27.08.2010

Karl Schlögel: Das russische Berlin ****

Buch-CoverSehr gespannt war ich auf das Buch, »Das russische Berlin: Ostbahnhof Europas«, des renommierten Historikers und Essayisten Karl Schlögel. Große Teile davon wurden erstmals bereits 1998 unter dem Titel, »Berlin, Ostbahnhof Europas: Russen und Deutsche in ihrem Jahrhundert«, veröffentlicht. 2007 wurde eine ergänzte und aktualisierte Neuausgabe herausgegeben und diese Neuausgabe ist es, die ich jetzt gelesen habe.

Die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland waren im Laufe der Geschichte immer schon sehr enge aber auch sehr wechselhafte. In Deutschland war (und ist es nun wieder) es vor allem Berlin, in dem alle sich alles bündelte und über das alles lief. Wer von Ost nach West oder umgekehrt reiste, musste über Berlin reisen. Folgerichtig beginnt Karl Schlögel seine Ausführungen am Schlesischen Bahnhof in Berlin und liefert erst einmal eine Art Geschichte der deutschen und russischen Bahn, inklusive Kursbücher, besondere Kennzeichen der Reisenden - je nachdem woher sie kamen bzw. wohin sie wollten. Russische Reisende landeten also irgendwann in Berlin und entweder sie hatten die Stadt von vornherein als Endziel ihrer Reise oder sie strandeten oder pausierten für einige Zeit dort, bevor sie weiterreisten oder sich eben notgedrungen dauerhaft dort einrichteten.

Karl Schlögel nimmt seine Leser mit zu den Orten in Berlin, die für die Russen im Laufe der Zeit zu bedeutsamen Orten wurden: Botschaften, Salons, Ateliers aber auch Gefängnisse, Cafés und Restaurants, Verlage und Geschäfte. Er schildert aber nicht nur diese Orte sondern vor allem auch die Menschen, die diese Orte entweder erst schufen, dort arbeiteten, sich dort einfanden, um zu diskutieren, nötige Papiere zu erhalten, um Asyl zu bitten, zu speisen und zu feiern, Komplotte zu schmieden und zu spionieren.

Es ist eine reiche, vielschichtige, faszinierende und teilweise auch erschreckende Welt, die sich den Lesern da auftut. Die Entwicklungen der Geschichte und die Verwerfungen des vergangenen Jahrhunderts brachen für viele der im Buch porträtierten Russen bzw. Deutschen mit russischen Wurzeln, dramatische Schicksalswendungen. Viele sind in Lagern oder Gefängnissen in beiden Ländern, im Krieg oder Exil ums Leben gekommen oder gebracht worden. Besonders wichtige Persönlichkeiten greift Schlögel heraus und porträtiert sie kurz und setzt sie in Beziehung zu wieder anderen wichtigen Persönlichkeiten ihrer Zeit: von den Aristokraten über Diplomaten, Militärs und Abenteurer, Bolschewisten und Kommunisten, Spione und Betrüger, Emigranten und einfache Menschen, die durch welche Umstände auch immer nach Berlin gespült wurden.

Der Fall der Berliner Mauer und der Zusammenbruch der Sowjetunion schließlich, führen nun seit 1989 dazu, dass sich in Berlin wieder etwas herauszubilden scheint, was dem einstmals so lebhaften und vielschichtigen »Russischen Berlin« ähnelt. Berlin ist, was die Deutsch-Russischen Beziehungen angeht, nicht mehr Endstation oder Frontstation sondern ist wieder zum »Durchgangsort« oder »Durchgangsbahnhof« geworden, der Fluss der Menschen von Ost nach West strömt wieder und es bleibt abzuwarten und zu beobachten, was das Ergebnis dieser Strömungen sein wird.

Karl Schlögel hat hier ein sehr gründlich recherchiertes Buch, mit einer Fülle an Informationen und Details, vorgelegt. Dabei zählt er letztere nicht einfach nur auf, sondern setzt sie immer wieder in größere Zusammenhänge, so dass ein echtes Panorama entsteht und ein wichtiges Stück Geschichte und Zeitgeschichte rekonstruiert wird. Ob man wirklich darauf hoffen soll/kann, dass sich zukünftige wieder ein »Russisches Berlin« wie einst bildet, wage ich anzuzweifeln. Meiner Ansicht nach wiederholt sich Geschichte meist nur scheinbar und die Gefahr gewisse Ähnlichkeiten dementsprechend zu interpretieren und zu deuten, ist recht groß. Mag sein, dass Berlin in den Deutsch-Russischen Beziehungen wieder eine ganz besonders wichtige Rolle einnimmt und dies weiter ausgebaut wird aber es wird sicher nicht mehr so wie einst sein. Das aber wieder macht es enorm spannend die aktuellen und zukünftigen Entwicklungen auch weiter im Auge zu behalten und zu beobachten.

# ~ 4_Sterne ~ ein Kommentar



21.08.2010

Laura Joh Rowland: Der Feuerkimono ****

Buch-Cover»Der Feuerkimono« ist für den japanischen Kammerherrn Sano Ichiro nun schon der dreizehnte(!) Fall und dass der nichts Gutes bringt, verwundert kaum.

Nach einem schweren Sturm werden die Gebeine eines Toten gefunden, der offenbar unter einem entwurzelten Baum verscharrt worden ist. Die Schwerter, die zusammen mit der Leiche gefunden werden, weisen den Toten als einen Verwandten des Shogun aus, der vor vielen Jahren kurz nach dem »Großen Feuer«, das halb Edo in Schutt und Asche legte, spurlos verschwunden ist. Daraufhin wird Sano Ichiro vom Shogun beauftragt, herauszufinden, was geschehen ist. Schnell bestätigt sich der Verdacht, dass der Verwandte des Shogun brutal ermordet wurde.

Während Sano Ichiro mit seinen treuen Gefolgsleuten versucht diesen 43 Jahre zurückliegenden Mord aufzuklären, tobt ein heftiger Machtkampf zwischen ihm und Fürst Matsudaira, bei dem zumindest Fürst Matsudaira auch vor Anschlägen auf Sanos Familie nicht zurückschreckt. Allerdings beschuldigt der Fürst Sano, auf dieselbe Art und Weise vorzugehen. Doch Sano weiß, dass er sich so etwas nicht hat zu Schulden kommen lassen. Dann erfährt Sano, dass es Matsudaira gelungen ist, Meuchelmörder in seinen Haushalt zu platzieren. Die Gefahr spitzt sich dramatisch zu, denn wem kann Sano in seinem eigenen Haus noch trauen?

Die weiteren Ermittlungen im Mordfall bringen dann eine völlig überraschende und schockierende Wendung für Sano Ichiro. Plötzlich scheint seine Mutter Etsuke etwas mit dem Fall zu tun zu haben und als dann noch ein treuer Gefolgsmann des Shogun, sie beschuldigt, den Mord begangen zu haben, wird es sehr gefährlich. Nur Sanos bisherige Aufrichtigkeit und Treue führen dazu, dass der Shogun im drei Tage Zeit gibt, seine Mutter dadurch zu entlasten, dass er die Tat aufklärt und den wahren Mörder überführt. Gelingt dies Sano nicht, wird nicht nur seine Mutter sterben, sondern auch Sano Ichiro samt seiner Familie.

Fürst Matsudaira frohlockt natürlich, sieht er doch eine Gelegenheit, den verhassten Rivalen Sano endgültig loszuwerden. Sano ermittelt fieberhaft so gut er kann, doch er hat den Eindruck, dass seine Mutter ihm entscheidende Dinge verschweigt. Zeugen von damals aufzutreiben erweist sich als äußerst schwierig, immerhin starben viele im großen Feuer oder in der unmittelbaren Zeit danach oder sie zerstreuten sich über ganz Japan. Und immer scheint jemand Sano gerade einen Schritt voraus zu sein und erreicht sogar, dass selbst Sano eines Mordes an einem wichtigen Zeugen beschuldigt wird, weil der Zeuge seine Mutter schwer belastet hatte und weiter belasten könnte.
Für Sano und seine Familie, vor allem auch seine Mutter wird die Zeit knapp. Sano weiß, dass er sich keinen Fehler erlauben darf, denn das würde den Untergang seines Klans bedeuten.

Irgendwann dann beginnt Sano zu ahnen, dass da jemand im Hintergrund die Fäden zieht. Ein alter gefährlicher Rivale scheint wieder sein böses Spiel zu treiben. Sano beschließt eine raffinierte Falle zu stellen, um den Mann im Hintergrund zu zwingen offen in Erscheinung zu treten.

Mir hat »Der Feuerkimono« sehr gut gefallen. Rasant und spannend geschrieben, mit vielen wirklich überraschenden Wendungen und wie immer sehr gut recherchiert und im mittelalterlichen Edo angesiedelt. Das Ende des Buches macht schon neugierig auf den nächsten Band der Serie.

# ~ 4_Sterne ~ kein Kommentar



18.08.2010

Karl Schlögel: Die Mitte liegt ostwärts ****

Buch-CoverIn den letzten Tagen habe ich die Essay-Sammlung, »Die Mitte liegt ostwärts. Europa im Übergang«, des Slawisten, Historikers und Soziologen Karl Schlögel gelesen. Es sind insgesamt fünfzehn Essays, in denen Schlögel die Leser mitnimmt auf seine denkerischen Exkurse, die sehr interessant sind und seine Sachkenntnisse eindrucksvoll belegen. Dabei stülpt Schlögel den Lesern aber nicht fertige Konzepte oder gar Lösungen einfach über. Vielmehr zeigt er aktuelle Entwicklungen in Europa nach dem Zusammenbruch des sog. Ostblocks auf, zeichnet die historischen Entwicklungen nach, um dann zu zeigen, was deren Folgen im Hier und Heute sind.

Deutlich wird, dass Europa sich neu finden und definieren muss und sich damit teilweise sehr schwer tut. Zu sehr sind alle noch den alten Denkmustern verhaftet. Die weggefallenen Grenzen irritieren vielfach, eilends wurden und werden neue Grenzen ausgemacht oder aufgebaut, wenn schon nicht mit Schlagbäumen, Stacheldraht und Wachtürmen, so doch in den Köpfen. Dabei sind es weniger die verantwortlichen Politiker und Vordenker, die die Neuordnung und Organisation anstoßen und bewerkstelligen als vielmehr die Fähigkeit der Gesellschaften in den verschiedenen Ländern zur Selbstorganisation. Dieser Prozess kann nicht beschleunigt oder abgekürzt werden ohne dass es zu Fehlentwicklungen oder Schlimmerem kommt. Vielmehr reift dort etwas Neues heran, ja es muss heranreifen und im lauten Geschrei des aktuellen Tagesgeschehens, wird es größtenteils kaum zur Kenntnis genommen bzw. gewürdigt aber es geschieht und es wird spannend sein, zu beobachten, wohin das alles führt und wie Europa aus dieser Phase hervorgehen wird.

Mir persönlich haben es vor allem drei Essays besonders angetan: zum einen »Planet der Nomaden«, in dem Schlögel eindrucksvoll die großen Wanderungsbewegungen der Weltgeschichte nachzeichnet und zeigt, dass der Wandel, die Bewegung - auch großer Massen - bis heute anhält, auch wenn die auslösenden Gründe sich im Laufe der Zeit verändert haben mögen. Teilweise aber sind es dieselben Gründe, die schon vor Jahrhunderten ganze Völkerscharen in Bewegung setzten und die heute Wandernden oder Mobilen kämpfen teilweise auch noch mit denselben Hindernissen wie ihre Vorgänger oder müssen sich ganz neuen Herausforderungen stellen, um ihre Ziele zu erreichen. Ohne diese - von den Sesshaften selbstverständlich mindestens mit Mißtrauen, wenn nicht offener Ablehnung Beobachteten - in Bewegung versetzte Masse aber wäre alle Weiterentwicklung, alle Innovation, alles Neue schlicht nicht denkbar geschweige denn machbar. Sie sind der eigentliche Motor und um so tragischer ist es, wenn sich ihnen die Sesshaften, in ihren teils schon maroden Gesellschaften, Wirtschaftssystemen etc., entgegenstemmen und sie am liebsten zum Teufel wünschen.

Der zweite Essay, der mir sehr gut gefallen hat, ist »Glückliches Amerika, armes Rußland«, in dem er die beiden Länder einander gegenüberstellt aber nicht. Durch dichotomische Gegenüberstellungen wird der Blick auf ungleichzeitige Entwicklungen wie auch die strukturellen Ähnlichkeiten zwischen diesen beiden Polen des 20. Jahrhunderts möglich. Deutlich wird dabei auch, dass Amerika häufig schlicht auch nur das Glück auf seiner Seite hatte und daher eine positivere Entwicklung nehmen konnte.

Der dritte Essay ist im Grunde eine Art Bestandsaufnahme des Hier und Jetzt und trägt den Titel »Zivilgesellschaft, jenseits der Doktrin«. Schlögel beobachtet die europäischen wie die russische Gesellschaft sehr genau und macht grundlegende (noch anhaltende) Veränderungen aus, die er prägnant und kurz auf den Punkt bringt und nicht nur dass er damit eine Menge Gedankenanstöße liefert und Anregungen gibt, genau hinzuschauen, um das Neue (das gerade wird) wahrzunehmen, er schafft es auch Mut zu machen, sich den gegenwärtigen Veränderungen zu stellen, Teil der Transformation zu werden, neue Wege zu beschreiten, andere Gedankenmodelle zuzulassen und so die Zukunft zu sichern.

Alles in allem eine hochinteressante, anregende Lektüre, die eine Menge Denkstoff liefert ohne dabei im Theoretischen oder gar Ideologischen zu versanden.

# ~ 4_Sterne ~ kein Kommentar



13.08.2010

Andrea Levy: Eine englische Art von Glück ****

Buch-CoverDurch die Kaltmamsell wurde ich auf Andrea Levys Roman »Eine englische Art von Glück« aufmerksam. Sie hat die englische Originalausgabe gelesen, ich hingegen die deutsche Übersetzung, die, wie schon beim gerade gelesenen Roman »Das Haus der fünf Sinne« von Nadeem Aslam, wieder Bernhard Robben geschaffen hat. Doch dazu später mehr.

Der Roman beginnt 1948 als Hortense aus Jamaika in London eintrifft. Dort erwartet sie ihr Mann Gilbert, der zunächst im Krieg für das Empire gekämpft hat und dann nach kurzem Aufenthalt auf Jamaika nach London, ins Mutterland, zurückgekehrt ist, weil er glaubt, dort bessere Chancen zu haben.

Auch Hortense hat von einem Leben in England geträumt, von einem eigenen Haus und hat sich ausgemalt, wie sie in England Kinder unterrichtet. Als sie Gilbert in Jamaika kennenlernt, gibt sie ihm das Geld für die Überfahrt nach England, allerdings verknüpft mit der Bedingung, dass er sie vorher heiratet und schnellstmöglich nachkommen lässt.

Gilbert lässt sich darauf ein und verlässt Jamaika, um in England alles für Hortense vorzubereiten. Doch in England muss er sehr schnell feststellen, dass die meisten Briten ihn und seine Landsleute ablehnen und nicht in ihrer Nähe haben wollen. Noch schlimmer, sie wissen nicht einmal wo Jamaika liegt! Zum Kämpfen waren die Jamaikaner gut genug aber jetzt begegnet Gilbert überall Diskriminierung. Nur einem Zufall verdankt er es, dass er wenigstens ein Zimmer mieten kann. Er begegnet nämlich Queenie wieder, der er während des Krieges schon mal begegnet ist.

Queenie stammt aus einer Metzgerfamilie und als sie schließlich Bernard kennenlernt, heiratet sie ihn, weil sie damit einem Leben als Magd ihres Vaters entgehen kann. Bernard wiederum lebt allein mit seinem Vater, der vom Ersten Weltkrieg her so traumatisiert ist, dass er ständig betreut werden muss. Bald haben sich die praktisch denkende und lebenslustige Queenie und der pedantische Banker Bernard nicht mehr viel zu sagen. Bernard beschließt als Freiwilliger in den Krieg zu ziehen und wird nach dem Krieg mit seiner Einheit gleich weiter nach Indien verlegt, um dort den Aufstand niederzuwerfen. Jahre vergehen und Queenie, die keinerlei Nachricht oder Lebenszeichen erhält muss davon ausgehen, dass ihr Ehemann tot ist.

Inzwischen allein im Haus der Familie bleibt ihr nichts anderes übrig als Zimmer unterzuvermieten. Soweit so gut, das müssen viele andere auch tun. Womit sie dann allerdings die Nachbarschaft aufbringt, ist die Tatsache, dass sie an Gilbert und andere Einwanderer aus dem Empire vermietet und zumindest versucht, diese auch gegen Diskriminierung in Schutz zu nehmen bzw. zu verteidigen.

Hortense mit ihren hochfliegenden Plänen und Träumen ist schockiert, als sie feststellt, dass sie mit Gilbert in einem gemieteten Zimmer wohnen soll und nichts von dem, was sie sich erträumt hat, vorhanden ist. Sie verachtet Gilbert zunächst deswegen, bis sie selbst die Diskriminierung am eigenen Leib erfährt. Der nächste Schock ist nämlich, dass sie erfährt, dass ihre Lehrerinnen-Ausbildung in England nicht anerkannt wird und sie folglich auch nicht als Lehrerin arbeiten kann. Ihr Englisch, für das sie auf Jamaika immer gelobt wurde, kann in England keiner verstehen. Dummerweise spricht sie nämlich ein eher an Shakespeares Zeiten angelehntes Englisch mit jamaikanischem Akzent.

Die kulturellen Unterschiede erschweren das Miteinander im Haus. Queenie, die sich redlich bemüht, Hortense hilfreich die ersten Schritte im Mutterland zu erleichtern, stellt sich dabei auch nicht gerade sehr geschickt oder einfühlsam an und ist selber durchaus auch nicht von Vorurteilen unberührt. Hortense wiederum schaut auf Queenie herab, die ihrer Ansicht nach unkultiviert ist und so gar nicht dem Bild einer Engländerin entspricht, das sich Hortense über die Jahre gemacht hat.

Und dann steht eines Tages plötzlich Bernard wieder vor der Tür, gerade als Queenie ihn eigentlich für tot erklären lassen wollte. Und Bernard ist alles andere als begeistert, dass in seinem Haus Einwanderer aus und ein gehen. Die Lunte ist ans Fass gelegt und bald werden überraschende Ereignisse, das fragile Gefüge ins Wanken bringen.

Andrea Levy ist selber die Tochter jamaikanischer Einwanderer und hat in diesem Roman wohl auch die Erfahrungen ihrer Eltern und anderer eingewanderter Jamaikaner verarbeitet. Auf feine Art und Weise gelingt es ihr die kulturellen Unterschiede zu verdeutlichen und wie alle mit ihren Vorurteilen zu kämpfen haben oder gleich so von ihnen blockiert sind, dass ein Miteinander fast nicht oder gar nicht möglich ist. Manche geschilderte Szene ist urkomisch und im nächsten Moment bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Andrea Levy schildert nur, sie verurteilt niemanden und das ist eine große Stärke dieses Romans. Sie zeigt, dass wir alle im Grunde »kleine Inseln« sind und wenn nicht Toleranz und Weitherzigkeit zu all unserem (tatsächlichen oder vermeintlichen) Wissen kommt, bleiben wir auf unserer kleinen Insel und sind unfähig mit anderen zu leben, geschweige denn kulturelle Unterschiede zu überwinden bzw. zu überbrücken.

In einem Nachwort schreibt der Übersetzer Bernhard Robben, der wahrhaft kein Neuling in seinem Fach ist (er hat z.B. auch schon Romane von Ian McEwan, Salman Rushdie, Philip Roth oder Hanif Kureishi übersetzt) dass ihm mit Andrea Levys Roman eine schwierige Aufgabe gestellt war, denn sie hat für jeden ihrer vier Protagonisten auch sprachlich eine eigene Stimme gefunden und das musste ja in der Übersetzung auch gewahrt bleiben. Robben erklärt, wie er sich dem Problem angenähert und es zu lösen versucht hat. Soweit ich das beurteilen kann, ist ihm das zumindest teilweise gelungen, auch wenn manches im Deutschen »seltsam« oder »holprig« klingt aber das ist dann wieder von der Geschichte her durchaus gedeckt.

# ~ 4_Sterne ~ ein Kommentar



09.08.2010

Nadeem Aslam: Das Haus der fünf Sinne *****

Buch-CoverDer gebürtige Pakistani Nadeem Aslam hat mit »Das Haus der fünf Sinne« einen erschütternden Afghanistan-Roman geschrieben.

Die drei Hauptprotagonisten sind ein Brite, der seit vielen Jahrzehnten im Land lebt und mit einer Afghanin verheiratet war, eine junge Russin, die auf der Suche nach ihrem Bruder ist, der als Soldat nach Afghanistan geschickt wurde und spurlos verschollen ist, sowie ein Amerikaner den seine Geschäfte einst nach Afghanistan und dann zum CIA führten.

Anhand dieser drei Personen erzählt Nadeem Aslam nun aus der jüngeren Geschichte Afghanistans, teilweise in sehr schönen Metaphern, die aber letztlich nur um so greller und erschütternder hervortreten lassen, wie sehr Afghanistan und seine Menschen unter den Konflikten der vergangenen Jahrzehnte litten und leiden.

Es ist ein zerrissenes Land, voller zerstörter Biographien, voller Gewalt und gleichzeitig voll Schönheit und Poesie. Die Gewalt der Russischen Besatzung, der Horror der Taliban-Zeit - vor allem für die Frauen - und der Terror des gegenwärtigen Konflikts, der von allen beteiligten Parteien ausgeübt wird, werden ebenso geschildert, wie die Sehnsucht nach Frieden, nach einem ganz normalen Leben.

Doch es herrschen allgegenwärtiges Misstrauen und Angst. Wem kann man trauen, wem sich offenbaren? Wer zieht die Fäden im Land oder auch nur in einem einzigen Ort? Es sind die waffenstarrenden lokalen »Herrscher«, die über das Leben der einfachen Menschen bestimmen. Islamische Fundamentalisten versuchen über das Leben der Menschen zu bestimmen und junge Leute für ihre Sache zu gewinnen. Die Amerikaner verfolgen ihre eigenen Ziele und schrecken ebenfalls vor fast nichts zurück, um diese Ziele zu erreichen. Die »Verteidigung der Heimat« scheint alles zu rechtfertigen.

Nadeem Aslam stellt viele Bezüge zur Geschichte Afghanistans und des Islams an sich her, um das Hier und Heute im Land zu verdeutlichen. Wer Afghanistan, seine Menschen und die aktuelle Situation etwas besser verstehen möchte, wird in diesem Roman vieles finden, das weiterhilft und neue Gedankenanstöße bekommen. Deutlich wird auch, dass Afghanistan tiefe Spuren hinterlässt, bei denen, die dort geboren sind und leben ebenso wie bei denen, die aus welchen Gründen auch immer dorthin gekommen sind und es wieder verlassen konnten.

Nicht verschweigen möchte ich, dass die Lektüre schmerzhaft ist, denn auch wenn der Autor am Ende des Buches darauf hinweist, dass alles in diesem Buch Fiktion ist, so ist doch genauso klar, dass diese Fiktion auf brutalen Fakten beruht und vieles, was man liest so oder ähnlich sehr wohl in diesem schönen schrecklichen Land geschehen ist und noch geschieht.

Die Übersetzung aus dem Englischen verdanken wir Bernhard Robben.

# ~ 5_Sterne ~ kein Kommentar



05.08.2010

Jo Nesbø: Headhunter **

Buch-CoverEigentlich mag ich die Krimis und Thriller, die der Norweger Jo Nesbø schreibt. Sieben der acht Bücher, die ich bisher von ihm gelesen haben, bekamen die vollen fünf Sterne in meiner Wertung. Der achte erhielt vier Sterne, was auch noch deutlich über dem Durchschnitt ist. Das hat bisher kaum ein Autor bei mir geschafft. Klar, war ich da freudig überrascht, als es hieß, es gäbe ein neues Buch von Nesbø und das, obwohl im Januar dieses Jahres bereits sein Krimi »Leopard« erschienen ist. Ein bisschen wunderte ich mich über die Schnelligkeit aber als es dann weiter hieß, damit schicke Nesbø einen neuen Protagonisten ins Rennen, verstummten meine inneren Befürchtungen, dass er seiner Serie um Harry Hole vielleicht einen eher mittelmäßigen weiteren Band hinzufügen würde. Ich ließ mich also unvoreingenommen auf »Headhunter« ein.

In Headhunter erzählt Jo Nesbø von Roger Brown, der sich nach oben gearbeitet hat und heute in der Branche als der Top-Headhunter gilt. Renomee ist alles, das ist Roger Browns Devise und er tut alles, sein Renomee weiter auszubauen und zu festigen. Entsprechend ist sein Auftreten und wenn er sich einen potentiellen Kandidaten (Bewerber) vorknöpft, hat der wenig zu lachen und Brown seziert ihn geradezu mit FBI-Methoden und zwar gnadenlos.

Emotional scheint Roger Brown allerdings ziemlich minderbemittelt. Wenn er überhaupt zu etwas wie positiven Emotionen fähig ist, dann gegenüber seiner Frau Diana, die er zu lieben behauptet aber eher wie eine Trophäe oder einen Besitz ansieht. Diana wünscht sich nichts mehr als ein Kind von ihm, aber Roger will kein Kind, weil er einen zukünftigen Konkurrenten um Dianas Liebe sieht. Er »zwingt« sie zu einer Abtreibung. Als »Buße« schenkt er ihr ihre eigene Kunstgalerie in der sich die Reichen und Schönen samt der Künstler gerne ein Stelldichein geben. Ein tolles Haus und Auto etc. gehören natürlich für Roger auch dazu, um sein Renomee zu untermauern. Leider bringt ihn das alles finanziell in Schieflage. Da ist es gut, dass er über Kontakte verfügt, die es ihm ermöglichen in die Häuser reicher Kunden oder Bewerber einzusteigen und dort teuere Kunstwerke zu rauben, die er mit Hilfe eines Komplizen dann verkauft.

Eines Tages macht ihn seine Frau mit einem Mann bekannt, der im wie der Traumkandidat für einen Job erscheint, für den er auf der Suche nach einem passenden Bewerber ist. Es gelingt ihm den zunächst eher gleichgültigen Traumkandidaten Clas Greve für den Job zu interessieren. Im Laufe des Gesprächs erfährt er, dass Greve zufällig auf ein seit dem 2. Weltkrieg verschollenes Gemälde gestoßen ist. Bei Roger Brown klingeln alle Glocken und er beschließt, das Gemälde zu stehlen, denn wenn es ihm gelingt, dieses Gemälde zu verkaufen, würde ihn das bis ans Ende seiner Tage finanziell absichern.

Alles scheint zunächst gut zu gehen und in der Euphorie beschließt Brown, dass nun auch der Zeitpunkt gekommen ist, seiner Frau ihren Herzenswunsch nach einem Kind zu erfüllen. Noch am Tatort versucht er sie telefonisch zu erreichen und hört das Klingeln des Handys seiner Frau aus einem Nebenzimmer. Zu seinem Entsetzen findet er dort tatsächlich das Handy unter einem Bett und hat somit den unwiderbringlichen Beweis, dass sie ihn mit dem Traumkandidaten offenbar betrügt.

Roger Brown will nur noch Rache, doch er hat Clas Greve gründlich unterschätzt, denn der macht nun seinerseits Jagd auf Roger. Ein brutaler Kampf auf Leben und Tod entbrennt zwischen den beiden Männern und als Kollateralschaden gibt es eine Menge Tote. Eines ist klar, es kann nur einen Sieger geben bei diesem Kampf und natürlich will keiner der beiden Männer der Verlierer sein.

Klingt alles spannend, rasant und toll aber mich hat dieser Thriller nicht überzeugt. Mal ganz abgesehen davon, dass mir der Protagonist Roger Brown sowas von unsympathisch ist, dass ich bis zur letzten Seite auch nicht das kleinste Fünkchen Sympathie in mir hervorbringen konnte. Ja, Jo Nesbø weiß, wie man eine Geschichte spannend weiter vorantreibt aber diese Geschichte hat auf mich zu durchkonstruiert und kalt oder besser steril gewirkt. Als würde mir der Autor ständig zwischendrin zurufen: schau nur, wie geschickt ich es verstehe, diese Geschichte zu erzählen, wie gut ich diese Geschichte durchkalkuliert habe. Ja, die Geschichte ist (fast) perfekt aber mich hat sie nicht gepackt und sehr unzufrieden zurückgelassen. Gerade weil ich weiß, dass Jo Nesbø das viel viel viel besser kann bzw. gekonnt hätte. Eine Botschaft, die dieser Thriller beeinhaltet lautet obendrein Rücksichtslosigkeit zahlt sich aus und auch wenn das (leider) wahr ist, bin ich von der Art und Weise, wie mir diese unschöne Wahrheit präsentiert wird, abgestoßen.

Streckenweise hatte ich das Gefühl, eigentlich ist das hier eine Art Drehbuch für einen Hollywood Action Thriller. Harte schnelle Schnitte, holzschnittartige Figuren, Action, Spannung - was will man mehr. Ja, ich will mehr, ich will auch etwas Seele - selbst in einem Krimi und der hier wirkt auf mich absolut seelenlos. Bei einer schnellen Recherche habe ich eben die Bestätigung im Internet bekommen: die Filmrechte sind bereits verkauft, die Arbeit am Drehbuch läuft schon.

Immer wieder habe ich mich gefragt, ob er vielleicht selber in finanziellen Nöten ist und es deshalb nötig hatte, diesen Thriller schnell zu schreiben und zu veröffentlichen. Nach der Lektüre habe ich dann entdeckt, dass das nicht der Fall ist. Im Gegenteil: Jo Nesbø will mit dem Geld sogar etwas Gutes tun. Sämtliche Einnahmen aus diesem Roman fließen in eine von Jo Nesbø gegründete Stiftung, die gegen Analphabetismus bei Kinder kämpft. Das ist natürlich überaus ehren- und lobenswert und man könnte sogar vermuten, dass es ein geschickter Schachzug ist, den Protagonisten im Headhunter-Milieu anzusiedeln. Die engen Verbindungen zum Top-Management, könnten zu vielen Lesern aus diesen Bereichen führen und da ist vielleicht der ein oder andere gerne bereit sich über die Stiftung informieren zu lassen und dafür zu spenden. Ich weiß es nicht und letztlich ist es auch egal.

Am Ende bleibt mir nur das Fazit zu ziehen, dass ein perfekter Thriller manchmal doch keine fünf Sterne wert ist. Ich habe mich während der Lektüre fortwährend geärgert über das, was mir hier serviert wurde, sei es noch so rasant erzählt und schlägt die Geschichte auch noch so überraschende Haken. Von mir gibt es daher nur zwei Sterne.

# ~ 2_Sterne ~ 3 Kommentare



02.08.2010

Katharina Raabe und Monika Sznajderman [Hrsg.]: Odessa Transfer *****

Buch-CoverAls ich das erste Mal las, dass Katharina Raabe und Monika Sznajderman nach ihrem grandiosen »Last & Lost: Ein Atlas des verschwindenden Europas« einen neuen Band diesmal zu den Anrainern des Schwarzen Meeres veröffentlichen würden, war ich hellauf erfreut. Das zu erwartende Buch wanderte sofort auf meine Weihnachtswunschliste und fand sich wie erhofft unter dem Weihnachtsbaum. Dass diverse vorher nicht abzusehende Faktoren dazu führen würden, dass ich erst jetzt dazu gekommen bin »Odessa Transfer: Nachrichten vom Schwarzen Meer« zu lesen, war dagegen eher frustrierend.

Ende Juli war es aber dann endlich soweit und in den vergangenen Tagen bin ich ganz in diesen Essays, literarischen Reiseberichten und Erzählungen versunken. Wieder ist es dem Herausgeber-Duo gelungen eine hochinteressante Mischung an Autoren für dieses Projekt zu gewinnen und interessierten Lesern eine auf- und anregende Lektüre zu verschaffen.

Dreizehn Autoren die dem Schwarzmeerraum auf unterschiedliche Weise verbunden sind, nehmen die Leser mit in die Geschichte und Vergangenheit dieses Raumes ebenso wie in das Hier und Heute und einige wagen gar den Blick in die Zukunft. Eigentlich wollten die Herausgeber, wie sie selbst sagten, ein Zukunftsbuch haben aber Zukunft ist ohne Vergangenheit eben nicht zu haben. So nähern sich mehrere der Autoren dem Hier und Jetzt bzw. der zu erwartenden Zukunft über die Mythen und die Vergangenheit, die überaus reich und vielschichtig sind. Mal sind es tatsächliche Orte, wie z.B. die Städte Batumi (Aka Morchiladze), Istanbul (Emine Sevgi Özdamar) oder Constanta (Mircea Cartarescu), mal sind es fiktive Orte, wie die »Insel der Glücklichen«, die von Sibylle Lewitscharoff entworfen wird.

Für die einen war das Schwarze Meer eine Art Abgrund, nicht zu überqueren oder zu bereisen, für die anderen Herausforderung und Abenteuer. Seine Landschaften und Städte für die einen Sehnsuchtsort und Paradies, für die anderen Verbannungsort mit dem dazugehörigen Leiden. Nicoleta Esinencu hat mit dem titelgebenden »Odessa Transfer: Von Chisinau zum Siebten Kilometer« einen Gedichtzyklus über die schwierige Identitätssuche der Republik Moldau hinzugefügt und der polnische Fotograf Andrzej Kramarz einen Foto-Essay, dessen Fotos die einzigartigen Stimmungen der Schwarzmeerküsten einfangen und zwischen den einzelnen Texten eingefügt sind.

Man kann allen an diesem Band Beteiligten nur höchstes Lob aussprechen. Neben den schon genannten sind dies noch Andrzej Stasiuk, Takis Theodoropoulos, Attila Bartis, Katja Lange-Müller, Karl-Markus Gauß, Serhij Zhadan, Katja Petrowskaja und der britische Historiker Neal Ascherson, der vor einigen Jahren mit seiner Kulturgeschichte »Schwarzes Meer« Furore machte. Zu danken hat man als Leser auch den vielen Übersetzern der Texte, ohne die wir diese literarischen Schätze nicht genießen könnten.

Abschließend hoffe ich, wie schon nach der Lektüre von »Last & Lost«, dass »Odessa Transfer« nicht das letzte Projekt der beiden Herausgeberinnen bleiben wird.

# ~ 5_Sterne ~ 2 Kommentare



30.07.2010

Was ist die Kunst des Übersetzens oder auch: Ehret die Übersetzer!

via Text & Blog

# ~ Sonstiges ~ kein Kommentar



28.07.2010

Edgar Rai: Nächsten Sommer ***

Buch-CoverEs passiert sehr sehr selten, dass ich ein Buch lese und dann auch hier bespreche, das mir vom Verlag selbst vorgeschlagen wurde. Doch in diesem Fall war es genauso. Ich erhielt eine freundliche E-Mail, mit einem Hinweis auf den Roman »Nächsten Sommer« von Edgar Rai mit der Anfrage, ob ich nicht Lust hätte, das Buch zu lesen und eine Rezension im Litblog zu schreiben. Auf der Verlagsseite gab es dann auch noch eine Leseprobe, so dass ich mir vorab einen kleinen Eindruck verschaffen konnte. Die Leseprobe und die Tatsache, dass gerade Sommer ist, gaben mir den letzten Anstoß. Kurz nach dem ich mein okay gegeben hatte, traf auch schon das Buch hier ein, zusammen mit einer handschriftlichen Notiz, in der mir viel Spaß bei der Lektüre gewünscht und um eine Rückmeldung nach der Lektüre gebeten wurde.

Nun aber genug der Vorgeschichte und endlich zum Roman, der eine klassische Roadmovie-Geschichte erzählt. Vier Freunde, als da sind Felix, Bernhard, Marc und Zoe, die schon alle mehr oder weniger von den Blessuren des Lebens gezeichnet sind. Felix, der ein Genie ist, Primzahlen liebt und mit seinem Vater über Kreuz ist. Der übergenaue Bernhard, dessen Mutter mit Alzheimer in einem Pflegeheim lebt und der mehr oder weniger offensichtlich in Zoe verknallt ist. Der gitarrespielende lockere Marc, der irgendwie aus der Hippie-Zeit übriggeblieben scheint und auf der Suche nach dem perfekten Song ist und schließlich Zoe, die Karriere als Anwältin macht und in ihren Boss Ludger verliebt ist, weil er der größte Fisch im Teich ist und die seit Jahren hofft, dass er Frau und Kinder verläßt, um mit ihr zusammen zu leben.

Das Leben nimmt seinen Lauf, es ist mal wieder Sommer und eines Tages, die Freunde wollen eigentlich nur zusammen ein Fußballspiel ansehen, als Felix erfährt, dass sein Onkel Hugo verstorben ist und ihm ein Haus am Meer in Südfrankreich vererbt hat. Aus einer Laune heraus beschließen die vier Freunde schließlich, sich in Marcs altem VW-Bus auf den Weg zu diesem Haus zu machen. Zoe sagt am nächsten Morgen kurzfristig den Trip ab, weil Ludger sie eingeladen hat, mit ihm auf einen Kongress nach Chicago zu kommen. Also machen sie die übrigen drei Freunde auf den Weg. Doch allzu lange bleiben sie nicht unter sich, denn sie gabeln unterwegs Lilith auf, die ihnen als erstes gleich mitteilt, dass sie eine Lesbe ist und das nicht nur so sagt, damit ihr die Jungs von der Wäsche bleiben.

Nachdem das geklärt ist, geht die Fahrt weiter. Es wird gelacht und gestritten, debattiert und über den Sinn und die Träume des Lebens philosophiert, es wird musiziert und gekifft. Zwischendurch stößt Zoe dann überraschend doch noch zu der Gruppe - mal wieder bitter enttäuscht von Ludger. Bernhard freut sich natürlich und wittert Morgenluft. Im maroden VW-Bus treffen unterschiedliche Charaktere und Lebensentwürfe aufeinander. Man reibt sich an einander und rauft sich wo nötig auch wieder zusammen.

In Frankreich geraten die Freunde in eine lebensbedrohende Situation aus der sie in letzter Sekunde gerettet werden und zwar von Jürgen, der schon vor Jahren in Frankreich in einem kleinen Ort hängengeblieben ist. Der wiederum ist mit Jeanne zusammen, die er aber am laufenden Band betrügt und auch sonst ziemlich mies behandelt, was natürlich vor allem Lilith erzürnt. Als Marc Jeanne zum ersten Mal sieht, trifft es ihn wie ein Blitzschlag. Sie ist die Frau, für die er sich grundlegend ändern würde. Doch was will Jeanne? Zunächst einmal verstärkt sie die Reisegruppe und fährt mit nach Südfrankreich.

Die Reise geht weiter und schließlich ist das Ziel erreicht, das Haus von Onkel Hugo wartet einladend auf Felix und die Freunde. Doch Überraschung! Felix Vater ist schon da und erhebt Anspruch auf das Haus. Felix muss eine Entscheidung treffen und er wird nicht der einzige bleiben, der sich entscheiden muss. Die Reise hat alle verändert bzw. ihnen klar gemacht, was sie wollen und was sie nicht wollen. Ob sie die Kraft haben werden die Konsequenzen zu ziehen und vor allem zu leben, bleibt teilweise offen. Sie verabreden, sich im »nächsten Sommer« wieder in Südfrankreich zu treffen und ob es dazu kommen wird oder diese unter den Freunden zum geflügelten Wort gewordene Phrase ihre bisher übliche Bedeutung beibehalten wird, wer weiß das schon?

Edgar Rai hat mit »Nächsten Sommer« einen angenehm zu lesenden Roman geschrieben, der mit seinen sympathischen Charakteren, Leichtigkeit und der rechten Prise Humor zu überzeugen weiß und eine wunderbare Sommerlektüre abgibt. Die Sehnsucht nach Sonne, Meer und den herrlichen Landschaften und dem köstlichen Essen Südfrankreichs packen einen als Leser, so dass man sich am liebsten gleich selber auf den Weg machen möchte oder sich auf dem Balkon, der Terrasse oder im heimischen Garten wenigstens dorthin träumt.

# ~ 3_Sterne ~ ein Kommentar



25.07.2010

Angel Wagenstein: Leb wohl, Shanghai ***

Buch-CoverIm vergangenen Jahr las ich den sehr guten und bewegenden Roman »Shanghai fern von wo« von Ursula Krechel, der erstmals in ausführlicher Weise das Thema der vor dem nationalsozialistischen Terror nach Shanghai geflüchteten Juden behandelte. Nun ist der Roman »Leb wohl, Shanghai« des Bulgaren Angel Wagenstein zu demselben Thema auf deutsch erschienen (Übersetzer ist Thomas Frahm) und ich habe seinen Roman quasi als Vertiefung und Ergänzung zum Thema ebenfalls gelesen. Auch Angel Wagenstein hat reale Schicksale Geflüchteter und anderer Beteiligter als Hintergrund für seinen Roman herangezogen und so einigen Menschen posthum eine Art literarisches Denkmal gesetzt.

Die Hauptprotagonisten in »Leb wohl, Shanghai« sind zum einen das Musikerehepaar Theodor (Jude) und Elisabeth Weisberg, zum anderen die junge jüdische Schauspielerin Hilde Braun. Anhand dieser Figuren erzählt Wagenstein davon, wie sich die Situation für die Juden in Deutschland und dann nach und nach auch in den von Deutschland überrannten Nachbarländern immer weiter verschlechtert. Auch Theodor Weisberg und seine Frau gehören zunächst zu den Juden, die sich einfach nicht vorstellen können, dass es wirklich so schlimm kommen wird. In letzter Sekunde gelingt es ihnen schließlich Deutschland zu verlassen, nachdem es Elisabeth gelungen ist, Theodor aus einem Konzentrationslager freizubekommen. Der einzige offene Hafen ist Shanghai und so verschlägt es das Ehepaar dorthin, wo sich schon eine beachtliche Exklave jüdischer Flüchtlinge und Emigranten gebildet hat.

Die lebenslustige Hilde Braun entstammt einer jüdischen Familie, die aber schon deutlich vor der Machtübernahme der Nazis ihren Namen geändert hat und zudem über ein sehr arisches Aussehen verfügt. Sie setzt sich zunächst nach Paris ab, wo sie sowohl den Bulgaren Vladek als auch den japanischen Arzt Dr. Hiroshi Okura kennenlernt, die beide zu einem späteren Zeitpunkt noch gewichtige Rollen in ihrem Leben spielen werden. Dank eines großzügigen Geschenks von Okura gelingt es auch Hilde sich nach Shanghai abzusetzen, wo sie aufgrund ihres arischen Aussehens sogar eine Stelle als Sekretärin beim deutschen Botschafter bekommt und von dort aus geheime Informationen an den Widerstand weiterleitet sowie den jüdischen Flüchtlingen, deren Situation sich auch in Shanghai immer mehr verschlechtert kleinere Hilfsdienste erweist.

Angel Wagensteins Roman ist dem von Ursuala Krechel nicht nur thematisch sondern auch in der Herangehensweise ähnlich, wobei bei Wagenstein ein deutlicher Schwerpunkt auch auf den geheimdienstlichen Machenschaften der verschiedenen beteiligten Nationen in Shanghai liegt. Mir persönlich hat Ursula Krechels Roman besser gefallen u.a. weil er noch vielschichtiger ist aber sowohl um einen ersten Einblick zum Thema zu erhalten, wie zur Abrundung des Themas ist Angel Wagensteins Roman lesenswert.

# ~ 3_Sterne ~ kein Kommentar



weiter