04.09.2010

August Strindberg: Unter französischen Bauern: Eine Reportage ****

Buch-CoverAugust Strindberg war ein schwedischer Schriftsteller und Dramatiker, der zu seinen Lebzeiten als der wohl bedeutendste seines Landes angesehen wurde. Seine Interessen waren weit gespannt und er hat sich zu vielen Themen geäußert. Trotzdem ist es überraschend, dass sein Interesse sich ausgerechnet auf die französischen Bauern richtete und er 1885 in ein französisches Dorf zog, um dort binnen eines Jahres die Situation der französischen Bauern und Landwirtschaft zu erkunden.

Wenn ich in der letzten Zeit auf meine aktuelle Lektüre angesprochen erzählte, dass ich gerade August Strindbergs »Unter französischen Bauern: Eine Reportage« lese, erntete ich reichlich hochgezogene Augenbrauen und verwirrte Blicke. Was bitte, soll denn interessant daran sein, zu erfahren, wie die französischen Bauern Mitte des 19. Jahrhunderts gelebt und gearbeitet haben? Wer liest denn sowas heute noch? Tja, ich z.B. lese heute noch sowas und wohl noch ein paar andere, die es den Herausgebern der Anderen Bibliothek danken werden, dass sie dieses Buch veröffentlicht haben. Denn ja, es ist ein sehr interessantes Buch.

August Strindberg hat sich mit aller Macht auf dieses Thema geworfen und keine Mühen gescheut, um sich einen gründlichen Überblick zu verschaffen: sei es durch Lektüre von Agrar-Berichten, Zeitungsartikeln und Aufsätzen zum Thema, sei es durch ausgedehnte Reisen durch alle französischen Provinzen, in denen die Landwirtschaft eine Rolle spielt(e). Das Buch selber ist eine Mischung aus literarischem Reisebericht, Tagebuch und eben Reportage und beileibe nicht langweilig zu lesen.

Was mich am meisten überrascht hat, ist wie aktuell die damaligen Probleme heute noch sind oder anders ausgedrückt: für mich hat sich durch die Lektüre des Buches mal wieder die alte Weisheit bestätigt, dass es unter der Sonne nichts Neues gibt. Es ist alles so oder doch sehr ähnlich schon einmal da gewesen.

Stindbergs »Reportage« ist in vier Teile gegliedert: eine kurze Einleitung über »Land und Stadt«, ein Bericht über das Bauernleben in einem französischen Dorf, die eigentlichen Berichte von seinen Reisen durch das ganze Land und die dabei gemachten Beobachtungen und gezogenen Rückschlüsse im Bezug auf die Situation der französischen Bauern und Landwirtschaft sowie eine abschließende Zusammenfassung in denen Strindberg seine Erkenntnisse auf den Punkt bringt.

Besonders interessant fand ich tatsächlich seine Reiseberichte: Strindberg ist ein genauer Beobachter von Land und Leuten. Nichts scheint seiner Aufmerksamkeit zu entgehen: die Beschaffenheit der Böden, Flora und Fauna, natürlich die Bauern und Tagelöhner, Pächter und Gutsbesitzer, Arbeitsmethoden, bäuerlichen Sitten und Trachten, Unterschiede derselben je nachdem wo im Lande er sich gerade aufhielt. Wo sich die Möglichkeit bietet, spricht er Bauern und sonstwie mit der Landwirtschaft befasste Menschen an und »interviewt« sie zur aktuellen Lage, zu ihrer Lebens- und Arbeitssituation.

So entsteht nach und nach ein großes Bild, das er aus den vielen kleinen Puzzleteilen zusammensetzt. Die Probleme und Kämpfe in der Landwirtschaft scheinen bis heute dieselben zu sein. Heute hören wir von Problemen in der Landwirtschaft »wegen der Globalisierung« aber das ist nicht neu: die französischen Bauern stöhnten über Weizenimporte aus Russland und Indien, Rübenimporte aus Deutschland und Weinreben- bzw. Wein-Importe aus den USA, die ihnen die Preise noch mehr verhagelten. Sie klagten über eingeschleppte Krankheiten und Schädlinge (z.B. die Reblaus, die den Weinanbau in Teilen Frankreichs fast gänzlich in die Knie zwang - allerdings, wie Strindberg sich beeilt zu versichern und zu erklären, nicht als einziger Grund, denn Bodenausbeutung und zu spät begonnener Anbau neuer Weinreben taten das ihrige, um zur Katastrophe zu führen).

Das Ende der Landwirtschaft wurde von den Bauern beklagt und befürchtet, die Löhne für Arbeiter, so sich überhaupt noch Arbeiter fanden (die jungen Leute wanderten erstmal in die Städte und die aufblühende Industrie ab), sanken immer weiter. Der Konflikt zwischen Stadt und Land war heiß, wurden den Landwirten für die Produkte, die sie in die Städte brachten (damit sich die Städter überhaupt ernähren konnten), doch Abgaben, Zöllen etc. abverlangt.

Der Handel mit anderen Ländern - was Agrarprodukte anging - war ebenfalls ein Dorn im Fleisch der französischen Bauern, denn die Deutschen z.B. durften ihre Erzeugnisse auch in Frankreich verkaufen, umgekehrt aber die französischen Bauern nicht in Deutschland (Stichwort Freihandel). Neue Anbau-Methoden, industrielles Düngen, neue industriell gefertigte Werkzeuge und Maschinen veränderten das Arbeiten und erhöhten den Druck auf die Bauern mit Folgen weit über die Dörfer hinaus.

Es ist wirklich spannend, diese Reportage zu lesen und die Parallelen zur heutigen Landwirtschaft zu entdecken. Sie ist auch ein kulturgeschichtliches Zeugnis der damaligen französischen Landbevölkerung und eröffnet dem Leser die Möglichkeit eine Ahnung davon zu bekommen, wie es sich im Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft in Frankreich lebte.

Ob man allerdings Strindbergs These, dass es am besten sei, wieder zum sog. »petit cultivateur« (dem Kleinbauern, der in erster Linie und vorrangig vom erwirtschafteten Ertrag sich und seine Familie durchbringen können muss und dessen evtl. Überschuss dann für Steuern, Abgaben oder eben den Handel zur Verfügung steht) zurückzukehren, folgen möchte, ist eine ganz andere Frage. Hier scheint doch eine Art »Agrar-Utopie« zugrunde zu liegen, der Strindberg anhing oder wie Thomas Steinfeld in seinem lesenswerten Essay am Ende des Buches schreibt: Strindberg hing den Ideen des sogenannten Agrar-Sozialismus an und sein Idealbauer war zudem strikt antiklerikal und republikanisch gesinnt.

Alles in allem ziehe ich ein positives Fazit nach dieser sicher ungewöhnlichen aber mit den Bezügen zur aktuellen Lage auch spannenden Lektüre.

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27.08.2010

Karl Schlögel: Das russische Berlin ****

Buch-CoverSehr gespannt war ich auf das Buch, »Das russische Berlin: Ostbahnhof Europas«, des renommierten Historikers und Essayisten Karl Schlögel. Große Teile davon wurden erstmals bereits 1998 unter dem Titel, »Berlin, Ostbahnhof Europas: Russen und Deutsche in ihrem Jahrhundert«, veröffentlicht. 2007 wurde eine ergänzte und aktualisierte Neuausgabe herausgegeben und diese Neuausgabe ist es, die ich jetzt gelesen habe.

Die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland waren im Laufe der Geschichte immer schon sehr enge aber auch sehr wechselhafte. In Deutschland war (und ist es nun wieder) es vor allem Berlin, in dem alle sich alles bündelte und über das alles lief. Wer von Ost nach West oder umgekehrt reiste, musste über Berlin reisen. Folgerichtig beginnt Karl Schlögel seine Ausführungen am Schlesischen Bahnhof in Berlin und liefert erst einmal eine Art Geschichte der deutschen und russischen Bahn, inklusive Kursbücher, besondere Kennzeichen der Reisenden - je nachdem woher sie kamen bzw. wohin sie wollten. Russische Reisende landeten also irgendwann in Berlin und entweder sie hatten die Stadt von vornherein als Endziel ihrer Reise oder sie strandeten oder pausierten für einige Zeit dort, bevor sie weiterreisten oder sich eben notgedrungen dauerhaft dort einrichteten.

Karl Schlögel nimmt seine Leser mit zu den Orten in Berlin, die für die Russen im Laufe der Zeit zu bedeutsamen Orten wurden: Botschaften, Salons, Ateliers aber auch Gefängnisse, Cafés und Restaurants, Verlage und Geschäfte. Er schildert aber nicht nur diese Orte sondern vor allem auch die Menschen, die diese Orte entweder erst schufen, dort arbeiteten, sich dort einfanden, um zu diskutieren, nötige Papiere zu erhalten, um Asyl zu bitten, zu speisen und zu feiern, Komplotte zu schmieden und zu spionieren.

Es ist eine reiche, vielschichtige, faszinierende und teilweise auch erschreckende Welt, die sich den Lesern da auftut. Die Entwicklungen der Geschichte und die Verwerfungen des vergangenen Jahrhunderts brachen für viele der im Buch porträtierten Russen bzw. Deutschen mit russischen Wurzeln, dramatische Schicksalswendungen. Viele sind in Lagern oder Gefängnissen in beiden Ländern, im Krieg oder Exil ums Leben gekommen oder gebracht worden. Besonders wichtige Persönlichkeiten greift Schlögel heraus und porträtiert sie kurz und setzt sie in Beziehung zu wieder anderen wichtigen Persönlichkeiten ihrer Zeit: von den Aristokraten über Diplomaten, Militärs und Abenteurer, Bolschewisten und Kommunisten, Spione und Betrüger, Emigranten und einfache Menschen, die durch welche Umstände auch immer nach Berlin gespült wurden.

Der Fall der Berliner Mauer und der Zusammenbruch der Sowjetunion schließlich, führen nun seit 1989 dazu, dass sich in Berlin wieder etwas herauszubilden scheint, was dem einstmals so lebhaften und vielschichtigen »Russischen Berlin« ähnelt. Berlin ist, was die Deutsch-Russischen Beziehungen angeht, nicht mehr Endstation oder Frontstation sondern ist wieder zum »Durchgangsort« oder »Durchgangsbahnhof« geworden, der Fluss der Menschen von Ost nach West strömt wieder und es bleibt abzuwarten und zu beobachten, was das Ergebnis dieser Strömungen sein wird.

Karl Schlögel hat hier ein sehr gründlich recherchiertes Buch, mit einer Fülle an Informationen und Details, vorgelegt. Dabei zählt er letztere nicht einfach nur auf, sondern setzt sie immer wieder in größere Zusammenhänge, so dass ein echtes Panorama entsteht und ein wichtiges Stück Geschichte und Zeitgeschichte rekonstruiert wird. Ob man wirklich darauf hoffen soll/kann, dass sich zukünftige wieder ein »Russisches Berlin« wie einst bildet, wage ich anzuzweifeln. Meiner Ansicht nach wiederholt sich Geschichte meist nur scheinbar und die Gefahr gewisse Ähnlichkeiten dementsprechend zu interpretieren und zu deuten, ist recht groß. Mag sein, dass Berlin in den Deutsch-Russischen Beziehungen wieder eine ganz besonders wichtige Rolle einnimmt und dies weiter ausgebaut wird aber es wird sicher nicht mehr so wie einst sein. Das aber wieder macht es enorm spannend die aktuellen und zukünftigen Entwicklungen auch weiter im Auge zu behalten und zu beobachten.

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21.08.2010

Laura Joh Rowland: Der Feuerkimono ****

Buch-Cover»Der Feuerkimono« ist für den japanischen Kammerherrn Sano Ichiro nun schon der dreizehnte(!) Fall und dass der nichts Gutes bringt, verwundert kaum.

Nach einem schweren Sturm werden die Gebeine eines Toten gefunden, der offenbar unter einem entwurzelten Baum verscharrt worden ist. Die Schwerter, die zusammen mit der Leiche gefunden werden, weisen den Toten als einen Verwandten des Shogun aus, der vor vielen Jahren kurz nach dem »Großen Feuer«, das halb Edo in Schutt und Asche legte, spurlos verschwunden ist. Daraufhin wird Sano Ichiro vom Shogun beauftragt, herauszufinden, was geschehen ist. Schnell bestätigt sich der Verdacht, dass der Verwandte des Shogun brutal ermordet wurde.

Während Sano Ichiro mit seinen treuen Gefolgsleuten versucht diesen 43 Jahre zurückliegenden Mord aufzuklären, tobt ein heftiger Machtkampf zwischen ihm und Fürst Matsudaira, bei dem zumindest Fürst Matsudaira auch vor Anschlägen auf Sanos Familie nicht zurückschreckt. Allerdings beschuldigt der Fürst Sano, auf dieselbe Art und Weise vorzugehen. Doch Sano weiß, dass er sich so etwas nicht hat zu Schulden kommen lassen. Dann erfährt Sano, dass es Matsudaira gelungen ist, Meuchelmörder in seinen Haushalt zu platzieren. Die Gefahr spitzt sich dramatisch zu, denn wem kann Sano in seinem eigenen Haus noch trauen?

Die weiteren Ermittlungen im Mordfall bringen dann eine völlig überraschende und schockierende Wendung für Sano Ichiro. Plötzlich scheint seine Mutter Etsuke etwas mit dem Fall zu tun zu haben und als dann noch ein treuer Gefolgsmann des Shogun, sie beschuldigt, den Mord begangen zu haben, wird es sehr gefährlich. Nur Sanos bisherige Aufrichtigkeit und Treue führen dazu, dass der Shogun im drei Tage Zeit gibt, seine Mutter dadurch zu entlasten, dass er die Tat aufklärt und den wahren Mörder überführt. Gelingt dies Sano nicht, wird nicht nur seine Mutter sterben, sondern auch Sano Ichiro samt seiner Familie.

Fürst Matsudaira frohlockt natürlich, sieht er doch eine Gelegenheit, den verhassten Rivalen Sano endgültig loszuwerden. Sano ermittelt fieberhaft so gut er kann, doch er hat den Eindruck, dass seine Mutter ihm entscheidende Dinge verschweigt. Zeugen von damals aufzutreiben erweist sich als äußerst schwierig, immerhin starben viele im großen Feuer oder in der unmittelbaren Zeit danach oder sie zerstreuten sich über ganz Japan. Und immer scheint jemand Sano gerade einen Schritt voraus zu sein und erreicht sogar, dass selbst Sano eines Mordes an einem wichtigen Zeugen beschuldigt wird, weil der Zeuge seine Mutter schwer belastet hatte und weiter belasten könnte.
Für Sano und seine Familie, vor allem auch seine Mutter wird die Zeit knapp. Sano weiß, dass er sich keinen Fehler erlauben darf, denn das würde den Untergang seines Klans bedeuten.

Irgendwann dann beginnt Sano zu ahnen, dass da jemand im Hintergrund die Fäden zieht. Ein alter gefährlicher Rivale scheint wieder sein böses Spiel zu treiben. Sano beschließt eine raffinierte Falle zu stellen, um den Mann im Hintergrund zu zwingen offen in Erscheinung zu treten.

Mir hat »Der Feuerkimono« sehr gut gefallen. Rasant und spannend geschrieben, mit vielen wirklich überraschenden Wendungen und wie immer sehr gut recherchiert und im mittelalterlichen Edo angesiedelt. Das Ende des Buches macht schon neugierig auf den nächsten Band der Serie.

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18.08.2010

Karl Schlögel: Die Mitte liegt ostwärts ****

Buch-CoverIn den letzten Tagen habe ich die Essay-Sammlung, »Die Mitte liegt ostwärts. Europa im Übergang«, des Slawisten, Historikers und Soziologen Karl Schlögel gelesen. Es sind insgesamt fünfzehn Essays, in denen Schlögel die Leser mitnimmt auf seine denkerischen Exkurse, die sehr interessant sind und seine Sachkenntnisse eindrucksvoll belegen. Dabei stülpt Schlögel den Lesern aber nicht fertige Konzepte oder gar Lösungen einfach über. Vielmehr zeigt er aktuelle Entwicklungen in Europa nach dem Zusammenbruch des sog. Ostblocks auf, zeichnet die historischen Entwicklungen nach, um dann zu zeigen, was deren Folgen im Hier und Heute sind.

Deutlich wird, dass Europa sich neu finden und definieren muss und sich damit teilweise sehr schwer tut. Zu sehr sind alle noch den alten Denkmustern verhaftet. Die weggefallenen Grenzen irritieren vielfach, eilends wurden und werden neue Grenzen ausgemacht oder aufgebaut, wenn schon nicht mit Schlagbäumen, Stacheldraht und Wachtürmen, so doch in den Köpfen. Dabei sind es weniger die verantwortlichen Politiker und Vordenker, die die Neuordnung und Organisation anstoßen und bewerkstelligen als vielmehr die Fähigkeit der Gesellschaften in den verschiedenen Ländern zur Selbstorganisation. Dieser Prozess kann nicht beschleunigt oder abgekürzt werden ohne dass es zu Fehlentwicklungen oder Schlimmerem kommt. Vielmehr reift dort etwas Neues heran, ja es muss heranreifen und im lauten Geschrei des aktuellen Tagesgeschehens, wird es größtenteils kaum zur Kenntnis genommen bzw. gewürdigt aber es geschieht und es wird spannend sein, zu beobachten, wohin das alles führt und wie Europa aus dieser Phase hervorgehen wird.

Mir persönlich haben es vor allem drei Essays besonders angetan: zum einen »Planet der Nomaden«, in dem Schlögel eindrucksvoll die großen Wanderungsbewegungen der Weltgeschichte nachzeichnet und zeigt, dass der Wandel, die Bewegung - auch großer Massen - bis heute anhält, auch wenn die auslösenden Gründe sich im Laufe der Zeit verändert haben mögen. Teilweise aber sind es dieselben Gründe, die schon vor Jahrhunderten ganze Völkerscharen in Bewegung setzten und die heute Wandernden oder Mobilen kämpfen teilweise auch noch mit denselben Hindernissen wie ihre Vorgänger oder müssen sich ganz neuen Herausforderungen stellen, um ihre Ziele zu erreichen. Ohne diese - von den Sesshaften selbstverständlich mindestens mit Mißtrauen, wenn nicht offener Ablehnung Beobachteten - in Bewegung versetzte Masse aber wäre alle Weiterentwicklung, alle Innovation, alles Neue schlicht nicht denkbar geschweige denn machbar. Sie sind der eigentliche Motor und um so tragischer ist es, wenn sich ihnen die Sesshaften, in ihren teils schon maroden Gesellschaften, Wirtschaftssystemen etc., entgegenstemmen und sie am liebsten zum Teufel wünschen.

Der zweite Essay, der mir sehr gut gefallen hat, ist »Glückliches Amerika, armes Rußland«, in dem er die beiden Länder einander gegenüberstellt aber nicht. Durch dichotomische Gegenüberstellungen wird der Blick auf ungleichzeitige Entwicklungen wie auch die strukturellen Ähnlichkeiten zwischen diesen beiden Polen des 20. Jahrhunderts möglich. Deutlich wird dabei auch, dass Amerika häufig schlicht auch nur das Glück auf seiner Seite hatte und daher eine positivere Entwicklung nehmen konnte.

Der dritte Essay ist im Grunde eine Art Bestandsaufnahme des Hier und Jetzt und trägt den Titel »Zivilgesellschaft, jenseits der Doktrin«. Schlögel beobachtet die europäischen wie die russische Gesellschaft sehr genau und macht grundlegende (noch anhaltende) Veränderungen aus, die er prägnant und kurz auf den Punkt bringt und nicht nur dass er damit eine Menge Gedankenanstöße liefert und Anregungen gibt, genau hinzuschauen, um das Neue (das gerade wird) wahrzunehmen, er schafft es auch Mut zu machen, sich den gegenwärtigen Veränderungen zu stellen, Teil der Transformation zu werden, neue Wege zu beschreiten, andere Gedankenmodelle zuzulassen und so die Zukunft zu sichern.

Alles in allem eine hochinteressante, anregende Lektüre, die eine Menge Denkstoff liefert ohne dabei im Theoretischen oder gar Ideologischen zu versanden.

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13.08.2010

Andrea Levy: Eine englische Art von Glück ****

Buch-CoverDurch die Kaltmamsell wurde ich auf Andrea Levys Roman »Eine englische Art von Glück« aufmerksam. Sie hat die englische Originalausgabe gelesen, ich hingegen die deutsche Übersetzung, die, wie schon beim gerade gelesenen Roman »Das Haus der fünf Sinne« von Nadeem Aslam, wieder Bernhard Robben geschaffen hat. Doch dazu später mehr.

Der Roman beginnt 1948 als Hortense aus Jamaika in London eintrifft. Dort erwartet sie ihr Mann Gilbert, der zunächst im Krieg für das Empire gekämpft hat und dann nach kurzem Aufenthalt auf Jamaika nach London, ins Mutterland, zurückgekehrt ist, weil er glaubt, dort bessere Chancen zu haben.

Auch Hortense hat von einem Leben in England geträumt, von einem eigenen Haus und hat sich ausgemalt, wie sie in England Kinder unterrichtet. Als sie Gilbert in Jamaika kennenlernt, gibt sie ihm das Geld für die Überfahrt nach England, allerdings verknüpft mit der Bedingung, dass er sie vorher heiratet und schnellstmöglich nachkommen lässt.

Gilbert lässt sich darauf ein und verlässt Jamaika, um in England alles für Hortense vorzubereiten. Doch in England muss er sehr schnell feststellen, dass die meisten Briten ihn und seine Landsleute ablehnen und nicht in ihrer Nähe haben wollen. Noch schlimmer, sie wissen nicht einmal wo Jamaika liegt! Zum Kämpfen waren die Jamaikaner gut genug aber jetzt begegnet Gilbert überall Diskriminierung. Nur einem Zufall verdankt er es, dass er wenigstens ein Zimmer mieten kann. Er begegnet nämlich Queenie wieder, der er während des Krieges schon mal begegnet ist.

Queenie stammt aus einer Metzgerfamilie und als sie schließlich Bernard kennenlernt, heiratet sie ihn, weil sie damit einem Leben als Magd ihres Vaters entgehen kann. Bernard wiederum lebt allein mit seinem Vater, der vom Ersten Weltkrieg her so traumatisiert ist, dass er ständig betreut werden muss. Bald haben sich die praktisch denkende und lebenslustige Queenie und der pedantische Banker Bernard nicht mehr viel zu sagen. Bernard beschließt als Freiwilliger in den Krieg zu ziehen und wird nach dem Krieg mit seiner Einheit gleich weiter nach Indien verlegt, um dort den Aufstand niederzuwerfen. Jahre vergehen und Queenie, die keinerlei Nachricht oder Lebenszeichen erhält muss davon ausgehen, dass ihr Ehemann tot ist.

Inzwischen allein im Haus der Familie bleibt ihr nichts anderes übrig als Zimmer unterzuvermieten. Soweit so gut, das müssen viele andere auch tun. Womit sie dann allerdings die Nachbarschaft aufbringt, ist die Tatsache, dass sie an Gilbert und andere Einwanderer aus dem Empire vermietet und zumindest versucht, diese auch gegen Diskriminierung in Schutz zu nehmen bzw. zu verteidigen.

Hortense mit ihren hochfliegenden Plänen und Träumen ist schockiert, als sie feststellt, dass sie mit Gilbert in einem gemieteten Zimmer wohnen soll und nichts von dem, was sie sich erträumt hat, vorhanden ist. Sie verachtet Gilbert zunächst deswegen, bis sie selbst die Diskriminierung am eigenen Leib erfährt. Der nächste Schock ist nämlich, dass sie erfährt, dass ihre Lehrerinnen-Ausbildung in England nicht anerkannt wird und sie folglich auch nicht als Lehrerin arbeiten kann. Ihr Englisch, für das sie auf Jamaika immer gelobt wurde, kann in England keiner verstehen. Dummerweise spricht sie nämlich ein eher an Shakespeares Zeiten angelehntes Englisch mit jamaikanischem Akzent.

Die kulturellen Unterschiede erschweren das Miteinander im Haus. Queenie, die sich redlich bemüht, Hortense hilfreich die ersten Schritte im Mutterland zu erleichtern, stellt sich dabei auch nicht gerade sehr geschickt oder einfühlsam an und ist selber durchaus auch nicht von Vorurteilen unberührt. Hortense wiederum schaut auf Queenie herab, die ihrer Ansicht nach unkultiviert ist und so gar nicht dem Bild einer Engländerin entspricht, das sich Hortense über die Jahre gemacht hat.

Und dann steht eines Tages plötzlich Bernard wieder vor der Tür, gerade als Queenie ihn eigentlich für tot erklären lassen wollte. Und Bernard ist alles andere als begeistert, dass in seinem Haus Einwanderer aus und ein gehen. Die Lunte ist ans Fass gelegt und bald werden überraschende Ereignisse, das fragile Gefüge ins Wanken bringen.

Andrea Levy ist selber die Tochter jamaikanischer Einwanderer und hat in diesem Roman wohl auch die Erfahrungen ihrer Eltern und anderer eingewanderter Jamaikaner verarbeitet. Auf feine Art und Weise gelingt es ihr die kulturellen Unterschiede zu verdeutlichen und wie alle mit ihren Vorurteilen zu kämpfen haben oder gleich so von ihnen blockiert sind, dass ein Miteinander fast nicht oder gar nicht möglich ist. Manche geschilderte Szene ist urkomisch und im nächsten Moment bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Andrea Levy schildert nur, sie verurteilt niemanden und das ist eine große Stärke dieses Romans. Sie zeigt, dass wir alle im Grunde »kleine Inseln« sind und wenn nicht Toleranz und Weitherzigkeit zu all unserem (tatsächlichen oder vermeintlichen) Wissen kommt, bleiben wir auf unserer kleinen Insel und sind unfähig mit anderen zu leben, geschweige denn kulturelle Unterschiede zu überwinden bzw. zu überbrücken.

In einem Nachwort schreibt der Übersetzer Bernhard Robben, der wahrhaft kein Neuling in seinem Fach ist (er hat z.B. auch schon Romane von Ian McEwan, Salman Rushdie, Philip Roth oder Hanif Kureishi übersetzt) dass ihm mit Andrea Levys Roman eine schwierige Aufgabe gestellt war, denn sie hat für jeden ihrer vier Protagonisten auch sprachlich eine eigene Stimme gefunden und das musste ja in der Übersetzung auch gewahrt bleiben. Robben erklärt, wie er sich dem Problem angenähert und es zu lösen versucht hat. Soweit ich das beurteilen kann, ist ihm das zumindest teilweise gelungen, auch wenn manches im Deutschen »seltsam« oder »holprig« klingt aber das ist dann wieder von der Geschichte her durchaus gedeckt.

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16.07.2010

Hans Magnus Enzensberger: Hammerstein oder Der Eigensinn ****

Buch-CoverEher zufällig hörte ich von der 2008 veröffentlichten »Biografie« des deutschen Generals Kurt von Hammerstein von Hans Magnus Enzensberger. Nachdem ich kurz in eine Leseprobe im Internet hineingelesen hatte, war klar, dass ich dieses Buch lesen wollte. Das ist nun geschehen und ich muss sagen, dass ich es als eine sehr interessante, spannende und anregende Lektüre empfunden habe.

Enzensberger erzählt von der rasanten Karriere die Kurt von Hammerstein zunächst hinlegte und wie er schließlich zum Chef der deutschen Heeresleitung wurde. Es ist gegen Ende der Weimarer Republik und Hitler schickt sich an die Herrschaft in Deutschland an sich zu reißen. Kurt von Hammerstein steht Hitler von Anfang an sehr skeptisch bis ablehnend gegenüber und als Hitler schließlich vor einigen Generälen seine Pläne für den zweiten Weltkrieg darlegt, ist das der Moment, in dem Kurt von Hammerstein sich entscheidet seinen Abschied zu nehmen. Freilich ist das nicht der einzige Grund, denn Spannungen gab es schon vorher und vor allem sein Freund von Schleicher, der letzte Reichskanzler der Weimarer Republik, war den Machtkämpfen bereits zum Opfer gefallen. Kurt von Hammerstein hat mit erstaunlicher Klarsicht sehr früh gesehen, wohin Hitlers Politik und Vorhaben führen würde und er hat seine Konsequenzen daraus gezogen.

Enzensberger hat sich aber nicht auf den General selbst beschränkt, sondern er porträtiert zugleich auch dessen große Familie, weitere Verwandtschaft und Personen, mit denen der General Freundschaften pflegte oder denen er auf dienstlicher Ebene begegnete.

Die sieben Kinder des Generals liefern jeder für sich ebenfalls reichlich Stoff um diese Biografie um viele Aspekte zu bereichern. Der General ließ seinen Kindern alle Freiheiten in ihrer Entwicklung und formulierte einmal als Ziel seiner Erziehung, seine Kinder zu freien Republikanern zu machen. Zwei seiner Töchter hegten große Sympathien für den Kommunismus und spionierten für die Komintern, alle seine Töchter pflegten enge Beziehungen zu jüdischen Freunden und liierten sich mit Juden und zwei seiner Söhne waren im Widerstand und am Hitler-Attentat am 20. Juli, unter Federführung von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, beteiligt. Auch die anderen Kinder haben sehr bewegte und ungewöhnliche Lebensläufe, die es Enzensberger ermöglichen ein breites Panorama der damaligen Zeit aufzuzeigen und die Entwicklungen vielseitig nachzuzeichnen.

Für die Recherche hat er in den privaten Archiven der Familie aber auch in zahlreichen anderen Archiven in Berlin, Moskau, München und Toronto geforscht. Es ist spannend anhand der Familiengeschichte derer von Hammerstein, ein Stück deutscher Zeitgeschichte zu verfolgen und manche interessante ergänzende Informationen zu erhalten. Teilweise erschreckend sind Parallel-Entwicklungen zur Gegenwart, die bereits stattgefunden haben oder sich gegenwärtig abzeichnen.

Hans Magnus Enzensberger hat aber keine reine Biografie vorgelegt, sondern eine Art Hybrid. Einerseits ist da die sachliche Biografie und Zeitgeschichte aber diese ergänzt er um Glossen und fiktive Totengespräche mit einigen der Protagonisten. Gegen diese Art der Mischung habe ich persönlich aber starke Bedenken, wenn es um Geschichtsthemen, Biografien u.ä. geht, weil für unbedarfte Leser damit schnell verschwimmt was nun Wahrheit und was Fiktion ist, was wiederum auch zu Legendenbildung und Geschichtsfälschung beitragen kann. Für meine Begriffe sind diese Teile die schwächsten des Buches und hätten ohne Schaden auch ganz weggelassen werden können. Für die Lektüre ist es sicher hilfreich, wenn nicht sogar zwingend, bereits über solide Kenntnisse zur damaligen Zeitgeschichte zu verfügen.

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08.07.2010

Deon Meyer: Dreizehn Stunden ****

Buch-CoverMit dem Krimi-Autor Deon Meyer bin ich zeitlich passend zur Fußball-WM mal wieder zumindest literarisch nach Südafrika zurückgekehrt.

In »Dreizehn Stunden« bekommt es der Inspector Benny (genannt Bennie) Griessel - der wohl beste Ermittler am Kap - gleich mit zwei akuten Fällen zu tun. Eine junge Frau wurde ermordet aufgefunden und wie sich schnell herausstellt, war sie eine amerikanische Rucksacktouristin, was die Brisanz des Falles noch steigert. Kurz darauf finden Griessel und seine Kollegen auch noch heraus, dass die junge Frau nicht allein unterwegs war. Ihre Freundin wird offenbar von den Killern immer noch gejagt.

Ein spannender Wettlauf beginnt: hier die Mörder, dort Bennie Griessel (samt Kollegen), der das Leben der jungen Amerikanerin retten soll und will.

Der zweite Fall der ebenso dringend aufgeklärt werden muss, bringt Bennie Griessel ein Wiedersehen mit einer inzwischen ziemlich heruntergekommenen Sängerin, die er zu den Hochzeiten ihrer Karriere mal sehr verehrt hat. Ihr Mann wurde ermordet in ihrem Haus aufgefunden und sie steht unter Mordverdacht. Sie kann sich aber an nichts erinnern, da sie Alkoholikerin ist und am Abend bzw. in der Nacht total besoffen war. Während einer der Kollegen von Bennie Griessel, die alternde Sängerin für die Täterin hält, hat Bennie Griessel so seine Zweifel, nicht zuletzt auch weil er nur zu gut weiß, was es heißt schwerer Alkoholiker zu sein.

Dieser Fall konfrontiert ihn zugleich mit seinen ganz eigenen Dämonen, denn er selbst kämpft sein Monaten gegen seine Sucht an und hat es geschafft seit sechs Monaten trocken zu sein. Eine Bedingung seiner Frau, von der er gerade getrennt lebt, die er aber zurück zu erobern hofft.

Bennie Griessel wird in den nächsten 13 Stunden einen wahren Drahtseilakt hinlegen müssen, um beiden Fällen gerecht zu werden und seine eigene Existenz wird auf Messers Schneide stehen, denn die Killer, die hinter der jungen Amerikanerin her sind, entpuppen sich als überaus brutal und zu allem entschlossen. Warum das so ist, erfährt man erst ganz am Ende des Krimis, was sehr zur Spannung beiträgt, ebenso die Tatsache, dass es Deon Meyer versteht, in überschaubaren Abständen zwischen den Tatorten und Geschehnissen hin und her zu blenden, was eine eigene Dynamik mit sich bringt.

Gefreut hat es mich, dass der durchaus sympathische Bennie Griessel, den Leser von Deon Meyer ja schon in dessen Krimi »Der Atem des Jägers« kennengelernt haben, in diesem Krimi wieder auftaucht und wir so erfahren, wie es mit ihm weitergeht.

Mir hat »Dreizehn Stunden« gut gefallen - solide Krimikost aus Afrika!

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24.06.2010

John Irving: Letzte Nacht in Twisted River ****

Buch-CoverIch habe mich auf John Irvings neuen Roman »Letzte Nacht in Twisted River« gefreut und bin nicht enttäuscht worden.

Die Protagonisten dieses Romans sind im Grunde alles Männer: Da sind der verwitwete Koch Dominic und sein Sohn Danny bzw. Daniel, deren Freund, der Holzarbeiter Ketchum, ein rachsüchtige brutaler Cop und noch viele weitere männliche Nebenfiguren. Doch, es gibt auch Frauen in dem Roman aber sie spielen eine eher untergeordnete Rolle oder stellen befristet Geliebte dar. Die meisten sind gestandene starke Frauen.

Alles beginnt in einem Flößer- und Holzfällercamp in den Wäldern New Hampshires im Jahr 1954. Als der 12jährige Danny aus Versehen eine Frau erschlägt, die er im Dunkeln für einen Bären gehalten hat, beschließt sein Vater mit ihm zu fliehen und ahnt nicht, dass er den Rest seines Lebens immer wieder neu auf die Flucht wird gehen müssen. Immer wenn Vater und Sohn irgendwo halbwegs heimisch und sesshaft geworden sind, eine neue Partnerin gefunden und einen neuen Freundeskreis aufgebaut haben, geschieht etwas, das sie zwingt weiter zu fliehen und alles hinter sich zu lassen. Quer durch Amerika führt ihre Flucht und schließlich sogar ins benachbarte Kanada.

Derweil wird Dominic immer älter und Danny reift zu einem Mann heran und wird schließlich sogar zu einem international bekannten Schriftsteller, der stark autobiographisch gefärbte Romane schreibt, sich aber zugleich in eine geheimnisvolle Aura hüllt. Das macht natürlich die Literaturbegeisterten und Medien erst recht auf ihn aufmerksam, was aber in seiner Lage eher kontraproduktiv ist, da er und sein Vater ja nach wie vor die Rache des Cops fürchten müssen und nicht auffallen dürfen.

Unterstützt durch ihren alten Freund Ketchum, der den Cop im Auge behält und sie bei Bedarf rechtzeitig warnt, schaffen sie es dennoch immer wieder ein paar Jahre am Stück ein halbwegs normales Leben zu führen. Doch die Flucht hinterläßt natürlich bei beiden tiefe Spuren, die ständigen Abschiede, Bindungsängste, Sehnsüchte, die Suche nach Sinn und der wahren Liebe im Leben, all das wird entscheidend mitbestimmt von der einmal vor Jahrzehnten getroffenen Entscheidung, die nicht mehr geändert werden kann. Die Konsequenzen müssen beide für den Rest ihres Lebens tragen und versuchen, das Beste daraus zu machen. Für den Vater ist es vor allem das Kochen, das ihm den dazu nötigen Rahmen bietet, für den Sohn Danny wird es die Schriftstellerei und wiederum sein Sohn Joe.

Doch Ruhe ist den beiden noch immer nicht vergönnt und erst der alternde Danny findet am Ende doch noch wie durch ein Wunder seine große Liebe und scheint noch einmal ein neues glücklicheres Kapitel aufschlagen zu können.

Es ist John Irving wieder einmal gelungen, literarische Figuren zu schaffen, die den Lesern im Gedächtnis bleiben dürften. Ich würde »Letzte Nacht in Twisted River« zu seinen großen Roman zählen; für Irving-Fans ganz sicher wieder ein echter Volltreffer.

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18.06.2010

Anne Fortier: Julia ****

Buch-CoverDie gebürtige Dänin Anne Fortier, die zum Teil auch in Italien aufwuchs und heute mit ihrem amerikanischen Mann in den Vereinigten Staaten lebt, hat mit »Julia« ihren Debütroman vorgelegt. Schon bevor der Roman überhaupt veröffentlicht war, wollten 27 Länder Übersetzungen dieses Romans haben.

Das Thema des Romans, ist die alte Geschichte um das sog. größte Liebespaar aller Zeiten, Julia und Romeo, die Shakespeare so meisterlich in Verse setzte und über die auch andere schon geschrieben haben.

Anne Fortier verlegt die Geschichte erst einmal an den tatsächlichen Ort des Geschehens, die Stadt Siena, zurück (Shakespeare hat sie ja in Verona angesiedelt) und erzählt sie doppelbödig. Da ist einmal die historische Geschichte, die Fortier anhand diverser literarischer Fassungen und tatsächlicher Dokumente, rekonstruiert und dann ist da ein Erzählstrang in der Jetztzeit. Die Hauptfigur Julia in diesem Roman ist nämlich nicht die »historische« Figur, sondern eine junge Frau, die nach dem gewaltsamen Tod ihrer Eltern, zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Janice, bei ihrer Tante Rose in den USA aufwächst. Als Tante Rose verstirbt, hinterläßt sie Julia ein Schreiben und ein altes Buch und schickt sie auf die Suche nach einem Schatz, der angeblich im Besitz ihrer so jung verstorbenen Mutter war. Julia erfährt, dass sie eigentlich Giulietta Tolomei heißt und eine Nachfahrin der »historischen« Julia oder italienisch Giulietta ist. Auf ihrer Familie, den Tolomei, und der Familie Salimbeni soll ein alter Fluch liegen, wegen ihrer unrühmlichen Rolle in der alten tragisch endenden Liebesgeschichte zwischen Romeo und Julia.

Je mehr Julia versucht herauszufinden, was es mit ihrer Familiengeschichte und dem Fluch auf sich hat, desto verwirrender gestaltet sich alles für sie, zumal sie nicht weiß, wem sie in Siena überhaupt trauen kann. Die alten Familienrivalitäten scheinen längst nicht völlig aus der Welt, wenn auch kein Blut mehr fließt wie vor Jahrhunderten, und wer will ihr wirklich helfen und wer ist vielleicht nur hinter dem geheimnisvollen Schatz her?

Anne Fortier hat diese Geschichte geschickt angelegt und daraus einen richtigen Schmöker gemacht, der sowohl Freunde des Historischen Romans, des Abenteuer- und Liebesromans auf ihre Kosten kommen läßt. Es gibt jede Menge überraschender Wendungen und spannende Verwicklungen. Teilweise war mir die Detailfülle und die vielen Handlungsstränge fast ein bisschen zuviel des Guten aber Anne Fortier hat es geschafft, das ganze doch einigermaßen übersichtlich zu gliedern und zu erzählen, so dass man mit etwas Konzentration den Überblick behält.

Die Jagd nach dem Schatz hat mich ein bisschen an Dan Browns Da Vinci Code erinnert, zwar geht es hier um etwas ganz anderes aber ähnlich wie bei Dan Brown müssen Julia und ihre Helfer auch mühsam viele Hinweise entdecken, entschlüsseln und eben den Schatz finden.

Hier und da hätte der Roman ruhig noch etwas gestrafft und gekürzt werden können, was dem Lesevergnügen keinen Abbruch getan, vielleicht sogar gut getan hätte. Ein besonderes Lob gebührt wohl Anne Fortiers Mutter, Birgit Malling Eriksen, die den Löwenanteil der Recherchearbeiten vor allem in Siena bewältigt und es Anne Fortier so erst ermöglicht hat, diesen Roman mit dieser Detailfülle so schreiben zu können.

So, wie der Roman geschrieben ist, schreit er geradezu nach Verfilmung und es würde mich nicht wundern, wenn Hollywood sich dieses Themas bald annehmen würde, zumal Anne Fortier als Co-Produzentin von Dokumentarfilmen und Leiterin eines Film- und Fiction-Programms eines wissenschaftlichen Instituts in Washington, DC, höchstwahrscheinlich über entsprechende Kontakte in die Filmindustrie verfügt. Ein so durchschlagender Erfolg wie Dan Browns Da Vinci Code, wird »Julia« aber vermutlich nicht werden, weder als Roman noch als eventueller Film.

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10.06.2010

Henning Mankell: Der Feind im Schatten ****

Buch-CoverMit »Der Feind im Schatten« bringt Henning Mankell seine Kurt Wallander-Reihe nun endgültig zu einem Ende. Wallanders Tochter Linda hat einen jungen Finanzexperten aus schwedischem Adel kennengelernt und erwartet ein Kind von ihm. Wallander bekommt eine kleine Enkelin, die schließlich den Namen Klara erhält.

Als der Vater von Lindas Lebensgefährten Hans, seinen 75. Geburtstag feiert, wird auch Wallander auf diese Feier eingeladen und es kommt zu einem seltsamen Gespräch unter vier Augen zwischen ihm und Hans Vater Hakon von Enke, einem pensionierten Korvettenkapitän. Der erzählt Wallander von einem russischen U-Boot, das ca. 20 Jahre zuvor in den schwedischen Schären unterwegs war, gestellt wurde und eigentlich zum Auftauchen gezwungen werden sollte. Dann aber erging von irgendwo ganz oben der Befehl, das U-Boot unbehelligt zu lassen. Für Hakon von Enke ein Fall von Landesverrat über den er nie wirklich hinweggekommen ist und über dessen Hintergründe er Jahr um Jahr recherchiert hat. Kurz darauf verschwindet er spurlos. Niemand kann sich erklären, was geschehen ist und Linda bittet ihren Vater um Hilfe. Dann verschwindet auch noch Louise von Enke, die Ehefrau von Hakon und Mutter von Hans spurlos.

Wallander beginnt vorsichtig nachzuforschen und stößt erst auf ein erschütterndes Familiengeheimnis und bald auf weitere Geheimnisse, die offenbar von Hakon und Louise von Enke gehütet wurden. Hat jemand die beiden aus dem Weg geräumt, weil sie auf Staatsgeheimnisse gestoßen und keine Ruhe gegeben haben oder steckt noch etwas ganz anders dahinter?

Gleichzeitig kämpft der etwa sechzigjährige Kurz Wallander mit seiner Gesundheit, zunehmenden Ängsten vor dem Alter und Episoden beunruhigender Vergesslichkeit. Er grübelt viel und versucht eine Art Bilanz seines Lebens zu ziehen. Dazu gehört, dass Mankell einige der alten Fälle noch einmal kurz erwähnt, es zu mehreren Begegnungen zwischen Wallander und seiner von ihm getrennten Frau Mona, die inzwischen zur Alkoholikerin geworden ist kommt. Und es gibt auch ein Wiedersehen mit Wallanders großer Liebe Baiba.

Henning Mankell bleibt sich selbst und seinem Kurt Wallander bis zuletzt treu und hat, wie ich finde, einen beeindruckend Abschluß dieser Serie geschrieben. Düster und melancholisch aber auch sehr offen, was seinen Protagonisten Kurt Wallander angeht, der im Grunde die eigentliche Hauptperson dieses Abschlußbandes ist und noch einmal alle Register seines Könnens zieht, um den Fall aufzuklären.

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