem Onkel trotzdem seine Bitte nicht abschlagen und seine Cousine ihrem Schicksal überlassen.

Dann taucht die Chiyo plötzlich wieder auf. Ihr Entführer hat sie wieder laufen lassen, doch sie wurde vergewaltigt. Sano versucht weiter den Täter zu ermitteln und muss feststellen, dass Chiyo nicht das erste Opfer war. Schon zwei andere Frauen, eine alte Nonne und die Tochter eines Bandenchefs, wurden auf ähnliche Weise entführt und mißbraucht. Fieberhaft jagen Sano und seine Männer den oder die Täter, um weitere Opfer zu verhindern, doch das gestaltet sich überraschend verzwickt und schwierig. Dann aber nimmt der Fall eine völlig unerwartete Wende, als die Frau des Shogun selbst entführt wird. Der Shogun setzt Sano und Yanisawa eine Frist bis zu der sie seine Frau gefunden haben müssen, sonst droht ihnen und ihren Familien die Todesstrafe.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie Laura Joh Rowland ihre Krimi-Serie fortschreibt und welchen Wendungen und Auf und Abs des Schicksals sie ihren Helden aussetzt. Es ist und bleibt spannend, die Geschichte und das Schicksal des sympathischen Sanos und seiner Familie zu verfolgen.

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18.11.2011

Ilkka Remes: Ein Schlag ins Herz ****

Buch-CoverEndlich hat Ilkka Remes mal wieder einen neuen Band für seine Timo Nortamo-Reihe geschrieben und liefert gewohnt routiniert einen Spannungs-Politkrimi ab.

In Stockholm findet die berühmt-berüchtigte Bilderberg-Konferenz statt und ein Frachter transportiert Atommüll zu einem Endlager. Da gelingt es Umweltaktivisten, die gegen den Bau der russisch-deutschen Gaspipeline durch die Ostsee protestieren in einem Handstreich das Schiff samt Atommüllkontainer in ihre Gewalt zu bringen.

Fast gleichzeitig wird die Bilderberg-Konferenz überfallen. Schwerbewaffnete Männer entführen die hochrangigen Teilnehmer. Höchster Alarm in Schweden, gleich zwei Krisenherde müssen behoben werden. Doch dann bringen die Entführer der Bilderberg-Geiseln diese ausgerechnet auf den gekaperten Atommülltransporter und stellen brisante Forderungen und sie wollen zunächst nach Helsinki.

Ebenfalls beteiligt sind der Finne Patrick Vasama, eigentlich ein Geologe und Atomkraft-Experte und die belgische Ärztin Sandrine Denaux. Doch mit dem, was tatsächlich passiert ist, haben auch sie beide nicht gerechnet. Sie sind getäuscht worden und finden sich in einem Strudel wieder, die nicht nur das Leben der Geiseln sondern auch ihr eigenes bedroht.

Vorsichtig versuchen Patrick und Sandrine das Schlimmste zu verhindern. Zugleich werden verschiedene Geheimdienste aktiv und Timo Nortamo trägt die Hauptverantwortung für das ganze Szenario, was sich aber zunehmend als überaus schwierig erweist, denn die Geheimdienste sind nicht wirklich zu einer Zusammenarbeit bereit, sondern verschweigen wichtige Informationen. Doch auch die Entführer scheinen sich untereinander nicht wirklich einig zu sein, was sie eigentlich wollen.

Rasant, wendungsreich und spannend ist »Ein Schlag ins Herz«, ein Polit-Thriller, der sich gut und schnell lesen lässt.

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30.10.2011

Jan Costin Wagner: Das Licht in einem dunklen Haus ****

Buch-CoverEndlich hat Jan Costin Wagner die Krimi-Reihe um seinen Kommissar Kimmo Joentaa fortgeschrieben. Der bekommt es mit dem Fall einer unbekannten Toten zu tun. Schwerverletzt wurde sie vor einigen Wochen in einem Straßengraben gefunden und hat seither im Koma bzw. Wachkoma gelegen. Als sie im Krankenhaus stirbt, wird schnell klar, dass sie im Krankenhaus ermordet wurde. Wer war die Frau und warum wurde sie getötet und warum hat der Mörder offenbar dabei geweint?

Auch in seinem Privatleben ist Kimmi Joentaa auf der Suche, denn seine Geliebte, Larissa, von der er kaum etwas sicheres weiß, verschwindet.

Kimmi Joentaa macht sich zusammen mit seinen Kollegen auf die Suche nach dem Mörder und die Suche führt ihn schließlich in ein winziges abgelegenes Dorf und weit zurück in die Vergangenheit.

Die Melancholie, die ein Kennzeichen von Kimmi Joentaa und überhaupt dieser Krimireihe ist, setzt sich auch in diesem Band fort und findet, wie ich es empfunden habe, sogar einen Höhepunkt darin. Teilweise fand ich die Lektüre wirklich deprimierend, dabei aber zugleich meisterhaft durch die Erzählweise geschaffen.

Ich mag Kimmo Joentaa und bin sehr gespannt, wie es mit ihm und Larissa weitergehen wird. Zugleich bin ich froh, dass in den letzten Tagen die Sonne schien, während ich las. Interessierte Leser, die die Lektüre erwägen und vielleicht selber mit depressiven Phasen zu tun haben, sollten die Lektüre vielleicht doch besser auf nächstes Frühjahr oder sogar den Sommer verschieben.

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22.09.2011

Derek Meister: Knochenwald ****

Buch-CoverDem fettleibigen und jähzornigen Hansekaufmann Rungholt machen seine angehäuften Sünden zu schaffen. Zwar hat er schon eine Reihe Ablaßbriefe erstanden und bei sich zuhause versteckt aber nun - im dritten Band der Serie - hat er sich als Pilger nach München begeben. Es ist das Jahr 1392 und Papst Bonifaz IX. hat ein sog. Jubeljahr ausgerufen. So strömen noch mehr Pilger als sonst nach München, um auf dem Andechser Berg vor lang verschollenen Heiligenreliquien zu beten. Rungholt hofft, seine Sünden endlich endgültig hinter sich lassen zu können und zudem lebt seine Tochter Margot dort, die er endlich wiedersehen will.

Margot ist es schließlich auch, die ihn bittet, bei der Suche nach der verschollenen Frau eines Goldschmieds zu suchen. Rungholt hat nicht viel Hoffnung, die Frau, die schon seit mehreren Tagen verschwunden ist, noch lebend zu finden, macht sich aber zusammen mit seinem Kapitän Marek auf die Suche und stößt schließlich auf eine Spur, die ins Moor und einen großen Wald führt, der ihm fast ebenso unheimlich ist, wie das Meer oder sonstige Gewässer. Und eine Spur scheint auf seinen Schwiegersohn Utz zu verweisen, dem er sowieso schon mehr als skeptisch gegenübersteht.

Viel Hilfe von offiziellen Stellen kann Rungholt in München im Gegensatz zu seiner Heimatstadt Lübeck natürlich nicht erwarten. Hier ist er nicht der angesehene Hanse-Kaufmann sondern nur ein Pilger unter vielen und außerdem scheint es bald jemanden zu geben, der seine Pläne und Vorhaben an die gegnerische Seite verrät. Es gibt weitere Tote aber das schreckt Rungholt natürlich nicht ab, im Gegenteil. Es wird ihm fast zu einer Besessenheit, die verschwundene Beatris zu finden und zwar lebend.

Am Ende erkennt Rungholt, dass es nicht die Reliquien, ob nun echt der gefälscht, sind, die ihm helfen seine Sünden hinter sich zu lassen und Vergebung zu finden. Und dann endlich geht es wieder heimwärts nach Lübeck, wo sich aber bereits unheilvolle Wolken zusammenbrauen, die Rungholts Zukunft nicht gerade rosig erscheinen lassen.

»Knochenwald« hat mir wieder gut gefallen auch wenn ich Lübeck ein bisschen vermisst habe und mich nun schon freue im nächsten Band wieder mehr davon zu lesen.

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18.09.2011

Derek Meister: Rungholts Sünde ****

Buch-CoverKürzlich habe ich ja den gewichtigen und kantigen Kaufmann Rungholt aus dem mittelalterlichen Lübeck kennengelernt und da ich die Bekanntschaft weiter ausbauen wollte, habe ich nun den zweiten Band der Mittelalter-Krimi-Serie »Rungholts Sünde« von Derek Meister gelesen.

Bei Brunnenbauarbeiten wird eine verschüttete Leiche gefunden, die geradezu ausgeweidet wurde. Rungholt wird hinzugezogen und stellt fest, dass dem Toten das Herz entnommen und stattdessen ein Stein in den Brustkorb gelegt wurde. Doch der Tote scheint nicht aus Lübeck zu stammen. Eigentlich hat Rungholt ganz andere Probleme. Es ist die Fastenzeit vor Ostern, was für ihn, der gerne und viel isst, natürlich die reinste Qual ist. Außerdem verzweifelt er an den angeheuerten Handwerkern, die seine neue Brauerei bauen sollen und seine Tochter Mirke, die in zwischen mit seinem Lehrjugen Daniel verheiratet ist, erwartet ihr erstes Kind und erlebt eine schwere Schwangerschaft. Doch Kerkering, der Rychtevoghede bietet ihm im Gegenzug sich dafür einzusetzen, dass Rungholt - wenn die Brauerei erst einmal in Betrieb ist-, zweierlei Sorten Bier brauen darf.

Also macht sich Rungholt wieder zusammen mit seinem Kapitän Marek daran zu ermitteln. Marek wiederum ist gerade frisch verliebt - ausgerechnet in die Heilerin Sinje, mit der Rungholt schon im ersten Band der Serie eine eher unerfreuliche Begegnung hatte und die Rungholt durch ihre Schönheit und ihr selbstbewußtes Auftreten völlig irritiert und auf die Palme bringt. Dafür ist sie aber sehr klug und trägt bei den Ermittlungen wichtige Ideen und Informationen bei.

Tatsächlich bleibt es nicht bei dem Brunnen-Toten sondern kurz darauf werden auch noch ein Soldat der Stadtwache und einer der Bürgermeister der Stadt Opfer des unheimlichen Mörders. Kerkering und die anderen Ratsherren sind überaus ungeduldig und angespannt. Rungholt soll den Mörder endlich fassen und dem Morden ein Ende machen, doch noch immer sucht er verzweifelt nach einem Muster und dem Motiv für die Morde.

Auch die Bevölkerung der Stadt ist aufgebracht, denn zeitgleich ist der »Judas« von Visby, Conrad van der Hune auf Anordnung von Kerkering in die Stadt gebracht worden, um dort den Prozeß gemacht zu bekommen. Der ist ein wahrer »Teufel« und brandgefährlich. Er bietet Kerkering an, den Mörder für ihn zu finden, wenn er dafür sorgt, dass van der Hune enthauptet wird und nicht aufs Rad kommt. Kerkering lässt sich schließlich ehrgeizig wie er ist - schließlich will er Bürgermeister werden - vordergründig auf diesen Handel ein.

Schon im ersten Band der Reihe gab es Andeutungen, dass Rungholt aus seiner Vergangenheit einen großen dunklen Fleck hat und nun im zweiten Band erfahren die Leser, was es damit auf sich hat, denn Rungholts Vergangenheit spielt im weiteren Verlauf der Geschichte eine bedeutsame Rolle.

Im Gegensatz zum ersten Band der Serie hat sich Derek Meister mit der Verwendung mittelalterlicher Begriffe etwas mehr zurückgehalten, so dass ich sie in diesem Fall nicht mehr als den Lesefluss so hemmend empfunden habe. Es gibt am Ende des Bandes auch wieder ein kleines Glossar, was hilfreich ist. Mit »Rungholts Sünde« ist Meister eine gute Fortsetzung der Reihe gelungen. Der Krimi ist spannend und verwickelt und zeichnet ein wohl recht realistisches Bild des mittelalterlichen Lebens und Lübecks. Den nächsten Band der Serie werde ich gleich im Anschluß lesen.

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29.08.2011

Siba Shakib: Eskandar ****

Buch-CoverEndlich hatte ich die Gelegenheit, den schon 2009 erschienen Roman »Eskandar« der iranisch-deutschen Autorin Siba Shakib zu lesen. Darin erzählt sie das Leben von Eskandar, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einem namenlosen Dorf im Iran geboren wird und über 100 Jahre alt wird. Rund um ihn und sein Leben erzählt Shakib zugleich die Geschichte und politischen Wandlungen und Wirren des Iran im vergangenen Jahrhundert.

Eskandar ist ein aufgeweckter, neugieriger und aufgeschlossener Bursche und durch einen Zufall ist er als Zeuge anwesend, als eine britische Expedition die erste Petroleum- bzw. Erdölquelle im Iran entdeckt. Von da an, ist das iranische Erdöl ein wichtiger Faktor bei allen weiteren politischen Entscheidungen, die im Ausland bezüglich des Irans, getroffen werden. Regierungen, die sich den Ausländern und ihrem unstillbaren Hunger nach dem schwarzen Gold nicht in den Weg stellen, werden gestützt, Regierungen, die Anstalten machen, daran etwas zu ändern, werden notfalls gestürzt.

Das einfache iranische Volk hat dabei keinerlei Mitbestimmungsrechte, sondern muss mit den Folgen der Entscheidungen der jeweilig gerade herrschenden Könige bzw. des Schahs oder anderer politischen und religiösen Klassen leben. Häufig genug bereichern sich die Herrscher und herrschenden Klassen und kümmern sich nicht weiter um die Bedürfnisse und Nöte des Volks.

Eskandar hat keinerlei Bildung als er aufbricht in sein Leben und das heimatliche Dorf verlässt. Nach und nach eignet er sich etwas Bildung, neue Fähigkeiten und Kenntnisse an. Er wird Geschichtenerzähler, später lernt er zu fotografieren und seine Fotos selbst zu entwickeln, er arbeitet als Händler in einem Basar, für den Premierminister Mohammad Mossadegh fungiert er als eine Mischung aus Übersetzer und Sekretär und er betätigt sich als Gärtner. In der Hauptsache aber ist und bleibt er Geschichtenerzähler und auch seine Nachkommen werden teils unter Nutzung moderner Kommunikationsmittel zu neuen Geschichtenerzählern. So dreht z.B. seine Enkelin später einen Film über ihn und sein Leben.

Eskandar lebt ein wechselvolles Leben und erlebt die geschichtlichen und politischen Wandlungen im Land nicht nur passiv sondern teils auch aktiv mit. Als »Freiheitskämpfer« ist er unmittelbar an der Konstitutionellen Revolution (1905 bis 1911), in der sich die Iraner gegen die absolutistische Herrschaft des Schahs eine Verfassung und ein Parlament erkämpften, beteiligt. Als Sekretär von Mossadegh erlebt er an vorderster Front die Veränderungen im Land mit. Mossadegh verstaatlicht oder »nationalisiert« die Ölindustrie. Die Briten wollen das nicht akzeptieren und werden daraufhin gezwungen, das Land zu verlassen. Auch der Schah muss fliehen, doch loyale Truppen mit Hilfe des amerikanischen Geheimdienstes CIA stürzen Mossadegh und ermöglichen ihm eine Rückkehr. Die Ölindustrie bleibt verstaatlich, der Einfluss Großbritanniens geringt aber dafür erlangen die USA nachhaltigen Einfluss im Land.

Schah Reza Pahlewi versucht den Iran möglichst schnell in die Moderne zu führen und führt z.B. das Wahlrecht für Frauen ein. Die Bevölkerung wird dazu angehalten, westliche Kleidung zu tragen und einen westlichen Lebensstil zu führen. Das stößt nicht bei allen auf Gegenliebe. Eskandar aber ist aufgeschlossen. Früh hat er erkannt, dass die Welt sich verändert und auch sein Land und mit ihm seine Menschen sich verändern und anpassen müssen. Seiner ersten Frau lässt er für die damalige Zeit ungewöhnlich viele Freiheiten. Überhaupt sind viele der im Roman auftretenden Frauen, starke Persönlichkeiten, die bereit sind für ihre Rechte und Freiheit zu kämpfen, selbst wenn sie wissen, dass ihnen Gefängnis, Folter und Tod drohen.

Schließlich endet die Herrschaft der Pahlewis und der geistliche Führer Khomeini übernimmt das Ruder, die »Islamische Republik Iran« ist geboren. Es folgt der Krieg des Irak gegen den Iran. Anfang der 90er Jahre kommt es zu Hungerunruhen in zahlreichen Städten des Iran. 2002 schließlich nennt der amerikanische Präsident Bush den Iran als eines von drei Ländern, die seiner Ansicht nach die »Achse des Bösen« bilden.

Eskandar erlebt, dass seine Kinder und Enkel wiederum auf die Straße gehen und zum Teil immer noch um dieselben Freiheiten und Rechte kämpfen, für die er schon in seiner Jugend gekämpft hat. Und auch er selbst - als alter Mann - reiht sich hier und da nochmal in diesen Kampf ein bzw. unterstützt seine Nachkommen dabei.

Siba Shakib ist es gelungen, mit »Eskandar« einen packenden Roman zu schreiben und interessierten Lesern zumindest einen ersten bzw. groben Überblick über die jüngste iranische Geschichte zu vermitteln. Ihr Protagonist Eskandar ist davon überzeugt, dass der Besitz des Erdöls, für den Iran eher Übles als Gutes gebracht hat und man mag dem teilweise zumindest zustimmen, jedoch ist dies nur ein Grund für die schwierige politische Lage des Landes. Interessant ist noch ein feiner Unterschied, den Siba Shakib im Roman macht. Sie klagt nämlich nicht die Religion an sich an, sondern den Mißbrauch der Religion, der es unter Khomeini möglich machte, eine Art religiöse Diktatur zu errichten. Ich habe es allerdings etwas bedauert, dass sich Siba Shakib gerade in Bezug auf die allerjüngsten politischen Entwicklungen im Iran mit Deutungen oder Erklärungen eher zurückhält.

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24.08.2011

Tom Finnek: Unter der Asche ****

Buch-CoverEin leichtes Leben hat der junge Geoff(rey) Ingram im London des 17. Jahrhunderts bisher wahrhaftig nicht gehabt. Kaum auf der Welt ist die Mutter auf und davon und er bleibt mit seinem älteren Bruder Edward und seiner Schwester Jez(ebel) beim Vater zurück.

In einem ärmlichen Zuhause im Stadtteil Southwark wächst er auf, der Vater ein notorischer Trinker. Nach einem furchtbaren Streit mit dem Vater ist sein Bruder Edward vor Jahren spurlos verschwunden. Jez arbeitet als Schankmädchen in einer heruntergekommenen Speklunke, wo Geoff ebenfalls als Abräumer etwas dazu verdient. Am Wochenende besucht er die Armenklasse von Master Gerrard, dem »Eremti von St. Olav«.

London hat gerade die große Pest überstanden und die Leute atmen auf, doch dann rafft es auch noch Geoffs Vater dahin. Zeitgleich verschwindet auch Jez spurlos und der arme Geoff muss sich erstmal alleine durchschlagen. Dann taucht sein Bruder Edward plötzlich wieder auf und Geoff erfährt nach und nach warum Jez verschwunden ist, wo Edward in den vergangenen zwei Jahren war und lernt dabei, dass nichts so ist, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Immer mehr familiäre Verwicklungen und Geheimnisse kommen ans Tageslicht und am Ende erfahren die Leser auch noch, wie bzw. warum es zum großen Brand von London vom 2. bis 5. September 1666 kam, bei dem vier Fünftel der City of London, darunter die meisten mittelalterlichen Bauten, zerstört und etwa 100.000 Einwohner obdachlos wurden.

Tom Finnek schildert rund um Geoff Ingram und seiner Familie das Leben im London vor dem großen Brand und zwar vor allem das London der Bevölkerung, die man heute wohl als Prekariat bezeichnen würde. Eine ganze Reihe historischer Persönlichkeiten tauchen auf, so z.B. der berühmte böhmische Zeichner und Kupferstecher Wenceslaus (Wenzel) Hollar, der französische Uhrmacher Robert Hubert, der fälschlich der Brandstiftung angeklagt und hingerichtet wurde, Tom Farynor in dessen väterlicher Bäckerei das Feuer ausbrach, der Slasher (Jack the Ripper? oder zumindest an diesen angelehnt) oder Gerrard Winstanley, der Kopf der Bewegung der sog. Diggers, einer Art ländlicher anarchischer Kommune, die aber 1651 endgültig zerschlagen wurde sowie andere zeithistorische Figuren.

Es ist Finnek gelungen einen dichten und verwickelten Plot zu entwickeln und eine Reihe sehr eindrücklicher Charaktere zu schaffen und hier und da fühlte ich mich an Romane von Charles Dickens erinnert. Ein historischer Roman, der von Schuld und Sühne, Liebe und Hass erzählt und dabei Wahrheit und Phantasie auf gekonnte und überzeugende Weise vermischt.

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13.08.2011

Yrsa Sigurdardottir: Feuernacht ****

Buch-CoverNachdem mich der erst kürzlich gelesene Vorgängerband »Die eisblaue Spur« aus der Krimiserie um die isländische Anwältin Dora Gudmundsdottir von Yrsa Sigurdardottir enttäuscht hat, bin ich mit einigen Befürchtungen an den jüngsten Band der Serie gegangen.

In »Feuernacht« bekommt es Dora Gudmundsdottir mit der Aufarbeitung eines eigentlich schon abgeschlossenen Falles zu tun. Ausgerechnet ein Sexualstraftäter, der als geisteskrank weggesperrt wurde, bittet sie, sich des Falles eines anderen Gefangenen anzunehmen, den er für unschuldig hält. Der junge Jakob ist mit dem Down-Syndrom geboren und soll in einem Heim für Behinderte ein Feuer gelegt haben, dem außer ihm und einer anderen jungen Heimbewohnerin, alle anderen Heimbewohner zum Opfer gefallen sind. Jakob ist verurteilt und soll ebenfalls für immer weggesperrt bleiben.

Sonderlich glücklich ist Dora Gudmundsdottir über diesen Auftrag nicht, liest sich aber die Akten doch durch und stößt sich zunächst vor allem an der schlechten Arbeit des Verteidigers von Jakob. Weitere Nachforschungen bringen immer mehr Unstimmigkeiten zutage und schüren Dora Gudmundsdottir Mißtrauen und schließlich auch ihren Gerechtigkeitssinn. Sollte Jakob tatsächlich unschuldig verurteilt worden sein, kann sie das nicht einfach auf sich beruhen lassen.

Ich war wirklich erleichtert, dass der neue Band der Serie wieder deutlich spannender und besser ausgefallen ist. Ein interessanter und verwickelter Fall, bei dem man obendrein noch das ein oder andere über die Situation schwerst Behinderter auf Island und den Umgang mit ihnen auch in der (gar nicht so weit zurückliegenden) Vergangenheit erfährt.

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