Archiv 2003
23.11.03 - 29.11.2003


29.11.03

208.0 Marianne Fredriksson: Noreas Geschichte  drei Sterne

Mit "Noreas Geschichte", dem letzten Band in der Trilogie "Kinder des Paradieses" bewegt sich Marianne Fredriksson nun jenseits dem, was biblische Texte aussagen. "Norea" ist in der Bibel gänzlich unbekannt. Dafür taucht sie in den sog. gnostischen Schrift auf und das sind auch die Quellen, die Fredriksson diesem Roman zugrunde gelegt hat. Aus diversen zusammengesuchten Stücken aus unterschiedlichen gnostischen Schriften hat sie die "Geschichte" der Norea zusammengesetzt. Was an diesem Band fasziniert ist dasselbe, wie in den beiden Vorgängern in der Trilogie: zum einen, der Entwurf einer Geschichte, wie es "gewesen sein könnte" nach dem "Rauswurf aus dem Paradies" mit den Menschen, wie sich diverse Fertigkeiten entwickelt und ausgebildet haben, zum anderen und das ist die tatsächliche Stärke dieser Trilogie, die Psychologie der einzelnen Figuren und vor allem die Frage wie geht der Mensch psychologisch gesehen mit seiner Schuld um und welche Auswirkungen hat das auf sein Leben, seine weitere Entwicklung. Das versteht Fredriksson meiner Meinung nach meisterhaft darzulegen.
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28.11.03

207.0 Marianne Fredriksson: Abels Bruder  drei Sterne

Die Bibel erzählt nicht mehr viel über Kain, nachdem er seinen Bruder Abel erschlagen hatte. Marianne Fredriksson nun spinnt die Geschichte weiter, so wie es vielleicht gewesen sein könnte. Auf dem dünnen Boden der dürren Informationen die die Bibel noch über Kain preisgibt, spinnt sie den Fortgang seines Lebens. Es ist schon spannend zu lesen, wie es gewesen sein könnte. Doch auch dieser zweite Roman in der Reihe "Kinder des Paradieses" wird getragen von den psychologischen Einblicken und Überlegungen, die Fredriksson aufgreift und mit einflicht. Es gehört schon viel Menschenkenntnis dazu, dies in der Weise zu tun, wie sie es hier tut. Dabei erhebt sie keinen Anspruch darauf, daß es "so war" sondern stellt gleichsam als Vorwort fest: "Dies ist der Bericht über einen Mörder. Im Laufe der Erzählung wird es viele - vollkommen unterschiedliche - Erklärungen dafür geben, wie er zu dem werden konnte, der er schließlich wurde. Sie alle sind wahr. Trotzdem können wir ihn nicht verstehen." Beeindruckend die Überlegungen, die sie anstellt über den Ursprung von Angst, Wut und Haß und deren Auswirkungen auf den Träger und die um ihn. Auf jeden Fall ein faszinierendes Gedankenspiel, manches auf diese Weise, einmal zu bedenken. Denn auch, wenn die Geschichte selbst sich kaum auf Fakten stützen kann und größtenteils erfunden ist, die Grundfragen, die sie aufwirft, sie bis heute dieselben geblieben.
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27.11.03

206.0 Marianne Fredriksson: Eva  drei Sterne

"Eva" ist der erste Band der Trilogie "Kinder des Paradieses" und ich war sehr gespannt, wie sich Marianne Fredriksson dieser Thematik bzw. der Figur der Eva nähern würde. Ich hatte ein wenig Mühe in das Buch und die Erzählweise, die sie dafür gewählt hat, hineinzufinden. Doch als ich hineingefunden hatte, fand ich es äußerst packend. Es gelingt Fredriksson, hervorragend eine erzählerische Atmosphäre zu schaffen, die dem Leser etwas von dem Geheimnis der Urzeit, der damaligen Welt, die ja für die Menschen neu und unbekannt war, vermittelt. Beeindruckend ebenfalls, daß es Marianne Fredriksson weniger um die Handlungen geht als vielmehr um die psychischen Reaktionen der einzelnen Figuren auf das, was geschehen ist und noch geschieht, auf das Verhältnis zwischen den Menschen, das Entdecken erster Konzepte von Schuld und Sühne, Vergebung und Liebe, der Zusammenhänge. Das gelingt ihr meisterhaft und hat für mich das Buch "gerettet". Wenn ich mit dem ersten Drittel nicht so meine Schwierigkeiten gehabt hätte - da erscheint mir manches doch arg mystisch und verwirrend, was aber vielleicht auch eine Art Kunstgriff sein könnte, um dem Leser das Gefühl der Unsicherheit, des "wie-blind-Umhertastens" zu vermitteln - hätte ich durchaus auch vier Sterne vergeben, ja, sollte der Beginn als Kunstgriff angelegt sein, dann wären vier Sterne fällig. Da ich das aber nicht weiß und nicht zu beurteilen vermag, von mir drei Sterne.
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26.11.03

205.0 Wolfram Fleischhauer: Drei Minuten mit der Wirklichkeit  vier Sterne

Nachdem mich vor kurzem Fleischhauers Roman Das Buch, in dem die Welt verschwand total begeistert hat, hab ich nun diesen Roman gelesen. Mit dem Hineinfinden in die Geschichte hatte ich diesmal zunächst etwas Schwierigkeiten, doch dann zog mich die Geschichte in ihren Bann und obwohl ich ein ganzes Stück vor dem Ende ahnte, worauf es hinauslaufen würde, ließ die Spannung keineswegs nach. Ganz nebenbei kann der Leser noch eine Menge interessanter Informationen über den Tango und seine Geschichte erfahren. Doch obwohl der Tango eine große Rolle im Buch spielt, ist er nicht wirklich das Thema, um das es geht, sondern Fleischhauer wendet sich einem dunklen Kapitel der Argentinischen Geschichte zu und versteht es ausgezeichnet, dem Leser die damalige Situation und die Situation vieler Argentiner noch heute nahezubringen.
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24.11.03

204.1 Marcel Möring: In Babylon  drei Sterne

Möring erzählt die Geschichte der jüdischen Familie Hollander über mehrere Generationen und Jahrhunderte hinweg, wobei allerdings das Hauptgewicht auf den jüngeren bzw. letzten Generationen liegt. Ein seltsames Buch, das den Leser immer weiter in diese Familiengeschichte, die ungewöhnlich erzählt wird, hineinzieht. Seltsame, ja außergewöhnliche Typen sind da versammelt und alles ist und bleibt im Fluß, bis hin zum etwas plötzlichen und nicht wirklich befriedigenden Ende. Der Roman ist voller Symbolik, Bilder, Ankedoten und Geschichten. Ein begabter Erzähler ist Möring auf jeden Fall, auch wenn der Roman hier und da für mein Empfinden seine Längen hat.
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204.0 In Babylon
"Schmerz", sagte Zeno, " ist, wie du weißt, die vernichtendste menschliche Gefühlsregung. Schmerz empfindet man nur, wenn es zu spät ist. Wenn sich etwas wiedergutmachen läßt, spricht man nicht von Schmerz. Vielleicht von Reue oder von Schuldgefühlen. Aber Schmerz, so wie ich ihn verstehe, ist Trauer über die Unumkehrbarkeit der Dinge."
Aus: Marcel Möring: In Babylon
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23.11.03

203.0 Friedrich Torberg: Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten &
Die Erben der Tante Jolesch
  drei Sterne

Weinen möchte man, wenn man diese beiden Bücher liest. Weinen um die Welt, die dort geschildert ist und die es heute so nicht mehr gibt. Und weinen um das, was wir uns selbst durch die furchtbaren Geschehnisse während der Hitlerzeit und die angestrebte Vernichtung der Juden, genommen haben. Aber die beiden Bücher von Friedrich Torberg sind trotzdem ein wahres Vergnügen zu lesen. Bonmot reiht sich an Bonmot, Anekdote an Anekdote, skurriler Charakter an skurrilen Charakter, oder kommt es uns Jetzigen nur so vor, weil es in unserer heutigen Zeit kaum noch echte Charaktere gibt und wir darum alles für skurril halten, was sich nicht in die Gleichmacherei und Oberflächlichkeit einfügt? Zwei Bücher, die eine vergangene Zeit und Welt heraufbeschwören, die eine Sehnsucht im Leser wecken nach dem, was einst war und ihn wünschen lassen, daß auch die Literatur, die aus jener untergegangenen Zeit stammt, eine Renaissance erleben möge, denn das war noch echte Literatur, im Gegensatz zu vielem, was heute dieses Etikett beansprucht.
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