Archiv 2002
01.09.02 - 07.09.2002
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Kürzlich war ich mal wieder in Tübingen bei Osiander. Bücher über Bücher und natürlich auch schon die ersten Neuerscheinungen des Herbstes. Irgendwann dachte ich bei mir: "Wer um alles in der Welt, soll das alles eigentlich noch lesen?". Den deutschen Verlagen und dem deutschen Buchhandel geht es vergleichsweise sehr gut. Ich habe mich gefragt, ob das nicht für den Leser auf Dauer eher ein Nachteil ist. Nicht, daß es Verlagen und Buchhandel gut geht, aber wenn es ihnen zu gut geht. Ich hab mich gefragt, wie viele von den Büchern auch dann veröffentlicht worden wären, wenn die Verlage nur sehr wenig Geld und sagen wir mal auch Papier zur Verfügung hätten. Wenn sie sich jede Veröffentlichung genau überlegen müßten. Wieviele von den Büchern, die uns heute angepriesen werden, wären dann durch das Raster gefallen? Manchmal kommt es mir so vor, daß der Leser einer unglaublichen Flut an Büchern gegenüber steht und man gar nicht mehr in der Lage ist, die wirklich guten Bücher zu entdecken. Zwangsläufig müssen wirklich gute Bücher durch das Raster der Leser fallen, einfach weil man mit dieser Bücherflut nicht mehr mithalten kann. Und ich hab mich gefragt, welche der Autoren und Bücher wohl in 50 oder 100 Jahren noch als echte Literaten bzw. klassische Literatur gehandelt werden bzw. welche Autoren vielleicht erst dann "entdeckt" werden, weil sie vorher glatt in der Masse untergegangen sind.
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Esaus Kuß habe ich mit großen Vergnügen gelesen, denn Meir Shalev ist ein wahrer Erzähler, der einen ungeheuren Bilderbogen aufschlägt und so die Geschichte der Familie Levi erzählt. Dabei gelingt es ihm oft mit nur wenigen Worten oder Sätzen Beschreibungen zu liefern, die die Bilder vor dem inneren Auge des Lesers überaus bunt und lebhaft erstehen lassen. Der Roman ist außerdem mit Zitaten - bekannten und erfundenen - gespickt. Die Figuren sind skuril und liebenswert zugleicht, gerade weil sie so menschlich sind und beschrieben werden. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht Esaus, des Zwillings, der nach Amerika gegangen ist und nun heimkehrt, als sein Bruder Jakob ihn darum bittet, weil der nicht mehr fertig wird mit dem alternden Vater. Sehr gut gefallen hat mir auch, daß die Levis Bäcker sind und so das Bäckerhandwerk eine bedeutende Rolle spielt. Die Beschreibungen und eingestreuten "Weisheiten" dazu sind einfach schön. Hilfreich ist, daß es am Ende des Buches ein Verzeichnis der wichtigsten Personen im Buch sowie der hebräischen Begriffe gibt.
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Alle Patienten täten sich schwer, ihre Schmerzen in Worte zu fassen, erzählte er mir hinterher. Jeder Bericht beginne mit "wie" - "wie ein Messer, wie Feuer, wie eine Säge, wie schwarze Punkte im Fleisch". Er besitze eine interessante Sammlung solcher Vorstellungsbilder, die er sich von seinen Patienten notiert habe: "Wie eine Wolke im Bauch; drückt wie Zähne einer Bestie; wie Bömbchen im Kopf; wie schwarzer Qualm in der Leber; wie es bei der Liebe weh tut, aber im Fuß.
Schön nicht? Schön und unklar. Da haben Sie ein Absurdum, über das Sie mal nachdenken können, Herr Levi: Das Vorstellungsbild ist etwas derart Persönliches, daß man sicher ist, die ganze Welt müßte einen verstehen." ...
"Der Schmerz macht direkt Dichter aus ihnen", sagte der Arzt aufgeregt. "Für einen aufrechten Gang zum Lebensmittelladen, für eine Nacht Schlaf öffnen sie mir ihre geheimsten Schatzkammern. Die Schätze der Vorstellungsbilder."
Aus: Meir Shalev: Esaus Kuß