Archiv 2003
03.08.03 - 09.08.2003


6.8.03

153.0 Alice Sebold: In meinem Himmel  fünf Sterne

Alice Sebold hat mit "In meinem Himmel" einen verstörenden aber auch packenden Roman vorgelegt. Der Roman befaßt sich zum einen mit dem Thema des Kindesmißbrauchs und der Kindstötung durch einen Triebtäter, dann aber auch mit dem Thema, wie Angehörige und Freunde mit einem solcher Ereignis umgehen bzw. fertigwerden, bzw. nicht fertigwerden. Was diesen Roman von anderen dieser Art abhebt, ist, daß er durchgängig aus der Sicht des ermordeten Mädchens geschrieben wird, die quasi aus "ihrem Himmel" heraus, beobachtet, was sich nach ihrem Tod auf Erden abspielt. Der Stil, in dem dieser Roman geschrieben ist, ist schwer in Worte zu fassen - zumindest für mich - man muß ihn selbst gelesen haben, um zu verstehen, wieso einen dieser Roman nicht mehr losläßt, fängt man einmal an ihn zu lesen. Ich persönlich glaube, daß es Alice Sebold gelungen ist in diesem Roman vieles auszudrücken, was den Kern der beiden Thematiken trifft ohne dabei in ihrer Erzählweise melodramatisch oder unsachlich zu werden. Ich glaube, das Buch wird mich gedanklich noch eine Weile beschäftigen. Wer ähnliches erlebt hat, sollte sich gut überlegen, ob er schon so weit ist, sich diesem Buch auszusetzen, aber ich glaube durchaus, daß es auch Teile enthält, die auch in einem solchen Fall durchaus als hilfreich empfunden werden können, und sei es nur die (scheinbare?) Selbstverständlichkeit, mit der hier das Grauen beschrieben wird, das sonst in unserer Gesellschaft so gern totgeschwiegen wird.
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4.8.03

152.0 Henning Mankell: Die Rückkehr des Tanzlehrers  vier Sterne

Ich war gespannt: Ein Mankell ohne Kommissar Wallander dafür mit einem ganz neuen Ermittler, nämlich Stefan Lindmann. Der wird gleich zu Beginn mit der Diagnose Krebs konfrontiert. Bis zu Beginn der Chemotherapie bleibt noch etwas Zeit, in der er zwischen Selbstmitleid und Resignation schwankt, sich als ziemlich beziehungsunfähig zeigt und in eine Ermittlung flüchtet, die ihn eigentlich gar nichts angeht, weil sie in einem anderen Landesteil stattfindet. Der Grund, warum er sich dafür überhaupt interessiert, ist, daß es sich bei dem brutal Ermordeten um einen ehemaligen inzwischen pensionierten Kollegen handelt. Immer tiefer wird Lindmann in den Fall verwickelt und stößt vor in die Kreise ehemaliger Nazi-Anhänger in Schweden sowie in neo-nazistische Strömungen im Schweden von heute. Ein durchaus packender und spannender Krimi und auch die Figur des Stefan Lindman ist interessant, vielleicht gerade weil er ein ziemlich zerrissener Charakter ist. Trotzdem gibt es in der Geschichte unlogische Momente, die eher verwirren. Im direkten Vergleich mit dem gerade vorher gelesenen Rotkehlchen von Jo Nesbø (dessen Roman sich um die gleiche Thematik dreht) kann "Die Rückkehr des Tanzlehrers" meiner Meinung nach nicht mithalten und schneidet weniger gut ab.
Was mir allerdings zunehmend auffällt, ist, daß das Thema des Neo-Nazismus zunehmend ein Thema bei skandinavischen Autoren, speziell schwedischen Autoren (siehe auch Olov Svedelids Wiedergänger) wird und ich habe mich gefragt, ob es sich einfach nur um eine Art "Mode-Thema" handelt, das nun etliche Autoren aufgegriffen haben, oder ob dahinter ein viel ernster Hintergrund steckt, daß dieses Thema nämlich in Skandinavien, speziell aber in Schweden, zunehmend eine den Schriftstellern (und der Öffentlichkeit?) bewußter werdende gesellschaftliche Entwicklung bzw. Phänomen wird und daher zunehmend auch zum Thema in Romanen wird. Sollte letzteres der Fall sein, wäre das eine sehr bedenkliche Entwicklung und den Schriftstellern durchaus zu danken, daß sie dieses mit Sicherheit heiße Eisen anpacken und auf diese Weise der Gesellschaft auch bewußter machen.
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