Archiv 2002
02.06.02 - 08.06.2002


8.6.02

35.2. Der große Weber von Kaschmir  drei Sterne

Erstaunlich! Wenn man bedenkt, daß Laxness diesen Roman im für einen Schriftsteller zarten Alter von 23 Jahren geschrieben hat, ist der Roman doch sehr beeindruckend. Laxness hat schon in seinem ersten Roman einen gewaltigen Bogen entworfen. Wuchtig kommt die Erzählung daher, er schreckt schon damals nicht vor Fragen zurück, die einen Menschen ein Leben lang beschäftigt halten können. Gibt es eine Wahrheit, die größer ist als der einzelne Mensch und die unter allen Umständen anzustreben ist? Laxness erzählt das Schicksal des Mädchens Dilja und des Mannes Stein Ellidi, einem hochbegabten Zweifler, der "Sinn" beim Katholizismus zu finden hofft. Dilja ist Stein schon von Kindheit an verfallen und fällt ihm und seiner Sinnsuche zuletzt zum Opfer. Ihr Leben zerrissen, weil sie sich nicht von Stein lösen kann, und er mit dem Eifer eines Sinnsuchers, der sich in Religion und Philosophie verstrickt, letztlich unfähig zum Leben und zu echter Zuwendung, schreitet letztlich an ihr vorüber, ja sieht in ihr nur ein Hindernis auf dem Weg zur Vollkommenheit. Laxness ist es gelungen, diese beiden Menschentypen lebendig werden zu lassen mit samt ihrer ihrer inneren Zerrissenheit. Allerdings zum Teil hab ich den Roman als etwas zu philosophisch empfunden - erst recht, wenn ich mir wieder vor Augen geführt habe, daß der Autor gerade mal 23 Jahre alt war bei der Veröffentlichung. Ich habe es jedenfalls nicht bereut auch diesen Roman des großen isländischen Schriftstellers noch gelesen zu haben.
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7.6.02

35.1. Der große Weber von Kaschmir

Ich stand draußen vor der Tür wie ein hellbrauner, streunender Hund, der unten am Strand irgendwelchen Unrat verschlungen hatte. Ich zerbrach mir den Kopf darüber, ob ich überhaupt irgendwo auf Gottes weiter Welt eine Zuflucht hätte und ob es wohl jemanden gäbe, bei dem ich mich in diesem Zustand sehen lassen könnte. Und es fiel mir kein einziger Mensch ein, nicht einer. Stell dir das vor Dilja. Es kommen Stunden, in denen der Mensch buchstäblich keinen Freund hat! Eine solche Angst kann dir das Herz zernagen, daß kein Trost auf der Welt sie zu beruhigen vermag, kein Lächeln sie mildern, keine Mutterträne sie abwaschen, kein Verlobtenherz sie mit Vergebung und Zuneigung besiegen kann. Wer sollte den Menschen retten können, der sich dem Teufel seiner Seele verschrieben hat? Die Zeit allein breitet das Vergessen über die Wunden. Die Ewigkeit erweist, ob sie heilen.
Aus: Halldór Laxness, Der große Weber von Kaschmir
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35.0. Der große Weber von Kaschmir

Ich habe schon so einiges von Halldór Laxness gelesen. Seine Romane lesen sich für mich nicht leicht. Sie sind irgendwie widerspenstig aber zugleich waren sie auch faszinierend. Vielleicht liegt es daran, daß Laxness Isländer und daher auch besonders von der rauen Natur und den Elementen die über diese Insel herrschen, geprägt ist. Und nun also "Der große Weber von Kaschmir". Der Erstlingsroman des jungen und noch unbekannten Laxness. Ich bin gespannt, ob deutlich wird, daß es ein Erstlingsroman ist, welche schriftstellerischen Charakteristika des späten Laxness dort schon zumindest andeutungsweise auftauchen, ob der Roman schon ahnen ließ, hier wächst ein großer Schriftsteller heran.
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5.6.02

34.0. Tsugumi  drei Sterne

Auf den bisher wohl erfolgreichsten Roman von Banana Yoshimoto "Tsugumi" war ich sehr gespannt. Ein Roman aus dem modernen Japan von einer Autorin, die dort zuhause ist, das versprach interessante Einblicke. Und so war es dann auch. Die Geschichte um drei Cousinen, die den Übergang ins Erwachsenenleben durchmachen, das Leben auf dem japanischen Land und in Tokio, die Freundschaft zwischen diesen dreien und dem jungen Kyoichi und dabei immer die Sorge um die gesundheitlich fragile Tsugumi, die doch mit einem Temperament ausgestattet ist, das sich immer wieder aufbäumt gegen die Schwäche des Körpers. Der Abschied von Kindheit und Jugend wunderbar erzählt mit der den japanischen Schriftstellern so oft eigenen poetischen Sprache. Ein anrührendes Buch, fremd und doch wieder so nah.
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2.6.02

33.1. Die Maske des Narren  fünf Sterne

Schon der erste Krimi mit den Kommissaren Kate Martinelli und Al Hawkin von Laurie R. King hat mir ja ausgezeichnet gefallen. Der zweite hier nun sogar noch mehr. Die Idee die hinter diesem zweiten Fall steckt, finde ich persönlich total faszinierend. Im Obdachlosen-Milieu gibt es einen unbekannten Toten. Bald gibt es auch einen Verdächtigen. Von allen als "Bruder Erasmus" bezeichnet. Eine Figur mit einer ungeheuren Ausstrahlung auf Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft. Auch Kate Martinelli kann sich dieser Ausstrahlung nicht entziehen. Der Clou dabei ist, daß Bruder Erasmus als "Narr" in der Tradition der sogenannten "Heiligen Narren" lebt. Wenn er spricht, dann nur in Zitaten und zwar aus Shakespeare, der Bibel und den alten Kirchenvätern. Das wiederum macht natürlich die Vernehmung mehr als nur schwierig. Kate Martinelli setzt sich in ihren Ermittlungen mit dem Aufkommen und der Geschichte der Narrenbewegung auseinander und versucht eine Beziehung zu Bruder Erasmus aufzunehmen, um ihn dazu zu bringen, ihr und ihrem Kollegen Al Hawkin bei den Ermittlungen zu helfen. Der Mensch Bruder Erasmus übt eine seltsame Faszination auf sie aus und sie versucht ebenfalls herauszufinden, wer er ist und wo er überhaupt herkam. Durch Zufall löst sich dieses Rätsel, was ihn aber nur noch verdächtiger macht. Ist er wirklich der Narr, der er vorgibt zu sein? Ist er gar ein Narr, der bei allem was er an närrischem tut und sagt, doch genau weiß, was er tut oder ist er ein Verrückter, der zum Mörder geworden ist? Ein klasse Buch, sehr angenehm zu lesen und Kate Martinelli ist mir nur noch sympathischer geworden.
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