Archiv 2003
20.04.03 - 26.04.2003


24.4.03

122.2 Meir Shalev: Ein Russischer Roman  fünf Sterne

Schon der erste Roman von Meir Shalev, den ich gelesen habe, Esaus Kuß hat mir sehr gut gefallen. Mit "Ein Russischer Roman" hat er einen weiteren Roman dieser Qualität geschrieben. Die Geschichte der Einwanderer der zweiten Alija, die Einwanderer aus Rußland und der Ukraine nach Israel spülte, breitet er in einem wahren Bilderrausch vor dem Leser aus. Es ist die Geschichte einer Familie, eines Dorfes voller Pioniere und derer Nachkommen. Geburten, Kindheiten, Hochzeiten, Todesfälle, eigenartige, ja manchmal fast skurrile Charaktere, Liebe und Haß, Treue und Betrug, alles was das Leben ausmacht, ist in diesen Roman gepackt. Dies aber mit einer Leichtigkeit und erzählerischen Meisterschaft, die einen als Leser packt und mitreißt. Einfache Handlungen, wie das Zubereiten einer Mahlzeit, werden durch diese Erzählkraft zu wahren Höhepunkten, man hört die Bienen summen, spürt die Sonne förmlich auf der Haut und lauscht den Gesängen der Pioniere oder dem Klang der Mandoline von Zirkin. Ein wunderbarer Roman!
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23.4.03

122.1 Ein russischer Roman
"Vor allem mußt du sie zum Lachen bringen; riet Lieberson seinem Sohn. "Frauen mögen es, wen man sie amüsiert. Dem können sie nicht widerstehen."
"Das Lachen", sagte Mandolina, "ist der Hörnerschall vor den Mauern von Jericho, die Zauberformel am Eingang der Schatzhöhle, die Tropfen des ersten Regens auf die ausgedörrten Schollen."
"Sehr gut", sagte Lieberson und starrte seinen Freund verblüfft an.
Aber seinerzeit war Daniel längst jeder Schalk vergangen. Den Humor hatte es unter den Elemente seiner Liebe als ersten erwischt.
"Blumen, Lieder, Musik", meinte Zirkin. "Genug, Zirkin", sagte Lieberson, indem er sich seinem Sohn zuwandte: "Was mag sie gern?" fragte er.
"Fleisch", antwortete Daniel verschämt.
Lieberson und Mandolina machten sich ans Kochen. Trotz der Knappheit, die damals im Dorf herrschte, schlich Daniel sich des Nachts mit zugedeckten Tabletts zum Mirkinschen Haus. Der Duft gerösteter Hühnchen, gebackener Kalbsrippen und saftiger Rinderbraten ließ den verärgerten, über die Verschwendung schimpfenden Nachbarn das Wasser im Mund zusammenlaufen und lockte Kazen und Schakale aus dem gesamten Emek an. Ester aß alles begierig auf, lachte, umarmte Daniel, ging aber nachts weiter mit Benjamin spazieren.
Aus: Meir Shalev: Ein russischer Roman
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122.0 Ein russischer Roman
"Keiner von ihnen wage es, seine Hand nach deiner Großmutter auszustrecken. Sie umwarben sie nur unaufhörlich mit unsinnigen und spaßigen Reden, brachten sie genug zum Lachen, so daß das süße Blut der drei sie gegen jede Malaria und Schwermut gefeit machte", erzählte mir Pines.
Sie schossen mit Steinschleudern wie die Hirtenjungen, sangen den Wasservögeln, die im Herbst von der Donmündung kamen, russische Lieder und wuschen sich nur alle zwei Wochen. Die ganze Nacht tanzten sie barfuß, und wenn das Tageslicht anbracht, durchstreiften sie das Land von einem Ende bis zum anderen.
Aus: Meir Shalev: Ein russischer Roman
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22.4.03

121.0 Shyam Selvadurai: Die Zimtgärten  vier Sterne

Zufällig fiel mir dieser Roman von Shyam Selvardurai in die Hände, und ich bin höchst angetan von diesem Buch. Über Sheyam Selvardurai hatte ich vorher noch nie etwas gehört, geschweige denn gelesen. Vor "Die Zimtgärten" hat er bereits seinen Roman "Funny Boy" veröffentlicht, für den er mehrere Preise erhielt. Faszinierend an seinem Roman "Die Zimtgärten" ist nicht nur die Schilderung Ceylons, des heutigen Sri Lanka, in den 20 Jahren, der Zeit des Kolonialismus und Aufbruchs in die Selbständigkeit, sondern des weiteren, daß er in die Familiengeschichte, die er erzählt, auch den Aufbruch der Frauenbewegung in dieser Region sowie den Konflikt zwischen Tradition, Sitte und Gehorsam gegenüber der Moderne und den veränderten Verhältnissen mit einbindet. Beeindruckend, wie er das durch die Schilderung und Lebensgeschichte von zwei seiner Romanfiguren umsetzt. Da ist die junge Annalukshmi, die sich nicht sicher ist, ob sie wirklich - wie es der Sitte entspräche - heiraten will/soll, um evtl. an der Seite eines Mannes, den sie gar nicht liebt ein Leben zu führen, das sie so gar nicht will, oder ob sie nicht doch lieber ihren Traum verwirklicht, als Lehrerin tätig zu sein. Zum anderen ist da ihr Cousins Balendran, der sich den Forderungen seines Vaters bis zur Selbstverleugnung unterworfen hat und nun feststellt, daß er zwar ein Leben im Luxus lebt, aber letztlich doch unglücklich ist. Ein großes Familienepos vor einem zugegeben exotischen und wohl so gut wie noch nie von einem einheimischen Autor beschriebenen Hintergrund. Mir hat der Roman sehr gut gefallen, und wenn es sich einrichten läßt, möchte ich "Funny Boy" ebenfalls noch lesen.
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