28.07.2010

Edgar Rai: Nächsten Sommer ***

Buch-CoverEs passiert sehr sehr selten, dass ich ein Buch lese und dann auch hier bespreche, das mir vom Verlag selbst vorgeschlagen wurde. Doch in diesem Fall war es genauso. Ich erhielt eine freundliche E-Mail, mit einem Hinweis auf den Roman »Nächsten Sommer« von Edgar Rai mit der Anfrage, ob ich nicht Lust hätte, das Buch zu lesen und eine Rezension im Litblog zu schreiben. Auf der Verlagsseite gab es dann auch noch eine Leseprobe, so dass ich mir vorab einen kleinen Eindruck verschaffen konnte. Die Leseprobe und die Tatsache, dass gerade Sommer ist, gaben mir den letzten Anstoß. Kurz nach dem ich mein okay gegeben hatte, traf auch schon das Buch hier ein, zusammen mit einer handschriftlichen Notiz, in der mir viel Spaß bei der Lektüre gewünscht und um eine Rückmeldung nach der Lektüre gebeten wurde.

Nun aber genug der Vorgeschichte und endlich zum Roman, der eine klassische Roadmovie-Geschichte erzählt. Vier Freunde, als da sind Felix, Bernhard, Marc und Zoe, die schon alle mehr oder weniger von den Blessuren des Lebens gezeichnet sind. Felix, der ein Genie ist, Primzahlen liebt und mit seinem Vater über Kreuz ist. Der übergenaue Bernhard, dessen Mutter mit Alzheimer in einem Pflegeheim lebt und der mehr oder weniger offensichtlich in Zoe verknallt ist. Der gitarrespielende lockere Marc, der irgendwie aus der Hippie-Zeit übriggeblieben scheint und auf der Suche nach dem perfekten Song ist und schließlich Zoe, die Karriere als Anwältin macht und in ihren Boss Ludger verliebt ist, weil er der größte Fisch im Teich ist und die seit Jahren hofft, dass er Frau und Kinder verläßt, um mit ihr zusammen zu leben.

Das Leben nimmt seinen Lauf, es ist mal wieder Sommer und eines Tages, die Freunde wollen eigentlich nur zusammen ein Fußballspiel ansehen, als Felix erfährt, dass sein Onkel Hugo verstorben ist und ihm ein Haus am Meer in Südfrankreich vererbt hat. Aus einer Laune heraus beschließen die vier Freunde schließlich, sich in Marcs altem VW-Bus auf den Weg zu diesem Haus zu machen. Zoe sagt am nächsten Morgen kurzfristig den Trip ab, weil Ludger sie eingeladen hat, mit ihm auf einen Kongress nach Chicago zu kommen. Also machen sie die übrigen drei Freunde auf den Weg. Doch allzu lange bleiben sie nicht unter sich, denn sie gabeln unterwegs Lilith auf, die ihnen als erstes gleich mitteilt, dass sie eine Lesbe ist und das nicht nur so sagt, damit ihr die Jungs von der Wäsche bleiben.

Nachdem das geklärt ist, geht die Fahrt weiter. Es wird gelacht und gestritten, debattiert und über den Sinn und die Träume des Lebens philosophiert, es wird musiziert und gekifft. Zwischendurch stößt Zoe dann überraschend doch noch zu der Gruppe - mal wieder bitter enttäuscht von Ludger. Bernhard freut sich natürlich und wittert Morgenluft. Im maroden VW-Bus treffen unterschiedliche Charaktere und Lebensentwürfe aufeinander. Man reibt sich an einander und rauft sich wo nötig auch wieder zusammen.

In Frankreich geraten die Freunde in eine lebensbedrohende Situation aus der sie in letzter Sekunde gerettet werden und zwar von Jürgen, der schon vor Jahren in Frankreich in einem kleinen Ort hängengeblieben ist. Der wiederum ist mit Jeanne zusammen, die er aber am laufenden Band betrügt und auch sonst ziemlich mies behandelt, was natürlich vor allem Lilith erzürnt. Als Marc Jeanne zum ersten Mal sieht, trifft es ihn wie ein Blitzschlag. Sie ist die Frau, für die er sich grundlegend ändern würde. Doch was will Jeanne? Zunächst einmal verstärkt sie die Reisegruppe und fährt mit nach Südfrankreich.

Die Reise geht weiter und schließlich ist das Ziel erreicht, das Haus von Onkel Hugo wartet einladend auf Felix und die Freunde. Doch Überraschung! Felix Vater ist schon da und erhebt Anspruch auf das Haus. Felix muss eine Entscheidung treffen und er wird nicht der einzige bleiben, der sich entscheiden muss. Die Reise hat alle verändert bzw. ihnen klar gemacht, was sie wollen und was sie nicht wollen. Ob sie die Kraft haben werden die Konsequenzen zu ziehen und vor allem zu leben, bleibt teilweise offen. Sie verabreden, sich im »nächsten Sommer« wieder in Südfrankreich zu treffen und ob es dazu kommen wird oder diese unter den Freunden zum geflügelten Wort gewordene Phrase ihre bisher übliche Bedeutung beibehalten wird, wer weiß das schon?

Edgar Rai hat mit »Nächsten Sommer« einen angenehm zu lesenden Roman geschrieben, der mit seinen sympathischen Charakteren, Leichtigkeit und der rechten Prise Humor zu überzeugen weiß und eine wunderbare Sommerlektüre abgibt. Die Sehnsucht nach Sonne, Meer und den herrlichen Landschaften und dem köstlichen Essen Südfrankreichs packen einen als Leser, so dass man sich am liebsten gleich selber auf den Weg machen möchte oder sich auf dem Balkon, der Terrasse oder im heimischen Garten wenigstens dorthin träumt.

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25.07.2010

Angel Wagenstein: Leb wohl, Shanghai ***

Buch-CoverIm vergangenen Jahr las ich den sehr guten und bewegenden Roman »Shanghai fern von wo« von Ursula Krechel, der erstmals in ausführlicher Weise das Thema der vor dem nationalsozialistischen Terror nach Shanghai geflüchteten Juden behandelte. Nun ist der Roman »Leb wohl, Shanghai« des Bulgaren Angel Wagenstein zu demselben Thema auf deutsch erschienen (Übersetzer ist Thomas Frahm) und ich habe seinen Roman quasi als Vertiefung und Ergänzung zum Thema ebenfalls gelesen. Auch Angel Wagenstein hat reale Schicksale Geflüchteter und anderer Beteiligter als Hintergrund für seinen Roman herangezogen und so einigen Menschen posthum eine Art literarisches Denkmal gesetzt.

Die Hauptprotagonisten in »Leb wohl, Shanghai« sind zum einen das Musikerehepaar Theodor (Jude) und Elisabeth Weisberg, zum anderen die junge jüdische Schauspielerin Hilde Braun. Anhand dieser Figuren erzählt Wagenstein davon, wie sich die Situation für die Juden in Deutschland und dann nach und nach auch in den von Deutschland überrannten Nachbarländern immer weiter verschlechtert. Auch Theodor Weisberg und seine Frau gehören zunächst zu den Juden, die sich einfach nicht vorstellen können, dass es wirklich so schlimm kommen wird. In letzter Sekunde gelingt es ihnen schließlich Deutschland zu verlassen, nachdem es Elisabeth gelungen ist, Theodor aus einem Konzentrationslager freizubekommen. Der einzige offene Hafen ist Shanghai und so verschlägt es das Ehepaar dorthin, wo sich schon eine beachtliche Exklave jüdischer Flüchtlinge und Emigranten gebildet hat.

Die lebenslustige Hilde Braun entstammt einer jüdischen Familie, die aber schon deutlich vor der Machtübernahme der Nazis ihren Namen geändert hat und zudem über ein sehr arisches Aussehen verfügt. Sie setzt sich zunächst nach Paris ab, wo sie sowohl den Bulgaren Vladek als auch den japanischen Arzt Dr. Hiroshi Okura kennenlernt, die beide zu einem späteren Zeitpunkt noch gewichtige Rollen in ihrem Leben spielen werden. Dank eines großzügigen Geschenks von Okura gelingt es auch Hilde sich nach Shanghai abzusetzen, wo sie aufgrund ihres arischen Aussehens sogar eine Stelle als Sekretärin beim deutschen Botschafter bekommt und von dort aus geheime Informationen an den Widerstand weiterleitet sowie den jüdischen Flüchtlingen, deren Situation sich auch in Shanghai immer mehr verschlechtert kleinere Hilfsdienste erweist.

Angel Wagensteins Roman ist dem von Ursuala Krechel nicht nur thematisch sondern auch in der Herangehensweise ähnlich, wobei bei Wagenstein ein deutlicher Schwerpunkt auch auf den geheimdienstlichen Machenschaften der verschiedenen beteiligten Nationen in Shanghai liegt. Mir persönlich hat Ursula Krechels Roman besser gefallen u.a. weil er noch vielschichtiger ist aber sowohl um einen ersten Einblick zum Thema zu erhalten, wie zur Abrundung des Themas ist Angel Wagensteins Roman lesenswert.

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16.07.2010

Aharon Appelfeld: Blumen der Finsternis ***

Buch-CoverEs war an der Zeit mal einen weiteren der Romane von Aharon Appelfeld zu lesen. In »Blumen der Finsternis« erzählt er die Geschichte des elfjährigen Hugo, der mit seinen Eltern in einem jüdischen Ghetto irgendwo in Südosteuropa lebt. Die Deportationen sind in vollem Gang und sein Vater und Onkel sind bereits verhaftet und in irgendein Arbeitslager deportiert worden. Viele Eltern im Ghetto versuchen ihre Kinder irgendwie zu retten. Hier und da gibt es Bauern, die bereit sind, diese jüdischen Kinder bei sich aufzunehmen. Auch für Hugo ist ein solcher Bauer gefunden, doch als der vereinbarte Termin ansteht, erscheint der Bauer nicht. Fieberhaft sucht Hugos Mutter nach einer anderen Lösung.

Letztlich entscheidet sie sich, Hugo zu ihrer alten Freundin aus Jugendtagen, Marianna, zu geben, die sich bereiterklärt hat, ihn wie ihren Augapfel zu hüten und bis zum Ende des Krieges bei sich in einer Abstellkammer zu verstecken. Was der kleine Hugo nicht weiß, Marianna arbeitet als Hure in einem Bordell, in dem vorrangig deutsche Soldaten und Besatzer verkehren. Die Mutter instruiert ihn und verspricht ihm, ihn sobald der Krieg, der ihrer Meinung nach nicht mehr lange dauern kann, zuende ist, wieder abzuholen, wenn es ihr irgend möglich ist.

Tatsächlich zieht sich der Krieg aber noch viel länger als erwartet hin und so verbringt der Junge seine Tage versteckt in einer winzigen Abstellkammer. Nachts darf er zu Marianna in deren Zimmer und Marianna versorgt ihn auch mit Nahrung. Marianna wiederum hat eine Menge eigener Probleme. Sie verabscheut ihre Arbeit und wehrt sich, wenn die Freier ihrer Ansicht nach Dinge von ihr verlangen, die sich nicht tun möchte. Das gefällt der Leiterin des Bordells natürlich weniger und diese droht immer wieder damit, Marianna zu entlassen. Marianna kann die ständigen Demütigungen durch die Freier teilweise nur mit Hilfe von Alkohol ertragen, was zu weiteren Problemen führt. Dann erreicht sie die Nachricht, dass ihre Mutter schwer erkrankt ist. Sie muss zur Mutter reisen und weiht eine weitere Hure in das Geheimnis ein, damit diese Hugo während ihrer Abwesenheit weiter mit Nahrung versorgt. Nach und nach reimt sich Hugo in seinem Versteck zusammen, was in diesem Haus, in dem er sich versteckt, vor sich geht und nach und nach erweitert sich auch der Kreis der Mitwisser.

Während sich schließlich doch das Kriegsglück langsam gegen die Deutschen wendet und diese immer rigeroser nach noch versteckten Juden suchen, wird auch die Lage für Hugo immer kritischer. Für Marianna wird Hugo so etwas wie ein kleiner idealer »Ersatzmann«, den sie sich langsam heranzieht und Hugo wird auf diese Weise in die Welt der Erwachsenen eingeführt. Die beiden leben bald in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis, das teilweise symbiotische Züge annimmt.

Schließlich räumen die Deutschen die Stadt und die Russen sind im Anmarsch. Für die Huren im Bordell bedeutet das jedoch nicht, dass die Gefahr für sie nun auch vorüber wäre. Im Gegenteil, denn die Russen neigen dazu, solche Huren auch in Arbeitslager zu deportieren oder gleich hinzurichten. Zunächst bleiben die zurückgebliebenen Huren alle noch im Haus, doch als die Vorräte zuende gehen und auch die Leiterin des Bordells sich abgesetzt hat, bleibt Marianna und Hugo gar nichts anderes als sich auch auf die Flucht vor den herannahenden Russen zu begeben. Marianna ahnt, was ihr blüht, versucht aber ihre Ängste und Befürchtungen vor Hugo zu verbergen. Weit kommen die beiden tatsächlich nicht. Die Russen bzw. einheimische Kommunisten verhaften Marianna und bringen sie zusammen mit Hugo in Hugos Geburtsstadt. Dort wird sich sowohl ihr als auch Hugos weiteres Schicksal entscheiden.

Wie schon in den vielen seiner vorangegangenen Romanen erzählt Aharon Appelfeld wieder ein Schicksal aus der damaligen Zeit, wie es sie so oder sehr ähnlich wohl vielfach gegeben hat. Es ist berührend die Veränderungen, die während der Zeit des Versteckens in Hugo vor sich gehen zu verfolgen. Zum einen sind es die natürlichen Veränderungen eines Jungen, der langsam in die Pubertät kommt, zum anderen aber auch die Veränderungen, die die Trennung von seinen ihm sehr zugewandten Eltern sowie des Lebens im Versteck unter ständiger Lebensgefahr mit sich bringen. Appelfeld schildert sehr anschaulich, wie die Psyche von Hugo versucht diese Situation zu verarbeiten. Immer wieder träumt der Junge sehr realistisch von seinen Eltern, alten Freunden und Erlebnissen, die er in glücklicheren Tagen hatte oder phantasiert sich zurück in diese Zeit.

Dass das Verhältnis zwischen Marianna und Hugo kein unschuldiges bleibt, ist einerseits durchaus nachvollziehbar, hat mich aber ehrlich gesagt, etwas gestört. Meiner Meinung nach, wäre diese Entwicklung für die Geschichte nicht zwingend notwendig gewesen und bringt eine Note in die Geschichte, die - zumindest mich - eher irritiert hat. Für mich hätte die Geschichte eher noch dazu gewonnen, wenn Appelfeld der Versuchung, diesen Aspekt hinzuzufügen, widerstanden hätte.

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11.07.2010

Martin Walker: Grand Cru ***

Buch-CoverIm vergangenen Jahr las ich den ersten Band von Martin Walkers neuer Krimi-Serie um den französischen Landpolizisten Bruno. Nun ist der zweite Band unter dem Titel »Grand Cru« erschienen und so habe ich einen literarischen Ausflug ins französische Périgord unternommen.

Alles beginnt diesmal mit einem Brand, der ein Versuchsfeld und einen darauf befindlichen Schuppen vernichtet. Schnell ist klar, es handelt sich um Brandstiftung. Unklar ist zunächst, wem das Feld und der Schuppen eigentlich gehören. Weitere Nachforschungen bringen zutage, dass die Regierung mit einem geheimen Forschungsprojekt hinter der Sache steckt. Doch wer hat das Feuer gelegt? Radikale Öku-Aktivisten, Biowinzer oder steckt noch jemand ganz anderes hinter dem Anschlag, vielleicht die junge attraktive Frau, die für einen der ortsansässigen Weinhändler arbeitet?

Bruno ermittelt und ist gar nicht froh, als erste Spuren zu Freunden von ihm führen. Natürlich schalten sich auch höhere Kreise in die Ermittlungen im Fall ein und verkomplizieren die Ermittlungen eher, als dass sie hilfreich wären.

Fast zeitgleich taucht der Sproß einer weltweit agierenden Weinbauern-Dynastie aus Amerika auf und unterbreitet dem Bürgermeister von Saint-Denis ein verlockendes Angebot. Neue Arbeitsplätze, eine bessere Vermarktung des einheimisches Weines weltweit und einiges andere mehr wären auf der Haben-Seite aber Bruno ist zurückhaltend und nicht sicher, ob das wirklich das Richtige wäre für sein geliebtes Saint-Denis.

Schließlich spitzt sich die Lage dramatisch zu als zwei Einheimische tot aufgefunden werden. Unter Zeitdruck ermittelt Bruno weiter, pflegt aber auch seine Freundschaften und findet immer noch die Zeit zu kulinarischen Glanzleistungen.

Mir hat der zweite Band dieser Krimi-Serie wieder gut gefallen, auch wenn er nicht ganz so stark ist, wie der Auftaktband. Der sympathische Bruno und seine nicht minder sympathischen Freunde und Mitbürger werden den Lesern noch besser bekannt, die Fälle lassen die Leser erkennen, mit welchen Problemen solche Orte heutzutage zu kämpfen haben und auch wenn die Spannung den Blutdruck nicht gerade in ungeahnte Höhen treiben, packt einen die Geschichte doch. Nur eines ist von Nachteil: Man bekommt während der Lektüre richtig Appetit und würde zu gerne von vielen der erwähnten Köstlichkeiten und Weine probieren. Eine Werbung für eine Reise ins Périgord sind diese Krimis ganz nebenbei auf jeden Fall auch.

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27.06.2010

Donna Leon: Schöner Schein ***

Buch-Cover»Schöner Schein« beginnt recht banal und ruhig. Brunetti und seine Frau Paolo sind von deren Eltern zu einem Essen mit Freunden geladen. So lernt Brunetti Franca Marinello, eine langjährige Freundin seiner Schwiegermutter, kennen, die in Venedig mit dem Spitznamen »la Superliftata« belegt worden ist, da sie offenbar so extrem geliftet ist, dass ihr Gesicht nur noch eine Maske ist.

Brunetti erlebt bei seiner Begegnung mit Franca Marinello eine Überraschung, denn er stellt fest, dass es sich um eine hochintelligente Frau handelt, die Cicero, Ovid und Co. liest und sehr gut kennt. Brunetti ist überaus fasziniert von dieser Frau. Kurz nach ihrem Kennenlernen kommt es zu einem erneuten Treffen, bei dem sie ihm ihre Besorgnis mitteilt, es könnte evtl. eine Entführung geplant sein, die ihre Familie betrifft. Brunetti beruhigt sie jedoch.

Commissario Brunetti bekommt es in seinem achtzehnten Fall - zunächst nur am Rande - mit Ermittlungen in Sachen »Müllproblematik in Italien« zu tun. Ein anderer Ermittler wendet sich mit der Bitte um Hilfe an ihn und wird kurz darauf geradezu hingerichtet. Offenbar hat die Mafia ihre Finger mit ihm Spiel und die ist ja bekannt dafür, dass sie sich am Müll eine goldene Nase verdient. Nun scheint es irgendwo in oder bei Venedig gelagerten Müll zu geben, der hochgefährlich ist aber gerade wegen der Berichterstattung in den Medien über das Müllproblem von Neapel nicht beiseite geschafft werden kann.

Da der andere Ermittler überaus zurückhaltend war, Brunetti Einzelheiten seiner Ermittlungen mitzuteilen, gestalten sich für Brunetti nach der Ermordung seines Kollegens, die Ermittlungen äußerst schwierig. Kurz vor seiner Ermordung hat der Kollege Brunetti noch ein Foto mit einem Verdächtigen zukommen lassen, den Brunetti für ihn identifizieren sollte. Schließlich gelingt es Brunetti die Identität des Fotografierten und Verdächtigen zu klären.

Doch nun erlebt er die nächste Überraschung, denn ihm kommt schnell zu Ohren, dass der Verdächtige, der zudem einem Mafia-Clan angehört, angeblich mit Franca Marinello gesehen wurde, ja die Gerüchte gehen sogar noch weiter, angeblich soll er ihr Geliebter sein. Immerhin ist sie mit einem wesentlich älteren wohlhabenden Geschäftsmann verheiratet und sucht daher vielleicht Abwechslung.

Für Brunetti passt das so gar nicht zu der Frau, die er beim Essen im Haus seiner Schwiegereltern kennengelernt hat. Hat er sich von der Belesenheit der Frau täuschen lassen? Je mehr er über Franca Marinello erfährt desto rätselhafter wird sie ihm und je mehr wird deutlich, dass der äußere Schein sehr täuschen kann.

Im Casino von Venedig kommt es dann zu einer dramatischen Wendung und Brunetti muss einmal mehr gut überlegen, wie er auf die Vorkommnisse reagieren will, ohne seine eigenen Ideale zu verraten oder das Gesetz zu beugen.

Ich hatte meine liebe Mühe mit diesem neuen Brunetti, der lange sehr gemächlich und dialoglastig daher kommt, bis endlich wenigstens etwas Aktion ins Spiel kommen. Spannend ist der Krimi kaum, eher scheint Donna Leon immer mehr Richtung einer in einem Krimi verpackten Kritik der italienischen (venedischen) Gesellschaft und Politik zu tendieren. Das ist teilweise durchaus interessant zu lesen und erklärt aufmerksamen Lesern ein wenig das heutige Italien und wie es funktioniert, teilweise aber auf Dauer auch etwas ermüdend.

Die Protagonisten dieser Serie: Commissario Brunetti, seine Frau Paola, die Kinder Chiara und Raffi, seine Kollegen Vianello, Signora Elettra, Pucetti, Alvise, Scarpa und sein unmittelbarer Vorgesetzter Patta, sie alle sind längst vertraute Figuren, die man gerne wieder trifft bzw. über deren weiteres Ergehen man gerne informiert wird und derentwegen man immer mal wieder ein Auge zudrückt, was die Schwächen dieser Serie angeht.

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17.05.2010

Banana Yoshimoto: Mein Körper weiß alles ***

Buch-CoverMir war danach mal wieder etwas von der Japanerin Banana Yoshimoto zu lesen und so habe ich zu ihrem jüngsten Erzählband »Mein Körper weiß alles« gegriffen, der dieses Jahr im Diogenes Verlag erschienen ist. Er enthält 13 kurze Geschichten, die von Menschen erzählen, die vor Umbrüchen in ihrem Leben stehen oder sie gerade erlebt oder länger zurückliegende Umbrüche nicht verwunden haben.

Nach wie vor ist Yoshimoto eine sehr genaue Beobachterin, der es sehr gut gelingt, psychische Ausnahmesituationen in Worte zu fassen und sozial isolierte Menschen zu zeichnen.

Ihr Erzählstil ist einzigartig und man muss etwas von ihr gelesen haben, um zu verstehen, was das Besondere daran ist und warum sie gerade in Japan für die Jugend zu einem Idol geworden ist.

»Mein Körper weiß alles«, das sind dreizehn Geschichten, die wie kleine Histogramme oder Momentaufnahmen aus dem Leben wirken. Solide Erzählkunst mit einigen Geschichten, die sich deutlich über das Mittelmaß hinausheben. Leider schwankt - für meinen Geschmack - die Qualität der Geschichten noch zu stark, als dass ich für diesen Erzählband vier Sterne vergeben hätte aber die Tendenz geht für diesen Erzählband eindeutig in diese Richtung.

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16.05.2010

Ian Rankin: Ein reines Gewissen ***

Buch-CoverNachdem ich Ian Rankins John Rebus-Krimireihe zuende gelesen hatte, habe ich natürlich aufgehorcht, als mir zu Ohren kam, dass Ian Rankin an einer neuen Krimi-Serie schreibt. Mit »Ein reines Gewissen« liegt nun der Auftaktband zu dieser Serie vor und ich war gespannt auf Rankins neuen Protagonisten.

Der heißt Malcom Fox, ist Single, hält sich seit fünf Jahren recht erfolgreich vom Alkohol fern, hat eine Schwester und einen alten Vater, der in einem Heim lebt für dessen Kosten Fox aufkommt und arbeitet in der »Abteilung für interne Ermittlungen« bei der Polizei. Dort haben sie gerade eine Ermittlung gegen einen Polizeioffizier erfolgreich zum Abschluß gebracht und Malcom Fox wird auf einen anderen Polizisten angesetzt, der verdächtigt wird, Kinderpornographie zu verbreiten.

Der beschuldigte Polizist, Jamie Breck, ist Malcom Fox allerdings von Anfang an recht sympathisch und daran ändert sich auch nichts, als plötzlich Jamie Breck wiederum gegen Malcom Fox ermittelt, der unter Mordverdacht gerät, als der Liebhaber seiner Schwester Jude ermordet aufgefunden wird. Malcom Fox kommen immer mehr Zweifel, dass die Vorwürfe gegen Jamie Breck gerechtfertigt sind, während er zugleich versucht sich gegen die Beschuldigung des Mordes zu wehren. Gemeinsam mit Jamie Breck macht er sich daran die verworrene Faktenlage zu klären.

Ich muss gestehen, ich bin etwas enttäuscht von diesem Auftaktband der neuen Serie. Malcom Fox wirkt auf mich bisher recht langweilig und farblos, wenn auch (soweit) recht sympathisch und rechtschaffen. Der bzw. die Fälle klingen zwar spannend aber leider killt Rankin jegliche Spannung mit endlosen Diskussionen zwischen den verschiedenen Figuren des Romans. Echte Handlung - außerhalb der Routine - gibt es relativ wenig. Es wird viel beschattet und viel gemutmaßt und wieder beschattet und abgehört ...

Ja, ich habe mich etwas durchgequält. So erging es mir aber mit den ersten Bänden der John Rebus-Reihe auch und danach folgten dann Bände, die durchaus spannend und fesselnd waren. Für mich schwanken die Krimis von Ian Rankin in der Qualität sehr und das wird sich vermutlich auch in der neuen Serie nicht ändern. Ich schätze ich werde auch diese Krimireihe lesen aber eher so ab und zu mal und nicht so dringlich.

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01.05.2010

Jostein Gaarder: Die Frau mit dem roten Tuch ***

Buch-CoverSteinn und Solrun waren blutjung ein Paar, bis sie zu einem Ausflug aufbrachen und es während diesem Ausflug zu einem Geschehen kam, das dazu führte, dass sie sich trennten.

Nun, dreißig Jahre später, treffen sie sich unvermutet am selben Ort wieder und beginnen einen E-Mail-Austausch. Über philosophische Diskussionen darüber, ob es Zufall oder eine Art Vorsehung gibt und andere Themen nähern sie sich darin dem damaligen Geschehen und versuchen noch einmal das damalige Geschehen zu rekonstruieren und herauszufinden, warum es zu ihrer Trennung geführt hat.

Teilweise ist dieser Austausch recht interessant zu lesen, zumindest wenn man sich ein wenig für philosophische Gedankengänge, verschiedene Weltbilder und Glaubenswelten interessiert. Teilweise empfand ich diese Teile aber auch als ein wenig zäh.

Anfänglich baut Gaarder eine gewisse Spannung auf, da der Leser zunächst ja nicht weiß, was damals geschehen ist und dies erst gegen Anfang des letzten Drittels des Buches erfährt und als diese Spannung dann nachläßt, weil der Leser dann weiß, was passiert ist und worum die Protagonisten eigentlich kreisen, gibt Gaarder der Geschichte noch eine unerwartete Wendung, die die Leser bis zum Ende bei der Stange hält.

Vom Hocker gehauen hat mich dieser neue Roman Gaarders nicht aber die etwas mehr als 220 Seiten lassen sich gut mal so zwischendrin lesen.

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15.04.2010

Herman Melville: Billy Budd ***

Buch-CoverDen Klassiker »Moby Dick« von Herman Melville habe ich selbstverständlich gelesen, wollte aber immer auch noch mal etwas anderes von Melville lesen, so z.B. einige seiner Erzählungen. Als ich nun mitbekam, dass der Hanser Verlag eine Neuübersetzung der großen Erzählungen von Melville herausbringen würde, war klar, dass der Zeitpunkt nun gekommen war.

Der Erzählband trägt den Titel »Billy Budd« nach der wohl nach Moby Dick berühmtesten und letzten (unvollendeten) Erzählung Melvilles. Der Band enthält insgesamt sieben Erzählungen und einen über hundert Seiten umfassenden Anhang mit Nachwort, editorischer Notiz, Anmerkungen, biographischen Notizen zu Melvilles Biographie, etc. Neu übersetzt wurde diese Ausgabe von Michael Walter und Daniel Göske.

Wirklich beeindruckt und gepackt haben mich nur zwei der Erzählungen, nämlich »Benito Cereno« und eben »Billy Budd«. Beides Seefahrergeschichten. In »Benito Cereno« beobachtet der amerikanische Kapitän Amaso Delano wie ein offenbar ziemlich mitgenommenes Schiff sich anschickt, den kleinen Hafen der Insel St. Maria am südlichsten Zipfel Chiles anzulaufen. Er läßt sich zum Schiff übersetzen und geht an Bord, wo er auf dessen Kapitän Benito Cereno trifft. Außer dem sind noch einige weitere Matrosen an Bord sowie eine größere Anzahl Schwarzer, die offenbar als Sklaven verschifft werden. Das Schiff selber ist nach Angaben von Benito Cereno in schwere Stürme, dann in eine langandauernde Flaute geraten und im Anschluß daran ist ein Großteil der Mannschaft einer Krankheit zum Opfer gefallen. Benito Cereno selbst verhält sich äußerst widersprüchlich und scheint selbst gesundheitlich sehr angegriffen. Als eine Art »Leibdiener« steht im ebenfalls ein Schwarzer namens Babo zur Seite, der ihm offensichtlich in großer Treue dient. Immer wieder aber beschleichen Amaso Delano Zweifel und Sorge, ohne dass er recht herausfinden kann warum, geschweige denn erhärtende Beweise für die Berechtigung dieser Gefühle zu finden. Als die Wahrheit ans Tag kommt, ist Amaso Delano zutiefst erschüttert.

In »Billy Budd« wird von einem jungen Matrosen erzählt, der zur Kriegsmarine gepreßt wird sich aber aufgrund seiner Schönheit und seines unschuldigen Charakters schnell großer Beliebtheit unter seinen Kameraden und auch bei seinen Vorgesetzen erfreut. Doch dann wird er von einem höheren Dienstrang fälschlich und aus Bosheit beim Kapitän des Schiffes der Anstiftung einer Meuterei beschuldigt. Billy Budd ist über diese falsche Anschuldigung innerlich so erschüttert und erregt, dass er in seinen Sprachfehler, das Stottern zurückfällt bzw. nicht in der Lage ist, sich zu der Anschuldigung zu äußern. Stattdessen schlägt er den Ankläger einmal mit der Faust. Der fällt zu Boden und ist auf der Stelle tot. Der Kapitän, von Anfang an eigentlich überzeugt von der Unschuld Billy Budds, muss sich an die Dienstvorschriften halten und so wird Billy Budd wegen des Übergriffs auf einen Vorgesetzten einem Standgericht ausgeliefert, an dessen Ende das Todesurteil steht. Während der bösartige Denunziant mit allen Ehren, die ihm laut seinem Rang zustehen, ein Seebegräbnis erhält, wird Billy Budd im Beisein der gesamten Schiffsbesatzung an der Rahe aufgeknüpft. Sein Leichnam danach ebenfalls der See übergeben.

Die anderen fünf Erzählungen haben auch ihre Reize, zogen sich für mich allerdings teilweise ziemlich umständlich hin. Es ist allerdings erstaunlich, wie es Melville gelingt Spannung zu erzeugen. In der Erzählung »Bartleby, der Lohnschreiber« stellt er uns eben diesen Bartleby vor, der sich seinem Dienstherrn immer wieder mit den Worten »es ist mir nicht genehm« verweigert und diesen damit in Verzweiflung stürzt. Immer wieder müht sich sein Dienstherr, ihn zu motivieren oder dahinter zu kommen, warum Bartleby plötzlich von einem Tag auf den anderen nicht mehr bereit ist, irgendwelche seiner dienstlichen Pflichten zu erfüllen. Das alles ist ungeheuer langatmig und eigentlich auch langweilig beschrieben aber das Rätsel um die Person des Bartleby hält einen in seinen Fängen und so habe ich mich durch die Geschichte »gekämpft«, weil ich einfach wissen wollte, was sich hinter dem seltsamen Verhalten von Bartleby verbarg und die Auflösung der Geschichte ist dann auch recht überraschend und unerwartet.

Man kann Herman Melville getrost unter die großen Erzähler seiner Epoche zählen auch wenn diese Erzählungen nicht an seinen großen Roman »Moby Dick« heranreichen.

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04.03.2010

Faye Kellerman: Arglist ***

Buch-CoverDer jüngste Band aus Faye Kellermans Peter Decker und Rina Lazarus-Reihe trägt in der deutschen Übersetzung den Titel »Arglist«.

Peter Decker erhält darin von seinem Vorgesetzten den Auftrag, sich einen 15 Jahre zurückliegenden unaufgeklärten grausamen Mord an einem Highschool-Lehrer noch einmal vorzunehmen und wenn irgend möglich aufzuklären. Besonderer Anreiz (für den Vorgesetzten), ist eine hohe Spende, die eine ehemalige Schülerin dieses Lehrers, die in der Zeitung über einen aktuellen Mord, der erstaunliche Parallelen zum früheren Mord aufweist, gelesen hat, dem LAPD in Aussicht gestellt hat, falls der Fall geklärt wird.

Decker samt Team machen sich daran den Fall erneut aufzurollen und stossen auf immer mehr Unstimmigkeiten und immer mehr mögliche Tatmotive bzw. -verdächtige. Je länger sie ermitteln desto komplizierter und kniffliger wird alles und am Ende ist es mal wieder Peter Decker, der sein Leben bei der Aufklärung riskiert, worüber seine Frau Rina und seine jüngste Tochter - verständlicherweise - nicht sehr begeistert sind.

Nicht sehr begeistert war auch ich von diesem Krimi, der sich diesmal leider für mein Empfinden nicht über das Mittelmaß herauszuheben vermag. Die langwierigen Ermittlungen und verzwickten Verwicklungen haben diesmal doch ihre Längen, was die Lektüre etwas mühsam machte, so dass das Lesevergnügen zumindest bei mir etwas darunter gelitten hat.

Aufgefallen ist mir noch, dass Faye Kellerman bzw. ihre Protagonisten nun offenbar auch im Internetzeitalter angekommen sind, denn social networks wie myspace, blogger etc. tauchen nun auf und nehmen in der Handlung ganz selbstverständlich ihren Platz ein. ;o)

Ich hoffe mal, »Arglist« ist nur ein »kleiner Hänger« in der Serie und im nächsten Band geht es wieder wie gewohnt etwas spannender und zielstrebiger zur Sache.

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