Archiv 2003
12.10.03 - 18.10.2003


18.10.03

182.0 Jeffrey Eugenides: Middlesex  drei Sterne

Dieser Roman ist an vielen Stellen hochgelobt worden und so war ich natürlich gespannt darauf. Nun, nachdem ich ihn gelesen habe, bin ich mir nicht ganz sicher, was ich davon halte. Einerseits versteht Eugenides durchaus zu erzählen und das Schicksal der griechischen Einwandererfamilie über mehrere Generationen zu entfalten. Aber teilweise hat es doch seine Längen. Der dritte und besonders vierte Teil des Buches erschienen mir im Vergleich zu den ersten beiden deutlich nachzulassen. Die Geschichte von Callie oder Cal wurde für mein Empfinden im Vergleich zum Rest der Geschichte irgendwie zu schnell, zu einfach abgehandelt und auch aufgelöst, obwohl sich ja das Ganze um diese Person herum eigentlich abspielt und dreht. Sicher Eugenides greift ein Thema auf, das in der Literatur bisher noch nicht oder kaum thematisiert worden ist, aber das allein macht das Buch noch nicht zu einem herausragenden Buch. Mein persönliches Fazit: Ein Roman, den man lesen kann, der aber meiner Meinung nach teilweise doch überschätzt ist.
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17.10.03

Interview mit Wladimir Sorokin

SpO: Sie werden zitiert: "Die russische Literatur ist eine Kirche, und ich betrete diese Kirche mit einer Axt". Wer hat etwas davon, wenn Ikonen zu Bruch gehen?

WS: Ich komme nicht, um diese Kirche zu zerstören, sondern um sie zu säubern. Da hat sich viel Schrott angesammelt, alte Möbel. Vor dem Gebäude selbst habe ich viel Respekt, aber vom Mobiliar aus drei Jahrhunderten ist vieles verrottet. Da sind schon Maden drin, und es riecht muffig. Es wird zwar immer wieder geschrieben, ich sei ein Provokateur. Aber das bin ich nur in den Augen oberflächlicher Beobachter. Nur in Raskolnikows Händen ist die Axt ein Werkzeug der Aggression. Wenn sie dagegen ein Zimmermann in die Hand nimmt, dann hat das nichts mit Aggression zu tun, sondern mit Wiederaufbau.

Aus einem Interview von Spiegel-Online mit Wladimir Sorokin

Interessante Aussagen finde ich ... hat einen "messianischen" Anspruch oder Anklang irgendwie ... man denke an die "Tempelreinigung in Jerusalem" durch Jesus von Nazareth.
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15.10.03

181.0 Anne Holt: Das letzte Mahl  drei Sterne

Zunächst einmal ist mir nicht ganz klar, warum dieser Roman in der deutschen Übersetzung den Titel "Das letzte Mahl" trägt. Daß es sich beim dem Opfer um einen Promi-Koch handelt, rechtfertigt das meiner Meinung nach überhaupt nicht. Der Fall an sich, ist ziemlich verworren, nicht übermäßig spannend, Verdächtige gibt es zuhauf und des Rätsels Lösung - nämlich wer der Mörder ist - war zumindest mir ziemlich früh klar. Viel interessanter fand ich in diesem Roman, die Situation der Ermittler vor allem von Hanne Wilhelmsen, die mit dem Tod ihrer Lebensgefährtin fertig werden muß und damit, daß sie fast all ihre Freunde dabei verliert. Gleichzeitig aber auch die Situation von Billy T. einem ihrer Freunde, der für die Ermittlungen verantwortlich ist, sich aber aufgrund verschiedener Dinge, nur mit Mühe behaupten kann. Dieser Teil hat für mich eigentlich den Roman interessant gemacht. Der Fall selber, vor allem im Vergleich mit früheren Fällen, ist eher nicht so vom Hocker reißend.
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14.10.03

180.1 Andrej Kurkow: Pinguine frieren nicht  drei Sterne

Das erste Buch von Kurkow, das ich gelesen habe war "Picknick auf dem Eis" und ich war höchst angetan, besonders natürlich auch vom Pinguin Mischa. Als ich nun das Buch "Pinguine frieren nicht" entdeckte und dem Klappentext entnahm, daß es sich dabei um eine Fortsetzung der Geschichte von Picknick auf dem Eis handelt, hab ich natürlich gleich zugegriffen. Es war, als ob man alte liebgewonnene Freunde wiedertrifft. Interessant fand ich, daß Kurkow einen Teil der Geschichte im vom Krieg geplagten Tschetschenien stattfinden läßt. Für mich ist es auch ein Buch über Freundschaft und Treue. Ich bin froh, daß Kurkow diese Geschichte weitergeschrieben und zu einem versöhnlichen Ende gebracht hat.
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13.10.03

180.0 Pinguine frieren nicht
Das Fehlen von Chancen machte viel freier als eine Fülle davon

Jeder Mensch ist ein Narr, nur machen sich die einen gelegentlich aus Spaß zum Narren, die anderen i vollem Ernst und lebenslang
Aus: Andrej Kurkow: Pinguine frieren nicht
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12.10.03

179.1 Wladimir Kaminer: Mein deutsches Dschungelbuch  vier Sterne

Erstmals hörte ich den Namen Wladimir Kaminer im Zusammenhang mit seinem Buch "Russendisko", das in Deutschland Furore machte. Ich muß gestehen, ich habe es bis heute nicht gelesen - was sich aber höchstwahrscheinlich bald ändern wird. Nun fiel mir sein neues Buch "Mein deutsches Dschungelbuch" ins Auge. Dem Klappentext entnahm ich, daß sich darin Beobachtungen Kaminers aus der deutschen Provinz befinden. Nun, das klang in meinen Ohren interessant genug. Ein Russe, der sich in die deutsche Provinz verirrt und darüber schreibt, das könnte spannend sein. Also nahm ich das Buch mit und ich bin froh darüber. Ein tolles Buch, das dem Leser einen Blick auf Deutschland und seine Provinz eröffnet, den man so vermutlich noch nicht gelesen hat. Mit ungeheurer Neugier erkundet Kaminer diese deutsche Provinz und entdeckt, daß sich diese "Provinz" überall wieder anders darstellt. Die Menschen und Situationen, die Kaminer trifft bzw. erlebt, sind zum Teil von einer Skurilität, daß man kaum glauben mag, des es sich wirklich in Deutschland so verhält und zuträgt. Nebenbei lernt man noch das ein oder andere, z.B. was ein Halbrusse ist (nein, nicht was ihr denkt) oder wer Helene Demuth war oder was sich in hinter "Fabrik K 14" verbirgt. Mir hat der Ton und Witz, mit dem Kaminer erzählt in diesem Zusammenhang ungeheuer gut gefallen. "Mein deutsches Dschungelbuch" macht Lust auf mehr von Kaminer und auf die deutsche Provinz.
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179.0 Mein deutsches Dschungelbuch
Der Veranstaltungsort in Oberhausen, in dem ich abends lesen sollte, hieß laut meinem Reiseplan Fabrik K 14. Ich stellte mir dabei eine verlassene Fabrik vor, die von der Stadtverwaltung zu einem Freizeitzentrum umgebaut worden war. ...
Es handelte sich dabei um ein kleines Häuschen am Stadtrand. Die vermeintliche "Fabrik" erwies sich als der einzige noch real existierende Untergrund der alte Generation der 68er Bewegung im Ruhrgebiet. Rustikale Möbel aus den Siebzigern, gerahmte Zeitungsausschnitte an den Wänden und eine große Lenin-Büste im Saal sorgten für anhaltende revolutionäre Atmosphäre.
Zuerst dachte ich, hier würde gerade ein Film über die wilden Sechziger gedreht. Die Dekoration wirkte aber zu echt, und die Leute, die darin saßen, waren ganz sicher keine Schauspieler, sie waren ebenfalls echt. Die Veranstalter - Frau Daff, mit einer roten Schleife am Revers, und ihr Mann, der einen Hemmingway-Pullover trug - begrüßten uns freundlich und erzählten sogleich, daß der Klub 1969 gegründet worden war, als Verein zur Förderung der politischen Bildung. Wobei der Name K 14 eine Provokation gegen das 14., das politische Kommissariat der Polizei gewesen sei.
"Die Polizei war damals ständig hinter uns her, unsere Telefonate wurden angezapft, und draußen auf der Straße stand immer ein Minibus des 14. Kommissariats", erzählte Frau Daff.
"Die Schweine hatten damals sogar für alle, die die Frankfurter Rundschau abonniert hatten, eine spezielle Kartei angelegt", ergänzte ihr Mann. "Wir sind aber trotz alledem politisch aktiv geblieben!" ...
"Sie lesen übrigens im Helene-Demuth-Saal. Wissen Sie, wer das ist?, fragten sie mich.
Ich wußte von nichts.
"Helene Demuth war die Haushälterin von Karl Marx, die für ihn in London putzte und dann die Mutter des Marx-Sohnes Frederick wurde, der 1929 in London nachkommenslos starb. Zu Ehren dieser Frau werden in unserem Klub regelmäßig Skatrunden organisiert. Mit dem Gewinn wollen wir dieser Frau ein Denkmal setzten, die ihr Leben auf dem Altar des Marxismus geopfert hat."
Aus: Wladimir Kaminer: Mein deutsches Dschungelbuch
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