Archiv 2002
29.12.02 - 04.01.2003


4.1.03

91.2 Sterne, Äpfel und rundes Glas  vier Sterne

Auf dieses Buch wurde ich zufällig aufmerksam und habe es "zwischengeschoben". Den Roman von Laura Joh Rowland lese ich nun im Anschluß weiter.
Autobiographischen Bücher, geschrieben von "Betroffenen", stehe ich immer etwas gespalten gegenüber. Nicht so sehr, weil ich den "Betroffenen" und Autoren mißtrauen würde (zumindest nicht prinzipiell), sondern eher, weil solche Bücher gerne von Nichtbetroffenen hergenommen werden, um sich "ein Bild zu machen" oder "ein Urteil zu bilden" und so manchmal eher schaden als helfen können. Solche Bücher scheinen die nichtbetroffenen Leser leicht dazu zu verleiten, zu vergessen, daß es zwar immer ein Grundgerüst an Ähnlichem oder sogar Deckungsgleichem gibt, aber eben doch jeder Mensch wieder einzigartig ist und mit ihm auch die Ausprägung einer Erkrankung oder eines Problems und seine Erfahrungen damit. Andererseits, wie sollen Nichtbetroffene sich über ein bestimmtes Thema oder Problem umfassend informieren können, wenn sich die Betroffenen selbst nicht dazu zu Wort melden?
So ist es uneingeschränkt begrüßenswert, daß Susanne Schäfer, hier ihre Geschichte erzählt. Das Buch hat mich sehr berührt. Zum einen, weil Susanne Schäfer nur ein Jahr jünger ist als ich, zum anderen der Thematik wegen. Susanne Schäfer ist ein Mensch mit Autismus, hat diese Diagnose aber erst im Alter von 25 Jahren erfahren. Bis dahin hat sie sich mühselig durch das Leben geschlagen, in einer Welt, die ihr fremd war, so fremd, daß sie sogar mutmaßte, gar nicht von dieser Welt zu sein, mit Menschen, die sie nicht verstand und die sie nicht verstanden. In schnörkelloser Sprache mit einem humorvollen Unterton, erzählt sie über ihre Erlebnisse, ihr Anderssein, ihre Unfähigkeit "sozial zu sein" und ihren Kampf "so wie alle zu sein". Für Nichtbetroffene, bzw. Familienangehörige und Freunde Betroffener ein empfehlenswertes Buch, weil es ihnen unter Umständen doch das ein oder andere "Aha-Erlebnis" bescheren könnte und zumindest etwas verdeutlich, womit sich Menschen mit Autismus herumschlagen und wie sie "ticken". Auch für Betroffene, ein empfehlenswertes Buch. Zum einen, weil es - anders als die meisten deutschsprachigen Bücher zum Thema - nicht um Kinder mit Autismus geht, sondern um eine erwachsene Person und zudem eine, die an "high functioning autism" leidet. Zum anderen weil es, denke ich, Betroffenen einfach gut tut, zu sehen, es gibt noch andere, denen es genauso oder ähnlich geht.
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91.1 Sterne, Äpfel und rundes Glas

Selbst in den heutigen Tagen sind die Probleme von gut funktionierenden Menschen mit Autismus und normaler Intelligenz (high-functioning autism und Asperger Syndrom) hier in Deutschland noch immer ziemlich unbekannt ... Man denkt wohl, daß die Kinder, die ja sprechen können und eine normale Schule besuchen, nicht so sehr Hilfe brauchen. Diese Kinder oder Erwachsenen bedürfen aber auch sehr dringend der Hilfe ihrer Mitmenschen. Sie sind sogar mehr auf das Verständnis ihrer Umgebung angewiesen als die Menschen, denen man ihre Behinderung ansieht (da geht man doch sowieso ganz anders mit um als mit "normalen" Menschen, die sich nur nicht "in der Norm" bewegen. Die sind dann einfach "blöd, doof, eigenartig, komisch").
Aus dem Nachwort der Mutter von Susanne Schäfer: Sterne, Äpfel und rundes Glas
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91.0 Sterne, Äpfel und rundes Glas

Oder manche Kollegen sagen: "Du machst nur so blöd, um uns zu veräppeln, du bist doch sonst so klug!"
In solchen Momenten denke ich dann, es wäre besser gewesen, wenn ich außerdem noch eine geistige Behinderung gehabt und niemals zu sprechen angefangen hätte.
Aus: Susanne Schäfer: Sterne, Äpfel und rundes Glas
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1.1.03

90.0 Auf fremdem Terrain  drei Sterne

Anastasija Kamenskaja arbeitet bei der Moskauer Kriminalpolizei und hat ernsthafte Rückenprobleme. Deswegen hat sie sich überreden lassen, eine Kur in einem Sanatorium in einer anderen Stadt anzutreten. Doch dann wird sie in dubiose Vorkommnisse verwickelt, die schließlich in einem Mord gipfeln. Fern von Moskau und eigentlich im Urlaub, versucht sie zunächst sich dem Geschehen zu entziehen, zumal ihr vollkommen klar ist, daß sie sich auf fremdem Terrain bewegt und von daher auch nicht über die evtl. vor Ort vorhandenen mafiaähnlichen Gruppierungen orientiert ist, denen sie auf keinen Fall in die Quere kommen möchte. Doch dann sieht es so aus, als ob gerade die sie engagieren wollen, um den Mord und die dubiosen Vorkommnisse aufzuklären. Anastasija begibt sich mit viel Scharfsinn, Beobachtungsgabe und Kombinationssinn an diese Aufgabe und deckt Unerwartetes auf.
Die Art und Weise, wie dieser Roman erzählt wird, läßt das ganze Geschehen eigentümlich langsam ablaufen, alles wirkt gemächlich und so kommt auch die z.T. brutale Handlung fast gedämpft beim Leser an. Nicht zuletzt liegt das wohl auch an der Figur der Anastasija, die ungeheuer sachlich und emotionslos, agiert und denkt, ja sich sogar selbst als "moralisches Monstrum" empfindet, weil sie meint, nicht emotional genug auf die Menschen und Geschehnisse um sie herum zu reagieren. Eindeutig ist die Verfasserin Russin und so auch ihre Art diese Geschichte zu erzählen, zumal die Situation dem modernen Russland wohl recht eng angelehnt ist, zumindest was die Verfilzung zwischen Mafia und politischen Verantwortlichen und der Mafia und dem alltäglichen Leben angeht. Vom Hocker gerissen hat mich dieser erste Band aus der Krimireihe um Anastasija Kamenskaja nicht, er ist aber auch nicht schlecht und ich würde mich glaube ich nicht sträuben, den zweiten Band in der Reihe zu lesen.
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