Archiv 2003
05.01.03 - 11.01.2003


11.1.03

97.3 Der bittere Weg  vier Sterne

Nachdem ich im vergangenen Jahr schon das Buch Tod in Persien von Annemarie Schwarzenbach gelesen habe, wollte ich nun den Bericht von Ella Maillart über ihre gemeinsame Reise nach Afghanistan kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges lesen (zumal gerade auch der Film "Die Reise nach Kafiristan" über diese Reise der beiden Frauen ins Kino gekommen ist). A. Schwarzenbachs Buch "Tod in Persien" hatte mich eigentümlich fasziniert und angesprochen aber auch unbefriedigt zurückgelassen. Mit Ella Maillarts Bericht ist es mir anders ergangen und er hat auch manches verständlicher gemacht, was ich in A. Schwarzenbachs Buch gelesen habe. "Der bittere Weg" ist eine Art Reisetagebuch, aber auch das Tagebuch einer Beziehung und Freundschaft zwischen sehr unterschiedlichen Frauen, die sich aber doch in sehr existentiellen Dingen wieder sehr ähnlich waren und ähnlich dachten bzw. von ähnlichen Fragen getrieben wurden.
Die Beschreibungen von der Reise und den Orten, die sie besuchten sind sehr detailreich und anschaulich und lassen das Bild des Orients, wie es ihn damals gerade noch gab vor dem Leser erstehen. Ich habe es als hilfreich empfunden, mich mit der geschichtlichen Entwicklung in den Regionen, die die beiden Frauen durchquerten einigermaßen vertraut zu sein auch mit den Namen der in den Regionen wichtigen Führer und Personen. Ansonsten können die vielen genannten Orte und Namen auf Leser sicherlich verwirrend wirken.
Was die Beschreibung der Beziehung zwischen Ella Maillart und Annemarie Schwarzenbach, die im Buch "Christina" genannt wird (warum wird im Nachwort erklärt) angeht, so ist sie schonungslos offen und ehrlich und verschweigt die Zuneigung aber auch die Spannungen zwischen beiden nicht. Man spürt Ella Maillart ab, wie sie darum gerungen hat, Annemarie Schwarzenbach und ihren Kampf zu verstehen und ihr zu helfen, sie aber auch zu achten, da wo sie ihren Weg gehen mußte und gegangen ist und auch den Schmerz, den sie über eigenes Versagen und den Verlust der Freundin empfunden hat.
Teilweise kann der Bericht durchaus auch als eine Art "historisches Zeugnis" betrachtet werden, z.B. wenn sie über das Tal von Bamian mit seinen Buddha-Statuen schreibt, das sie damals ebenfalls besucht haben. Diese Statuen sind von den Taliban vor kurzem gesprengt worden, obwohl sie zum Weltkulturerbe zählten. Wenn man Maillarts Zeilen dazu liest, so könnten diese gerade eben erst geschrieben worden sein.
[link]


97.2 Der bittere Weg
Vor einigen Jahren hatte die afghanische Regierung eine Briefmarke mit der Abbildung des Buddha von Bamian herausgegeben; sie wurde aber bald wieder zurückgezogen, da zu viele Menschen an einer bildlichen Wiedergabe menschlicher Formen Anstoß nahmen. Doch als ein Aufruf erlassen wurde, diesen selben Buddha zu erhalten, den so häufig fanatische Mohammedaner beschädigten, wurde mit Leichtigkeit ein Betrag von sechzigtausend Afghani gesammelt.
Aus: Ella Maillart: Der bittere Weg
[link]


97.1 Der bittere Weg
Er lachte uns zu, als wir langsamer fuhren und rief uns den üblichen Gruß Mandana bashi! zu, den wir mit Zenda bashi! erwiderten. In einem Land, in dem die Entfernungen so groß sind, könnte man keine besseren Worte wechseln als "Werde nicht müde!" und "Sei lebendig!".
Aus: Ella Maillart: Der bittere Weg
[link]

10.1.03

97.0 Der bittere Weg
Das Leben schleppte sich in einer Atmosphäre latenter Krisen hin. Ein Ausweg wäre vielleicht gewesen, über sich selbst zu lachen, aber diejenigen, die mit großer Intensität leben, sind mit dem Leben so stark beschäftigt, daß sie keine Muße für das Heilmittel des Humors besitzen.
"Man schüttet seine Krankheit in Bücher - wiederholt und stellt die Gefühle dar, um ihrer Herr zu werden."
D.H. Lawrence
Je eher wir über unsere Angst, unsere Feigheit, unsere Einbildung, unsere Geduld, unseren Mut und auch unsere Liebe zu einem begrenzten Ziel oder einem einzelnen Geschöpf hinausgelangen, desto eher werden wir unseren Grundton erreichen, unser Zentrum, diese stille Note, auf die die Vielfalt in Wirklichkeit hinweist, obwohl wir sie als ablenkend und isolierend betrachten.
"Man ist erst dann wirklich im Ausland, wenn man ohne besonderen Anlaß einen Umweg macht, nur um einen Landsmann zu treffen."
Annemarie Schwarzenbach
Alle Zitate aus: Ella Maillart: Der bittere Weg
[link]

9.1.03

96.0 Das Lied der alten Steine?  drei Sterne

Ein echter Unterhaltungsroman. Eine Mischung aus "Tod auf dem Nil", "Die Mumie", "Indianer Jones", etc., inklusive Liebesgeschichte und allem, was man sich klischeehaft so in und unter Ägypten vorstellt. Leicht und flüssig zu lesen, bunte Geschichte, keine große Anstrengung der Handlung zu folgen. Ein Buch für den Urlaub oder Strand oder gar die Reiselektüre auf einer Ägyptenreise... zumindest für Leute, die ihre Phantasie im Griff halten können. Wieso man als deutschen Titel "Das Lied der alten Steine" gewählt hat, ist mir schleierhaft, denn die tauchen nur einmal kurz gegen Ende des Buches auf und der englische Originaltitel "Whispers in the Sand" erscheint mir passender. Wie gesagt, ein Buch, das man lesen kann und das deswegen auch drei Sterne von mir bekommt. Wenn ich rein nach meinem eigenen Lesegeschmack gegangen wäre, wären es allerdings nur zwei Sterne geworden.
[link]

7.1.03

95.3 Ist das ein Mensch?

Schon lange wollte ich dieses Buch von Primo Levi lesen. Nach nur wenigen Seiten war mir klar, daß ich für dieses Buch keine "Sterne" vergeben werde. Ich kann es nicht in Kategorien wie 1, 2, 3, 4 oder 5 Sterne oder was auch immer einordnen. Das verbieten nir Respekt und Achtung vor demjenigen, der hier einen authentischen Bericht über eine grausame Zeit seines Lebens ablegt und das auf eine Art und Weise, die jeglichen weinerlichen Tons bar ist. Immer wieder beim Lesen habe ich mich gefragt, was es ihn gekostet haben muß, diesen Bericht so zu verfassen wie er ihn verfasst hat. So sachlich und nüchtern von Ereignissen zu erzählen, die einen Menschen emotional zutiefst betroffen und aufgewühlt haben müssen. Man merkt, hier geht es nicht um Rache, hier geht es nicht um eine Art "Opferrolle" die dargelegt wird. Hier porträtiert einer Menschen in einer absoluten Ausnahmesituation, hier versucht jemand vor diesem Hintergrund und Erleben zu begreifen, was den Menschen tatsächlich ausmacht und was ihn zu etwas macht, daß nichts menschenähnliches mehr hat, die Muster aufzuspüren nach denen Menschen andere Menschen soweit entmenschlichen und herabwürdigen, daß deren Beseitigung möglich wird. Wie gesagt, ich klassifiziere dieses Buch, das auch Schwächen hat, bewußt nicht, wie will ich einen solchen Bericht beurteilen, wie mir ein Urteil darüber erlauben? Lesenswert ist es auf jeden Fall.
[link]


95.2 Ist das ein Mensch?
Für lebende Menschen haben die Zeiteinheiten stets einen Wert, der um so größer ist je mehr innere Reserven derjenige besitzt, der sie durchläuft; für uns dagegen sinken Stunden, Tage, Monate trübe aus der Zukunft in die Vergangenheit hinab, viel zu langsam, eine häßliche, überflüssige Materie, der wir uns so schnell wie möglich zu entledigen suchen. Abgeschlossen ist die Zeit, da die Tage lebendig, kostbar und unwiederbringlich, einander jagten, und die Zukunft steht grau und massig vor uns wie ein unbezwingbares Hindernis.
Für uns ist die Geschichte stehengeblieben.
Primo Levi: Ist das ein Mensch?
[link]


95.1 Ist das ein Mensch?
Im Grunde haben wir alle eine gewisse Angst vor Veränderungen. "Ändert sich was, dann bestimmt zum Schlechten", lautete eine der Lagerweisheiten.
Primo Levi: Ist das ein Mensch?
[link]


95.0 Ist das ein Mensch?
Henris Theorie zufolge gibt es drei Methoden, der Vernichtung zu entgehen, die der Mensch anwenden und dabei des Namens Mensch würdig bleiben kann: organisieren, Mitleid erwecken und stehlen.
Aus: Primo Levi: Ist das ein Mensch?
[link]

6.1.03

94.0 Die Spur des Verräters  vier Sterne

Auch der dritte Band aus der Krimiserie um Sano Ichiro von Laura Joh Rowland hat mich nicht enttäuscht. Keinerlei "Abfall" gegenüber den ersten beiden Bänden zu bemerken. Diesmal ermittelt Ichiro in neuer Umgebung nämlich nicht in Edo sondern in Nagasaki, wo er in die komplizierten Verhältnisse zwischen Japanern und den "ausländischen Barbaren" gerät, als der Direktor der holländischen Ostindischen Kompanie ermordet aufgefunden wird. Ichiro wird gebeten die Ermittlungen zu übernehmen und bemerkt bald, daß er dadurch in eine lebensgefährliche Situation geraten ist, die ihn um Haaresbreite tatsächlich das Leben kostet. Auch dieser Band ist was die historischen Zusammenhänge angeht wieder hervorragend recherchiert und überaus spannend zu lesen.
[link]


93.0 Nero Corleone  drei Sterne

Öhm... ja, ich weiß, das ist schon wieder nicht die Besprechung vom Buch, das ich zur Zeit aktuell lese. "Nero Corleone" ist dazwischen gerutscht, weil wir das Buch von einer Arbeitskollegin der besten aller WG-Genossinnen ausgeliehen bekommen haben und es soll morgen zurückgegeben werden. Also mußte ich es doch vorziehen und "zwischenlesen". Bereut hab ich es jedenfalls nicht, denn 1. ist es ein "Katzen"buch (man schließe daraus bitte nicht, daß ich alle Bücher, die mit Katzen zu tun haben zwanghaft lesen müßte oder selbstverständlich gut fände), 2. ist es von Elke Heidenreich (die eine Sprache spricht und schreibt, die mir gefällt) und 3. ist die Geschichte einfach klasse erzählt. Nero Corleone, der (natürlich) in Italien geboren wird, dann nach Deutschland "auswandert" um schließlich im Alter in die alte Heimat zurückzukehren. Beim Lesen beschlich mich dann und wann ein leises Mißtrauen mit dem ich jetzt meine Jungs hier beäuge... ich frage mich jetzt, was die so denken und sagen über mich. *g*
Ein richtig nettes Buch für zwischendurch oder zum Verschenken an Katzenliebhaber und solche, die es werden wollen oder auch nicht.
[link]

5.1.03

92.0 Weihnachtsgeschichten aus Skandinavien  drei Sterne

Nachreichen will ich auch noch das Fazit zu diesem Buch, das wir im vergangenen Jahr (2002) als Lektüre für die Adventszeit gewählt haben. Fast jeden Tag gab es eine der Geschichten, die von diversen skandinavischen modernen Autoren, wie z.B. Unni Lindell, Aino Trosell, Åke Edwardsson, Henning Mankell, Håkan Nesser, Lisa Marklund, Arto Paasilinna u.a., verfaßt wurden. Längere Geschichten wurden auch schon mal auf zwei Tage verteilt, so daß die 17 Erzählungen des Buches gut für die 24 Tage ausreichte. Wer nun meint, hier werden heimelige Weihnachtsgeschichten erzählt, während man schön behaglich im Warmen sitzt und draußen der Schnee fällt, der wird überrascht, denn die Erzählungen zeichnen alles andere als eine heile, kuschelige Welt. In scheinbare Idyllen bricht das Dunkle, die Gefahr, das Verbrechen ein und das mitten in die doch so harmonisch gewünschte Advents- und Weihnachtszeit. Das war auch für uns etwas gewöhnungsbedürftig. Trotzdem interessant, was die Autoren aus den Vorgaben gemacht haben. Mein persönlicher Favorit ist die gemeinsam von Henning Mankell und Håkan Nesser verfaßte Erzählung "Eine unwahrscheinliche Begegnung". Eine interessante Idee, die die beiden da gehabt und in einen Erzählung umgesetzt haben. Andere Geschichten waren mir manchmal dann für diese Jahreszeit doch zu düster, andere waren einfach zu kurz oder endeten so unvermittelt, daß wir nicht so recht wußten, was wir davon halten sollten. Aber das Gleichgewicht zwischen Erzählungen, die gefielen und solchen die weniger gefielen, war für unseren Geschmack ausgewogen und daher drei Sterne.
[link]