Archiv 2002
20.01.02 - 26.01.2002


26.1.02

4.3. Gottes Werk und Teufels Beitrag  vier Sterne

Eine Waise lernt, Dinge für sich zu behalten; eine Waise hält sich zurück. Was aus Waisen herauskommt, kommt allmählich aus ihnen heraus.
John Irving, Gottes Werk und Teufels Beitrag, Diogenes 2000

Wunderbar wie John Irving es versteht eine Geschichte zu erzählen. Auch "Gottes Werk und Teufels Beitrag" hat mir wieder sehr gut gefallen. Mir gefällt die Dichte in der Irving erzählt, wie er die Charaktere seiner Figuren darlegt, mit einer gewissen Leichtigkeit ohne dabei ihre Schwächen und Fehler zu verschweigen. Die aber enthüllt er nicht erbarmungslos sondern auf eine nachsichtige sanfte Art und Weise. Vielleicht sind seine Helden gerade darum Helden, weil sie Fehler und Schwächen haben und trotzdem versuchen, das Beste aus sich und ihren Lebensumständen zu machen. Irvings erzählerisches Einfühlungsvermögen ist grandios.
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25.1.02

Strauchelnd unter Sternen

Was wir bei Tschechow sehen,
ist das Straucheln des Menschen,
der strauchelt, weil er zu den Sternen aufblickt.
Vladimir Nabokov


Wow, dieses Zitat hat mich total angesprochen, oder sagen wir eher der Gedanke, daß ein Straucheln auch so zustandekommen kann. *s*
gefunden übrigens hier
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21.1.02

4.2. Gottes Werk und Teufels Beitrag

Die Winkles betätigten sich in der Branche der Gefühlsproduktion für Leute, die von eigenen, durch die eigenen Lebensumstände hervorgerufenen, Gefühlen so weit entfernt waren, daß nur noch das große (wenn auch nur simulierte) Abenteuer sie aus der Reserve locken konnte.
John Irving, Gottes Werk und Teufels Beitrag, Diogenes 2000

Man fragt sich, was mit den Lebensumständen unserer Gesellschaft heute nicht stimmt bzw. was die Gefühle so vieler Menschen so hat abstumpfen lassen, daß die "Branche der Gefühlsprodution" der "Events" und "Kicks" dermaßen explodiert ist, wie in den vergangenen Jahren.
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4.1. Gottes Werk und Teufels Beitrag  vier Sterne

Eine Waise ist einfach mehr Kind als andere Kinder, in ihrer grundsätzlichen Dankbarkeit für all die Dinge, die tagtäglich wiederkehren, wie nach Fahrplan. Auf alles, was zu bleiben, sich gleichzubleiben verspricht, fällt die Waise herein. ... "Hier in St. Cloud's", schrieb er in sein Tagebuch, "messen wir Sicherheit an der Zahl der gehaltenen Versprechen. Jedes Kind versteht ein Versprechen - falls es gehalten wird - und freut sich schon auf das nächste Versprechen. Bei Waisen baut man Sicherheit langsam, aber regelmäßig auf."
John Irving, Gottes Werk und Teufels Beitrag, Diogenes 2000

Sehr gut beobachtet, wobei dasselbe nicht nur auf Waisen zutrifft, sondern z.B. auch auf Kinder, die zur Adoption freigegeben sind oder Pflegekinder, die von einer Familie zur nächsten weitergeschoben werden. Und bleiben sie schließlich in einer Familie, erfüllen dort aber nicht die Erwartungen und erleben Mißhandlungen - egal ob nun körperlich oder seelisch - zeigt sich daselbe Phänomen. Und weil diese Kinder nichts mehr ersehnen als Verläßliches, als Sicherheit fallen sie immer und immer wieder auf alles herein, was das in Aussicht stellt. Dann gibt es nur zwei Möglichkeit: entweder, sie begreifen die große Täuschung und lassen alle Hoffnung auf Sicherheit für sich fahren und fallen eben nicht mehr herein, oder sie begreifen es nicht, bzw. schaffen nicht diese Sehnsucht in den Griff zu bekommen. Dann fallen sie immer wieder herein und nehmen immer weiter Schaden, bis sie entweder jegliche Selbstachtung verloren haben und sich in gewisser Weise prostitutieren um der Illusion der "Sicherheit" oder "Verläßlichkeit" willen oder sie zerbrechen an den Enttäuschungen. Manche still und leise, so daß es der Umgebung gar nicht auffällt. Andere mit deutlichen Zeichen oder sogar einem großen Knall. Aber dann ist es, wenn die Umgebung die Gefahr endlich erkennt, leider meistens auch zu spät, um noch etwas zu retten.
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Und noch eines

Auch Béla hat ein Lektüre-Tagebuch, ebenfalls seit Beginn dieses Jahres.
via Kladde
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20.1.02

Yasmina Khadra

Gestern in Metropolis auf ARTE ein langer Bericht samt Interview über Yasmina Khadra. Hinter dem Pseudonym Yasmina Khadra steht der 1956 geborene algerische Autor und ehemalige hohe Offizier der algerischen Armee, Mohammed Moulessoul, der seit vergangenem Jahr zusammen mit seiner Familie im französischen Exil lebt und sich nun als die Person hinter dem Pseudonym offenbart hat. Er gilt als eine der interessantesten Neuentdeckungen des vergangenen Jahres und zeichnet in seinen Romanen die aktuelle Situation in Algerien in beklemmender Weise nach. Bisher liegen in deutscher Sprache die Romane "Morituri" und "Doppelweiss" (beides Krimis, ersteres liegt bereits als Taschenbuch vor, das letztere wird wohl in Kürze in der Taschenbuchausgabe erscheinen) vor, sowie "Herbst der Chimären" (eigentlich ist auch dieser Roman ein "Krimi" aus der "Commissaire- Llob"-Reihe , der Schriftsteller wehrt sich aber gegen die Bezeichnung "Krimi" für dieses Buch. Offenbar fürchtet er auf die Schublade "Krimi" festgelegt zu werden).
Yasmina Khadra kommt dieses Jahr zu Lesungen nach Deutschland:
12.03.2002 - Kiel (20:00 Uhr, Literaturhaus)
13.03.2002 - Rostock (20:00 Uhr, Frz. Kulturinstitut)
14.03.2002 - Bremen (20:00 Uhr, Frz. Kulturinstitut)
15.03.2002 - Stuttgart (20:00 Uhr, Frz. Kulturinstitut)
18.03.2002 - München (20:00 Uhr, Literaturhaus)
19.03.2002 - Freiburg (20:00 Uhr, Frz. Kulturinstitut)
20.03.2002 - Düsseldorf (20:00 Uhr, Buchhandlung Rudolf Müller)
21.03.2002 - Dresden (20:00 Uhr, Frz. Kulturinstitut)

Hier noch weitere Informationen über Yasmina Khadra.
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4.0. Gottes Werk und Teufels Beitrag

Nach "Owen Meany" nun der zweite Irving-Roman, an den ich mich heranwage. "Das Hotel New Hampshire" stand auch noch zur "inneren" Debatte, aber ich hab mich dann doch lieber hierfür entschieden. Und wenn ich von diesem Buch ebenso angetan bin, wie von "Owen Meany", dann könnte es ja durchaus sein, daß ich in diesem Jahr auch noch einen dritten Irving-Roman lese. ;o)
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Hörbuch: Thomas Mann: "Die Buddenbrooks"

Ja, ich höre es immer noch, sind immerhin 7 CDs und da ich eigentlich fast nur spät Abends dazu komme, da weiterzuhören, hab ich das Vergnügen also noch. Klasse Aufnahme, je länger ich es höre, desto begeisterter bin ich und desto überzeugter, daß mich das Buch, hätte ich es "nur" gelesen sicher nicht so begeistert hätte, wie jetzt die Hörbuch-Version. Manche Redewendungen und Sätze werde ich wohl in bleibender Erinnerung behalten. *g* So z.B. Antonies 3-Worte-Beschreibung ihres ersten Gatten "So ein Filou!" Oder die Pensionsmutter, die "knallende Küsse" verteilt - zumeist an Antonie aber dann auch an den Stammhalter von Thomas Buddenbrook, um dann in ihrer eigentümlichen Aussprache zu sagen: "Werde glöcklich! Du gutes, gutes Kind!" "Glöcklich" ist übrigens kein Schreibfehler, sonder sie spricht es wirklich so aus. Und diese wenigen Worte sind (zumindest bisher) so ziemlich das einzige, was man aus dem Munde dieser Frau erfährt. Was mir sehr gut gefällt ist der feine Humor, mit dem Thomas Mann die Schwächen seiner Figuren aufdeckt. Gnadenlos, aber doch mit einem Augenzwinkern. Freue mich schon auf den Rest des Hörbuchs!
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