Archiv 2002
28.04.02 - 04.05.2002


4.5.02

28.0. Die Farbe des Todes  vier Sterne

Jawoll! Ein klasse Krimi, den ich nur schwer aus der Hand legen konnte. Spannend geschrieben, die Handlung ist temporeich, die Figuren sehr interessant angelegt. Die Ermittler sehr menschlich und sympathisch. Drei kleine Mädchen verschwinden in relativ kurzen Zeitabständen und werden kurz darauf tot aufgefunden. In der Gegend bricht natürlich Panik aus. Alonzo Hawkin und Kate Martinelli ermitteln in einer seltsamen Siedlergemeinschaft, in der sich auch die Malerin Vaun Adams aufhält, die bereits einmal wegen Mordes an einem Mädchen im Gefängnis saß. Alles scheint klar, doch dann überschlagen sich die Ereignisse und die Ermittler müssen in einen alten Fall und die Vergangenheit eindringen, um dem Mörder auf die Spur zu kommen. Ich freue mich schon auf den nächsten Krimi von Laurie R. King, den ich mit Sicherheit bald lesen werde. :)
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1.5.02

27.6. Morituri  vier Sterne

Ein Krimi aus einer anderen, einer dem westlichen Leser unbekannten Welt. Aber so wunderbar erzählt in der bildhaften und poetischen Sprache der orientalischen Erzähler, daß man zumindest eine Ahnung bekommt, was diese fremde Welt angeht. Der Sumpf, in dem Algerien versunken ist, wird ausgebreitet, der Alltag, der einfachen Menschen und die Welt der Reichen, Skrupellosen, die sich auf Kosten anderer bereichern und dabei notfalls über Leichen gehen. Es ist ein trauriges Bild, das da vor dem Leser ausgebreitet wird aber auch ein Bild, durch das immer wieder die Liebe des Autors zu diesem so geschundenen Land, der geschundenen Stadt Algier durchschimmert. Klar wird, was für ein Drahtseilakt es in einer solchen Umgebung ist, den Verlockungen und Verführungen, der Angst und der Unmoral nicht nachzugeben, selbst um den Preis nicht, sein Leben gerade deswegen zu verlieren. Auch das Thema der bedrohten Künstler und Intellektuellen wird aufgegriffen. Der Leser lernt, daß man in Algerien selbst für arbeitslose Jugendliche, die auf den Straßen der algerischen Städte herumlungern einen umschreibenden Namen hat. Es sind die Hitiste, "die, die Mauer abstützen", weil sie überall an den Mauern angelehnt herumstehen und -lungern. Hilfreich zu wissen ist, daß es am Ende des Buches knappe zwei Seiten gibt, die zum einen die Bedeutung einer Namen im Buch aber auch einiger Begriffe erklären, die nicht als Allgemeinwissen vorausgesetzt werden können.
Nicht versäumen sollte man auch das Interview mit Mohammed Moulessehoul, dem Mann hinter dem Pseudonym Yasmina Khadra, ganz am Ende des Buches.
Für mich steht fest, es wird nicht das letzte Buch sein, daß ich von ihm lese.
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30.4.02

27.5. Morituri

Ich blicke auf Algier, und Algier blickt aufs Meer. Diese Stadt hat keine Gefühle mehr. Sie ist, soweit das Auge reicht, pure Ernüchterung. Ihre Symbole haben ausgedient. Ihre Geschichte beugt das Rückgrat, und ihre Denkmäler ducken sich unter dem Zwang zum Verzicht
Algier ist besessen von fixen Ideen. Seine Sänger sind verstummt. Wo immer die Muse sie küßt, erlebt sie, daß sie geknebelt wird. Erst wird ihnen die Flöte entrissen, dann die Feder geraubt, sie bleiben mit doppelt leeren Händen zurück und wissen nicht, wie den Puls der Erde fühlen, wie sie es einstmals taten, als wir alle Hexenmeister und Rutengänger waren.
Algier ist krank. Seine Träume abgetrieben wie mißgebildete Embryonen.
Algier ist ein Sterbehaus, Gott ein Tranquilizer, und keiner glaubt mehr, daß Glück eine Frage der inneren Einstellung ist.
Algier ist eine Wanderbühne, auf der nur Tragödien zur Aufführung kommen. Der heraufziehende Morgen wird zaghafte Geister so wenig verschonen wie Schakale einen angeschlagenen Artgenossen.
Aus : Yasmina Khadra, Morituri

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27.4. Morituri

Mit jeder neuen Erkenntnis beschleicht mich stärker dieses Gefühl, das dich lähmend bei der Gurgel packt, wenn du merkst, daß das Licht am Ende des Tunnels nichts anderes ist als der Widerschein der Hölle.
Aus : Yasmina Khadra, Morituri
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27.3. Morituri

In Algier gibt es Tage, an denen Himmel und Meer sich zusammentun, um ein Gefühl unglaublicher Fülle zu erzeugen. Alles ist blau bis in Neptuns Bett hinein, und die Sonne, dieser Schalk, bringt es fertig, im tiefsten Winter den Sommer wachzuküssen. Von allen Sonnen der Welt ist unsere die einzige, der dieses Kunststück gelinkt.
Alles wirkt unglaublich heiter. Man hört die Vögel zwitschern und die Blätter rauschen. Die Luft ist eine Hochzeitsgesellschaft aus lauen Winden und süßen Düften. Man möchte am liebsten einschlummern und niemals wieder aufwachen.
Es gibt keinen Zweifel: Das Paradies ist Gottes Schöpfung, die Hölle dagegen von Menschenhand.
Sie ist schön, unsere weiße Stadt, wenn die Luft so klar ist, daß man im Umkreis mehrerer Meilen eine Eiche vno einem Johannisbrotbaum unterscheiden kann. Gäbe es da nicht diese greulichen Attentate und die Scharen von Erleuchteten, die wie Motten die Straßen und Gehirne zerfressen, man würde Algier nicht gegen tausend Märchenstädte eintauschen.
Aus : Yasmina Khadra, Morituri
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29.4.02

27.2. Morituri

"Man kann doch nicht einfach zusehen, wie das ganze Land zum Teufel geht."
"Alles Biologie. Die Welt macht gerade die Wechseljahre durch. Wir treten in eine ekstatische Ära ein, das Jahrtausend der Gurus. Die Zivilisationen werden hinweggefegt, die Geschichte kehrt an den Nullpunkt zurück. Die Grenzen werden fallen, die Rassen werden verschwinden, auch die Grundwerte werden verlorengehen. Es wird keine Vaterländer und keine Nationalhymnen mehr geben, nur noch dunkle Bruderschaften und obskure Beschwörungsformeln. Die Erde wird von den eitrigen Fangarmen der Sekten überzogen werden, ihr Antlitz von Fakiren und selbsternannten Propheten entstellt, Anarchie zieht in die Häuser ein. Adieu ihr Monarchen, adieu ihr Präsidenten, adieu ihr Wahlen und Wahlgesetze. Die Menschen werden unter Marabou-Lehrlingen ihre Gottheiten wählen und sich in selbstmörderischer Begeisterung albernen Ritualen unterwerfen. Der Fundamentalismus ist schon dabei, aus dem Glauben einen Scharlatanskult zu machen. Die Weltreligionen werden untergehen im globalen Diabolisierungstaumel. Die Kirchen werden den Tempeln der Häretiker weichen. Die Moscheen werden es nicht mehr wagen, ihre Minarette vor der Loge der Mutanten in den Himmel zu recken ... Das dritte Jahrtausend wird das Jahrtausend der Mystik sein, Llob. Die Apokalypse wird als Gipfel der Verzückung gelten."
Ich schüttle völlig erschlagen den Kopf.
Aus : Yasmina Khadra, Morituri (Originalausgabe erschien 1999!)
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27.1. Morituri

Ich krame eine Akte hervor, die seit Urzeiten in den Tiefen der Schublade verschimmelt. Ein paar lose Blätter, das Photo eines Spitzbärtigen in afghanischer Soutane und eine Hexenjagd, die im schlimmsten Fall nie mehr aufhören wird.
Ich betrachte den Guru auf dem Photo: achtundzwanzig Jahre. Nie in der Schule gewesen. Immer arbeitslos. Messianische Reisen quer durch Asien, reißerische Predigten und ein unversöhnlicher Haß auf die ganze Welt. Und ausgerechnet der spielt sich als Weltverbesserer auf: vierunddreißig Morde, zwei Bände voller Fatwas, ein Harem in jedem Untergrundnest und jeder seiner Finger ein Zepter.
Wahrhaftig, es sind die Erleuchteten, die das Feuer der Hölle schüren. ...
Beim Pöbel gilt er trotzdem als Märtyrer. Seit der Terrorismus im Namen der Religion antritt, wissen die kleinen Leute nicht mehr wohin. Alles, was nach Fundamentalismus riecht, verunsichert sie. Wie seit jeher lassen sie die Tragödie über sich ergehen und halten sich nicht weiter damit auf. "Nach mir die Sintflut!" sagt schon das alte Sprichwort. Und keine Einsamkeit ist schlimmer als die Einsamkeit des Schiffbrüchigen.
Aus : Yasmina Khadra, Morituri (Originalausgabe erschien 1999!)
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27.0. Morituri

Auf diesen Krimi bin ich sehr gespannt. Der Autor schrieb jahrelang unter einem Pseudonym und war währendessen Angehöriger des algerischen Militärs. Ein Krimiautor aus der arabischen Welt, das weckte ebenfalls mein Interesse. Wie schreibt jemand aus einem völlig anderen Hintergrund so einen Krimi. Wie werden die Figuren entwickelt, etc. Weitere Informationen zu Yasmina Khadra gibt's noch hier.
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28.4.02

26.0. Picknick auf dem Eis  drei Sterne

Ich verschenke ungern Bücher, die ich zuvor nicht selber gelesen habe. Dieses Buch aber ist ein Buch, das ich verschenkt habe, ohne es vorher selbst gelesen zu haben. Ich hatte Gutes darüber gehört von Personen, denen ich einen "ähnlichen" Lesegeschmack zuschreibe wie mir selbst. Trotzdem war klar, ich würde es auf jeden Fall auch noch selber lesen wollen. Dafür gibt es noch einen weiteren Grund. Ich liebe die russischen Schriftsteller, wie Dostojewski, Puschkin, etc. und hier taucht plötzlich ein neuer "Russe" auf, der gut zu schreiben versteht (so hörte ich vorab). Also war ich natürlich sehr gespannt auf das Picknick auf dem Eis. Enttäuscht worden bin ich nicht. Das Buch gefällt mir gut und die Erzählweise, die Entwicklung der Geschichte erinnert hier und da wirklich an die alten russischen Schriftsteller. Die Geschichte selbst eröffnet einen Blick auf das heutige Russland und der Menschen, die dort leben, ihre Träume und Hoffnungen aber auch ihre Kämpfe und Nöte. Skurile Charaktere tauchen auf, im Hintergrund die Ahnung, daß die russische Mafia ihre Finger mit ihm Spiel hat und im Vordergrund die Geschichte von Viktor Solotarew, dem arbeitslosen Schriftsteller, ohne Erfolge und der mit dem Pinguin Mischa aus dem Zoo seine bescheidene Bleibe teilt. Dann wird ihm ein interessanter Job angeboten. Er soll für eine Zeitschrift Nekrologe (Nachrufe) auf Prominente (auf Vorrat) schreiben. Was zunächst wie ein idealer und dazu gut und regelmäßig bezahlter Job aussieht entwickelt sich nach und nach zu einem Albtraum für Viktor. Aber ihm begegnen auch Freundschaft und Liebe, wenn auch immer mit einer melancholischen Note. Die Figuren Viktor und Mischa, den Pinguin wird man so schnell nicht vergessen und ich denke, es wird nicht das letzte Buch sein, das ich von Andrej Kurkow gelesen habe.
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