Archiv 2002
10.02.02 - 16.02.2002
16.2.02
9.0. Der Trauermantel
Zu Weihnachten bekam ich "Pass auf, was du träumst", von derselben Autorin geschrieben, als Geschenk. Wieder eine skandinavische Krimiautorin - und dazu eine, die ich bis dahin noch nicht kannte. Ich fing an zu lesen und "wow". Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen und das blieb bis zum Ende so. Jetzt freu ich mich, einen weiteren Krimi von ihr zu lesen und Kommissar Cato Isaksen wiederzutreffen. D.h. ich hab ihn schon wiedergetroffen und bin mit ihm schon bis auf Seite 50 vorgedrungen, oder anders gesagt, wir sind schon heftigst am ermitteln. ;o)
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14.2.02
8.1. Die rote Antilope 
Was für ein Roman! Ich kannte Henning Mankell bisher nur als Krimiautoren und war daher gespannt auf einen Roman von ihm, der kein Krimi ist. Um so erstaunter war ich, über den Auftakt des Romans - nämlich die Entdeckung einer ermordeten jungen Frau. Fast sympatisch hat es auf mich gewirkt, daß Mankell doch nicht ganz vom "Krimi" lassen konnte.
Doch dann entwickelt Mankell eine unglaublich dichte Geschichte. Wer dieselbe oder eine ähnliche Spannung erwartet, wie in der Wallander-Reihe, wird enttäuscht. Denn diese Spannung gibt es nicht. Trotzdem packt einen dieses Buch.
Faszinierend, wie Mankell den Zusammenprall zweier völlig verschiedener Kulturen und Weltbilder beschreibt und darstellt. Man schwankt zwischen Abscheu und Mitleid mit Bengler und zwischen Mitleid mit Daniel, der eigentlich Molo heißt, und Erstaunen, wie er sich die ihm so fremde schwedische Welt aus seiner Kultur heraus erklärt.
Auffällig auch, daß es die ganz schlichten, einfachen Menschen sind, die mit Protest auf Benglers "gute Tat", den armen Neger nach Schweden mitgebracht zu haben reagieren und diese Entscheidung hinterfragen. Es sind diese Menschen die zumindest ansatzweise erahnen, was in Daniel vorgeht. Daniel träumt davon über das Wasser zu gehen und so nach Afrika - nach Hause - zurückzukehren. Als Metapher dafür steht die rote Antilope. Ursprünglich eine Felszeichnung, die Molos Vater einst in einen Fels geritzt und gemalt hat. So wie diese Antilope auf dem Sprung zu sein schien, ist auch Daniel ständig auf dem Sprung zurück in seine Heimat. Doch alle Versuche scheitern und während sich Bengler letztlich wieder nach Afrika flüchtet, läßt er Daniel in Schweden zurück, wo sich dieser im Grunde zu Tode nach Hause sehnt.
Erschütternd geschrieben auch die Ironie, daß der weiße Mann sich nach Afrika flüchtet, um seinem Leben einen Sinn zu geben, um sich stark und mächtig fühlen zu können und gleichzeitig ein afrikanisches Kind in das kalte Schweden bringt, damit es dort leben soll, was letzlich dessen Todesurteil ist.
Mir fehlen ein wenig die Worte, um wirklich in Worte fassen zu können, wie ich dieses Buch empfunden habe. Es ist kein Vergnügen, dieses Buch zu lesen, es bedrückt, es macht nachdenklich und doch, wer Afrika und die Folgen der Begegnung zwischen Weißen und Schwarzen in Afrika verstehen lernen will, weil sie das hier und heute in Afrika immer noch stark mitbestimmen, der sollte dieses Buch lesen. Mich hat Mankell allein mit diesem Buch auch als Autor jenseits von Krimis überzeugt.
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Sensoren
Ich stelle fest, daß Regina nachhaltigen Einfluß auf meine inneren Sensoren, die beim Lesen aktiviert werden, genommen hat. Ich habe nämlich festgestellt, daß ich ständig nach literarischen Daten in den Büchern, die ich gerade lese "scanne". ;o)
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13.2.02
Große Freude
Heute kam die Post-Karawane mal wieder in der Literatur Karawanserei vorbei und brachte Post von Amazon - ein Überraschungspäckchen. Inhalt: Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Wird also demnächst dann auch hier im Litblog auftauchen. Herzlichen Dank an Holger für diese tolle Überraschung. :)
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12.2.02
Lars Saabye Christensen gewinnt den
Nordic Council's Literature Prize
Dem norwegischen Schriftsteller Lars Saabye Christensen ist gestern für sein Buch "Halvbroren" ("The Half Brother" - liegt in deutsch noch nicht vor) der renomierte Nordic Council's Literature Prize zuerkannt worden. Der Roman "Halvbroren" erzählt die Geschichte der Osloer Familie Nilsen über mehrere Generationen hinweg. Lars Saabye Christensen hat fast 20 Jahre an diesem Roman geschrieben, der letztes Jahr in Norwegen erschienen und auf ein breites Echo gestoßen sowie bereits in acht weitere Sprachen übersetzt worden ist.
Lars Saabye Christensen gilt als einer der interessantesten Erzähler Norwegens, manche raunen er sei gegenwärtig der norwegische Erzähler schlechthin. Er ist bereits mehrfach mit Literaturpreisen für seine Romane und Erzählungen ausgezeichnet.
In Deutschland erschien zuletzt von ihm "Der falsche Tote" bei btb/Goldmann. Dieser Krimi erschien bereits unter dem Titel "Der Joker sticht". Bleibt zu hoffen, daß bald die deutsche Übersetzung von "Halvbroren" vorliegen wird.
Ein Interview mit Christensen gibt es hier.
Den Literaturpreis des Nordischen Rates wird Lars Saabye Christensen am 29. Oktober 2002 in Helsingfors in Empfang nehmen können.
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Kunstaktion Gedichtewald: "Momente der Zeit/Zeit der Momente"
Eine wie ich finde, interessante Aktion wird am 15. März 2002 in Frankfurt stattfinden. 88 Platanen der Frankfurter Zeil werden durch 10.000 Gedichte geschmückt. Die Themen der Gedichte (Philosophie, Lebensdickicht, Gesellschaft, Ungewißheit/Leere) werden im Geäst der Bäume zueinander in Beziehung stehen. Passanten werden angehalten, sich ein Gedicht vom Baum zu pflücken. Die Gedichte sollen behalten oder an Freunde verschenkt werden. Sie sind ein Moment der Zeit. Sie dienen als Anstoß, daß sich der Leser Zeit nimmt, um sich über Momente und Zeit nachzudenken. Klasse Idee finde ich. Die Webpage zur Aktion und weitere Infos gibt's hier.
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8.0. Die rote Antilope
Auf diesen Roman bin ich schon gespannt wie ein Flitzebogen, verknüpfte er doch Henning Mankell, Afrika und Schweden und wer mich kennt, weiß, daß ich für alle drei etwas übrig habe. ;o)
Und für die, die sich einen Mankell einfach nicht ohne einen Wallander vorstellen können, gibt's hier noch einen Link.
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11.2.02
Kommentar-Alternative
Nun gibt's hier noch eine Alternative beim "Kommentieren", sprich man muß nicht mehr ins Forum, wenn man mal fix einen Kommentar loswerden möchte. :) Den Hinweis auf YACCS verdanke ich übrigens Jenny. Danke! :)
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7.10. Leben wär' eine prima Alternative 
Ich bin froh, dieses Buch gelesen zu haben. Oft bin ich sehr berührt gewesen von dem unbedingten Willen, mit dem Maxie Wander eigenen Motiven, Ansichten, Einstellungen, Stärken und Schwächen nachspürt und die Wahrheit gesucht hat. Ein Mensch, der versucht, über den Horizont hinauszusehen, hinter die eigenen Fassaden und die Fassaden anderer zu blicken. Der Tod an sich spielt eher eine Rolle in Bezug auf den Tod ihrer Tochter, weniger im Bezug auf sie selbst, obwohl sie, bereits todkrank, diese Briefe und Tagebucheinträge geschrieben hat. Der Wille zum Leben war da, bis zum Ende hin. Keine Resignation, kein Aufgeben, sondern ein Auskosten des Lebens bis zum letztmöglichen Tropfen. Menschen, die so um Authentizität und Wahrheit bemüht sind, und die dabei nicht hochmütig oder verurteilend werden, wünscht man sich als Freunde. Einen solchen Menschen zu kennen und Freund nennen zu dürfen ist mit Sicherheit ein besonderes Geschenk des Lebens, wenn auch nicht einfach, aber vielleicht macht ja gerade das das Geschenk so kostbar. Ich werde das Buch mit Sicherheit noch öfter in die Hand nehmen und mich davon herausfordern lassen.
Mehr Informationen zu Maxie Wander
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7.9. Leben wär' eine prima Alternative
Weitere Zitate aus diesem Buch, die ich bemerkenswert fand oder die mich sicher noch eine Weile gedanklich beschäftigen werden:
| Ein Mensch hat immer nur so viel Ehrlichkeit in sich, als er sich leisten kann. Ehrlichkeit ist ungefähr der kostbarste Besitz auf Erden und nicht in Gold aufzuwiegen. |
| Jede Spielart von Verfeinerung macht mich mißtrauisch. Stößt mich ab, bleibt mir gleichgültig, es ist fast immer Tünche, Täuschung, Lebenslüge Stehenbleiben in Sackgassen, Narzißmus, Blindheit der Realität des Lebens gegenüber.
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| Und Du beklage Dich nicht, alles, was Du machst, oft widerwillig, ist Leben! |
| Und wenn Dich das Leben grausam packt, dann schimpf nicht, schreie nicht - halt's aus und warte geduldig, bis sich in Dir was Gutes rührt. Wie willst Du ein Mensch werden ohne Schmerzen? |
| Ist ein wenig Selbsttäuschung nicht lebensnotwendig? Und die damit verbundene Täuschung anderer. Darauf beruht doch unser menschliches Zusammenleben und die Welt! Können die Menschen mit "Wahrheiten" über sich selbst etwas anfangen? Wenn ich einen Menschen hätte, dem meine Selbsterkenntnis etwas nützt, der sie mir tragen hilft und sie nicht gegen mich verwendet, vielelicht würde ich mit meiner verflixten Situation etwas anfangen. Aber allein? |
Aber wir Kleinmütigen, ewig Unmündigen möchten das absolute Maß, eine Erklärung für alles, was uns umgibt, als könnten wir sonst nicht leben, nichts tun, nichts entscheiden. Wir wollen kein Risiko, wollen keine Fehler begehen, ... Nein, das Bedürfnis nach Sicherheit wirkt auf Dauer tödlich. Aber wir merken es nicht. Wissen es die Fische, wenn sie langsam sterben? "Man lernt nichts, ohne zu irren. Ich habe mein ganzes Leben lang nicht gefürchtet, mich zu irren", sagt Romain Rolland. "Ich bitte dich, mein Freund, sage mir deinen eigenen Irrtum und nicht die Wahrheit des Nachbarn. Dein Irrtum lehrt mich mehr über dich und die Wahrheit."
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10.2.02
7.8. Leben wär' eine prima Alternative
| Ich mag die vernünftigen Alten nicht, und am meisten erschreckt mich die sogenannte Vernunft bei den Jungen, sie ist nichts anderes als mangelnde Lebhaftigkeit und Phantasie, mangelnder Lebensmut.
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Das kann ich nachvollziehen. Vielleicht, weil mir selbst früh und gründlich "Vernunft" eingehämmert worden ist. Die Phantasie hab ich wenigstens einigermaßen aus diesen Jahren herüberretten können, aber die Lebhaftigkeit, der Lebensmut, da steht es fürchte ich nicht so gut mit. Aber der Hunger danach ist doch irgendwie da. Wenn ich mir die Menschen anschau, die mir bisher die Liebsten waren oder sind, dann sind es solche, die nicht in erster Linie von Vernunft bestimmt sind, die lebhaft sind und das Leben wagen. Vielleicht ist das auch was mir seit Ellies Tod besonders fehlt, weil sie so ein Mensch war, durch und durch. Naja, das ist kein Thema, um es jetzt hier zu vertiefen.
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7.7. Leben wär' eine prima Alternative
| Leute, die nicht mehr aufbegehren, resignieren, alles hinnehmen, das ist unser Untergang! |
Ich sag's ja: "Armes Deutschland"! Entweder die Leute - besonders aber die Jugend - begehren nicht mehr auf, weil sie viel zu sehr damit beschäftigt sind, nicht in Luxus und Wohlstand unterzugehen, oder sie haben resigniert, erwarten gar keine echte Veränderung mehr. Und wenn ich mir manches - gerade auch in der Politik - anschaue, dann ist es ihnen nicht mal zu verdenken. Was heißt ihnen, bei mir sieht's oft auch nicht besser aus. Deutschland oder besser die Deutschen leiden sowieso an der "Anpassungskrankheit". Bloß immer schön einfügen, bloß nicht auffallen, bloß nicht rebellieren. Manchmal frag ich mich, ob die Rebellion der sogenannten 68er nicht nur ein letztes Zucken war und jetzt kommt nur noch ein langsam hingezogener Untergang. Seh ich das zu düster? Ich fürchte nein, aber wenn doch, soll's mir nur recht sein.
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7.6. Leben wär' eine prima Alternative
| Menschen, die nicht mehr kämpfen, sind wie ein Zug auf dem Abstellgleis |
Tröstlich an dieser Metapher, daß man solche Züge auch wieder vom Abstellgleis herunterholen kann.
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