Archiv 2002
11.08.02 - 17.08.2002


17.8.02

45.2. Kitchen  drei Sterne

Nachdem ich Tsugumi von Banana Yoshimoto gelesen hatte, war klar, ich wollte weitere Romane von ihr lesen. Dies ist nun mit "Kitchen" der Fall gewesen.
Auch in Kitchen dreht sich die Thematik wieder um den Alltag der jungen Generation in Japan, diesmal jedoch mit dem eindeutigen Schwergewicht auf dem Thema Tod, Trauer und dem Umgang mit solchen Verlusten. Ein Thema, das mich aufgrund eigenem noch nicht so lang zurückliegendem Erleben sehr berührt und interessiert.
Das Buch selber besteht aus drei Teilen, wovon die ersten beiden eine zusammenhängende Geschichte erzählen, der dritte Teil eine in sich abgeschlossene Erzählung ist. Beeindruckend, wie Banana Yoshimoto diese Themen in ihren Erzählungen aufgreift. Authentisch, doch immer auch mit einem ganz eigenen Humor und Optimismus, der Botschaft: Auch nach einem solchen Erleben und Schicksalsschlag geht das Leben weiter und man kann gestärkt daraus hervorgehen. Verändert ja, aber auch gestärkt.
Gleichzeitig gelingt es ihr in ihren Erzählungen etwas vom Lebensgefühl der jungen japanischen Generation zu vermitteln. Und auch "Kitchen" enthält wieder Elemente, die fast bizarr, phantastisch, unwirklich erscheinen. Wendungen, die den Leser immer wieder überraschen. So, als sich herausstellt, daß die Mutter eines Komilitonen der Hauptfigur im ersten und zweiten Teil des Buches, tatsächlich früher einmal ein Mann war, der Vater des Komilitonen, sich dann aber umoperieren ließ und die Mutterrolle für den Halbwaisen übernahm. Auch das Thema der Liebe greift Yoshimoto natürlich auf, hier im Kontext von Tod und Verlust.
"Kitchen" und "Vollmond" (Kitchen 2) haben mir ausgesprochen gut gefallen. Die dritte Erzählung "Moonlight Shadow" wirkte auf mich im direkten Vergleich zu Kitchen bzw. Vollmond eher schwach.
Ausgesprochen hilfreich ist ein kleines Glossar am Ende des Buches, das japanische Begriffe die im Buch auftauchen kurz erklärt. Sehr interessant auch der Essay von Giorgio Amitrano ganz am Ende des Buches über das Phänomen "Banana Yoshimoto" und den sensationellen Erfolg ihrer Romane in Japan und darüber hinaus. Hätte "Moonlight Shadow" das Niveau von "Kitchen I&II" durchgehalten, hätte ich für dieses Buch vier Sterne vergeben. Ich freu mich jedenfalls jetzt schon darauf bald wieder einen Roman von Banana Yoshimoto zu lesen.
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16.8.02

Fernsehtip

Achtung John Irving-Fans!
Heute auf ARTE 23.05 Uhr: "Der erste Satz oder: Geht zum Teufel"
Doku-Porträt über den US-Schriftsteller John Irving.
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45.1. Kitchen

Seit der Nacht, in der Hitoshi starb, war mir als sei mein Herz in eine andere Welt geflohen, aus der es nicht mehr zurückfand. Es schien mir unmöglich, die Dinge mit den gleichen Augen zu sehen wie zuvor. Aufgewühlt und unfähig zu denken trieb ich ziellos, haltlos dahin. ...
Nichts fürchtete ich mehr als den Schlaf in der Nacht. Noch Schlimmer aber war der Schock, wenn ich am frühem Morgen die Augen aufschlug. Ich hatte Angst vor dem Moment, in dem ich in der Dunkelheit aufwachte und plötzlich wußte, wo ich war. All meine Träume hatten mit Hitoshi zu tun. Wenn ich aus meinem qualvollen, leichten Schlaf aufschreckte, in dem ich Hitoshi dauernd traf und wieder verlor, kam mir jedesmal zu Bewußtsein, daß alles nur ein Traum gewesen war, daß ich Hitoshi in Wirklichkeit nie wiedersehen würde. ... Es waren einsame Stunden, in denen ich keinen Schlaf mehr fand und die mich mit den nachhallenden Traumbildern quälten.
Aus: Banana Yoshimoto: Kitchen
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14.8.02

45.0. Kitchen

Der liebste Platz auf dieser Welt ist mir die Küche. Ganz gleich, was sonst geschieht - in einer Küche, an einem Ort, an dem man kochen kann, da geht's mir gut. Wenn diese Küche auch noch praktisch ist und alles darin seinen festen Platz hat, wenn überall saubere Tücher hängen und die weißen Fliesen funkeln und blitzen, dann ist's perfekt.
Doch auch für wahnsinnig schmuddelige Küchen kann ich mich begeistern.
Für Küchen etwa, deren Boden mit Gemüseresten übersät ist und so schmutzig, daß die Sohlen meiner Schlappen schwarz werden, und deren Boden eine Riesenfläche hat; so was finde ich toll. Vielleicht ragt darin ein riesiger Kühlschrank auf, vollgestopft mit Lebensmitteln, so vielen, daß man leicht über den ganzen Winter kommt. Vor dem stehe ich, gelehnt an seine metallene Tür. Wenn ich den Blick vom fettbespritzten Gasherd und den angerosteten Messern hebe, leuchten draußen vor dem Fenster einsam die Sterne. Übriggeblieben bin dann ich und die Küche. Ein tröstlicher Gedanke, wenn ich mir vorstelle, nur ich allein wäre noch da.
Manchmal wenn ich total am Ende bin, denke ich mir: Wenn ich einmal sterben muß, dann will ich meinen letzten Atemzug in einer Küche tun. Ganz gleich, ob ich allein bin und es kalt ist, ob jemand bei mir sitzt und es warm ist: Furchtlos will ich da den Dingen entgegensehen. Wenn es nur in einer Küche wäre, denke ich - wie schön!
Aus: Banana Yoshimoto: Kitchen
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13.8.02

44.0. Natashas Nase  drei Sterne

Mit Vorschußlorbeeren war der Roman von Elena Lappin schon reichlich versehen, bevor ich begann ihn zu lesen. Entsprechend gespannt und mit viel Vorfreude habe ich mich ihm zugewandt, gleichzeitig aber auch ein wenig die Luft angehalten, denn hochgesteckte Erwartungen können auch bitter enttäuscht werden. Aber nein, ich kann mich dem Lob dieses Romans nur anschließen. Der Erzählstil hat mir sehr gefallen, ironisch und humorvoll, dann wieder ernsthaft ohne aber zu düster zu werden, obwohl sich im Laufe des Romans wahrhaftig Abgründe auftun. Die Figuren sind pointiert porträtiert und liebevoll geschildert, wenn auch manchmal mit einer Prise Sarkasmus oder einem Augenzwinkern. Ich habe den Roman auch als spannend empfunden bis hin zum völlig unerwarteten Ende. Ohne Zweifel ein empfehlenswertes Buch.
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11.8.02

43.1. Phönix aus Asche  drei Sterne

Ich muß gestehen, Henning Boëtius "Phönix aus Asche" hat mich zu Beginn nicht so recht überzeugt. Doch je länger ich las, desto besser gefiel mir auch der Roman. Es geht um den Zeppelin "Hindenburg", der 1937 bei der Landung in Lakehurst in Flammen aufging. Von offizieller Seite wird das ganze als ein Unfall dargestellt, doch auch die Gerüchte darum, daß es sich um Sabotage gehandelt habe, verstummen nicht. Der schwedische Journalist Birger Lund überlebt die Katastrophe schwer durch Brandwunden entstellt und macht sich 10 Jahre nach der Katastrophe auf, um herauszufinden, was damals wirklich geschah, denn die offiziellen Verlautbarungen haben ihn nicht überzeugt. Was mich letztlich an dem Roman doch faszinierte, war eben alles rund um die Welt der Zeppeline. Mit viel Fachwissen weiß der Autor zu bestechen und man taucht ein in eine Welt, die den meisten Lesern bis dahin unbekannt sein dürfte. Ebenfalls interessant die Ausführungen im Roman zum "Verhältnis" der Führungsschicht im Dritten Reich zu den Zeppelinen und deren Pionieren und Erbauern. Die Geschichte rund um Birger Lund fand ich persönlich weniger interessant.

Und hier noch eine Webpage mit einer Menge Informationen über Zeppeline.
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