Archiv 2003
18.05.03 - 24.05.2003


23.5.03

134.0 Monika Schwalb: Ich bring dich bis zur Tür

Mal wieder ein Buch, das ich nicht werten möchte. Einfach weil das Thema, um das es geht ein Thema ist, bei dem sich meiner Meinung nach das Werten verbietet. Es ist kein Roman, es ist kein Sachbuch, obwohl es "Sach-Informationen" enthält. Es ist ein Erfahrungsbericht. Darüber, wie es ist, wenn einem Menschen, einer Mutter, von heute auf morgen eine Diagnose gestellt wird (in diesem Fall ist es die Diagnose Glioblastom - der "Supergau" unter den Hirntumoren), die alles auf den Kopf stellt. Ihr eigenes Leben und das ihrer Familie. Geschrieben von einer Tochter, die plötzlich damit konfrontiert ist, daß die Mutter schwer erkrankt und das Leben begrenzt wird. Dabei gelingt der Autorin die ungeheuer schwierige Gratwanderung zwischen Leben und Tod, zwischen Hoffnung und Resignation, zwischen Kampf und Ruhephasen, zwischen Himmel und Hölle, zwischen Sachlichkeit und persönlicher Betroffenheit, zwischen Freude und Schmerz. Das allein ist eine Leistung. Hier und da sind kurze Rückblenden eingeschoben, die dem Leser zumindest eine Ahnung davon geben, was für ein Mensch, die Mutter vor der Erkrankung gewesen ist, was ihr wichtig war, was sie bewegt und motiviert hat. Genauso deutlich wird dann aber auch, was es für sie bedeutet haben muß, immer hilfloser zu werden, das, was ihr wichtig und lieb war, nicht mehr tun zu können. Und die Tochter? Mit großer Offenheit und Ehrlichkeit spricht sie in diesem Buch auch über ihre eigenen Gefühle, Hoffnungen, Emotionen und Ängste während dieser Zeit und über den Tod der Mutter hinaus. Wahrhaftig, ein Buch, das einem nachgeht, an vielen Stellen nachdenklich stimmt und einen wünschen läßt, sollte man je in eine solche Situation geraten, dann - so man Angehöriger ist, mit ebensolcher Bravour diese Aufgabe zu meistern oder so man Erkrankter mit einer solchen bzw. vergleichbaren Diagnose ist, das Glück erleben zu dürfen, eine solche Familie zu haben, die einen in einer solchen Situation nicht im Stich läßt sondern mit einem diesen Weg so geht und einen bis ans Ende trägt.
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22.5.03

133.0 Darja Donzowa: Ein Hauch von Winter  drei Sterne

Daß "Ein Hauch von Winter" in Rußland mit dem Russischen Publikumspreis ausgezeichnet worden ist, war mit ein Grund, warum der Roman von Darja Donzowa mein Interesse auf sich zog. Der Roman selber ist ein unglaublicher Strudel von Ereignissen, Figuren, russischem Alltag, Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, auf eine höchst vergnügliche Art und Weise geschrieben. Die Szenen aus der Familie von Dascha, der Heldin des Romans, erinnern zuweilen an Familienszenen, wie man sie aus Schilderungen Dostojewskis kennt. Dascha gerät zufällig in eine Kriminalgeschichte, in die offenbar auch ihr alter Freund Basil verwickelt zu sein scheint. Basil aber ist wie vom Erdboden verschluckt und Dascha macht sich auf ihn zu finden. Die Figuren, denen sie im Laufe ihrer detektivischen "Ermittlungen" begegnet sind alle nicht wirklich das, was sie vorgeben zu sein. Verwicklungen und Täuschungen, Improvisation und Geschäftstüchtigkeit, Kriminalität und Aufrichtigkeit, das alles und noch viel mehr begegnen dem Leser auf seiner Lesereise durch diesen Roman. Für mich absolut nachvollziehbar, daß dieser Roman beim russischen Publikum so gut angekommen ist und Darja Donzowa inzwischen in ganz Rußland eine große Fangemeinde hat. Schön, daß ihr Roman nun auch ins Deutsche übersetzt worden und damit auch uns zugänglich gemacht worden ist. Bleibt zu hoffen, daß noch weitere Übersetzungen folgen.
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18.5.03

132.0 Bodil Mårtensson: Die zärtliche Zeugin  drei Sterne

Mit "Die zärtliche Zeugin" hat Bodil Mårtensson ihren Debüt-Roman vorgelegt, der in Schweden mit Begeisterung aufgenommen worden ist. Die Zeitschrift "Expressen" zog sogar den Vergleich zum Autoren-Duo Sjöwall-Wahlöö. Zugegeben, die Geschichte verbindet Elemente, die dem Leser aus anderen Kriminalromanen bekannt sind mit eher ungewöhnlichen Elementen. Insofern hebt sich Mårtenssons Roman tatsächlich von den vielen Krimis ab. Die Figur des Kommissars Joakim Hill ist sympathisch. Fast bin ich versucht zu sagen, "natürlich" ist er auch mit dem entsprechenden Quentchen an privaten Problemen ausgestattet, da ja wohl bekanntlich Kommissare mit menschlichen Ecken, Kanten und Problemen bei der Leserschaft gut ankommen. Nur werden diese angedeuteten persönlichen Probleme dann nicht wirklich konsequent weitergeführt, so daß sie etwas in der Luft hängen bleiben. Störend empfand ich, daß man als Leser auf den ersten Seiten des Buches den Eindruck gewinnt es mit einem schon etwas älteren Kommissar zu tun zu haben, nur um dann erstaunt zu erfahren, daß er erst 28 Jahre alt ist. Da wirkt es dann auch irgendwie lächerlich, wenn auch später im Buch Formulierungen wie: "er fühlte sich plötzlich wieder jung" vorkommen. Ansonsten ein guter, solider Krimi - mehr aber auch nicht. Da es aber der Debüt-Roman von Mårtensson ist, besteht natürlich durchaus die Möglichkeit, daß sie die vorhandenen guten Ansätze noch ausbaut. Rätselhaft bleibt mir auch nach der Lektüre, wieso man der deutschen Ausgabe den Titel "Die zärtliche Zeugin" gegegeben hat. Die deutsche Übersetzung des schwedischen Originaltitels "En chans för mycket" (Eine Chance/Gelegenheit zuviel) wäre passender und sinnvoller gewesen.
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