20.05.2011

Fred Vargas (und Edmond Baudoin): Die Tote im Pelzmantel *

Buch-CoverGut gemachte sog. »graphic novels« können bei mir durchaus punkten und wenn sich eine von mir sehr geschätzte Krimi-Autorin mit einem Comic-Zeichner der oberen Klasse zusammen setzt, dann weckt das mein Interesse. Die französische Krimi-Autorin Fred Vargas hat das mit Edmond Baudoin getan und zwar nach »Das Zeichen des Widders« bereits zum zweiten Mal. Da mich die erste graphic novel der beiden zwar nicht vom Hocker gerissen hatte aber mir doch gefallen hatte, war ich nun sehr auf das Ergebnis der zweiten Zusammenarbeit der beiden gespannt, zumal ich davon ausging, dass man ja dazulernt und so vielleicht die Schwächen des ersten Versuchs inzwischen hätten ausgemerzt sein können.

Ich musste recht lange warten, bis ich das Buch endlich in Händen hielt und noch etwas, bis ich die Zeit fand es endlich auch zu lesen und so war die Vorfreude und Spannung entsprechend gestiegen. Ich schlug also gespannt und freudig den Buchdeckel des knapp 100-seitigen Büchleins auf.

Was ich dann allerdings erlebt, machte mich richtig ärgerlich. Zum einen handelt es sich um eine alte Geschichte, die bereits unter dem Titel »Fünf Francs das Stück« im Band »Die schwarzen Wasser der Seine« veröffentlich worden ist und zumindest was den Krimiaspekt angeht, nicht sehr ergiebig ist. Aber gut, das hätte ich - wenn auch grummelnd - noch hinnehmen können. Dass die Geschichte aber - für mich höchst unerwartet plötzlich zuende ist (zu dem Zeitpunkt realisiert man dann, dass man es eher mit einer Art psychologischen Charakterstudie als einem spannenden Kriminalfall zu tun hat) und das bereits nach 52 Seiten, also der Häfte des ohnehin dünnen Buches, das schlug dann für mich dem Fass den Boden aus.

Die zweite Hälfte des Buches enthält auf 11 Seiten noch einige Zeichnungen, Gedanken und Fragen des Zeichners Edmond Baudoin zu den beiden graphic novels, ein 18seitiges Nachwort von Klaus Schikowski über die beiden graphic novels sowie noch eine Leseprobe von Fred Vargas Krimi »Der verbotene Ort« (10 Seiten).

Ganz ehrlich, ich ärgere mich und zwar heftig! Was graphic novels heute sein können, haben andere überzeugend gezeigt, so z.B. Marjane Satrapi mit »Persepolis: Eine Kindheit im Iran« (160 S.) und »Persepolis: Jugendjahre« (191 S.) oder Isabel Kreitz mit »Die Sache mit Sorge« (256 S.) oder Art Spiegelmann mit »Maus« (300 S.) oder Jason Lutes mit »Berlin - Steinerne Stadt« (213 S.) und »Berlin - Bleierne Stadt« (208 S.) und viele weitere gelungene Beispiele.

Was sich aber der Aufbau-Verlag hier geleistet hat, das ist schon wirklich ein dreistes Stück und ganz sicher die 14,95 Euro nicht wert! Einfach nur eine erfolgreiche Krimi-Autorin und einen namhaften Comic-Zeichner zusammen zu bringen und dann eine alte Geschichte aufzuwärmen, das ist doch etwas wenig. Wer sich am ehesten noch wirklich Mühe gegeben und gearbeitet hat, ist Edmond Baudoin, der ja die Zeichnungen zur Geschichte machen musste und dies in gewohnt gekonnter Weise getan hat. Ich frage mich auch, ob Fred Vargas und Edmond Baudoin, es wirklich (so) nötig haben, dass sie sich darauf eingelassen haben. Einen echten Gefallen haben sie sich damit vermutlich selbst nicht getan. Und der Verlag scheint hier auf einer Welle mitschwimmen zu wollen, die gerade ganz gut anrollt.

Ich vermeide in der Regel, vorab Amazon-Rezensionen oder andere Rezensionen andernorts zu Büchern zu lesen, die ich selber lesen möchte, um möglichst unvoreingenommen herangehen zu können. In diesem Fall, hätte ich das besser getan, denn dann wäre ich vorgewarnt gewesen und hätte vermutlich die Finger gleich ganz davon gelassen. Wenigstens habe ich bei dem geringen Umfang der eigentlichen Geschichte, nicht zuviel kostbare Zeit vergeudet.

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22.04.2011

Alon Hilu: Das Haus der Rajanis *

Buch-CoverKurz und bündig: Die kurze Inhaltsangabe kann man ja an diversen Stellen im Internet nachlesen. Tatsächlich hält der Roman nicht, was er scheinbar verspricht. Der Schreibstil bzw. die Sprache ist (zumindest in der deutschen Übersetzung) furchtbar und ermüdet beim Lesen.

Handlung findet kaum statt, stattdessen geht es ständig um das unerfüllte Sexualleben des jung verheirateten und von seiner Frau Esther zurückgewiesenen nach Palästina eingewanderten Isaac Luminsky und seinen Versuchen, dem Problem abzuhelfen sowie den wirren Gedankengängen des offenbar geistig kranken muslimischen Salach Rajani, der glaubt im Brunnen auf dem Familienanwesen hause ein Dämon, der nur darauf wartet, ihn vom Leben zum Tode zu befördern und der nach einer zufälligen Begegnung mit Isaac Luminsky glaubt, dieser sei ein Engel und werde ihn retten.

Ich hab versucht, den Roman unvoreingenommen zu lesen und ihm eine Chance zu geben aber habe große Teile schließlich nur noch überflogen und etwa in der Mitte abgebrochen. Sollte der Roman noch zu einem späteren Zeitpunkt eine wichtige Botschaft zu vermitteln haben, hat mich diese Botschaft also nicht erreicht und ich denke, ein wahrer Schriftsteller kann auch nicht erwarten, dass seine Leser sich erst durch hunderte Seiten Murgs wühlen, um dann am Ende vielleicht einen Krümel von Botschaft oder Sinn zu ergattern. Keine Ahnung, warum offenbar literarisch beschlagene Leute glaubten, dieser Roman verdiene ins Deutsche übersetzt zu werden.

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20.08.2009

Peter Ackroyd: Die Clerkenwell-Erzählungen *

Buch-CoverDer Brite Peter Ackroyd hat sich mit seinen umfangreichen und äußerst fundierten Biographien über London und Shakespeare international einen Namen gemacht. Außerdem schreibt er ab und an kleinere Romane.

Letztes Jahr las ich seinen Roman »Wie es uns gefällt« und kam zu dem Schluß, dass er wohl besser doch bei den Sachbüchern bleibt. Um ihm nicht Unrecht zu tun, wollte ich aber noch einen zweiten Versuch mit einem seiner Romane versuchen und entschied mich für »Die Clerkenwell-Erzählungen«, einen historischen Roman, der im London des Jahres 1399 spielt.

Das Jahrhundert neigt sich langsam dem Ende zu und natürlich gibt es auch jede Menge Endzeitängste. Dort hinein meldet sich die Nonne Clarissa mit seltsamen Visionen zu Wort und beschwört so ein Untergangsszenario. Empfängt sie wirklich göttliche Botschaften oder ist sie vom Teufel besessen oder einfach nur verrückt? Auch andere religiöse Gruppen tummeln sich in der Stadt. Geheimbünde und politische Wirren tragen das ihre dazu bei, dass London ein brodelnder Kessel ist.

Ackroyd hat die Kapitel des Romans nach den darin hauptsächlich auftretenden Figuren benannt und die wiederum sind an Personen aus den berühmten »Canterbury-Erzählungen“ von Geoffrey Chaucer angelehnt, worauf Ackroyd zu Beginn kurz hinweist.

Man kann Peter Ackroyd nicht seine immenses historisches Wissen und seine Genauigkeit absprechen. Es gelingt ihm mittels dieser Unterfütterung das mittelalterliche London lebendig werden zu lassen. So erfahren die Leser viel über die Lebensumstände der Menschen, über Glaube und Aberglaube zur damaligen Zeit oder über die Vorgehensweise mittelalterlicher «Ärzte» und Heiler. Das ist teilweise recht interessant und drastisch zu lesen. Die Geschichte selbst aber wirkt insgesamt sehr verworren und selbst mit guten Kenntnissen in Geschichte und Kirchengeschichte, ist es sehr mühsam der Geschichte zu folgen, Bezüge herzustellen und zu verstehen, worum es überhaupt geht.

Während «Wie es uns gefällt" von mir noch drei Sterne erhielt, vergebe ich für die Clerkenwell-Erzählungen nur noch einen Stern, denn der Unterhaltungswert geht gegen Null und das ist für einen Roman ein bisschen wenig und in diesem Fall bin ich dankbar, dass Ackroyds Romane deutlich weniger umfangreich ausfallen als seine Sachbücher. Dafür freue ich mich aber schon jetzt auf Ackroyds neues Sachbuch über die Themse, das ich bald zu lesen hoffe und das sicher wieder ein solcher Knüller wie die London-Biographie ist.

# ~ 1_Stern ~ kein Kommentar



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